<<Zurück

 
 
 
 

Welche Welt tritt da zutage – zwischen Wahlmöglichkeiten und Festlegungen? (18)

Mit den Unterscheidungen, die uns Dirk Beacker anbietet, lässt sich der soziale Raum noch einmal neu vermessen. Und viele der Nöte, der Konflikte – manchmal auch Ausweglosigkeiten –, die wir in uns verspüren und die wir bei anderen beobachten, werden verständlicher. Dabei hilft mir eine Metapher, wie sie Dirk Baecker in den Raum stellt:

„Stellen Sie sich vor …] Sie seien der Schiedsrichter, ein Mitspieler oder auch der Trainer bei einem ungewöhnlichen Fußballspiel, in dem das Spielfeld rund ist, mehrere Tote ### zufällig über das Spielfeld verteilt sind, die Leute auf das Spielfeld kommen und es wieder verlassen, wie sie wollen, jeder jederzeit einen neuen Ball ins Spiel bringen kann und jederzeit eins oder auch mehrere Tore zu seinem Tor erklären kann, das Spielfeld insgesamt eine abfallende Fläche ist und das Spiel überdies auch noch so gespielt wird, als habe es Sinn. In dieser Situation, die die Wirklichkeit selber ist und die so wenig mit der klaren Sachordnung zu tun hat, von der wir träumen, hilft nur die lose Kopplung. Wer sich in dieser Situation fest koppeln lässt, das heißt, wer sich für Nähe oder Ferne entscheidet, so als gäbe es diese in der Form einer eindeutigen, sich wechselseitig ausschließenden Alternative, muss zwangsläufig verrückt werden. Wer in dieser Situation jedoch sagen kann, das ist ‚nahe genug‘, entscheidet sich für lose Kopplung, fängt an zu beobachten, verwechselt sich selbst nicht mit den Bedingungen, auf die er sich einlässt, und entdeckt auch bei den anderen Spielräume des Verhaltens, die das Chaos nicht etwa noch größer werden lassen, sondern es für einen Moment so zu ordnen erlauben, dass man Spaß daran bekommt, sich an dem Unsinn zu beteiligen.“

Mir ist das widerfahren. Ich werde weiter unten erzählen, wie ich beinahe verrückt geworden wäre. Zuvor möchte ich allerdings an Beispielen erläutern, warum uns die Unterscheidungen Dirk Baeckers tatsächlich helfen können, den Sinn im Unsinn oder den Unsinn im Sinn besser zu verstehen. Beginnen wir einmal mit der Unterscheidung von Symmetrie und Asymmetrie. Zu Beginn ist das ganz simpel: Zwischen Säugling und Mutter, zwischen Kleinkind und Mutter – zwischen Heranwachsenden und Eltern gibt es keine Symmetrie. Im Normalzuschnitt familiärer Triangulation gibt es nichts unerträglich Offenes. Es herrschen – wenn man Glück hat, im Modus liebevoller Zuwendung – die Regeln der Asymmetrie, die bestimmen, wer was darfworum es geht und wie lange es dauert. Auch in diesem Regelwerk gibt es selbstredend ein unendliches Maß an Variation.

Beginnen wir einmal mit der schlichten Erfahrungswelt eines Muttersöhnchens: Aus der Sicht eines Muttersöhnchens lässt sich summa summarum resümieren, das der Muttersohn den Schub zum Erwachsen-Sein erst mit dem Sterben der Mutter erfuhr (siehe das Schlusskapitel in Hildes Geschichte). Das dauerte in unserem Fall ein knappes halbes Jahr. Am 27. Juli 2003 – nach einem langen intensiven Abschied, den wir in allen Nuancen, wie einen Schierlingsbecher, bis auf den Boden ausgekostet bzw. ausgetrunken haben, entließ sie mich endgültig ins Leben. Sie gab mir ihre besten Seiten mit auf den Weg, und ich steckte den Schierlingsbecher weg. Alle Kraft und Energie – mit der sie weiß Gott im Übermaß gesegnet war – ging auf mich über. Für den Rest des Jahres (2003) war ich nicht von dieser Welt. Begonnen hatte all dies natürlich mit meiner ersehnten Geburt am 21. Februar 1952. Ich war der Augapfel meiner Eltern – bis Willi, mein Bruder, dazu kam. Von da an konnten die beiden auf beiden Augen sehen.

Mein Vater – dies habe ich schon mehrfach betont – war mit drei Augen gesegnet. Er hatte den Blick für seine Adoptivtochter und hütete sie (und ihren Sohn), bis er seine Augen endgültig schloss. Das war leider schon im April 1988 der Fall. Dass wir alles durften und nichts mussten, trifft die Wahrheit nicht ganz. Aber für alles, was wir anpackten, gab es den notwendigen Rückhalt. Unser Vater war weder zimperlich bei den Konsequenzen, die aus einem Fehlverhalten drohten noch bei unverhofften Solidaritätsbekundungen. Vor Gericht hat er einmal den Amtsrichter ermuntert, seinem jüngsten Sohn eine ordentliche Lektion zu erteilen, weil er – gemeinsam mit anderen – eine stämmige, gesunde Birke aus dem Neuenahrer Kurpark zwecks Verwendung als Mai-Baum (Ritual am 1. Mai im Rheinland, um das Herz der Erwählten aufzuschließen bzw. zu beglücken) gewildert hatte. Mir gegenüber hingegen ließ er absolute Milde walten, als ich ihm nachts – wenige Stunden vor Antritt einer Klassenfahrt nach Berlin – schuldbewusst den in einem Anfall akuter Liebesblödigkeit geschrotteten VW meiner Cousine (die in England weilte) vor die Türe stellte. Er drückte mir hundert  Mark in die Hand, wünschte mir augenzwinkernd viel Spaß in Berlin mit der Zusicherung, sich zu kümmern. Nachsicht und absoluter – ich möchte sagen bedingungsloser – Rückhalt zeichneten die Haltung beider Elternteile gleichermaßen aus.

Früh begleitete mich die Sorge um die Eltern. Schon in meinem achtzehnten Lebensjahr bangte ich um das Leben meiner Mutter. Nach der Entfernung der Gallenblase ergaben sich Komplikationen; eine Not-Operation wurde notwendig. Es entwickelte sich eine Krisis, die letztlich dazu führte, dass meine Mutter – seinerzeit noch die letzte Ölung (die Sterbesakramente) erhielt.. Meine Mutter erholte sich, um aber dann wenige Jahre später eine – vermutlich – wechseljahrbedingte Epilepsie auszubilden. Es dauerte recht lange, bis die unangenehmen, belastenden Anfälle durch eine zielführende Medikatierung minimiert werden konnten. Dafür kränkelte zunehmend unser Vater – wie weiter oben schon angedeutet – auch ausgelöst und begünstigt durch seine Kriegsversehrtheit. Theo Witsch, der Begründer des buena vista social club innerhalb eines Fußballvereins, musste seine Tätigkeit als Croupier im Spielcasino Bad Neuenahr aufgeben, arbeitete einige Jahre als Bühnenmeister im Kurtheater, bevor er Frühinvalide wurde. Die letzten Jahre widmete er sich seiner Familie und – wie gesagt – seinem heiß geliebten Fußballverein; er war Kärrner und Seele, Fan und Unterstützer in Personalunion.

Wem dies alles zu idyllisch, zu rosa-rot, zu inkonsistenzbereinigt vorkommt, dem sei versichert, dass die von Dirk Baecker angebotene Unterscheidung von Symmetrie und Asymmetrie vom ersten bis zum letzten Atemzug als Leitunterscheidung bestand hatte. Ich möchte es nicht Regeln nennen, sondern Habitus bzw. bindungsspezifischer genetischer Code, die in einem radikal asymmetrischen Beziehungsfeld gleichermaßen keinen Zweifel daran ließen, wer was durfte und die vor allem präzise die Informationen enthielten, worum es (eigentlich immer) geht und ging. Dass sie darüber entschieden hätten, wie lange es dauert, ist nur insofern richtig, als es so lange dauerte, wie es dauerte; nämlich ein endliches ganzes Leben lang! Die von Karl Otto Hondrich im sozialen Feld der Familie betonten Kategorien der Bindung, der Geborgenheit, der Entschiedenheit und der Zugehörigkeit sind von meinen Eltern erfunden und gelebt worden.

Verlässt man das familiale Umfeld und beobachtet sich mit Blick auf die ersten Liebesbeziehungen, so wird schnell deutlich, dass – wie Dirk Baecker – betont, der Reflexionsraum der Symmetrie irgendwann fragwürdig, gar unerträglich wird, selbst wenn man felsenfest davon überzeugt ist, nichts anderes anzustreben, als die wechselseitige Komplettberücksichtigung im Modus der Höchstrelevanz (Peter Fuchs); und zwar mit nur diesem, und nur diesem einen einzigen Menschen! Paradoxerweise ergibt sich aus der Ernüchterung für denjenigen, der aus diesem Sommernachtstraum irgendwann erwacht, eine radikale Umkehrung. Demjenigen, der an symmetrischer Kommunikation festhält, mit einer nun plötzlich aymmetrisch daherkommenden Haltung zu begegnen, gehört wohl zu den brutalsten Erfahrungen, die man im Liebesleben machen kann. Denn nun wird einseitig und neu definiert, wer was darf, worum es geht und wie lange es dauert. Ist es vorbei, oktroyiert der Erwachte nun für den anderen unverständlich und brutal, dass es vorbei ist. Und wenn es dann nicht nur Wochen und Monate dauert, sondern Jahrzehnte, bis sich die Enttäuschung und die Kränkung aufzulösen beginnt, taucht vielleicht am Horizont eine neue erlösende und auflösende Symmetrie auf. Mit Blick auf die Asymmetrie, die die wechselseitige Komplettberücksichtigung im Modus der Höchstrelevanz in Frage stellt und relativiert, weist Dirk Baecker darauf hin, dass sie eben die Grenzen einer Beziehung markiert, nämlich die Definition dessen, was zu erwarten ist, was sozial auszuhalten und zeitlich zu gewärtigen ist

 

Nähe – Abstand schafft Beziehung: Symmetrie und Asymmetrie in Beziehungen (17)

Lebt man weit über die Lebensmitte hinaus, dann weiß man, dass die Lebensweisheit: „Es ist selten zu früh, und niemals zu spät“ nicht wirklich überzeugt. Selbstverständlich kann man vieles im Leben versäumen, so dass man selber irgendwann an eine Grenze stößt, die man gemeinhin mit jenem point of no return bezeichnet, hinter dem das Niemandsland beginnt, hinter dem wir absinken in den unendlichen – jeder Chance eines Erinnerns – entzogenen Raum des ewigen Vergessens und des Vergessen-Seins. Vor diesem Abgrund schrecken viele Menschen zurück. Immer weniger Menschen finden Trost in den großen Erzählungen, die uns als Lebenden die Wurzeln unserer Identität suggerieren wollen. Vielfach ist die Rede vom Ende der großen Erzählungen. Aber was tritt dann an deren Stelle? Viele kleine Erzählungen? All diese Fragen entscheiden sich heute mehr denn je im Zuge der Regulation von Nähe und Abstand.

Der obige Hinweis auf heute alltägliche Konstellationen von Familiengeschichten hängt auch zusammen mit der Beobachtung, dass viele Menschen davor zurückschrecken, überhaupt einmal zurückzuschauen. Zu welchen Ergebnissen kommen wir, wenn wir über die wesentlichen Beziehungen, in denen wir leben und gelebt haben, nachdenken? Welche Welt tritt da zutage – zwischen Wahlmöglichkeiten und Festlegungen? Für uns Ältere erweist sich der Blick zurück häufig als erschreckend und schmerzhaft. Schauen wir beispielsweise in Familienalben, begegnen wir Bildern, die noch Unikate waren; konfrontieren wir uns doch mit einer Zeit, da Instagramm noch eine vollkommen willkürliche und sinnfreie Buchstabenfolge bedeutete. Wir treten ein in eine Zeit, in der es noch nicht möglich war, in Bilderfluten untergehen und unkenntlich zu werden. Unter dem Gesichtspunkt von Wahlmöglichkeiten und Festlegungen eröffnen uns die alten Alben mit ihren eingeklebten vergilbten und verblassten Schwarz-weiß-Fotos die verkrusteten, zementierten Beziehungsverhältnisse in unseren Herkunftsfamilien. Jedes erinnerungsträchtige Foto offenbart, wie es vermeintlich ein für allemal war in unserer Kindheit und in unseren Familien. Kaum jemand vermag hier Spielräume für Wahlmöglichkeiten entdecken, trotz der Verheißung, dass es nie zu spät sei für eine glückliche Kindheit!

Das ein oder andere Mal kommt es vor, dass gute Freunde mir Aufzeichnungen anvertrauen mit der Erwartung – gar dem Versprechen, sie diskret und vertraulich zu behandeln. Sie seien nicht für eine Öffentlichkeit gedacht; eine Öffentlichkeit, der sich viele Menschen andererseits aussetzen, indem sie posten und mit Blick auf das, was sie (auch) umtreibt, zu verbergen suchen, wer und was sie eigentlich sind. Freilich ist es auch mit der Eigentlichkeit nicht weit her. Gleichwohl sind aber bei vielen – zumindest meiner Generation – Reflexe noch aktiv, die ihnen suggerieren – trotz aller nach öffentlicher Wahrnehmung gierenden Selbstvergewisserung – das Eigentliche im Verborgenen zu belassen: Diskret ist, wer weiß, was er nicht bemerkt haben soll! (Peter Sloterdijk) Dieses Grundgesetz eines takt- und respektvollen Umgangs miteinander ist genauso ambivalent und fragil, wie die unausgesprochene Prämisse im Umgang miteinander, wir sollten tunlichst unsere Eigentlichkeit als unseren eigentlichen Identitätskern schützen und nicht ständig allerorten mit heruntergelassenen Hosen herumlaufen.

Wenn z.B. die Realsatire – wie sie Ingo Appelt Berti Hahn in seiner Gratulation zum 40jährigen Jubiläum des Café Hahn angedeihen lässt – zum unverblümten Exhibitionismus gerät, dann will man nichts mehr  verbergen. Selbst die Ungeniertheit, die aus einem ruinierten Ruf resultiert, ist dann keine sinnvolle Unterscheidung mehr. Man versteht, warum Face-Book und Instagramm tatsächlich den gläsernen Menschen in einer gläsernen Welt meinen. Die lapidarste Erklärung für einen Striptease der erwähnten Art ist rein pecuniärer Art – pecunia non olet! Ingo Appelt – dat Äppelche – macht dem Berti auch heute noch die Bude bis auf die letzte Kloschüssel voll, wenn nicht gerade corona der Corona im Wege steht. Insofern haben wir es bei Berti Hahn und Ingo Appelt mit einer sogenannten symmetrischen Beziehung auf Schwanz- bzw. auf Augenhöhe zu tun. Berti Hahn hat dies bestätigt, indem er die Jubiläums-Laudatio Ingo Appelts auf seiner Face-Book-Seite gepostet hat, wir mir erzählt worden ist.

Dirk Baecker (Nie wieder Vernunft, Heidelberg 2008, S. 627-633) hilft uns zum besseren Verständnis mit einer schlichten Unterscheidung von symmetrischen und asymmetrischen Beziehungen auf die Sprünge:

„Wer auch immer in symmetrischen Beziehungen Erfahrungen sammeln durfte, weiß, dass darauf Verlass ist, dass irgendwann der Punkt kommt, an dem man aus dem Wissenwollen ins Handelnwollen umkippt, weil man merkt, dass man anfängt, zu viel zu wissen, was man so dann doch nicht wissen will. Die Asymmetrie, das dürfen wir nicht vergessen, ist auch eine Markierung der Grenzen einer Beziehung, nämlich eine Definition dessen, was in ihr sachlich zu erwarten, sozial auszuhalten und zeitlich zu gewärtigen ist. Der Reflexionsraum der Symmetrie ist unerträglich offen im Verhältnis zu den Regeln der Asymmetrie, die mich darüber informieren, wer was darf,  worum es geht und wie lange es dauert.“ (Bei Berti und dem Äppelchen war der Kipppunkt offenkundig erreicht, und eine wohltuende Asymmetrie offenbart, wer was darf, worum es geht und wie lange es wohl dauert.)


