- Details
Gaudeamus igitur – Studium
Ein erster kleiner Exkurs: Werde der du bist – Wissenschaftssozialisation (10)
Ich sitze hier im umgebauten und sanierten Haus meiner Schwiegereltern; der Blick auf den querterrassierten Heyerberg – inmitten von Weinbergen – signalisiert mir zumindest, dass ich angekommen bin. Es ist meine zehnte Adresse in einem Leben, für das sich im kommenden Jahr (2022) das siebte Jahrzehnt runden würde. Dorthin gelangt zu sein – an diesen Ort, erfüllt mich gleichermaßen mit Genugtuung wie mit schlichtem Unglauben. Von den Pferden, die man mir angeboten hat, und die ich bestiegen habe, bin ich nicht – zumindest nicht final – heruntergefallen. Sie haben mir treu zur Seite gestanden und bekommen bei mir ihr Gnadenbrot. Das eine hat mich durch die Welt des Berufs und der Wissenschaft getragen; das andere, dessen Zügel ich nicht immer fest in der Hand hatte, hat immer – manchmal auch ohne mein Zutun – den Weg zu den Futtertrögen gefunden. Die wenigsten von uns bleiben souverän in allen erdenklichen Lebenslagen. Dass ich nun schauen kann, hat zu tun mit einer materiellen Auskömmlichkeit. Was mir anvertraut worden ist, habe ich zumindest nicht verschleudert. Wie ich nun in die Welt zu schauen vermag, das wiederum verdankt sich einer verrückten Drift durch die Welt der Bücher und des Geistes. Wenn ich mit zunehmendem Alter und vielleicht auch zunehmender Reife die sogenannte Luhmannsche Lektion lernen durfte, bedeutet, dass mir das Herz (und auch der Kopf) sehr viel leichter ist als noch vor mehr als vierzig Jahren. Manchmal fühle ich bis heute die Versuchung, mich in der Sprache zu Hause zu fühlen, sie zumindest als Vehikel nutzen zu können, das mir sowohl Erinnerungen erlaubt als auch – immer wieder neu – die Chance eröffnet, die mir nahen Menschen meiner Liebe über den Augenblick und das konkrete Handeln hinaus zu vergewissern – am Anfang war das Wort. Und ganz gewiss – dies hat sich über all die Jahrzehnte bewahren lassen – war Sprache immer das Medium, über das ich mich von missliebigen Phänomenen oder Zeitgenossen distanzieren konnte, bis hin zur finalen Attacke (da kann auch schon einmal die Frage auftauchen und auf Beantwortung drängen, ob Alexander Gauland und Björn Höcke Drecksäue sind, und ob man mit einer solchen Annahme sus scofra – den Wildschweinen – nicht zu nahe treten würde.
Ganz behutsam habe ich dann mit der Zeit die Seiten gewechselt, weil ich Norbert Bolz folge, wenn er bemerkt, dass die Umgangssprache unfähig ist, komplexe Konflikte zu lösen: „Man denke nur an den Ehestreit. Sprache ist zu beliebig, um das Soziale zu strukturieren. Auch reicht der Bezug auf die Sprache nicht aus, um die Stiftung von Sinn zu begreifen. Luhmann versteht Sprache deshalb ‚nur‘ als Variationsmechanismus, also in Sprache mutiert Gesellschaft. Sprache als wahrheitsindifferenter Variationsmechanismus oder als Vehikel der Wahrheit“, darum gehe der Streit zwischen Luhmann und Habermas (40).
Der Seitenwechsel:
1986 – vor 44 Jahren – habe ich meine Dissertation veröffentlicht. Die wissenschaftstheoretischen Kernaussagen hatten Bekenntnischarakter – zumindest war ich selber fest davon überzeugt. Mit einem offenen Bekenntnis wäre ich ganz sicher auf den Widerstand meiner Betreuer gestoßen (Prof. Dr. Heino Kaack und seinerzeit von PD Dr. Ulrich Sarcinelli). Wenn ich nun eine längere Passage wiedergebe, verblüfft mich vor allem, wie sehr ich mich heute mit der seinerzeit als kritikwürdig betrachteten Position Luhmanns identifiziere und die kritischen Vorbehalte Habermasens für mich relativiert habe. Ja, auch damals ging es schon um die wissenschaftstheoretischen Giganten Jürgen Habermas und Niklas Luhmann. Es ist im Übrigen frappierend und erhellend, wenn man die folgende Passage im Kontext der Covid19-geschuldeten Politik liest – insbesondere mit Blick auf die Debatte um die Einschränkungen von Grundrechten (Dissertation, S. 100ff.):
„Die Kernaussage Luhmanns impliziert – sozialisationstheoretisch gewendet – einen Sozialisationstyp, der ein nahezu motivloses, selbstverständliches Akzeptieren bindender Entscheidungen soweit verinnerlicht hat, dass – wie Easton/Dennis formulieren – ein funktionaler Handlungsspielraum des politischen Systems durch einen ‚diffuse support‘ seitens der Bevölkerung gewährleistet ist …] In gewisser Weise – so Luhmann – ist ‚Opportunismus bestandswesentlich geworden, denn Werte können nicht mehr durch sture Rangprioritäten festgelegt werden. Dem entspricht die Bedeutung von kognitiven Wertstrukturen, die auf der Grundlage abstrakter Grundhypothesen (z.B. die Verteilung sozialer Chancen und Positionen erfolgt in dieser Gesellschaft nach gerechten Kriterien = Leistung) relativ enttäuschungsfest sind.“ Weiterhin ist die Rede von einer „effektiven Systemintegration, die – zumindest in demokratisch verfassten Gesellschaften – unauflöslich an eine komplementäre funktionale Sozialintegration“ gebunden ist. Und nun einmal genau hinschauen und – jetzt in der zweiten Februarhälfte 2021 beobachten, was sich nach einem Jahr Pandemiedruck und –erfahrung möglicherweise verändert: „Das heißt, die Voraussetzungen für eine effektive Systemintegration (Regierbarkeit) sind voraussichtlich in dem Maße gegeben, wie der einzelne bzw. die Masse der Bevölkerung z.B.
- den Staat als Rechtsstaat bewertet, in dem politische Entscheidungen durch legitimierte Gremien zustande kommen;
- glaubt, seine/ihre Interessen – zumindest überwiegend – in einer wählbaren Partei vertreten zu sehen;
- davon ausgeht, durch politische und wissenschaftliche Eliten (rationale) Problemlösungsstrategien angeboten zu bekommen, die er durch seine Wahlentscheidungen beeinflussen kann;
- davon ausgeht, das politische System sei 1. in seinen politischen Eliten glaubhaft und identifikationsfähig, 2. auf der Problemlösungsebene effizient und 3. In seinen Leistungen bzw. Entscheidungen sozial und gerecht.