Ein ehrenwertes Haus I (14)

In der Kreuzstraße 113 wohnten seit den frühen fünfziger Jahren Theo, Hilde mit Franz Josef und ab 1955 auch mit Wilfried. Theos Eltern waren 1948 – die Mutter – und 1951 – der Vater – verstorben. Theos Schwester, Agnes, bewohnte zu Beginn der fünfziger Jahre noch das Erdgeschoss, während die kleine Familie im ersten Obergeschoss Quartier genommen hatte. Im Dachgeschoss wohnte die Familie Siepen, der Vater Alkoholiker – im Übrigen der erste, von dem ich hörte, dass er in Ermangelung von Nachschub auch schon einmal Kölnisch Wasser getrunken haben soll. Die beiden Söhne Hermann und Toni erlernten ein Handwerk (Dachdecker und Anstreicher) und waren nebenher passionierte Fischer; die Ahr floss etwa 150 Meter – jenseits des Fußballplatzes –, und lieferte damals noch vom Aal bis zur Forelle einen ergiebigen Fischfang. 1959 wurde der Altbau saniert und umgebaut; eine Zentralheizung, fließend Kalt- und Warmwasser wurden installiert. Durch den Einbau einer Toilette und eines Bades mit Toilette ging die elende Zeit des Plumpsklos über den Hof endlich zu Ende. Heute muss ich mir deutlich vor Augen führen, dass die Eltern, die zwar durch die Angestelltentätigkeit des Vaters als Croupier im Spielcasino über ein regelmäßiges und durchaus ansehnliches monatliches Budget verfügten, drei der im Haus befindlichen Zimmer vermieteten, um ein Zubrot zu erwirtschaften. Im ausgebauten Dachgeschoss entstanden zwei Dachgauben; im ersten Obergeschoss wurde eines der Zimmer abgetrennt und gleichermaßen vermietet. Einige Jahre lebte ein Arbeitskollege des Vaters gemeinsam mit seiner Frau in diesem Zimmer. Im Dachgeschoss gab es wechselnde Mieter.

Die folgen- und segenreichste Vermietung ergab sich 1959 durch den Mietvertrag mit einem Zivilangestellten der Bundeswehr, die in Bad Neuenahr einige Dienststellen unterhielt: Bert Skala war technischer Zeichner (Bauzeichner). Er kam aus Nördlingen, wo er mit Frau und Schwiegermutter nach der Vertreibung aus dem Sudetenland (Karlsbad) eine neue Heimat gefunden hatte. Bis zum Tode meines Vaters und darüber hinaus bis zum Tode von Bert und Traudel entstand eine lebenslange Freundschaft der besonderen Art. Für mich persönlich ganz entscheidend waren die mehrwöchigen Besuche Traudels in größeren Abständen. Nach meiner Einschulung nahm sie sich meiner immer wieder an und half mir mit ihrer unendlichen Geduld einen Weg ins Buchstabenchaos zu finden. Gegenüber ihrer so ganz anderen, wohltuend unaufgeregten Art fasste das Muttersöhnchen tiefes Vertrauen zu diesen beiden fremden Menschen, die auf so ungewöhnliche Weise das Bild eines skurrilen, liebenswerten Paares verkörperten; er groß gewachsen, fast ein Hüne und dennoch rundlich. Sein Gesicht verströmte grundsätzlich gute Laune, verschmitzt, dominiert von aufsteigenden Linien mit einem eigenwilligen überaus gepflegten Oberlippenbärtchen – und außergewöhnlich lebendigen, kleinen Schweinsäuglein; sie klein und rundlich, weich, mollig in allen Körperregionen und immer in der Lage, gleichermaßen Freundlichkeit und Gleichmut zu verströmen. Allein schon die liebevolle wechselseitige Anrede mit Burli und Weibi vermittelten eine so ganz und gar andere idiolektalische Herkunft und einen über alle Maßen wertschätzenden Umgang miteinander. Um es vorwegzunehmen: Der Suizid Berts – etwa ein Jahr nach dem Tod Traudels – offenbarte die umfängliche Bedeutung jener soziologischen Definition einer intensiven Paarbezogenheit, die Peter Fuchs eingefallen ist: Bert und Traudel verkörperten für mich in Totalität die Idee einer wechselseitigen Komplettberücksichtigung im Modus der Höchstrelevanz auf eindrückliche Weise. Und doch gibt es da eine Nuance, die gleichermaßen irritiert und beeindruckt. Sie liefert wiederum George Steiner wohl ein gewaltiges Argument für seine Annahme, dass das Herz seine Gründe hat, welche der Verstand nicht kennt: Und es waren bei Bert und Traudel offenkundig  „Notwendigkeiten gänzlich anderen Ursprungs; jenseits der Vernunft, jenseits von Gut und Böse“ – und vor allem – „jenseits der Sexualität, die selbst auf dem Höhepunkt der Ekstase ein so unbedeutender und flüchtiger Akt ist“.

Meine Mutter hat mir erzählt – so innig und vertrauensvoll war wohl die freundschaftliche Bindung zwischen ihr und Traudel –, dass die beiden nie in ihrem Leben eine sexuelle Beziehung miteinander gelebt haben. Traudel sei in den Kriegswirren der letzten Wochen in Karlsbad gemeinsam mit ihrer Mutter in die Hände russischer und tschechischer Soldaten geraten, mehrfach vergewaltigt worden und seither fernab jeglicher Form sexuellen Empfindens gewesen. Frappierend für mich war dabei, dass dieses Paar – Traudel und Bert – auf so ungewöhnliche Weise einen liebevollen Umgang miteinander pflegte, so dass es für mich in meiner Erinnerung – wenn dies je für ein Paar Sinn gemacht haben sollte – die vollkommene Symbiose, die komplementäre Ergänzung platonischer Hälftigkeit verkörperte. Ungewöhnlich für mich und eher kaum zu glauben, dass ich bereit war – als 13jähriger – eine Woche, 400 Kilometer von zu Hause, eine ganze Woche zu verbringen; die Korda-Oma und Traudl, und natürlich auch Bert, haben mir jeden Wunsch von den Augen abgelesen. Szegediner Goulasch, jede Form von Strudel, alle erdenklichen Variationen von Mehlspeisen, gefüllte Paprika und vieles mehr erweiterten meinen kulinarischen Horizont. Meine Schwester mochte vor allem Bert und verbrachte als Jugendliche Ferienzeiten in Nördlingen und Siegsdorf – die Äußere Einfahrt 28 wird mir immer als Willkommensadresse in guter Erinnerung bleiben.

Das ehrenwerte Haus als offenes Haus sorgte durch die Beherbergung so unterschiedlicher Menschen, die vor allem auch unterschiedlichster landsmannschaftlicher Herkunft waren für so etwas – man könnte sagen – wie frühe kulturelle Vielfalt. Bendixens waren Nordlichter – aus Hamburg oder Schleswig-Holstein, Fräulein Butzke ist mir in Erinnerung geblieben vor allem als extravagante Erscheinung mit Turmfrisur – ein eher dunkler Typus; Elke Bendix hingegen war blond und eine gleichermaßen aparte Erscheinung. Dafür hatte ich allerdings noch nicht wirklich einen Blick und auch noch kein ausgeprägtes Interesse. Major Seidenschnur war in Uniform eine imposante Erscheinung; ihn umgab eine würdevolle Aura. Meine Schwester legte für ihn jene typische Teenager-Schwärmerei an den Tag – ähnlich wie bei ihrem hochverehrten und heißgeliebten Onkel Fred.

 Kindheit, Jugend und Studium - Der Zugang zu Bildung (12)

Mit dem Wintersemester 1974/75 begann ich mein Studium an der Erziehungswissenschaftlichen Hochschule Rheinland-Pfalz, Abteilung Koblenz. Hier sollte sich vollends erweisen, dass der Zugang zur Bildung und zum Studium ein unschätzbares Privileg bedeutete. Schon in den ersten Wochen lernte ich Thomas Gauglitz kennen. Er war deutlich jünger als ich (Jahrgang 1956). Zwischen uns stimmte von Beginn an die Chemie, und wir schlossen uns noch im November der GEW-Hochschulgruppe an, einer gewerkschaftlich organisierten Gruppe von Studierenden, die insbesondere die Interessen von LehrerInnen im Blick hatte, aber sehr grundsätzlich gepaart mit einem fortschrittlichen schul- und bildungspolitischen Anspruch, den wir zu einer gesellschaftspolitischen Perspektive erweiterten. Eine Reihe von Altsemestern nahm uns unter ihre Fittiche, dazu gehörten Achim Wichert, Waltraud Dietrich und Klaus-Dieter Mohrs. Mit dessen Vater sollte ich als Neu-Gülser zwanzig Jahre später einer gemeinsamen Sportgruppe angehören, während sein Sohn zuerst Sozialdezernent und später Oberbürgermeister von Wolfsburg wurde. Innerhalb von zwei Semestern gelang es uns die RCDS-Hochburg Koblenz zu schleifen, die Mehrheit im Studentenparlament zu erreichen und damit den Allgemeinen Studentenausschuss (AStA) zu übernehmen. Unser Studienjahrgang hat von da an die studentischen Gremien dominiert und deren Politik in Koblenz geprägt. Hier ist ein breites Netzwerk entstanden, das bis heute Bestand hat.

Das Studium selbst bot mir durch entsprechende Schwerpunktsetzungen endlich die Gelegenheit meinen Interessen nachzugehen. Die gewählten Fächer für das Lehramt – Deutsch und Sozialkunde – sowie die Wahlpflichtfächer (Philosophie, Soziologie, Psychologie und Didaktik) erlaubten mir recht zügig Fuß zu fassen. Da ich theorieversessen war, hatte ich in den Seminaren relativ schnell einen bestimmten Ruf weg, der mir letztlich ja auch den Zugang zu dem bereits erwähnten DFG-Projekt unter der Leitung von Heino Kaack verschaffte. Ich möchte nicht eine Zeile verschenken, um hier sehr klar und unmissverständlich klarzustellen, dass ich – selbstredend Heino Kaack – meine akademische und damit letztlich auch meine berufliche Laufbahn verdanke; seiner Fürsprache, seinem Vertrauensvorschuss und seiner Art auch abweichenden wissenschaftlichen Optionen Raum zu geben; Optionen, denen sein Wissenschaftsverständnis seinerzeit aus meiner Sicht einer Verengung gleichkam. Heino Kaack hat es hingenommen und nicht – jedenfalls nicht öffentlich – insistiert gegen einen Abgrenzungsversuch meinerseits. Einmal mehr wollte ich deutlich machen, dass ich mein „substantielles Anliegen nicht im dürren Geäst eines empirisch-analytischen Wissenschaftsverständnisses verdorren lassen“ wollte (im Vor-/Dankwort zur Drucklegung meiner Dissertation). Der moralische Zeigefinger reichte noch lange über die Schulzeit und über die Studienzeit hinaus in ein Leben, in dem eigentlich alles falsch war: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen!“ (Theodor W. Adorno) Eine linksliberal inspirierte Weltsicht bedeutete aus meiner Sicht, dass es – jenseits aller theologischen Winkelzüge – nicht um den Teufel ging, sondern um die Menschen selber, die unermessliche Schuldbürden auf sich geladen hatten:

Da war zunächst einmal die Kriegsgeneration, die gewissermaßen in Sippenhaftung genommen werden konnte, weil sie den Nationalsozialismus ermöglicht und getragen hatte. Da ich freigestellt war zur Lektüre, war es ein Leichtes und überaus verlockend, die linken Klassiker, ergänzt um den aktuellen Diskurs, zur Weltschelte zu nutzen. Die Deutungshoheit der Frankfurter Schule und das von uns unterstellte Legitimationsdefizit – nicht so sehr der politischen Ordnung –, sondern vielmehr der sie tragenden Akteure, verlieh uns mächtigen Wind in den Segeln. Peter Sloterdijk hat die Motive und die Platzhalter für unsere Generalkritik rückblickend überaus präzise auf den Punkt gebracht: Über aller Kritik schwebte die Frage, warum es eine inzwischen an die Macht gekommene menschliche Freiheitspraxis noch immer nicht zu einer hinlänglich guten Welt gebracht hatte. Ein entsprechender Freiheitsbegriff gipfelte in der Vorstellung die Verantwortung für befriedigende Weltverhältnisse übernehmen zu müssen. Und wo dies nicht gelang, waren zuallererst die Schuldigen auszumachen, um nicht nur den Erwartungshorizont, sondern auch die behinderungsrelevanten und zu beseitigenden Feindbilder vor Augen zu haben. In den siebziger Jahren waren das folgerichtig die bürgerliche Eigentumsordnungdie Klassenherrschaftder Kapitalprozess und – in der Begrifflichkeit von Jürgen Habermas – die Kolonialisierung der Lebenswelt durch Macht- und Geldsysteme. Vor allem die K-Gruppen, aber auch der SHB oder DKP-nahe Studentenorganisationen beanspruchten stellvertretend das Vorsprecheramt im Hinblick auf noch nicht ausreichend zur Selbstvertretung befreite Gruppen. Der Kampf um eine Verfasste Studentenschaft mit politischem Mandat übernahm in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre die Funktion eines klassischen Stellvertreterkrieges. Wir beanspruchten mit unseren demokratisch frei gewählten Vertretungskörperschaften auch Stellung zu allgemeinpolitischen Fragen beziehen zu dürfen. Das auf Bundesebene diskutierte und verabschiedete Hochschulrahmengesetz untersagte den Vertretungskörperschaften der Studierenden eine entsprechende Praxis unter Strafandrohung. Im Verlauf dieser, in bundesweite Streiks ausmündenden Auseinandersetzungen kam es schließlich an der EWH Koblenz zu einem Polizeieinsatz und zu einer Strafanzeige gegenüber einer Reihe studentischer Aktivisten durch die Hochschulleitung. Die Staatsanwaltschaft Koblenz verfolgte vorgebliche Verfehlungen und Straftaten und es kam zu einer Anklage vor dem Landgericht Koblenz. Die Anklage vertrat – neben angeblichen Straftatbeständen der Beleidigung und Nötigung – die Auffassung ein Teil der Aktivisten hätte sich des Haus- und Landfriedensbruchs schuldig gemacht. Das Verfahren wurde 1978 eröffnet und endete mit einem Freispruch der Beklagten. Gleichwohl hatte dies für jeden Einzelnen Konsequenzen. In den Personalakten waren entsprechende Vermerke, die in einer Reihe von Fällen das Placet des Innenministeriums zur Einstellung in den Landesdienst oder gar zur Verbeamtung erheblich erschwerten bzw. verzögerten.