Jürgen Habermas geht in diesem Zusammenhang davon aus, dass ‚im Publikum der Staatsbürger‘ die gebrauchswertorientierten – und das heißt: an Erfolg kontrollierbaren Erwartungen zunehmen. Das steigende Anspruchsniveau verhalte sich zum wachsenden Legitimationsbedarf proportional: die fiskalisch abgeschöpfte Ressource ‚Wert‘ müsse die knappe Ressource ‚Sinn‘ substituieren. ‚Fehlende Legitimationen müssen durch systemkonforme Entschädigungen ausgeglichen werden. Eine Legitimationskrise entsteht, sobald die Ansprüche schneller steigen, als die disponible Wertmasse, oder wenn Erwartungen entstehen, die mit systemkonformen Entschädigungen nicht mehr befriedigt werden können.‘ Diesem Bedürfnistyp entspricht eine politisch abstrakte Grundhaltung, verbunden mit einer überwiegend privatistischen Karriere-, Freizeit- und Konsumorientierung. Habermas hat den zugrundeliegenden Einstellungskomplex in den zwei Syndromen des ‚staatsbürgerlichen und familial-beruflichen Privatismus‘ zusammengefasst.“
Im Februar 2021 gewinnt man den Eindruck, dass sich das gesellschaftliche System – im Zusammenspiel seiner Subsysteme – auf einen Kipppunkt zubewegt. Erstaunlich waren bislang die Akzeptanzwerte zum politischen Krisenmanagement, so dass man Jürgen Habermas weitgehend entgegenhalten kann, dass es selbst angesichts der drastischen Einschränkungen über die letzten 12 Monate nicht wirklich zu einer nachhaltigen Legitimationskrise gekommen ist, etwas worauf die AfD in überlebensgieriger Haltung wartet. Spannend in diesem Mega-Wahl-Jahr wird nunmehr sein, inwieweit die oben genannten Kriterien für eine über das politische System gewährleistete Systemintegration weiterhin Bestand haben! Erosionserscheinungen lassen sich deutlich erkennen mit Blick auf das Impfdesaster sowie mit Blick auf erkennbare Kommunikationsdefizite hinsichtlich der sogenannten Inzidenzwerte (50 bzw. 35 pro 100.000) und die damit nach wie vor begründeten Einschränkungen.
Aber eigentlich wollte ich ja nur verdeutlichen, wie ich behutsam von der einen Seite (Jürgen Habermas) zur anderen Seite (Niklas Luhmann) geraten bin – hierzu ein Zitat, mit dem ich die Festschrift zu meinem Berufsausstieg 2017 eingeleitet habe:
„Denn es geht hier (bei vielen privaten und öffentlichen Konflikten, Anm. Verf.), möchte ich vermuten, um nichts Geringeres als das allen Weltbeschreibungen erster Ordnung inhärente Paranoia-Potential und die von ihm gebundene und entbundene Gewalt. Wo immer Menschen anfangen, ihre Weltbilder distanzlos zu bewohnen und ihre Einteilungen des Seienden im Ganzen als eine Arena realer Kämpfe zu erleben, dort sind sie der Versuchung ausgesetzt, für ihre Identitätskonstrukte bis zum bitteren Ende zu kämpfen und für ihre Fiktionen zu töten.“ (Peter Sloterdijk, in: Luhmann Lektüren, Berlin 2010, S. 153)
Der neuerliche Versuch, den eigenen Spuren zu folgen und wortschöpfend jene Erinnerungs- und Reflexionsinseln einzudeichen, die sich vordrängen und die man aufspüren muss/will, soll zeigen inwieweit man aus der von mir als Luhmannsche Lektion bezeichneten Einsicht, Gewinn ziehen kann. Mit Blick auf mein Vorhaben bedeutet dies nichts anderes, als durch einen zweiten und dritten Blick vorschnelle Urteile und Bewertungen zu vermeiden.