 Ein ehrenwertes Haus III - Erosion und Verfallserscheinungen (16)

Um einen Laden zusammenzuhalten braucht es viele Arme und einen langen Atem. Eine Zentrifuge übt auf diejenigen, die ihr ausgesetzt sind, die unterschiedlichsten Wirkungen aus. Während die einen sich anklammern und den Fliehkräften trotzen, nutzen sie andere einem Katapult gleich, um Abstand zu gewinnen. Mitte der sechziger Jahre war es meinem Schwager gelungen, als städtischer Angestellter die Leitung des Ahrweiler Freibades zu übernehmen. Dazu gehörte eine Dienstwohnung innerhalb des Schwimmbadgeländes. Michael war Ende der sechziger Jahre der zweite aus unserer Familie, der ein Gymnasium besuchte. Nach dem Abitur entschloss er sich entgegen seiner Neigungen – die hätten ihn vermutlich zu einem (Lehramts-)Studium der Fächer Germanistik und Geschichte veranlasst – zu einem Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Bonn. Er wohnte anfangs noch zu Hause. Unterschiedliche Lebensauffassungen belasteten zunehmend das Verhältnis zu seinen Eltern. Mein Schwager und meine Schwester beantworteten dies mit einer eher autoritären Haltung; sie weigerten sich vor allem, ihn dabei zu unterstützen, seine Wohnung an seinen Studienort nach Bonn zu verlegen. Willi, Gaby und ich entschlossen uns ihn mit vereinten Kräften finanziell zu unterstützen, so dass er – gegen den Willen seiner Eltern – gemeinsam mit seiner damaligen Freundin nach Bonn zog. Sehr viel später ist zumindest mir bewusst geworden, dass diese Intervention einer ziemlich verqueren Form eines Kontenausgleichs gleichkam. Die Idee des Kontenausgleichs bekam nach dem viel zu frühen Tod meines Vaters zusätzliche Nahrung. Die Konflikte zwischen meiner Schwester und der Mutter wurden schärfer; anfänglich noch durch den Einfluss meines Schwagers abgemildert. Er vertrat die konsequente Haltung, dass das Rühren an der Vergangenheit nichts als ein demonstrativer Akt der Undankbarkeit darstelle. Die beiden entfernten sich zunehmend voneinander bis zum offenen Bruch 1992 und der anschließenden Scheidung. Die Männer verschwanden aus unserer Familie – zuerst mein Vater, dann mein Schwager und schließlich mein Bruder. Michael hatte den Absprung nach Bonn geschafft und vermied es selbstredend auch bei seiner Rückkehr aus Bonn noch einmal mit seinen Eltern unter einem gemeinsamen Dach zu wohnen. Meine Schwester entschloss sich nach Jahren der Einsamkeit zu einer zweiten unglücklichen Ehe mit einem Zivilangestellten im Verteidigungsministerium (Dienstsitz Bonn). Diese Verbindung hatte zumindest den Vorzug, dass die ziellose Suche meiner Schwester nach den väterlichen Wurzeln nicht nur Struktur gewann, sondern auch einen erheblichen Motivationsschub erfuhr.

Ich fand mich – wie schon so oft – in der Rolle des Mediators wieder. Meiner Mutter konnte ich vermitteln, dass ihre Söhne – auch ihr 1994 verstorbener jüngster Sohn – den Bemühungen ihrer Tochter nach einer Klärung ihrer väterlichen Herkunft immer positiv und verständnisvoll gegenüber standen, und dass es nun an ihr sei, die Tochter zu unterstützen.

Ulla wusste zumindest, dass ihr Vater Österreicher war – so viel hatte sie von ihren Tanten erfahren; auch der Vorname Franz war gefallen. Bevor sich die Mutter nun so weit öffnete, dass die Suche trennschärfer werden konnte, hatten wir alle erdenklichen Versuche gestartet, die allesamt nicht zielführend waren. Erst die Kombination des Namens Franz Streit und seine wahrscheinliche Nationalität als Österreicher sowie der Hinweis, dass er sich als Rekonvaleszent zu einem Erholungsurlaub im Spätsommer 1941 in Bad Neuenahr bzw. in Ahrweiler aufgehalten hat, führte dann schließlich und endlich zum Durchbruch. Meine Schwester bekam die Mitteilung, dass die Familie wohl zuletzt in Mistelbach/Österreich gemeldet war. Nach einigen Fehlversuchen erhielt sie die Telefonnummer eines Mannes in Mistelbach, der nach wenigen Sätzen zu ihr sagte: „Auf diesen Anruf haben wir 40 Jahre gewartet!“ Es handelte sich um einen Neffen Franz Streits, den Sohn seiner Schwester Julie, der sofort die Zusammenhänge herstellte und meiner Schwester – seiner Cousine – erklärte, wie sich dieser Hinweis erklärte, seit 40 Jahren auf diesen Anruf zu warten. Von ihm erfuhr sie umgehend, dass aus der Ehe Franz Streits mit seiner Frau zwei Söhne hervorgegangen waren. Er vermittelte ihr die Telefonverbindungen, und die Geschichte nahm endlich ihren erhofften Verlauf. Das alleine ist ja schon eine gewagte Annahme, denn die Kontaktaufnahme glich ja einem ungedeckten Scheck – vor allem Ulla, meine Schwester konnte ja nicht wissen, wie ihre Brüder reagieren würden. Es ist anzunehmen, dass ihr Blutdruck mächtig durch die Decke schoss, als sie erstmals einer der Söhne ihres Vaters am anderen Ende der Telefonverbindung abhob. „Das Abwesende muss präsent gemacht werden, weil der größere Teil der Wahrheit in dem steckt, was abwesend ist.“ Diese Anregung Adornos hat sich in der Enthüllung des so lange Abwesenden tatsächlich für meine Schwester und ihre beiden neu hinzugewonnenen Brüder bestätigt. Das Auffinden des Verborgenen bedeutet für beide Seiten bis heute ein Gewinn. Wahr ist aber auch, dass dort, wo sich für meine Schwester eine lang gehegte Sehnsucht erfüllt hat, für ihren Sohn die Ambivalenz deutlich überwiegt. Er kann zwar seinen beiden späten Onkeln begegnen, eine Auseinandersetzung mit seinem Großvater hingegen lehnt er strikt ab.

Nun werde ich im nächsten Jahr siebzig, meine Schwester wird 80 Jahre alt und ihr Sohn vollendet die 60 Jahre. Solange ich zurückblicke auf diesen Teil meiner Familie, erinnere ich zuerst den tiefen Unfrieden, der seine Nahrung zieht aus der eklatanten Ungeeignetheit der beiden Elternteile füreinander. Bis in das Jahr 2014 dauerte der Krieg der beiden Eheleute, zwischen dessen Fronten der gemeinsame Sohn stand – er hat als Jurist im Übrigen auch die Scheidung seiner Eltern begleitet. Genau so gewaltig war der Zorn auf Vater und Mutter, dass es zu zeitweiligem Hausverbot für die beiden führte: „Ich kann meine Mutter nicht leiden“ und „Ich bin nicht so wie mein Vater“ – dies waren lange die Leitsätze meines Neffen. Die Eltern hingegen, die zweifellos Krieg gegeneinander führten – mit übler Nachrede, mit gegenseitiger Abwertung und Missachtung, konnten den Zorn und schließlich die lebensbedrohliche Erkrankung ihres Sohnes nicht in einen Zusammenhang bringen mit ihrer unseligen Kriegsführung. Ihr Sohn erlitt 2008 einen völligen Zusammenbruch mit einem kombinierten Herz- und Hirninfarkt. Er verbrachte nahezu drei Monate in der Uni-Klinik Bonn, fast acht Wochen davon in einem künstlich herbeigeführten Koma.

In der Summe gibt es eine lange Kolonne von erkennbaren – auch selbst eingeräumten – Fehlern auch im Sinne von falschen Weichenstellungen im eigenen Lebensentwurf – bzw. –vollzug. Michael hat nach seiner Erkrankung Abstand nicht nur von seiner beruflichen Tätigkeit genommen, sondern er hat im Sinne einer Generalabrechnung auch mit seinem Berufsstand gebrochen. In dieser Abrechnung klangen Töne an, wie sie vielleicht am eindrücklichsten Michael Stolleis in einem Beitrag „Furchtbare Juristen“ (in: Deutsche Erinnerungsorte II, C.H. Beck, München 2003, S. 538) kompakt zusammenstellt:

„Juristen sind akademisch ausgebildete Spezialisten. Im 20. Jahrhundert bedeutet dies in Deutschland eine vier- bis fünfjährige Universitätsausbildung mit Staatsexamen, eine staatlich geleitete und finanzierte ‚Referendarausbildung‘, in der Praxis von etwa zweieinhalb bis drei Jahren, schließlich eine zweites, das ‚Große‘ Staatsexamen. Das Ergebnis ist der ‚Volljurist‘, der in Deutschland etwa dreißig Jahre alt ist und nun, nach einer weiteren Einarbeitungszeit von zwei bis drei Jahren, endlich zur Praxis verwendet werden kann. Kommt noch ein Doktorgrad hinzu, dann müssen noch einmal etwa zwei Jahre Lebenszeit hinzugerechnet werden.
Dieser lange Lauf durch die Hörsäle, Bibliotheken, Repetitorien und Prüfungsräume hinterlässt Spuren in der Seele. Im kreativsten Jahrzehnt des Lebens lernen die Adepten wenig über Freiheiten, aber alles über deren Schranken, ja über die Schranken der Schranken. Wichtig sind nicht die Inhalte der Freiheiten, sondern der Vorgang des methodisch angeleiteten ‚Abwägens‘ konkurrierender Freiheiten. ‚Jede Lösung ist vertretbar, Sie müssen es nur richtig begründen‘, hören die Studenten unentwegt. Also fragen sie: Was sagt die h.M. (herrschende Meinung)? Was sagen Bundesgerichtshof, Bundesverwaltungsgericht und Bundesverfassungsgericht? Wer ihnen folgt, ist als Anfänger gut beraten; denn es kann nicht ‚falsch‘ sein. Die ganze Apparatur der Juristenausbildung dient, kurz gesagt, nicht nur der Vermittlung von Kenntnissen, sondern ist zugleich auch eine Wegstrecke der Sozialisation. Am Ende sucht der juristisch ausgebildete Verstand schon instinktiv diejenige Lösung, mit der man sich im Rahmen des ‚Vertretbaren‘ hält, ‚Mindermeinungen‘ vermeidet, kurzum: am wenigsten aneckt.“

Mit Ende vierzig hat sich die Masse der Juristen etabliert, ihre Nische gefunden und führt zumeist ein angepasstes und auskömmliches Leben. Was sich bei meinem Neffen zuspitzte, vereinte alle Elemente einer ausgewachsenen Krise in der Lebensmitte und endete in einem Desaster. Meilenweit von irgendeiner Auskömmlichkeit entfernt, wurde er zu einem Versorgungsfall, dem fortan nur ein unzureichender Anspruch aus dem Versorgungswerk der Rechtsanwaltskammer zustand. Intakte berufliche Identität ist ein wesentlicher Bestandteil personaler Identität.  Ihr Verlust hatte nicht nur materielle Konsequenzen, sondern erzeugte in der Folge eine vollständige Identitätskrise, die auch innerfamiliäre Spannungen und Konflikte nach sich zogen. Schon nach wenigen Seiten bricht das Manuskript zu einer weit ausholenden Spurensuche – nach einer Einleitung: Bevor es losgeht – ab. Das Motiv für diesen Aufbruch begründet mein Neffe für mich auf nachvollziehbare Weise unter anderem damit, dass er – trotz aller Vorbehalte – „und nicht ohne ein wenig Vergnügen“ von den Menschen seiner Familie, seiner Herkunft und Heimat berichten wolle, „vor allem damit meine Kinder irgendwann nachlesen können, was mir wert erscheint, nicht vergessen zu werden“.

Daran unmittelbar schließt sich der Hinweis an, verzichten zu wollen auf die Suche nach Erinnerungen an Menschen, „die mir niemals begegnet sind“, und über deren Leben man ja nur „vom Hörensagen“ berichten könne: „Mir fehlen  Überzeugung und Glaube daran, dass diesen Abstammungslinien eine wichtige Bedeutung für mich und meine Kinder zukommt. Meine Wurzeln, wenn man es so nennen mag, liegen mit einer Ausnahme, auf die ich noch zu sprechen kommen werde, offen zutage. Und etwas Geheimnisvolles ist an dem, wovon ich nun erzählen möchte, auch nicht.“

Die Geheimnisse sind enthüllt. Mit Hildes Geschichte und den akribischen und in diesem Zuge auch dokumentierten Nachforschungen  zur Biografie Franz Streits liegen die Sachverhalte offen zutage. Michael hat noch 2010 in der Begründung zu: Bevor es losgeht bemerkt, dass er – so schwer es ihm auch falle – „die Veränderungen, die sich in allen Bereichen meines Lebens eingestellt haben, als Wirklichkeit anzunehmen, ohne ständig Klage darüber zu führen“, doch daran glauben wolle, „dass meine sprachliche Ausdrucksfähigkeit noch nicht an ihr Ende gekommen ist, sondern deren langsames Wiedergewinnen möglich bleibt. Solange werde ich eben, was mir erzählenswert erscheint, aufschreiben“.

Ich habe selbst lange darum gerungen, das Wort zu nehmen und eine eigene sprachliche Ausdrucksfähigkeit sowohl zuzulassen als auch zu kultivieren. Erst mit Ende vierzig habe ich systematisch damit begonnen, dem eigenen Ozean des Erinnerns und dem permanenten Anbranden von Gegenwartsmomenten eine Sprache zu geben; die dabei möglichen Absonderungen aufzuspüren und aufzubewahren – in Gedichten, in Geschichten, in mühsamen Selbst- und Fremderforschungen, schlicht in Tagebuchaufzeichnungen.

Nun bewahre ich also den Glauben in mir, mein Neffe möge endlich wieder zur Sprache finden. Und so kommt mir – überaus sentimental, wie ich mir vorkomme – sein eigenes Sentiment wie eine Mahnung vor, dich ich beherzige, und für die ich sein Herz wieder aufschließen möchte, weil ich weiß, dass er Recht hat. Er schreibt:

„Wer seinen Gedanken und Gefühlen mit dem Mund Ausdruck verleihen, sie be-sprechen kann, der besitzt einen wertvollen Schatz, dessen ganze Pracht erst nach seinem Verlust empfunden wird. Aber das ist ja oft so im Leben. Mein spürbarster Verlust ist das Nicht-mehr-Vorlesen-Können. Ich vermisse es sehr, vor allem, weil ich es früher gerne und häufig getan und wohl auch nicht schlecht gekonnt habe.“

Vielleicht möchte ich den Glauben deshalb nicht aufgeben, weil ich meinen Neffen zwar nie als Vorleser erlebt habe; aber ich habe ihn erlebt als wortmächtigen und kultivierten Beobachter des Zeitgeschehens. Der Schmerz will nicht weichen. Er speist sich aus der Annahme, dass jemandes Aufbruch versiegt – schon Bevor es losgeht –, weil ihm die Komplexität und die Widersprüchlichkeit all dessen, was Beobachtung uns zumutet, den Gestaltungswillen und den Mut zur Auseinandersetzung nimmt. Dass die Krise in der Lebensmitte sich verstetigt, mag darin einen authentischen Ausdruck finden. Mehr noch drängt sich dem fernen Beobachter ein Eindruck auf, der mit einem schleichenden und subtilen Prozess der Aushöhlung und Auszehrung der auf Liebe – nichts als der Liebe – gründenden sozialen Kernbeziehungen einhergeht. Weiter oben steht eine Bemerkung, die ich mir selbst – tatsächlich gespeist aus den vielen beobachteten Niedergängen einstmaliger Liebesbeziehungen – mit auf den Weg gegeben habe:

In einem ersten Gespräch über diese Aufzeichnungen mit einem langjährigen Freund, kamen wir auf die Schwierigkeiten zu sprechen, erstens die Frage redlich zu beantworten, wen all dies hier überhaupt interessieren könnte? Zweitens, wen es überhaupt etwas anginge? Und drittens, ob man nicht um des lieben Friedens willen sowieso den Blick viel besser nach vorne richten, und die Vergangenheit (endlich) auch Vergangenheit sein lassen sollte! Und mehr noch stellt sich die Frage, ob genau diese letzte Empfehlung nicht so etwas sei, wie die Überlebensgarantie für so viele, die beim Betrachten ihrer Vergangenheit ohnehin zu Totstellreflexen neigen (müssten)!

Die heute alltäglichen Konstellationen von Familiengeschichten enthalten zuhauf jene Zutaten, die sich auch rückblickend nicht mehr zur Zubereitung eines schmackhaften Menüs oder auch nur einer Notspeisung eignen. Und der ein oder andere mag dann vielleicht ins Grübeln geraten: So vielen bist Du gleichgültig, und so viele sind Dir gleichgültig geworden. Beziehungen sind flüchtig, waren immer nur Episoden und dort, wo sie Generativität nicht verhindern konnten, hast Du Deine Kinder aus den Augen verloren; Du bist ihnen fremd, und sie sind dir fremd. Irgendwann beginnen Deine Enkel zu fragen: wer sind wir, wo kommen wir her, wer ist uns vorausgegangen? Und wer mag uns antworten?