Welche Wege hat man denn gewählt bzw. welche Wege haben sich denn angeboten oder gar aufgenötigt, um die Luhmannsche Lektion für sich annehmen zu können? Katholisch, vom Lande, aber ein Junge – vielleicht war letztere Variable in den 50er und 60er Jahren doch noch der entscheidende Unterschied, der beispielsweise die Wege meiner Cousine Gaby – ca. sechs Stunden älter als ich – und meine Wege Mitte der sechziger Jahre aus dem Gleichschritt gebracht hat? Sie hatte mich ja noch motiviert – orientierungslos, wie ich war – gemeinsam mit ihr nach der Volksschule in Bonn eine Private Handelsschule (Dr. Köster) zu besuchen. Der Hinweis ist ja bereits erfolgt, wie sehr ich mich dort deplatziert gefühlt und letztlich gequält habe. Erwähnenswert sind lediglich meine Fingerfertigkeit an der Schreibmaschine/Tastatur, und dass ich eine Zeit lang die Schulbank mit Hannes Bongartz gedrückt habe. Es ist mir nicht mehr erinnerlich, wie ich auf die Werbekampagne des Aufbau-Gymnasiums in Bad Neuenahr – meiner Heimatstadt – aufmerksam geworden bin. Jedenfalls habe ich mich aus eigenem Entschluss für die Aufnahmeprüfung angemeldet und diese Prüfung auch bestanden. Wenn ich versuche mir die Frage zu beantworten, welches Selbstbild denn hier zugrunde lag, dann lohnt ein Blick zurück in die Volksschule. Ich war zuletzt – in der Klassenstufe 7/8 ein guter Volksschüler. Die Leistungsanforderungen und die Arbeitshaltung, die dort erwartet wurde, entsprachen fast zur Gänze meinem Persönlichkeitsnaturell. Natürlich müsste ich hier andere befragen. Aber ich werde kommenden Sonntag 69 Jahre alt, und ich kenne viele Geschichten über mich, auf die ich hier zurückgreifen werde.
- Details
Assimilation und Akkomodation: Was machen wir, wenn das Unfassbare geschieht? (9)
Es gibt über die ersten Stunden, nachdem mich die Nachricht vom Flugzeugabsturz in der Nähe von Landshut erreicht hatte, sowohl Blogeinträge als auch Tagebuchaufzeichnungen, die Jahre später entstanden sind. Bezeichnend ist die absolute Sprachlosigkeit in den ersten Tagen, Wochen, Monaten, sogar Jahren. Gedanken, eine abgeschattete Gefühlswelt haben über die Jahre schleichend eine kritische Masse angehäuft, die dann nach der Explosion so ziemlich alles in Trümmer gelegt hat, was bis dahin entstanden war. Nunmehr fast 27 Jahre nach dem schmerzhaftesten Wendepunkt meines Lebens, also mit großem zeitlichem Abstand, sind die Zugänge zu dem unmittelbaren Erleben am Mittag dieses 21. Juni 1994 weitgehend versperrt. Das mag damit zusammenhängen, dass sich zunächst einmal so etwas ereignete, wie eine Implosion – das Gegenteil der mit Zeitzünder initialisierten Explosion in der ersten Hälfte des Jahres 1997. Wie hätte ich denn wissen und fühlen sollen, wer ich unter dem unmittelbaren Eindruck der Ereignisse von 1994 wirklich war oder auch sein konnte? Es gibt auch heute noch so vieles, was sich an Erinnerungen und Eindrücken überlagert. Vielleicht beginne ich mit der Selbstbildfacette der Hybris! Mir gegenüber und der Welt gegenüber im Recht zu sein, vor allem auch Recht zu behalten – selbst gegen bessere Einsicht –, war mir in der ersten Hälfte meines Lebens wichtig! Es war der Legitimationsfeiler einer Weltsicht, die erstens auf der Erkenntnis beruhte, dass die Menschen und die Welt schlecht waren: unsere Eltern und Großeltern hatten es nicht gut gemacht – außer natürlich meinen eigenen Eltern und Großeltern. Alles in allem war die Welt moralisch ein Trümmerfeld, Politik und Verwaltung(en) waren korrupt – alles, was in der Welt Bestand hatte, hätte man besser machen können; alles war suboptimal. Wir alle hatten den Anspruch es besser zu machen und begannen mehr und mehr zurückzublicken auf Trümmerwelten, die wir mehr und mehr auch selbst zu verantworten hatten. Aber zuerst lautete die These: Wir sind die Guten! Ich habe alles richtig gemacht: Ich bin von zu Hause weggegangen und habe mein Ding gemacht – als erster Abitur – als erster Studium (vier Abschlüsse!) – Diplom – Promotion – beamteter Lehrer und Hochschullehrer – Ehemann und Familienvater – Häuslebauer – Weltverbesserer – der, der seine Eltern liebt und ehrt – der, der die perfekten Geschwisterbeziehungen pflegt??? Hinter dieser Fassade lebte der, der seine romantisierenden Ideale schon früh verraten hatte; der, der seine politischen Überzeugungen und seine alltägliche Praxis in einer Art Quadratur des Kreises miteinander unter einen Hut zu bringen suchte; der, dessen Schwester dem eigenen Sohn – seinem Neffen – zeitweise den Umgang mit ihm und seinem Umfeld verboten hatte; der, der Zweifel an den stets idealisierten Geschwisterbeziehungen stets zurückgewiesen hat; der, der zunehmend daran scheiterte, auch die Schwiegerfamilie zu befrieden!