Zur Welt kommen – zur Sprache kommen - Spurensuche III (13)

Geht es aber sehr viel grundlegender noch einmal darum den ursächlichen Einflüssen auf die Spur zu kommen, die mich in der Tat zur der Überzeugung brachten, es könne – im Sinne Adornos – kein richtiges Leben im falschen geben, so muss man in der Tat auf die von Dr. Bauer – dem Schulleiter während meiner Zeit auf dem Are-Gymnasium – geäußerten Zusammenhänge und die schlichte Feststellung zurückkommen, es sei das Vorrecht einer jeden jungen Generation, die Welt an einem selbstgesetzten Ideal zu messen, solange Welt keine Wirklichkeit, sondern nur Vorstellung sei. Da hatte er den Nagel auf den Kopf getroffen.

Meine Unduldsamkeit gegenüber Zuständen, die befriedigende Weltverhältnisse nicht einmal ansatzweise erkennen ließen, hatte ihre Wurzel zuerst einmal im privaten Raum, nämlich in meiner Familie: Meine Kindheit in der Kreuzstraße in Bad Neuenahr, am Ostende der Stadt, war eine gemeinsame mit meiner Cousine Gaby und meinem Bruder Wilfried. Meine Cousine lebt heute noch im umgebauten Elternhaus unserer Mütter. Das Elternhaus meines Vaters haben wir nach dem Tod meiner Mutter an die Tochter einer Freundin aus Kinderzeiten verkauft. Auch sie – die Freundin aus Kindertagen – lebt heute noch gemeinsam mit ihrem Mann in unmittelbarer Nachbarschaft, eng befreundet mit meiner Cousine.

In der Kindheit gehörte das Vater-Mutter-Kind-Spiel zu unserem alltäglichen Spielevorrat. Beide Elternhäuser verfügten über ein gemeinsames Garten-Areal. Wenn wir unter uns waren oder sein wollten, dann war dies unser bevorzugtes Terrain. Gaby kochte Petersiliensuppe, ich kurvte mit dem Rädchen durch den Garten, kam irgendwann von der Arbeit und Willi musste Gabys Suppe essen und unseren Anweisungen folgen. Im Rückblick erstaunt mich dieses Arrangement, weil Vater-Mutter-Kind schon damals – als wir im Alter von sechs bis zehn Jahren waren – aus ganz unterschiedlichen Erfahrungshintergründen und Motiven zustande kam. Gaby kannte Vater-Mutter-Kind nur bruchstückhaft. Während Willi und ich tagtäglich erlebten, wie das funktionierte – Vater-Mutter-Kind(er) –, lebte Gaby mit ihrer Mutter alleine im Obergeschoss des Hauses unserer Großeltern. Der Vater – unser Onkel Fred – lebte in Köln und hatte dort eine neue Liebe gefunden. Darüber wussten wir allerdings nichts. Unser Onkel Fred war Handelsvertreter und reiste durch die ganze Republik, um Pflege- und Kosmetikprodukte der Firma Schwarzkopf zu vertreiben. Er konnte also nicht zu Hause sein, weil er ja unterwegs war und arbeiten musste. Aber er kam an den Wochenenden zu Besuch, manchmal auch an Wochentagen, um sich zeitig wieder auf den Weg zu machen, weil er ja arbeiten musste. Gaby freute sich immer auf ihren Papa, der ihr – wenn er da war – immer seine volle Aufmerksamkeit widmete. Die Tante – unsere Tante Annemie – war ein ruhiger und zurückhaltender Mensch. Sie war so ruhig und zurückhaltend, dass man eigentlich nie merkte, ob es ihr gut oder schlecht ging. Sie war halt still, ihr Lachen ein Lächeln und sehr verhalten, immer mit einem kleinen Schuss Verlegenheit einhergehend. Für meinen Bruder und mich war dieses immer gleichbleibende, unaufgeregte gemeinsame Leben – Hausbacke an Hausbacke – vollkommen normal. Nie fiel uns irgendetwas auf, weil alles so war, wie es immer war. Unsere Cousine war ein aufgewecktes, lebenslustiges Kind, mit dem wir tagtäglich zusammen waren, weil vor allem die beiden Schwestern über ihre Eltern – man konnte fast meinen – einen gemeinsamen Hausstand pflegten. Alle Feste feierten wir gemeinsam, jeden Tag begegneten wir uns – vor allem im gemeinsamen Garten.

Gaby war ein Einzelkind, und als Einzelkind war sie auch verschlossen. Viel später – sehr viel später – hat sie uns erzählt, dass sie schon im Alter von etwa zehn Jahren im Wäscheschrank ihrer Mutter auf Dokumente gestoßen sei, die sie zwar nicht zur Gänze verstand, die ihr aber so viel Einblick in die merkwürdige Art des Familienlebens eröffneten, dass sie seither wusste, dass ihre Eltern geschieden waren. Sie hat das für sich behalten. Uns hat sie erklärt, dass sie diese Information fest und tief in sich verkapselt hat, mit niemandem darüber geredet hat, sich niemandem anvertraut hat, weil sie Angst hatte, dass dann vielleicht der immer herbeigesehnte Kontakt zu ihrem geliebten Papa hätte abbrechen können. Das Bild der Tante Annemie hat sich denn auch erst nach und nach als ein wirklich problematisches und in hohem Maß belastetes herausgestellt, als sich mir die Zusammenhänge aufdrängten zwischen der Art und Weise wie Gaby mit ihrer Mutter zusammenlebte und den zunehmenden – oder doch zumindest in meiner Wahrnehmung sich stärker ausprägenden – Stimmungsschwankungen meiner Tante; Stimmungsschwankungen, die einhergingen mit einer latenten und immer offener zutage tretenden Antriebsschwäche. Schließlich prägte sich ein Krankheitsbild aus, das ärztlicher Expertise bedurfte und das man seinerzeit mit dem Befund einer endogenen Depression klassifizierte. Lebt man Tag für Tag in einem engen Verbund – Mutter-Vater-Kinder in dem einen Haus, Großmutter-Großvater sowie Mutter-Kind im Nachbarhaus – ist der Blick für das Offensichtliche verstellt. Fürs Verstellen gibt es ein unschuldiges Nicht-Sehen-Können und ein schuldhaftes Nicht-Sehen-Wollen. Etwa im Alter von siebzehn Jahren begann ich die Welt zunehmend durch diese Brille zu sehen und zu bewerten; erste Gedichte entstanden und ich konfrontierte meine Mutter mit meinen Einsichten: Der Tante geht es schlecht, weil niemand ihre schiefe Stellung im Leben sehen will! Das Gestell, in dem sie sich bewegt, führt zu dauerhaften seelischen Verkrümmungen mit somatischen Kollateralschäden. Man kann nun exemplarisch zeigen, wie der Zugang zu Bildung – ich war inzwischen Oberstufenschüler – Voraussetzungen schafft, die sozialen Beziehungen in einem Familienverbund durch andere Brillen zu betrachten. Das führte dann auch zu ersten Konflikten. Wenn dieser Zugang einbricht wie ein Frühlingserwachen und diese Brillen die Wirklichkeit wie einen Abgrund erscheinen lassen, bleibt dies (auch) für den Beobachter nicht folgenlos:

Für die Erklärung meines Unbehagens gab es eine klassische Blaupause. Geliefert hat sie Sigmund Freud mit seiner Abhandlung über das Verhältnis von Kultur und Unbehagen, also Unlust und Leid. Die Quellen der Unlust und des Leids bekommen erstmals konkrete Begriffe und Gesichter. Dass wir alle nach Lustvermehrung streben, leuchtete mir unmittelbar ein. Genauso leuchtete mir ein, dass dies als grundsätzliches Prinzip nicht realisierbar sei; vor allem die Außenwelt erschien mir als die entscheidende Quelle von Unlust. Ich begriff für mich und die beobachteten Widersprüche den Widerstreit von Lustprinzip und  Realitätsprinzip als Sesam-Öffne-Dich, das mich in die Lage versetzte die entsetzliche Wirklichkeit nicht nur zu sehen, sondern auch zu erklären. Als wichtigste Quelle des Unglücks erschien die Kultur bzw. die Art und Weise, wie sie die menschlichen Beziehungen in ein Zwangskorsett zwängte. Der Urkonflikt trat auf den Plan, indem ich mir die Idee zu eigenmachte, dass Triebbefriedigung permanent unterlaufen bzw. unterbunden würde und damit einen strukturellen Gegensatz zu individueller Freiheit in die Welt trage. Das ganz und gar Unerträgliche an dieser Konstellation beruhte auf der gleichzeitigen Annahme, dass es aber doch die Liebe sei, die uns von all dem heilen könne, ja müsse! Die Liebe als Urmotiv der Familie – zumindest der Familie, wie ich sie kannte. Die Liebe umschloss in meiner Vorstellung nicht nur Sexualität, zudem noch in einer vollkommen idealisierten Vorstellung, sondern alle Formen und Spielarten einer liebevollen Zuwendung – und dies zuvorderst in der Gestalt der Beziehungen zwischen Eltern und ihren Kindern unter ganz besonderer Betonung der Mutter-Kind-Beziehung.

Nun hatte ich meine Theorie und geriet zunehmend in die Lage, die realen Verhältnisse daran zu messen!!! Was war los mit meiner Tante? Um meinen nachhaltigen Schock vorwegzunehmen – weil er sich in aller umfassenden Dramatik erst mit einer Zeitverzögerung von Jahrzehnten einstellte –, will ich hier etwas in den Raum stellen, was mir meine Cousine – jedenfalls in dieser Umfänglichkeit – erst nach ihren eigenen Lebenskrisen offenbarte. Dass sie es in ihrer gesamten Kindheit, in ihrer Jugend, in ihrem Erwachsenenleben, in der Zeit als sie ihre Mutter zum Sterben brachte, nicht ein einziges Mal erlebt habe, dass ihre Mutter – offen und offensiv – körperliche Nähe, Zärtlichkeit, Schmusen, die oxytocin-geschwängerte Atmosphäre eines vorbehaltlosen Kuschelns, Liebhabens erlaubt oder gesucht habe, macht mich – indem ich es hier aufschreibe – immer noch vollkommen fassungslos (meine Cousine hat dies u.a. niedergelegt in einem Brief an die kleine Gaby – entstanden durch Anregungen im Rahmen einer Therapie). Meine Cousine Gaby ist ein herzlicher, liebevoller Mensch, der seine Liebe in so vielen untauglichen wie tauglichen, für sie unzuträglichen wie zuträglichen Lebenssituationen verströmt (hat), dass sich für mich auch heute noch mehr Fragen als Antworten aufdrängen.

Klar war, dass man in einem eng geschnürten Korsett nicht zu sich selbst kommen kann, wenn die Kultur – die ungeschriebenen Gesetze – jemanden zwingen, sich zu verstellen – ein Leben lang. Unsere Großeltern, die Eltern meiner Mutter und meiner Tante, sind 1968 bzw. 1970 verstorben. Mir ist Jahrzehnte später glaubhaft vermittelt worden, dass unser Großvater bis zu seinem Tod nichts gewusst hat von einer Scheidung – diese Wahrheit hatten Mutter und Tochter tief in sich vergraben, auch verborgen vor der Enkelin bzw. der eigenen Tochter, die ihr eigenes Wissen, das sie zwischen Bettwäsche und Lavendel entdeckt hatte, ebenfalls tief in sich als Geheimnis aufbewahrte. Aber was bedeutet das? Kann man sich ein Leben in Einsamkeit und Lüge in diesem Ausmaß überhaupt nur annähernd vorstellen? Gaby, Willi und ich – wir spielten Vater-Mutter-Kind. Meine Tante spielte über Jahre mit Onkel Fred und Gaby Vater-Mutter-Kind. Es gibt viele Fotos, auf denen die kleine Familie zu sehen ist. Und es gibt unzählige Fotos, die Gaby mit ihrem Vater zeigen.

Unser Onkel Fred war in Bad Neuenahr eine Legende – eine Fußballlegende. Jeder kannte ihn, und fast alle bewunderten ihn. Dass dieser charmante Kölner Junge mit dem linken Bums in Bad Neuenahr schon Vater war, bevor er meine Tante Annemie heiratete, war einerseits so etwas wie ein offenes Geheimnis, andererseits aber auch viel weniger. Solche Tatbestände wurden nicht kommuniziert, darüber wurde nicht gesprochen – sie wurden so nachhaltig verschwiegen und verdrängt, dass selbst die unmittelbar Beteiligten der Amnesie anheimfielen. Immerhin hat sich der Sohn Onkel Freds – Gabys Halbbruder – seinem Vater an einem Rosenmontag in den 90er Jahren vorgestellt. Der Schock für Onkel Fred lag allein schon darin begründet, dass er plötzlich seinem Ebenbild gegenüberstand. Sag mir heute einer, wie das funktioniert hat?

Tatsache ist und bleibt, dass Fred Annemie heiratete. Annemie war eine schöne Frau – gleichzeitig ein Seelchen. Der richtige Mann an ihrer Seite hätte dieses Seelchen nicht nur als schöne Frau gesehen, er hätte all ihre Qualitäten, all ihre besonderen Seiten zum Blühen und Klingen gebracht. Aber dazu hätte er diese Frau aufrichtig lieben und sehen müssen – in der Haltung einer ganz und gar zweifelsfreien Höchstrelevanz. Aber unser Onkel Fred war nicht nur ein Frauenheld; er war offenkundig ein Mann, der eine selbstbewusste, tatkräftige Frau an seiner Seite benötigt hätte, jemand, der ihm Grenzen setzte; also das gerade Gegenteil von meiner Tante Annemie. Natürlich sehe ich heute im Konzert der Nachgeborenen ein großes Glück darin, dass aus dieser Verbindung die Cousine Gaby hervorgegangen ist; auch wenn ihr Leben von Anfang an nicht unter einem glücklichen Stern stand. Fred spielte das Spiel mit Netz und doppeltem Boden, bei dem man eine Frau – wie bei einem billigen Taschenspiertrick – einfach verschwinden lassen kann. Es war fast ein klassisches Doppelleben – aber eben nur fast. Fred hatte lange schon wieder eine Ehefrau in Köln; er war ja rechtmäßig geschieden. So kam er – der Vatermann – in unregelmäßigen Abständen zu Besuch, zu Ausflügen und Unternehmungen, und fuhr abends wieder in seine Arbeitswelt. Die Arbeitswelt war irgendwann nicht mehr die eines Handelsvertreters, sondern die eines kleinen Hoteliers in prominenter Lage, unmittelbar am Dom.