Mit diesen Verfalls- und Lähmungserscheinungen trat also jemand den neuen Job an, bastelte weiter an Familie und dem viel zu großen Haus, ohne wirklich zu merken, wie die Luft, die er atmete, immer dünner wurde. Da bewegte ich mich also in meiner statistischen Lebensmitte. Ich habe bereits die Zahl 367.920 an irgendeiner Stelle erwähnt; so viele Stunden verbergen sich etwa hinter 42 Lebensjahren. Und nur an diesem – sich im Zeitfluss – allen Vorstellungsbemühungen entziehenden Stundenhaufen kann man ansatzweise erahnen, was denn eigentlich unvermeidbarer Weise geschieht, wenn jemand versucht, sich zu erinnern. Und was sollte bzw. was kann man überhaupt erinnern?
Mit aller Vorsicht lese ich bei Ken Wilber (Eros – Kosmos – Logos, Frankfurt 2001, hier S. 567): „Der Geist trachtet sich zuerst durch Empfindung, dann durch Wahrnehmung, dann durch Impuls selbst zu erkennen.“ Immerhin wird hier schon deutlich, dass große Erzähler diese drei Ebenen der Selbstrepräsentation vielleicht miteinander zu integrieren vermögen, indem sie uns nahebringen, was jemand denkt, was er fühlt und wie er handelt! In der von mir eher bevorzugten Sprachregelung spricht man von gelebtem, erlebtem und erzähltem Leben. Gleich welcher Unterscheidungen man sich auch bedienen mag, es gilt groß aufzuräumen mit einer der zentralen Prämissen meines frühen Selbst- und Weltverstehens. Ken Wilber geißelt in seinen großangelegten Bemühungen sowohl die Ego-Zentristen als auch die Öko-Zentristen und sucht sie zu entlarven als jeweils sich selbst ausschließende Weltbild-Terroristen erster Ordnung. Und auch ich gerate ins Okular des Wilberschen Teleskops, mit meinen eigenen frühen abstrusen Aufbruchsphantasien, mit denen ich mich und die Anderen in die Irre führte:
„Wenn wir also auf ursprüngliche Weise wirklich unsere Gefühle leben können, werden auch all unsere existentiellen Probleme dahinschmelzen. Dass meine Gefühle nicht einmal im Ansatz den Standpunkt des anderen einnehmen können, dass meine Gefühle, als Gefühle selbstreflektierend sind, dass sie egozentrisch um sich selbst kreisen, dass sie aus sich selbst heraus niemals in den intersubjektiven Kreis aufsteigen, wo allein Liebe wirklich hervorstrahlen und wo allein Mitgefühl gedeihen kann – dass die Propagierung einer Ethik des ‚Sich-gut-Fühlens‘ als primärer moralischer Impuls mich direkt in den göttlichen Egoismus und die existentielle Hölle katapultiert: über all das nicht ein Wort.“
An den zu schildernden Tiefpunkten meines empirischen Lebens – den Monaten meines selbstverordneten Knasts – in der Mitte des Jahres 1997, getrennt von Kindern und Familie – begann dann jene späte Erweckung, die nach so vielen Bemühungen – jetzt 2021 – zu einem neuerlichen Aufbruch führen. Auch die will ich mit Ken Wilber kurz markieren. Das liegt deshalb nahe, weil ich gegenwärtig das Heranwachsen zweier Enkelkinder erlebe und Ken Wilber jene Lektion anbietet, die am Anfang jedes Erwachsenenlebens stehen müsste und die etwas zu tun hat mit nicht auslassbaren Entwicklungsabfolgen. Diese Lektion geht einher mit dem Hinweis, dass wir alle tunlichst etwas wissen sollten über die erste Differenzierung zwischen dem Ich und dem anderen, zwischen Subjekt und Objekt. Hier – so Wilber – gehe es um die Ablösung vom „ursprünglich-archaischen Zustand der undifferenzierten und indissoziierten Partizipation“, die meist in den ersten zwei bis drei Lebensjahren erfolge.