Das alles geht mich nicht wirklich etwas an. Die Anmaßung in den frühen siebziger Jahren war hingegen verständlich, weil mir diese Welt und die Menschen in ihr unverständlich blieben. Noch aus dem Bertelsmann-Lesering – da war ich allenfalls 16 – war mir ein Kompendium von Schriften des Philosophen Karl Jaspers zugekommen. Es liegt hier vor mir; es ist unter allen Büchern das in vielfacher Hinsicht besonderste! Zerlesen, mit Bleistift unterstrichene Passagen, da es noch keine Textmarker gab; es hat in allen existentiellen Krisen immer Botschaften parat gehabt, die mich nicht haben verzweifeln lassen. Um die Bedeutung meiner Tante für mein Weltverständnis aufzuschließen, gibt es – neben der freudschen Lektion – noch heute wesentliche Anstöße. Die wenigen Sätze Karl Jaspers‘ zum Alter entfalten heute erst ihre volle Wirkung. Ich bin inzwischen neunundsechzig Jahre alt:

„Ein Rückblick auf das eigene Leben, zumal im Alter, bringt in eine zweideutige Verfassung. Es ist, als ob man etwas abschlösse, was noch im Gange ist… Das Bewusstsein bewegt, das Wesentliche noch nicht gesagt, das Entscheidende, das sich ankündigt, noch nicht gefunden zu haben. Daher wird ein (philosophierender) Rückblick zu einem besseren Ausgang des Plans für künftige Arbeit. Das Sicherweitern der Vernunft ist nicht eingeschlossen in den biologischen Lebenskreis. Man kann in die für das Alter paradoxe Stimmung geraten, der Blick öffne sich auf Grund der geistigen Erfahrungen in neue Weiten.“

In der – innerhalb der zusammengestellten Schriften – integrierten Kleinen Schule des philosophischen Denkens überschreibt Jaspers einen Abschnitt mit Anker in der Ewigkeit. Darunter finden sich in Kapitel XI und XII Ausführungen über Liebe und Tod. Beide Kapitel sind für mein Denken mit Blick auf diese existentiellen Ewigkeitsthemen richtungsweisend geblieben. In der Phase des Sturm und Drangs, die gleichbedeutend war mit einer zweiten Geburt, in der man zur Welt kommt, indem man zur Sprache kommt, nahmen sich meine eher verzweifelt anmutenden Versuche zu beschreiben, was mich innerhalb der großen Familie bedrängte, dilettantisch aus:

efliH oder: Land des Schweigens - Land des Lächelns (1970)

Eine Frau zerbricht,
ohne Kraft gebiert sie die Krankheit,
provoziert das Mißverständnis,
als das sie ihr Leben langsam begreift.
Leben in sich –
Mikrokosmos:
Fehlentwicklung der stofflosen Materie,
die ausbricht in schütterer krankhafter Anomalie.
Lächelnd begrüßt man (die) Ursachen,
mit denen,
als die man lebt,
als die man redet über Zerredbares,
als da sind Gärten und Krankheit;
die selbst sich entpuppt als Paradoxon!
In wem, worin sei efliH,
die Hilfe?
Gewiß in niemandem,
dessen Stimmbänder
programmiert
zerreden die Wirklichkeit!

Soweit ich mich erinnere, ist dieser erste Versuch etwas mir Unheimliches zur Sprache zu bringen, das einzige Gedicht, das meine Mutter je von mir gelesen hat. Ich habe sie damit konfrontiert und habe gefragt, was los sei mit der Tante? Aber ich habe nicht nur gefragt – ich habe gleichzeitig angeklagt: Ihr könnt doch nicht alle einfach zusehen, wie die Tante zugrunde geht!

Die philosophischen Erörterungen zu einer Vorstellung von Liebe, wie sie Karl Jaspers entfaltet, haben mich 2007 wieder eingeholt. Sehr viel weiter unten wird seine Patenschaft aufleben und dann einen reifen – zumindest gereiften – Wanderer zwischen den Welten antreffen. Anfang der siebziger Jahre traf die Jasper‘sche Lektion mit der Freud‘schen zusammen. Mit einem Paukenschlag erhellte sich mir die missliche Lage meiner Tante: Primeln reagieren unmittelbar auf Liebes-, pardon, auf Wasserentzug; sie lassen buchstäblich die Köpfe hängen und zeigen ihre prekäre Mangelsituation an. Mir kam es so vor, dass meine Tante den Kopf dauerhaft hängen ließ, weil alle lebenserhaltenden Versorgungsleistungen auf ein Minimum abgesenkt waren. Die vitalisierenden Austauschbeziehungen zu den Nächsten waren so sehr geschrumpft, dass auf Augenhöhe ebenso wie nach oben, wo Eltern immerhin sich noch sorgten – wie nach unten, wo jemand gleichermaßen mit seinen Würzelchen in der Luft hing und nach Zuwendung lechzte, ein stetiger Mangel das Leben prägte. Meine Tante trottete Jahr um Jahr, wie der Esel dem Wagen – mit dem frischen Grün vor Augen – hinterher, ohne die geringste Chance, sich daran auch nur einmal laben zu dürfen. Das Opfer, das sie zum Wohlergehen ihrer Tochter brachte, ließ sich offenkundig nicht erweitern zu einer aktiven, liebevollen Zugewandtheit der eigenen Tochter gegenüber. Wenn ich versuche Freud‘sche Begriffe wie Lustvermehrung (im Sinne eines Lustprinzips) im Zusammenhang mit meiner Tante zu denken, drängen sich unmittelbar die Begriffe von Unlust und Leid in den Vordergrund. Meine Tante kam mir – bis auf wenige Jahre der Ausnahme – vor, wie das Ebenbild einer mater dolorosa, einer Schmerzensmutter, in deren Entbehrenserfahrung eigener Lust sich die emotionale Spärlichkeit der eigenen Tochter gegenüber spiegelte. Lust meint hier – vielleicht – am wenigsten sexuelle Lust –, sondern vielmehr das Bedürfnis nach Anerkennung, noch elementarer das Bedürfnis danach, überhaut zuerst einmal gesehen zu werden. Schwer verständlich bleibt die Zurückhaltung auch da, wo sich ein Gegenüber anbot, wo der männliche Blick mit Avancen einherging, und schlicht ein Interesse ihr gegenüber ganz einfach als Frau signalisierte. Die Kränkungserfahrungen müssen galaktischen Ausmaßes gewesen sein, und die daraus resultierenden Ängste vor Enttäuschung so grabentief, dass man kaum von einer Freiheit der Wahl reden mag. Im Brief meiner Cousine an die kleine Gaby erhält diese Annahme weitere Nahrung durch den Hinweis, dass die beiden Schwestern – meine Mutter und meine Tante – 1955 wieder etwa zur gleichen Zeit schwanger gewesen sein müssen. Während im November 1955 mein Bruder Wilfried geboren wurde, stellte sich für meine Tante – bei aller Last und aller Not – auch noch das Mega-Trauma einer Totgeburt ein; Gaby hätte eine Schwester gehabt, so wie ich einen Bruder hatte. Im Rückblick baut sich das Bild einer riesigen Glocke auf, unter der die Tante wohl nie einen anderen Klang gehört hat als den, dass im Leben alles schief läuft, was schief laufen kann. Sie hatte für sich Murphys Gesetz als lebensbegleitenden basso continuo angenommen.

Wut, Enttäuschung, Entrüstung sind gewiss umso ausgeprägter, je machtloser man vor einer Situation bzw. einem Zustand verharren muss. Meiner Mutter gegenüber war ich ungerecht und selbstgerecht gleichermaßen; meinen Vater sah ich in der Angelegenheit gar nicht erst in der Verantwortung. Die Keimzelle des Unbehagens in der Kultur lag zweifellos in der mütterlichen Linie begründet – in einem Lügengespinst, das die einen schützen sollte und die anderen nicht schützen konnte. Die Oma – die moralische Instanz der Familie – war wider Willen Mitwisserin des Ehedesasters; auch der juristischen Konsequenz einer Scheidung im erzkatholischen Mief der Voreifler. Sie schützte ihren jähzornigen Ehemann (vermutlich vor sich selbst); keiner hätte dafür garantieren wollen, dass der dem Stenz aus Kölle nicht ans Fell gehen würde. Die kleine Gaby, die der umfänglichsten und wirksamsten Schutzbastion bedurft hätte, konnte niemand schützen; sie sorgte für sich selbst durch Wohlgefallen und Willfährigkeit; ihre oberste Zielsetzung bestand im unbedingten Erhalt des Kontakts zum geliebten Papa – um jeden Preis.

Zur Welt war – neben Franz Josef und Wilfried, in einem anderen Leben – ja schon Ursula gekommen. Aber zur Welt kommen bedeutete bei uns nicht quasiautomatisch auch zur Sprache zu kommen. Zur Sprache kam eben nichts, außer Alltäglichem, Beiläufigem und Nebensächlichem. Über allem, was das Leben und seine Dynamik in der Familie ausmachte, herrschte tiefes Schweigen. Nein, das trifft es nicht in angemessener Weise. Das Tabu, das ein Schweigegebot hätte auslösen können, wirkte ja selbst im Verborgenen. Das teuflische an einer solch verzwickten Gemengelage liegt ja gerade darin, dass sich niemand auskennt, niemand etwas Genaues nicht weiß und – wenn überhaupt – nur im Trüben fischt. So kam es, dass sich über Jahre und Jahrzehnte die Fragen selbst rarmachten und begannen ein Versteck-Spiel zu treiben. So muss es nicht verwundern, dass uns das Fragenstellen selbst abhandenkam. Tief im Verborgenen kontrollierte die Scham das Miteinander. Wir alle lebten miteinander in einem wohlbegründeten Modus der Dankbarkeit. Dies verhalf dem Tabu zu einem komfortablen Dasein; einmal ganz davon abgesehen, dass das Leben ja nach vorne treibt und gelebt sein will – mit Kind und Kegel, mit so vielen Träumen, Hoffnungen und Erwartungen. So lebten wir alle – nun ja, Adorno würde sagen – unser richtiges Leben im falschen. Da tut es doch gut und lenkt die Aufmerksamkeit in eine ganz andere Richtung, wenn man einfach mal gut 1000 Kilometer südostwärts schaut – in die Nähe von Wien, nach St. Pölten oder nach Mistelbach:

Dort kam es in den frühen 60er Jahren in einer Familie zu einem nachhaltigen, heftigen Streit, weil jemand sich traute an einem Tabu zu rütteln. Franz Streit war nicht heimgekehrt. Ein paar spärliche Informationen gab es ja schon weiter unten zu lesen. Er hinterließ Frau und zwei Kinder, die im ehrfürchtigen Respekt vor ihrem Vater von der Mutter erzogen wurden. Dass Franz nicht nur Vater von zwei Söhnen war, sondern dass er im Rheinland eine Blutsspur hinterlassen hatte, so dass ihm dort genau zwischen den beiden Söhnen eine Tochter geboren wurde, hatte er bei seinem letzten Besuch in der Heimat der Mutter anvertraut. Die Mutter ihrerseits hatte sich irgendwann ihrer Tochter – der Julie – anvertraut, weil sie mit dieser Gewissenlast nicht alleine leben konnte. Wie sein Vater, war Werner Panzersoldat geworden und hatte während des Mauerbaus in stetiger Alarmbereitschaft eine ferne Ahnung davon bekommen, was dies wohl im Ernstfall bedeuten könnte (dass Werner Soldat in der Bundeswehr sein konnte, war eine Folge seiner Entscheidung – im Gegensatz zu seinem Bruder Gert – die deutsche der österreichischen Staatsangehörigkeit vorzuziehen. Gerda Streit, die Mutter, stammte aus Duisburg und war Deutsche). Bei einem seiner Besuche in Österreich nahm in sein Bruder bei der Ankunft beiseite und bereitete ihn auf dicke Luft vor. Etwas Ungeheuerliches war geschehen: In einem Streit zwischen der Gerda, ihrer Mutter, und der Julie, ihrer Tante und somit Schwägerin der Mutter (von der gesagt wurde, sie sei die Lieblingsschwester von Franz gewesen), hatte die Julie der Gerda in ihrer Wut – vielleicht auch in wohlüberlegtem Kalkül? – an den Kopf geworfen, sie solle doch endlich mal den Franz vom Altar holen. Diese Heldenverehrung sei ja nicht auszuhalten, wo doch jeder wisse, dass der Franz noch eine Tochter in Deutschland habe. Die Entrüstung und der Schock saßen gleichermaßen tief und lösten die unterschiedlichsten Reaktionen aus. Fest steht nur, dass die beiden Söhne Franz Streits von da an nie mehr der Gedanke losgelassen hat, diese Schwester zu finden – ihre Suche war ziel- und erfolglos, so ganz anders als die Bemühungen ihrer Schwester.

Ein kleiner Abschnitt – einfach so eingefügt in den Gedankenfluss – verändert das Bild einer heilen Familie, gar einer Familienidylle nachhaltig. Die Kreuzstraße 113 war ein ehrenwertes und vor allem ein offenes Haus. Es wäre ein lohnendes Unterfangen die Geschichte dieses Hauses und seiner vielen Bewohner zu erzählen.

Kindheit, Jugend und Schule (11)

Ich war ein ängstliches Kind, ein Muttersöhnchen ganz klassischen Zuschnitts. Die Mutter war der Hafen, sie verkörperte das Nährende und vor allem das Gewährende, das Weiche und Herzliche auch von ihrer körperlichen Seite her – so auch emotionaler Rückhalt auf allen Ebenen des Denkens, Fühlens und Hoffens. Die väterliche Seite war davon nicht wirklich trennscharf zu scheiden. Über ihn habe ich schon im Zusammenhang mit Ulla, meiner Schwester, berichtet. Gerade ihr gegenüber und aus ihrer Sicht zeigt sich mit Abstand bis heute, dass wir von einer Vaterfigur der besonderen Art sprechen. Er war schlicht ein Ermöglicher im Rahmen seiner Möglichkeiten – Fußball stand mit Abstand an erster Stelle, Fußball war sein Leben, dieses Gen hat er in allen Ihm Entwachsenen und Anvertrauten mit nachhaltiger Wirkung verankert. Beim Räumen bin ich auf einen Zeitungsartikel aus den 60er Jahren gestoßen: Schülerstadtmeister im Tischtennis – Doppel: Peter-Georg Witsch und Franz Josef Witsch, weder verwandt noch verschwägert, aber Nachbarskinder und Schulkameraden; Schülerstadtmeister im Einzel: 1. Platz: Peter-Georg Witsch – 2. Platz: Franz Josef Witsch. Der Vater hatte eine Tischtennisplatte gekauft, die bei gutem Wetter in der Garageneinfahrt und bei schlechtem Wetter in der Garage selbst platziert wurde. Hier haben wir alles gelernt, was man zum (Über-)leben braucht: Gemeinschaftssinn und taktische Finessen in der Doppelkonkurrenz, Durchsetzungsvermögen im Einzel sowie die nötige Frustrationstoleranz, um angemessen mit Enttäuschungen und Niederlagen umgehen zu können. Und wenn wir gar zu viele waren, dann wurde Tischtennis einfach im Rundlauf gespielt. In Klein-Frankreich, so der Name des Straßenzuges von der Landgrafenstraße bis zum Ostende der Stadt, lebten viele Kinder. Vor mir liegt das Foto der Dahlienkönigin aus dem Jahr 1965 – Helene Steinborn; ihrer Einladung zu Kakao und Kuchen waren zweiunddreißig (32) Kinder im Alter von vier bis vierzehn Jahren gefolgt.

Die Kombination von Individualsport (Tischtennis) und Mannschaftssport erwies sich als hohe Schule mit nachhaltigen Sozialisationseffekten. All dies taugte dazu den Wert von Gemeinschaft wie die Erfordernisse von individueller Durchsetzungskraft gleichermaßen zu vermitteln. Das hatte auch etwas zu tun mit der Verankerung eines Leistungsgedankens, der uns beispielsweise 1969/70 sowie 1970/71 in der A-Jugend-Sonderrunde des Fußballverbandes Rheinland die Chance eröffnete, unsere Kräfte in der für uns höchsten Spielklasse zu messen. Gerade der Fußball übt(e) bis ins hohe Fußball-Alter hinein eine große Faszination aus. Er war auch in die Studentenzeit hinein und weit über sie hinaus ein außerordentlicher Integrationsfaktor; sogar in der Wertschätzung meines Doktorvaters – ein motorisch bescheiden ausgestatteter Egg-Head – stieg ich in ungeahnte Höhen, als wir mit der Projektmannschaft PALEPS die Hochschulmeisterschaften im Hallenfußball gewinnen konnten.

Springen wir noch einmal zurück in eine Kindheit und frühe Jugend, die so unfassbar eindrücklich geprägt war von absoluter Freiheit einerseits und dem Gefühl der Zugehörigkeit und Geborgenheit andererseits. Entscheidend für dieses Lebensgefühl war die Tatsache, dass wir buchstäblich am Rande der Stadt wohnten. Mein Elternhaus – Kreuzstraße 113 (Baujahr 1900) stand lange einsam und alleine wie ein Monolith als zivilisatorischer Außenposten da. 1936 bauten meine Großeltern mütterlicherseits zunächst eine einzige Etage – ein unterkellertes Erdgeschoss an das etwa 11 Meter hohe Elternhaus meines Vaters (Kreuzstraße 111) – ein skurriles Panorama. Erst nach und nach, zu Beginn der fünfziger Jahre folgten in lockerer Bebauung mehrere Einfamilienhäuser in der Kreuzstraße. Diese Straße verfügte im Sinne eines singulären Alleinstellungsmerkmals auf der Höhe der beiden Elternhäuser über einen freien, ungehinderten Blick auf den gegenüberliegenden Sportplatz und darüber hinaus in die Parkanlagen – unverbaubar bis heute! Dort war mein Heimatverein der Sportclub 07 (SC07 Bad Neuenahr) zu Hause. Unterhalb dieser Sportanlage folgten die Zirkuswiese und daran anschließend der Schuttabladeplatz. Letztere Liegenschaften verschafften diesem Viertel das zweifelhafte Etikett Klein-Frankreich. Der Zirkus gehörte ein- bis zweimal im Jahr zu den kalendarischen Höhepunkten; alle Zirkusfamilien von Rang, ob Althoff, Barum, Knie, Krone oder Sarrasani machten bei uns Station. Ansonsten war die Zirkuswiese eine beliebte Anlaufstelle für das fahrende Volk – wir nannten sie damals Zigeuner. All dies umso mehr, als sich die Stadtverwaltung endlich entschloss auf der Höhe der Zirkuswiese einen Hydranten zu installieren. All die Jahre zuvor stellten die Häuser 111 und 113 in der Kreuzstraße die Zapfstellen zur Verfügung. Außergewöhnlich – auch unter dem Aspekt möglicher Gefährdungen – wirkte sich der Schuttabladeplatz aus. Die Kreuzstraße war bis auf die Höhe der Hausnummer 115, dort wohnte ab den frühen 50er Jahren die Familie Heinz, mit einer spiegelglatten Asphaltdecke versehen – für unsere Rollschuh-Aktivitäten eine geradezu paradiesische Voraussetzung. Die abknickende Apollinarisstraße war lange – bis in die sechziger Jahre – nicht mehr als ein befestigter Feldweg. Die Kreuzstraße selbst ging in ihrer Verlängerung über in einen befestigten Feldweg, der an der erwähnten, von Hainbuchen eingefriedeten Zirkuswiese, vorbei Richtung Osten zu einem großen als Schuttabladeplatz genutzten Areal führte. In den fünfziger und sechziger Jahren gab es noch nicht einmal Rudimente eines Umweltbewusstseins. Es gab keine Mülltrennung. Die Lastkraftwagen und seinerzeit vielfach noch Pferdefuhrwerke – vor allem der Bauern Hansen und Moog – verbrachten alle Sorten von Müll dorthin; Schlachtabfälle genauso wie Bauschutt oder das, was wir heute Restmüll nennen. Um allein das Müllvolumen zu begrenzen, wurde der Müll abgefackelt – je  nach Windrichtung waren wir grundsätzlich die ersten, die nicht nur den Qualm, sondern auch die Geruchsemissionen zu spüren bzw. zu riechen bekamen. Dies galt im Übrigen auch für den nach wie vor mit Dampfloks betriebenen Personen- und Güterverkehr auf der Ahrstrecke; die verlief etwa fünfhundert Meter nördlich parallel zur Kreuzstraße. Das gesamte Areal dazwischen war zu unserer Kindheit und Jugendzeit Wildnis. Wir verfügten so über eine unfassbare Vielfalt an Gelände, dass für alle erdenklichen Spielanlässe und –vorhaben alles bot, was Kinderherzen höher schlagen lässt. Die Gärten wurden abgelöst durch wilde Brombeerhecken, verwilderte, aufgelassene Gärten mit allen möglichen Obstbäumen. Es gab den Fußballplatz, der im Süden an die Ahr grenzte; die Ahr war im Sommer Badeplatz, bei Hochwasser gefürchtetes Wildwasser, das im Übrigen so manchen Fußball in die weite Welt entführte – über die Ahr in den Rhein und so bis in die Niederlande, die auf diese Weise zum ersten Mal überhaupt mit Fußbällen in Berührung kamen. Auf der anderen Seite der Ahr erstreckten sich weitläufige Parkanlagen – auch diese in allen Variationen, vom französisch inspirierten hingezirkelten Lenné-Park bis hin in den englischer Parkkultur nachempfundenen Kaiser-Wilhelm-Park – inmitten eine große Teichanlage, der sogenannte Schwanenteich; müßig zu betonen, dass von all den Kindern in Klein-Frankreich kaum eines einen Kindergarten von innen gesehen hat.

Von diesem Vorposten der Zivilisation musste man sich einige hundert Meter stadteinwärts bewegen, um zu realisieren, dass man tatsächlich in einem kleinen, aufstrebenden Kurstädtchen lebte. So war denn auch unser Schulweg geprägt von einer ländlich anmutenden Ausgangslage, von der aus wir uns dann – der Kreuzstraße folgend – zuerst über die Landgrafenstraße hinweg, die Wendelstraße kreuzend, die Jesuitenstraße rechter Hand liegen lassend über die Poststraße hinweg die Telegrafenstraße erreichten (an keinem Tag musste irgendjemand von uns Kindern diesen Schulweg alleine gehen). Nach wenigen Metern standen wir dann vor der imposanten Rosenkranzkirche. In unmittelbarer Nähe mit vorgelagertem Schulhof befand sich die Volksschule – das alles fest in katholischer Hand. Die Schule, in die wir Ostern 1958 eingeschult wurden, war kein vertrauenserweckender Ort, kein Ort, von dem man annehmen und erwarten konnte, dass wir im Mittelpunkt einer uns zugewandten, uns freudig und respektvoll empfangenden Institution stehen würden. Das ganze Gegenteil war von Beginn an der Fall. Die Klassen waren mit bis zu 60 Kinder in dafür nicht ausgelegten Räumen überfüllt. Die bewährten Rezepte einer äußerst schwarzen Pädagogik ließen in ihren Methoden immer noch die Handschrift einer mehrheitlich von nationalsozialistischen Erziehungsidealen geprägten Lehrerschaft erkennen. Mir genügt ein einziges, zentrales Beispiel, um dies eindrücklich zu belegen: Unsere Klassenlehrerin, Fräulein Esch, führte über den gesamten Vormittag eine Liste, in der sämtliche, von ihr als Vergehen gegen Ordnung und Disziplin erachtete Vorkommnisse vermerkt wurden. Am Ende des Schulunterrichts kam ihr Kollege Ostermann und schritt zur Exekution der verhängten Strafen. Die in der Kladde vermerkten Schüler mussten vor der Klasse antreten und sich mit ausgestreckten Armen hinstellen. Fräulein Esch entschied – je nach Schweregrad der Vergehen –, ob der Schüler die Handflächen oder die Handrücken zeigen musste. Mit einem Reis wurde dann entweder auf die Handinnenflächen oder die Handrücken geschlagen. Diese Vorgehensweise missachtet die Grundregeln auch körperlicher Züchtigung, deren Einhaltung selbst pädagogische Vertreter entsprechender Maßnahmen als unverzichtbar annehmen: Zwischen Vergehen und Bestrafung darf keine eklatante Zeitdifferenz – ein ganzer Schultag oder mehr – treten; neben dem Delegieren von Strafmaßnahmen vermittelt Schülern dies die Erfahrung pures Objekt von Sühnemaßnahmen zu sein, ohne dass der Strafende auch nur in der Lage ist, die von ihm vollzogene Strafe in ihrer Berechtigung und Angemessenheit begründen oder nachvollziehen zu können. Die Prügelstrafe gehörte zum alltäglichen Repertoire der Unterrichtsführung. Disziplinarische Verfehlungen oder Leistungsverweigerung (vergessene Hausaufgaben) wurden häufig durch Schläge geahndet.

Nach der vierten Klassenstufe verließen uns einige unserer Mitschüler Richtung Realschule oder Gymnasium. Rektor Müller empfahl meinen Eltern für mich den Übergang auf die Realschule alternativ auch das Gymnasium. Soweit ich mich erinnere, war dies nicht annähernd eine denkbare Option. Von all den Kindern, die das Gruppenfoto mit der Dahlienkönigin des Jahres 1965 zieren, besuchten nur wenige eine weiterführende Schule. So blieb ich ganz selbstverständlich auf der Volksschule. Wir zogen um – zuerst in einen Altbau in der Weststraße, später in einen Neubau in der Nachbarschaft, die heutige Grundschule Bad Neuenahr. Aufgrund akuten Lehrermangels fasste man die Klassenstufen 5/6 und 7/8 zu großen Lerngruppen zusammen mit jeweils über 50 Schülern. Der Schulunterricht war nach Geschlechtern und Konfessionen streng getrennt. Dass die Empfehlung eine weiterführende Schule zu besuchen nicht gänzlich unbegründet war, zeigte sich dann im Verlauf der weiteren vier Schuljahre (die seinerzeitige Volksschule schloss damals noch mit dem Besuch der achten Klasse ab). Die Lehrerschaft verjüngte sich rein altersmäßig. Mein Lieblingslehrer in den klassischen Fächern Deutsch, Rechnen, Heimat-/Erdkunde war der Lehrer Wilhelm. Er ermunterte mich zu konstanter mündlicher Mitarbeit, und er stellte meine Heftführungen als beispielhaft in den Raum. Meine Volksschulhefte haben die vielen Umzüge leider nicht überlebt. Ich entdeckte seinerzeit die Möglichkeit mittels Pauspapier Abbildungen, Risse, Zeichnungen in mein Heft zu übertragen und auf diese Weise die rein sprachliche Seite enorm aufzuwerten. Legendär waren meine Übertragungen der Erdteile in mein Erdkundeheft – vor allem die politischen Karten mit Ländergrenzen, Hauptstädten und Metropolen müssen eine reine Augenweide gewesen sein. So lernte ich die politische Geographie der Erdteile auswendig und illustrierte sie in meinen Arbeitsheften. Wer konnte denn damals schon aus dem Stehgreif die Hauptstädte von Uruguay oder Paraguay nennen? Der Enkel dieses von mir hochverehrten und geschätzten Lehrers, so alt wie mein Neffe Michael, hat als junger Mann Südamerika bereist, eine Straßenkinderprojekt „Menino“ (der Name auch der von ihm begründeten Band) begründet und ist schon als junger Mann mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden. Ein zweiter überaus prägender Pädagoge war der von uns allen hochgeschätzte Sportlehrer Erno Mahler. Die Begriffsverwendung Pädagoge gibt hier hohen Sinn, da wir alle gleichermaßen in Berührung kamen mit einer individualpädagogisch ausgerichteten Haltung eines Lehrers, der es Verstand die sachlich-fachlichen Anforderungen und Angebote mit den Entwicklungsmöglichkeiten seiner Schüler in einer wohlverstandene Passung zu bringen. Eine wohlkalkulierte didaktische Überforderung kitzelte ungeahnte Potentiale wach – immer gepaart mit einer individuell wertschätzenden Grundhaltung des Herrn Erno Mahler. Er lebt 82jährig in Bad Neuenahr und hat sich bis heute einen jungenhaften Charme bewahrt. Noch heute bewahre ich Zeitungsartikel auf, wonach das Basketball-Spiel auf der Volksschule geradezu kultiviert wurde und unsere Schulmannschaft auf Stadtebene einen schulübergreifenden Wettbewerb gewann.

Der Abschluss der Volksschule war mit einer Weggabelung verbunden, die vor allem auch alte, gewachsene Freundschaften über die Jahre relativierte, bis sie teils vollkommen absanken in jeweils getrennte Welten. Mein bester Freund, Peter-Georg Witsch, Namensvetter und Sparringspartner in allen Disziplinen, an denen sich Jungen-Identität – inclusive aller konkurrenzorientierten Individualisierungsschübe – ausbildet, machte nach der Volksschule eine Lehre zum Wasser- und Heizungsinstallateur. Mit Mitte dreißig wechselte er ins örtliche Spiel-Casino, im Übrigen ein Weg, der mir auch offen gestanden hätte, da unsere beiden Väter dort als Croupiers arbeiteten. Ende der achtziger Jahre führte ihn sein Weg in die Justizvollzugsanstalt Koblenz, weil er sich einer kriminellen Vereinigung angeschlossen hatte zum Zweck eines fortgesetzten Betrugs seines Arbeitgebers durch technische Manipulation der Spielgeräte. Wir haben uns danach noch einmal wiedergefunden, er hat – gemeinsam mit seinem Bruder, Karl-Heinz – das legendäre Fest zu meinem fünfzigsten Geburtstag im Café Hahn besucht und ist leider schon acht Jahre danach – im März 2010 – an einer Krebserkrankung verstorben. Er, sein Bruder, mein Bruder und Bernd Jobst, dem hier ein eigenes Kapitel zu widmen ist, bildeten Anfang der sechziger Jahre schon einmal so etwas wie eine zwielichtige Vereinigung, der sogenannte K9-Klub. Wir trafen uns in unserer Freizeit in einer Scheune bei Jopa (Bernd Jobst). Wir alle wohnten in einer Straßenflucht, in Klein-Frankreich, in der Kreuzstraße auf einem Straßenabschnitt, der eben einmal 100 Meter Wegstrecke umfasste. Wir organisierten unsere Spiele, kleine Fahrradtouren und erkundeten die Umgebung, beschafften uns auf unlautere Weise die notwendigen Utensilien und Lebensmittel für unsere kleinen Gelage. Während einer dieser Erkundungen – hoch über dem Apollinarisbrunnen (heute verläuft dort die Trasse der A61, nachdem sie das Ahrtal in Richtung Bonn/Köln überquert hat) – packte Jopa plötzlich eine Kamera aus und meinte: „Heute machen wir einmal ein Foto von uns allen!“ Ungläubig sahen wir unseren Spinner an – Jopa war schon damals ein recht exzentrischer Sonderling, und meinten: „Und wer fotografiert???“ Mit einer überlegenen Geste wischte er unsere dumme Frage hinweg und klärte auf: „Das ist eine Kamera mit Selbstauslöser. Ich stelle einen ausreichenden Zeitvorrat ein, und wir postieren uns in etwa 10 Meter Entfernung.“ Jopa platzierte die Kamera auf einem kleinen planierten Erdhügel, nachdem er den Kameraausschnitt überprüft und justiert hatte. Wir lagen schon bereit. Er drückte auf den Auslöser und spazierte in aller Seelenruhe zu uns hin, legte sich neben uns, mahnte uns zum Stillhalten, bis der Auslöser vernehmlich das Objektiv zur Belichtung öffnete. Das Foto, das ich hüte, wie meinen Augapfel, zeigt von links nach rechts zuerst den Jupp, dann den Peter, seinen Bruder Karl-Heinz, meinen Bruder Willi und schließlich den Meisterfotografen Bernd Jobst, unseren Jopa. Drei dieser damals etwa acht- bis etwa zwölfjährigen Jungs strecken ihre jeweils linken Unterschenkel himmelwärts – eine Bewegungsrichtung, die von drei im Hintergrund stehenden Zaunpfählen aufgenommen wird. Diese drei, Willi, Jopa und Peter, sind die ersten drei Verstorbenen, Willi 1994 im Alter von 38 Jahren, Jopa 1995 im Alter von 41 Jahren und Peter-Georg 2010 im Alter von 59 Jahren – zuletzt folgte der jüngste der K9er, Karl-Heinz, der vor wenigen Jahren im Alter von eben erst 60 Jahren verstorben ist – der einzige Überlebende kommt jetzt seiner Chronistenpflicht nach.