„Diese notwendige Differenzierung wird völlig mit der Dissoziation verwechselt und wird deshalb als Ur-Verlust, als Ur-Entfremdung interpretiert, die das Ich für immer von den anderen trennt, von sich selbst und von der Natur. Und folgerichtig wird dann alles darauf folgende menschliche Sehnen, aller menschliche Antrieb, alle Motivation und alle kulturelle Anstrengung als eine Reihe zum Fehlschlag verdammter gequälter Versuche gesehen, dieses Verlorene Paradies wiederzugewinnen.“
Es geht bei Ken Wilber um G R E N Z E N – theoretisch haben wir alle das einmal gelernt, dass es elementare Differenzierungen gibt von physischem Ich und physischem anderen, des emotionalen Ich vom emotionalen anderen, des begrifflichen Ich vom begrifflichen anderen, des kulturellen Rollen-Ich vom Rollen-anderen. Das gelebte Leben – meine Biologie –, das erlebte Leben – meine gedankliche oder auch Bewusstseins-Welt – trennen sich von meiner sozial erfahrenen und gestalteten Welt, von meinem erzählten Leben. Interessanterweise führt Ken Wilber auch die Haut-Grenze ein, die Unterscheidung von Innen und Außen:
„Mein mentales Ich beispielsweise enthält alle möglichen Arten von Identifikationen mit Familie, Werten, Anliegen, Gruppen, Nationen etc. und keine von ihnen existiert innerhalb meiner Haut-Grenzen.“
In konsequenter Auslegung dieser Prämisse meint Ken Wilber, diese Unterscheidungen von Innen und Außen seien nicht überschreitbar und wendet sich gegen ein aus seiner Betrachtungsweise fatales Missverständnis und betont noch einmal, dass der Verlust des archaischen prädifferenzierten Zustands keine unwiderrufliche Entfremdung darstelle, sondern in Wirklichkeit nur die erste Stufe des Erwachens – zum Erwachsenen-Dasein (möchte man hinzufügen):
„In ähnlicher Weise wird eine andere Person ein Teil deiner emotionalen Ausstattung, wenn sie in deinem emotionalen Raum ist, nicht in deinem Magen. Der emotionale Raum existiert außerhalb der Haut-Grenze …] Ich kann mich emotional identifizieren mit Menschen, Anliegen, Gruppen, Nationen, unabhängig davon, wo sie sich örtlich befinden: Sie werden ein Teil von mir, wenn ich sie in meine emotionale Identität aufnehme, in meinen emotionalen Raum, und dann handeln sie innerhalb dieses Raumes, folgen seinen besonderen Gesetzen oder den Mustern meiner affektiven Gemütszustände, die sich wiederum daran anpassen oder ihre Tiefenstruktur verändern könnten, um neue Dinge zu assimilieren. Der mentale Raum bewegt sich auf ähnliche Weise außerhalb des emotionalen Raums (der kognitiv-mentale Raum kann buchstäblich die ‚Rolle des anderen‘ annehmen, anderen ‚unter die Haut dringen‘, ‚durch ihre Augen‘ sehen, neue Ideen assimilieren/akkomodieren etc.) und der spirituelle Raum befindet sich außerhalb des mentalen und in der Weite des Kósmos.“
Unter die Haut gehen in meinem emotionalen Raum – der Tod meines Bruders war eine Grenzerfahrung, die so ziemlich alles auf den Kopf und wiederum vom Kopf auf die Füße stellte, was bis dahin Geltung hatte. Da war zunächst einmal gar nichts gebacken im Sinne einer schlichten Assimilation; einer schlichten Integration eines brachial über mich – über uns hereinbrechenden Tsunamis. Ganz im Gegenteil wurde damit ein Akkomodationsprozess in Gang gesetzt, in dem sich über Jahre vollkommen neue Bewältigungs- und Verarbeitungsmuster herausbilden sollten.