Von uns Fünfen war es mir alleine vergönnt von der herkunftsgemäßen, vorgespurten Bahn (Schullaufbahn) abzuweichen. Voraussetzung dafür war der einsame Entschluss die verspätete gymnasiale Laufbahn zu wagen. Mitte der sechziger Jahre zeigte sich die von Georg Picht ausgerufene und diagnostizierte Bildungskatastrophe in all ihren verheerenden Auswirkungen. Er kritisierte in einer Artikelserie die Situation des seinerzeitigen Bildungswesens in der Bundesrepublik an und löste eine intensive Debatte mit ersten schulpolitischen Konsequenzen aus. Dabei ging es vor allem um die im internationalen Vergleich niedrigen Bildungsausgaben in Deutschland und die geringe Quote an Abiturienten und die großen Unterschiede zwischen Stadt und Land. Im Raum stand die Forderung nach grundlegenden Reformen des dreigliedrigen Schulsystems und der Erwachsenenbildung. Die SPD mit ihrer Gallionsfigur Willy Brandt forcierte mit ihrer Parole Mehr Demokratie wagen auch eine Kehrtwende in der Bildungspolitik. Die Mobilisierung von Bildungsreserven lief unter anderem auch über die sogenannten Aufbau-Gymnasien, die qualifizierten Volksschulabsolventen und Realschulabgängern einen Übergang in die Mittel- bzw. Oberstufe des Gymnasiums ermöglichten. Ich wechselte nach bestandener Aufnahmeprüfung 1966 auf das Are-Gymnasium Bad Neuenahr. Schon in der Obertertia erwischte es mich zum ersten Mal. Das Anforderungsniveau und das Tempo erwiesen sich als zu rasant. Ich benötigte einfach eine etwas längere Anpassungsphase – und da war noch etwas anderes: Ich fand auf dem Aufbaugymnasium alte Freunde aus der Volksschule wieder, sowie gescheiterte Gymnasiasten, die hier ihre zweite Chance suchten. Vor allem aber versammelten sich auf dieser Schule junge Menschen, die im Alter von 14, 15, 16 Jahren vielleicht schon etwas deutlicher sehen konnten, dass sie hier eine unverhoffte Chance bekamen, ihrem Leben gewissermaßen eine Wende in Richtung Bildungserfolg (mit der Perspektive Studium und beruflichem Aufstieg) geben zu können. Der Radius, der sich schlagen lässt, um die Herkunftsorte der Schüler zu erfassen, lag sicher zwischen 100 und 150 Kilometern. Dies lag daran, dass das Are-Gymnasium eine Internatsschule war; ab 1965 mit den Jungeninternat auf der Hauptstraße (das sogenannte Päda) und dem Walburgisstift für die Mädchen auf der südlichen Seite der Ahr in Beuel, wo auch der Schulneubau – eingeweiht 1965 – entstand.

So trug sich ein Aufbruch in zweifacher Hinsicht zu: ein Aufbruch in ungeahnte Bildungswelten und vor allem hinein in die ausgehende zweite Hälfte der sechziger Jahre. Damit bewegten wir uns nicht nur in einem beginnenden sozialen Umbruch, sondern die kulturelle und politische Dimension dieses Umbruchs begegnete und konfrontierte uns mit unglaublich vielen Facetten und Möglichkeiten:

Der – vordergründig betrachtet – faszinierendste Einfluss ging von der Musik aus. Beatles und Rolling Stones waren schon seit Anfang bzw. Mitte der sechziger Jahre unterwegs; Beach-Boys, The Who, Small Faces und Bee Gees gleichermaßen. Und dann betraten Jimmy Hendrix, Jim Morrison, Bob Dylan, Joan Baez und so viele andere die öffentliche Bühne. Alles ging dann sehr schnell. Ich hatte mit Wolfgang Bialek und Fredy Biedermann Weggefährten aus der Volksschule wiedergefunden, hinzu kamen Percy Wilhelm und Alfred Mayer. Schon 1967 hoben wir The Lice aus der Taufe. Dazu bedurfte es zunächst einmal lediglich einiger akustischer Gitarren; Wolfgang bekam als Einzelkind von seinen Eltern ein Schlagzeug und einen Bass geschenkt. Nach den ersten zaghaften Versuchen stand der Entschluss. Wir waren fleißige Jungs, die sich manche Mark nebenher verdienten, und so hatten wir 1968 ein komplettes – wenn auch bescheidenes Equipment beieinander und legten einen beeindruckenden Fleiß und eine enorme Energie an den Tag, um schnellstmöglich bühnenreif zu werden. Im Keller der Borromäus-Bücherei fanden wir einen Probenraum. Wir nahmen schon im Frühjahr 1968 am lokalen Wettbewerb regionaler Bands im Bürgerhaus Heppingen teil und hatten recht schnell ein passables Repertoire beieinander, um eineinhalb Stunden auf der Bühne (be-)stehen zu können. Dabei kam uns enorm zugute, dass wir mit Fredy Biedermann einen excellenten Sänger in unseren Reihen hatten, hinter dem wir alle miteinander ein Stück weit abfielen: Unsere Paradestücke schöpften wir aus den Megahits der Bee Gees (Words, To Love Somebody), natürlich der Stones (Satisfaction, Paint It Black, Tim Is On My Side, Under My Thumb, Jumpin‘ Jack Flash), dann ein Paradestücke von Small Faces (All Or Nothing), bei dem der Fredy Biedermann zur absoluten Höchstform auflief; dies galt gleichermaßen für „Give Me A Ticket For An Aeroplane“ von den Box Tops. Dazu kamen von den Tremoloes „Silence Is Golden“ und vor allem von Otis Redding: „(Sittin On) The Dock Of The Bay“. Stücke, die bei keinem Auftritt fehlen durften, waren selbstredend „House Of The Rising Sun“ von Eric Burdon & The Animals und „Hey Joe“ von Jimmy Hendrix. Das Kultstück aber schlechthin war Nights in White satin! In den Osterferien 1968 machten wir – Wolfgang Bialek, Fredy Biedermann und ich – uns mit den Fahrrädern auf den Weg. In einem weit ausholenden Dreieck fuhren wir drei Jugendherbergen als Zwischenziele an: Die erste Station war Boppard am Rhein. Von dort aus fuhren wir auf die Höhe durch den Hunsrück bis nach Simmern, und dann weiter nach Cochem an die Mosel, um anschließend den letzten Tagesritt von dort aus durch die südliche Eifel zurück nach Bad Neuenahr in Angriff zu nehmen. Zu unserer Grundausrüstung gehörte ein Koffer(Transistor)Radio, das abwechselnd an der Mittelstrebe unserer Fahrräder mit Klebestreifen fixiert wurde. Auf jeder Tour hörten wir mehrmals Nigths in White Satin und waren uns einig, dass diese Herz-Schmerz-Ballade zu unserem Standardrepertoire gehören sollte. Für mich ganz persönlich bildet dieser Song ein gewaltiges Hintergrundrauschen bei meinen ersten unglücklichen Liebesdramen. Aber unserer Band war nur ein einziger, kurzer Sommer beschieden: Fredy Biedermanns Eltern waren früh geschieden, und Fredys Vater – ein bunter Hund – unterhielt in Remagen einen Club. Er verschaffte uns sonntagsnachmittägliche Auftrittsmöglichkeiten. So ansehnlich und so verlockend anfangs die Gelegenheiten waren auf der Bühne im Rampenlicht zu stehen, so schnell war dann der Spaß auch vorbei. Rampensau-Qualitäten hatte ohnehin ausschließlich Fredy Biedermann.

Ich war ja bereits in der Obertertia hängengeblieben, und meine Schulleistungen waren im Keller. Es gab ein klärendes Gespräch zwischen der Mittelstufenleitern, Frau Ledig – sie wohnte in der Kreuzstraße, drei Häuser stadteinwärts von der 113 aus gesehen – sozusagen in der Nachbarschaft. Sie machte unmissverständlich klar, dass ich bei gleichbleibenden Leistungen die Schule verlassen müsste. Die Wochen und Monate, die sich anschlossen, kommen annähernd dem gleich, was ich Wendepunkte im Luhmannschen Sinne nenne. Schon nach wenigen Wochen eröffnete ich meinen Kumpels von „The Lice“, dass sie in Zukunft ohne mich auskommen müssten. Ich war in mich gegangen und hatte eine klare Entscheidung gegen die Band und für die Schule getroffen. Das Ergebnis kann man hier in aller Kürze abhandeln und kommentieren: Heute nennt man das wohl Mobbing, was ich dann erlebte. Die Jungs schnitten mich, kein Wort – sie gingen mir schlicht aus dem Weg. Diese Entscheidung war absolut weichenstellend – so etwas hat sich immer wieder einmal in meinem Leben zugetragen. Keiner meiner Bandkollegen hat Abitur gemacht. Allesamt haben den Übergang in die Oberstufe nicht geschafft. Mein Schulweg war auch danach mühsam und von einem weiteren Rückschlag begleitet, da ich die Unterprima wiederholen musste. Mein bestes Zeugnis auf dem Gymnasium war mein Abiturzeugnis, auf dem keine Note schlechter als befriedigend ausfiel – außer Mathematik (mangelhaft). Aber damit konnte ich seinerzeit bestens leben. Die sozialen Kontakte verschoben sich allmählich – Erwin Josten, Günther Traub, Edmund Lenz, Dieter Rolser waren dabei die engsten Freunde; nicht unerwähnt bleiben darf meine unglückliche und unerfüllte Liebe zu Karin Franzen. Sie war lange Jahre die Gefährtin von Jochen Scharfenstein, der ein unzertrennliches Duo mit Arnold Retzer bildete. Beide gehören – wie ich – dem 52er Jahrgang an, und beide haben mir Nachhilfe in Mathematik erteilt, so dass ich wenigstens ein mangelhaft ins Abitur retten konnte. Arnold Retzer hat dann mehr als vierzig Jahre später die Laudatio zu meinem Berufsausstieg 2017 gehalten – wir haben dabei gemeinsam gleichermaßen Van Morrison und excellenten Gülser Weinen die Ehre gegeben.

Drei prägende LehrerInnen möchte ich erwähnen: Zum einen die bereits genannte Nachbarin aus der Kreuzstraße, Fräulein Ledig, lange Jahre meine Lateinlehrerin, die – so glaube ich – häufig (ohne meine Kenntnis) ihre schützende Hand über mich gehalten hat. Dann einen Drecksack erster Güte: Wolfgang Groß, genannt „Goofy“ (Mathematik und Physik). Besonders er ist mir in Erinnerung als ein Vertreter einer rabenschwarzen Pädagogik – vielleicht hatte er mich, aus welchen Gründen auch immer, besonders auf dem Bildschirm. Mindestens einmal in der Woche war ich auserkoren entweder Hausaufgaben oder auch einfach nur im Laufe der Unterrichtsstunde gestellte Aufgaben an der Tafel zu lösen: „Witsch, bitte an die Tafel, zeigen Sie uns doch bitte einen möglichen Lösungsweg!“ Wohlwissend, dass er mich genüsslich und krachend scheitern sehen würde, während er mit übergeschlagenen Beinen auf dem Tisch süffisant meine – in der Regel – aussichtslosen Bemühungen beobachtete. Die gänzlich andere Seite – sozusagen im Sinne eines pädagogischen Leuchtturms – repräsentierte Magister Karl Heinz Klein; der war kein Lehrer, sondern kam aus dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk (ich meine WDR Köln) als Deutschlehrer zu uns und entpuppte sich als der Förderer und Facilitator schlechthin. Er regte mich zum Literaturstudium an, beobachtete und förderte meine ersten lyrischen Versuche. Im Vorwort meines ersten Lyrikbändchens 2003 habe ich mich seiner erinnert und ihm für seine Unterstützung und Ermunterung gedankt. Wir haben uns mehrfach getroffen und einen kleinen, späten Schriftverkehr begründet.

Schule war dann natürlich noch sehr viel mehr. Die späteren „Bendorfer“ sind die gesamte Oberstufe gemeinsam marschiert und dachten seinerzeit Freundschaften fürs Leben zu begründen – immerhin waren es ja auch drei Paarbeziehungen, die es bis nach Koblenz bzw. nach Bendorf geschafft haben. Heute nenne ich nicht einmal mehr die Namen bzw. ich erwähne sie nur noch kürzelweise, weil sich alle Bindungen und Verbindungen nach meinem 50sten Geburtstag 2002 aufgelöst haben und alle Versuche der Kontaktaufnahme – zumindest zu T. und Ev. – zurückgewiesen wurden; nichts ist für immer.

Will ich meinen merkwürdigen Weg in allen mir erinnerlichen Facetten nachvollziehen, dann müsste hier meine Abiturrede folgen – sie löste 1974 einen Skandal aus (ich werde sie gelegentlich einfügen). Das Schreiben des seinerzeitigen Schulleiters, des ehrenwerten Dr. Helmut Bauer, liegt mir noch vor und ist in seinem Tenor sehr hellsichtig richtungsweisend gewesen.

                                Er schrieb mir am 19. Juni 1974

                                „Lieber Franz-Josef Witsch!

Ich möchte nicht mit einer Briefschuld in die großen Ferien gehen und versuche deshalb eine vorläufige Antwort auf Ihre ‚Stichworte‘, die Sie mir bei der Abiturienten-Entlassungsfeier übergaben. Sehr beeindruckt hat mich die Tatsache, dass Sie die Worte auf dem Grundstein unserer Schule ‚Sum ut fiam‘ zum Ausgangspunkt Ihrer Überlegungen machten. Wie dieses Motto eigentlich gemeint war, hatte ich einmal bei einer Abiturienten-Entlassungsfeier näher ausgeführt. Solle ich noch einen Durchschlag davon finden, könnte ich Ihnen diesen gern noch zusenden. Vorläufig als kleiner Dank für Ihre Aufmerksamkeit ein Rest-Exemplar des Jahresberichts 1964/65, der Ihnen zusammen mit dem natürlich inzwischen auch veralteten Prospekt einer kleine Erinnerung sein soll.

Erst durch Ihre Äußerungen wurde mir klar, in welch desolatem Zustand Ihre Generation unserer Welt sieht. Ob die gleich Überzeugung von Ihnen noch in wenigen Jahren geteilt werden wird, möchte ich allerdings bezweifeln. Solange Welt keine Wirklichkeit, sondern nur Vorstellung ist, misst man sie an einem selbstgesetzten Ideal. Das ist das Vorrecht jeder jungen Generation. Später versucht man, einfach für andere dazusein, ein Werk nach bestem Wissen und Gewissen zu tun und in allem ‚sein Bestes‘ zu geben, was natürlich in den Augen der Mitmenschen nie ganz wir gelingen können.

Die Begründung Ihrer verzweifelten Grundhaltung, dass es sich hier um eine ‚Selbstentfremdung handele, scheint mir allerdings nicht eigener, sondern übernommener Ansicht zu entspringen, wobei hinzuzufügen ist, dass keiner in Denken und Ansichten den Zeitströmungen zu entrinnen vermag, in denen er unvermeidlicherweise befangen ist.

Zur behaupteten ‚Hypokrisie‘ allerdings vermag ich keinerlei Stellung zu nehmen, da diese, so allgemein ausgesprochen, sich nicht verifizieren lässt.

Zum Schluss darf ich Ihnen noch sagen, dass mich eines sehr erstaunt hat: Sie sprechen immer vom Erziehungsanspruch der höheren Schule und erwähnen nicht ein einziges Mal das, was sie mit Bildung eigentlich zu erreichen versucht; d.h. mit der Vermittlung von Fertigkeiten und Fähigkeiten, ohne die geistige Arbeit gar nicht möglich wäre. Um das aber zu erreichen, sind ‚Kärrner‘ notwendig, die ihre harte tägliche Pflicht tun und nur hoffen können, dass gestreuter Same aufgehe und Frucht bringe.

Mit guten Wünschen für Ihre persönliche Zukunft und freundlichen Grüßen

Dr. Bauer (Oberstudiendirektor)

So brüsk und entrüstet ich seinerzeit die Hinweise Dr. Bauers zurückwies, wenn ich die Welt weiterhin so düster und durch eine völlig überzogene, unangemessene moralinsaure Brille betrachten würde, hätte ich eine gleichermaßen düstere Zukunft vor mir, so uneingeschränkt muss ich ihm rückblickend zustimmen. Fast fünfzig Jahre nach diesen besorgten Worten, wäre er vermutlich ein wenig stolz auf mich, weil ich mir nahezu seine gesamte Argumentation zu eigengemacht habe; gewiss bin ich seiner Weltsicht eher gefolgt als meiner spätpubertären Weltschelte und habe nach bestem Wissen und Gewissen etwas getan – mein Bestes gegeben –, „was natürlich in den Augen der Mitmenschen nie ganz wird gelingen können“. Im Scheitern jedenfalls bin ich ein Meister fast aller Klassen geworden.

Zu meiner düsteren Weltsicht passten die ersten Versuche, sich politisch zu positionieren und zu profilieren. Ich arbeitete in der Schüler-SV mit. Es bildete sich eine erste, sich marxistisch nennende und sich als solche verstehende Schülerzelle. Ein bekannter Schülertreffpunkt befand sich am Beginn der Jesuitenstraße, die schräg gegenüber des Jungeninternats zuerst als Gabelung, von der Hauptstraße südlich in Richtung Kreuzstraße führt. In der Gabelung befindet sich ein Heiligenhäuschen. Die vorgelagerten Stufen dienten vor allem im Sommer als Sitzgelegenheiten, die häufig von Schülern belagert wurden. Ende der sechziger Jahre lernten wir bei dem seinerzeit mit Abstand versiertesten Gitarristen der Stadt die ersten Riffs. Der Junge war Ulrich Schmücker, der am 5. Juni 1974 in Berlin ermordet wurde. Schmücker hatte sich der Vereinigung „2. Juni“ angeschlossen. Nachdem er mit führenden Mitgliedern 1972 in Bad Neuenahr verhaftet und nach einem Jahr entlassen wurde, ging er nach Berlin zurück und arbeitete – vom Verfassungsschutz angeworben – als V-Mann. Nach seiner Enttarnung wurde er Opfer eines Fememordes. Über die genauen Zusammenhänge und die Verstrickungen des Verfassungsschutzes herrscht nach wie vor Unklarheit.  Im längsten Prozess der Justizgeschichte der Bundesrepublik versuchte man die Ermordung Schmückers aufzuklären. Dies ist bis heute nicht abschließend gelungen, so dass wir es bis heute von einem peinlichen Justizskandal sprechen müssen.

Dies findet hier Erwähnung, weil der Weg in die siebziger Jahre – nach Koblenz und ins Studium – letztlich auch im Hinblick auf meine politische Sozialisation von einer Reihe von Irritationen begleitet war. Die Erschütterung über die Verirrungen Ulrich Schmückers und seinen Tod haben bis heute ihren Nachhall nicht verloren.

 Ein ehrenwertes Haus II - Die vierte Generation (15)

Im Dachgeschoss der Kreuzstraße 113 gab es gartenseitig eine kleine Kammer, die auch gaubenartig ausgebaut wurde. Nach der Heirat meiner Schwester mit meinem Schwager Ernst wurde diese Kammer zum ersten eigenen, abgeschlossenen Rückzugsort der jungen Eheleute. Michael, der im Januar 1962 geboren werden sollte, war ja ein typisches sogenanntes Sechsmonatskind. Dieses Schicksal teilte er mit vielen seiner GenerationsgenossInnen – nichts besonderes! Diese Sprachregelung diente selbstredend nur der Verschleierung der Tatsache, dass meine Schwester bereits in Umständen war, als die beiden heirateten – standesamtlich und kirchlich an einem Tag im Sommer 1961. Am Tag der Hochzeit – nach einem gemeinsamen Kaffee in der Familie – traten die beiden ihre Hochzeitsreise an! Wohin wohl? Nach Flammersfeld – back to the roots – an den Geburtsort meiner Schwester. Sie fuhren mit Ernstens Isetta die gleiche Strecke, die Ullas Mutter im Frühsommer 1942 – zwanzig Jahre zuvor – gefahren war, um sich in Flammersfeld in die Obhut des NSV-geführten Entbindungsheims zu begeben.

So bekam das ehrenwerte Haus alles zu sehen, was in Klein-Frankreich – so wie allerorten – zu einem ganz normalen Leben dazu gehört. In der Sippe und in der Wohngemeinschaft im Umfeld der beiden Nachbarhäuser – Backe an Backe – gab es den Alkoholiker, den notorischen Fremdgeher, Sechsmonatskinder, kinderlos gebliebene Liebende platonischen Zuschnitts, damals schon versingelte Einzelgänger. Vor allem gab es aber ein Geheimnis, dass alle anderen gewöhnlichen Vorkommnisse noch ein wenig an Tragweite in den Schatten stellte. Meine Schwester hat mir erzählt, dass es immer wieder Ereignisse gab, die ihr zumindest ungewöhnlich erschienen – jenseits des allzu alltäglichen Gewöhnlichen. Dazu gehörten auch die Hänseleien, dass ihr Vater ja gar nicht ihr richtiger Papa wäre.

Gewiss spielte dies ganz sicher keine Rolle vom 14. Januar 1962 an; das ist der Geburtstag meines Neffen. Knapp zwanzig Jahre nach der zufälligen Geburt seiner Mutter, erblickt ein strammer Junge das Licht der Welt. Alle kommen zusammen, um das Kindlein anzuschauen und fortan wohlwollend zu begleiten – ein besonderes Kindlein? An dieser auch nicht ganz selbstverständlichen Geburt und dem, was sich anschließt, lässt sich mit einem Abstand von fast sechzig Jahren so außerordentlich Ungewöhnliches, vielleicht Besonderes zeigen: Die Mutter ist jung – ein Backfisch typischen Zuschnitts für die ausgehenden fünfziger und beginnenden sechziger Jahre. Ihr wird ein wildes, ungestümes, teils widerborstiges Wesen nachgesagt. Immerhin hat sie es zu einem Aufenthalt in einer Haushaltsschule klassischen, ultrakonservativen Zuschnitts gebracht. Nach dem Abschluss der Volksschule kam man auf die Idee, das Einschleifen von Zucht und Ordnung sowie die Grundfertigkeiten zu einer rollenbewussten Haushaltsführung in fremde Hände zu geben. Bensberg war aber nur eine kurze Episode mit einem fluchtartigen Ende. Die anschließende Lehre in der Weinbrennerei Both in Ahrweiler machte sie dann zur Grenzgängerin zwischen Bad Neuenahr und Ahrweiler. In den beginnenden sechziger Jahren heiratete man eigentlich nicht über die Stadtgrenzen hinweg; die Rivalität zwischen den seinerzeit kommunalpolitisch noch unverbundenen Städtchen war legendär.

Sieht man sich frühe Fotos von Michaels Eltern an, so mag man meine Schwester schon auch verstehen können. Der Schwager verkörperte auf einer Skala von 0 bis 100 das Männerbild der ausgehenden fünfziger Jahre ganz sicher mit einem Extremwert – athletischer Körperbau, ausgeprägte männliche Gesichtszüge, starker Bartwuchs. Entscheidender war aber wohl die Männlichkeitsattitüde. Meine zum Auftakt erzählte Einbrecher-Geschichte hatte – wie angedeutet – ganz sicher auch eine endokrine Dimension. Der sogenannte chemotionale overkill war zweifellos ein vernunftminderndes Antriebsmoment. Ganz gewiss war es aber nicht eine strukturelle Variable im Sinne einer auf Permanenz gebürsteten, testosterongesteuerten Männlichkeitsfalle. Das war bei meinem Schwager anders. Willi, mein jüngerer Bruder und ich bewunderten diesen jungen, kraftstrotzenden Mann, der eine andere Weltsicht und eine andere energetische Präsenz in unsere Familie brachte. Und er gehörte ja dann – nolens volens – ruck-zuck dazu. Unser Mittagstisch wurde erweitert. An den Wochenenden allemal saßen wir nun zu sechst am Küchentisch in der Kreuzstraße 113. Auch hier eine Vorwegnahme kleineren Zuschnitts: Wenn Claudia und ich auch heute noch regelmäßigen Kontakt zu meine Ex-Schwager pflegen, dann beruht dies auf einer fortgesetzten Loyalitätshaltung gegenüber seiner verlustig gegangenen Schwiegerfamilie, die mir bemerkenswert vorkommt. Hier war die Integrationsfigur unsere Mutter. Ganz gewiss kann man von einer respektvollen, dankbaren Haltung gegenüber Ullas Mutter sprechen. Und dies bedeutet nicht im Geringsten eine auch nur halbwegs sichtbare Differenz gegenüber unserem Vater. Ernst betont bis heute, dass er in der Kreuzstraße 113 zum allerersten Mal Familie in einer umfassenden, für ihn ungewohnten Form erlebt habe. Diese Haltung hat die gescheiterte Ehe überdauert. Die Differenz, die sich aufbaut im Zuge einer männlichen Identitätssuche sowohl zu seinem Sohn als auch zu mir, berührt einen lebensbegleitenden Grundkonflikt, an dem wir auf unterschiedliche Weise die Erosion eines klassischen männlichen Selbstbildes nachvollziehen werden.

Der Schoß der Familie war ein weicher und tiefgründiger für meinen Neffen Michael. Meine Cousine Gaby konnte es kaum erwarten, ihn endlich in Augenschein und auch in den Arm zu nehmen, nachdem sie sein Zur-Welt-Kommen verpasst hatte. In ihren Erinnerungen an einen traumatischen, sechswöchigen Erholungsaufenthalt an der Nordsee (Wyk auf Föhr) deutet sie an, dass sie an jedem noch verbleibendem Tag die Stunden und die Minuten zählte, bis sie endlich nach Hause durfte. Natürlich weiß ich das alles, weil ich inzwischen schon so unendlich alt bin. Das Ei, aus dem ich gekrochen bin, lag ja in genau so einem Nest, wo man als Säugling und als Kleinkind alles bekommt, auch wenn nichts da ist. Michaels Ankunft erfreute eine Uroma, einen Uropa, eine Oma, eine Großtante, zwei Onkel und eine Großcousine. Da konnten die Eltern getrost ihrer Arbeit nachgehen. Für alles war gesorgt. Vergessen habe ich jetzt den Opa. Allein am liebevollen und ehrenden Andenken, das ihm sein Enkel bewahrt, lässt sich ermessen, in welch sicherem Hafen sich das Schiffchen des Heranwachsenden bewegte. Ein zweites Mal zeigte sich, dass dieser Theo Witsch nicht ganz von dieser Welt war.

Mein Freund Hans, der sich einige Jahre in häuslicher Gemeinschaft mit dem Sohn seiner Lebensabschnittsgefährtin arrangieren musste, hat mehrfach betont, dass er – wäre er ein Löwe – die missratene Brut (seine Worte) längst totgebissen bzw. weggebissen hätte. Entspannung kehrte in der Tat erst wieder ein, als der Sohn sich entschloss, sich fortan in väterliche Obhut zu begeben. Die kleine Randbemerkung zeigt, dass eine erkennbar vollständige Akzeptanz blutsmäßig artfremder Familienmitglieder (aus der Sicht des Vaters bzw. Großvaters) – zumal noch in der Ausprägung einer liebevollen Zuwendung – alles andere als selbstverständlich ist.

Es ist in der Tat hier nicht die Rede von einer oft beobachteten blinden Loyalitätshaltung der Kinder und Enkel ihren Eltern/Großeltern – insbesondere dem blutsmäßig nicht verwandten Stiefvater/Stiefgroßvater gegenüber; das ganze Gegenteil ist der Fall: Zeit seines Lebens – je älter er wurde, umso intensiver – praktizierte Theo Witsch eine rückhaltlose Loyalität seiner Stieftochter und seinem Stiefenkel gegenüber.

Was Michael für seine Großmutter bedeutet haben mag, beschäftigt mich bis zum heutigen Tag. Da kam ein Wesen zur Welt, das in unmittelbarer Blutslinie zu Franz Streit stand – ein durchaus besonderes Menschenwesen. Ohne Franz Streit keine Ursula – ohne Ursula kein Michael. Wir schauen heute unsere Enkelkinder an und rätseln, welche Linie sich hier wohl zeigt. Ich folge auch hier George Steiner, der andeutet, dass das Universum, das sich in einem Menschen heranbildet und verkörpert, mit dem Libidinösen gleichzusetzen… es mit biogenetischen, fortpflanzungsbezogenen Präferenzen zu erklären, einer fast verächtlichen Reduktion gleichkommt. Und auch wenn ich ihm folgen möchte in der Annahme, dass alle Zweifel an genetischer Vaterschaft, sofern sie zu den schmerzhaften Verrücktheiten der Eifersucht führen mögen, aus einer sozialen Perspektive kontraproduktiv sind, so gehören sie doch zweifelsfrei zu unseren alltäglichen banalen Erfahrungen. Das Schuldenkonto Hildes – der Mutter, Großmutter und Ehefrau – mag auf diese Weise nochmals angewachsen sein; zumal angesichts eines Ehemannes, Stiefvaters und Stiefgroßvaters, der dem sozialen Imperativ folgte und keinerlei Tötungsphantasien an den Tag legte. Es mag ihm keiner Überlegung wert gewesen sein. Er hatte eine (Stief-)Tochter, der er zu keinem Zeitpunkt stiefväterlich begegnete. Dies übertrug er nahtlos auf den Enkel Franz Streits. Die Zuspitzungen, die ich hier bewusst auch in einer nüchternen sprachlichen Logik erzeuge, indem ich zwischen sozialer und genetischer Großvaterschaft switche, sollten uns zumindest dazu ermuntern, beide Aspekte gleichermaßen in Augenschein zu nehmen.

Wir sind also in einem ehrenwerten Haus aufgewachsen, das in der Folge – hinein in die wilde Zeit der Endsechziger und der frühen siebziger Jahre – all die Qualitäten offenbarte, die man im besten Sinne mit der Vorstellung von einem offenen Haus verbindet. Hier war jeder willkommen, hier hatte jeder Zugang, hier wurde niemand abgewiesen oder ausgeschlossen. An den Samstagen fanden sich am Mittagstisch häufig Gäste, die Willi oder ich mitbrachten – Schulkameraden, Freunde, später selbstverständlich die Freundinnen der Söhne. Dieses lebendige, offene Haus ließ uns alle Möglichkeiten; Rudi Krawitz würde sagen: „Wir mussten nichts – und durften alles.“ Dies funktionierte sicherlich auch deshalb so reibungslos, weil die private und die öffentliche Dimension der Familie über viele Jahre aufging im Engagement für den Fußballverein, dessen sinngebende und sozialisationsmächtige Bedeutung wir bereits alle mit der Muttermilch in uns aufgenommen hatten. Bis zum letzten Tag seines Lebens hat mein Vater – wie so viele andere seiner Generation – das Seelenschmalz und das Gelenkschmiere für ein reges, vielfältiges Vereinsleben verkörpert. Mir ist heute wichtig zu wissen, dass mein Vater den Niedergang seines innig geliebten SC 07 Bad Neuenahr nicht mehr miterleben musste; mit der sinngebenden Bedeutung des Vereinslebens ist hier ein essentielles Identitätsmoment gemeint, dessen Verlust für unsere Väter ein krisenträchtige Enttäuschung bedeutet hätte. Kurzum, die Spielsaison, die vereinsmäßig organisierten Feste und Unternehmungen hatten im Jahreskreis ihren festen Platz im Sinne vollkommener Alternativlosigkeit. Zwei Beispiele veranschaulichen diese Behauptung auf eindrucksvolle Weise. Kirmes – im Oktober – wäre ohne das Festzelt des SC 07 eine schale Angelegenheit geblieben, genauso wie die vereinsgestützten Anstrengungen zur Fastnacht. Hier ist mein Bruder in die Fußstapfen unseres Vaters getreten – 25 Jahre lang haben die Sportkameraden  um meinen Bruder herum ein Wilfried-Witsch-Gedächtnisturnier organisiert, um seiner zu gedenken.

Das ehrenwerte Haus hat sich gewandelt im Laufe der Jahre und Jahrzehnte. Die enge Welt in Klein-Frankreich hat Freigeister hervorgebracht. Es ist eine untergegangene Welt, die heute nur noch in der Erinnerung lebt. Eine erste folgenreiche Zäsur ist sicherlich mit dem Tod unseres Vaters verbunden. Die allerdings wäre noch im generativen Wechselspiel zu verkraften gewesen, wäre ihm nicht 1994 mein Bruder gefolgt. Die zentrifugalen Kräfte gewannen an Einfluss und ihre Dynamik war weder in ihren ursächlichen Zusammenhängen erkennbar noch beherrschbar.

   
© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund
Wir benutzen Cookies

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.