Dass das finale Ereignis eines Flugzeugabsturzes nur wenige Minuten andauerte – und von den Beteiligten (bis auf den Piloten) auch nicht durchschaut wurde, vermutlich bis wenige Sekunden vor dem Zerbersten des Viersitzers auf freiem Feld, unter blauem, wolkenlosem Himmel, muss ich mir auch heute noch immer wieder vor Augen führen. Darin liegt der Auslöser für immer wieder aufwallenden Zorn und zugleich ein gewisser Trost. Es bleibt bei der tröstlichen Vorstellung, dass die vier Männer aus Bad Neuenahr (zwischen Ende dreißig und Ende fünfzig), von denen mein Bruder Willi der jüngste war, diesen Flug – in Vorfreude auf ein verlängertes Wochenende in Zell am See (Österreich) – bis kurz vor 10.00 Uhr am 21. Juni 1994 bei herrlichem Mittsommerwetter als reinen Genuss und außergewöhnliche Abwechslung und Bereicherung in einem für alle arbeitsreichen Alltag genossen haben. Da spielte es keine Rolle, dass ich meinen Bruder mal wieder als Idioten ansah, der keine Gelegenheit auslassen konnte, die man gemeinhin als puren Luxus oder meinetwegen als so überflüssig, wie einen Kropf betrachten konnte. Es spielte keine Rolle, dass er dafür eigentlich überhaupt kein – sozusagen überflüssiges Geld – zur Verfügung hatte (sein Konto war bis zum Anschlag überzogen). Es spielte keine Rolle, dass er sich eigentlich in einer kritischen Phase bewegte, in der seine Ehe lange auf dem Spiel gestanden hatte, er eine Affäre beendet hatte und sich wieder zurück bewegte in seine Familie mit zwei heranwachsenden Töchtern, von denen die eine sieben Jahre alt war und im September achte Jahre alt werden würde und die andere eben – im April – fünf Jahre alt geworden war. Es konnte gar keine Rolle spielen, dass die Mutter eben einmal in 14 Tagen ihren 70sten Geburtstag feiern sollte – wir hatten die Vorbereitungen dafür ja miteinander noch wenige Tage zuvor abgestimmt! Warum – verdammt noch einmal – musste mein idiotischer Bruder die Nase wieder mittendrin haben??? Er gehörte ja gar nicht dazu!!! Die beiden anderen hatten die Reise bei einer Tombola gewonnen. Er war nur als Ersatzkandidat eingesprungen für jemanden, der die Reise nicht antreten konnte. Warum war da nicht irgendjemand anderes – vielleicht partner- und kinderlos – interessiert gewesen, diese Reise anzutreten? Und warum – verflucht noch einmal – musste diese Maschine von einem gewissenlosen, ausschließlich an seinen eigenen Interessen und Motiven ausgerichteten Egomanen gesteuert werden??? Dieser Mann, den man gemeinhin für die ideale Besetzung dieses Parts im gesamten Arrangement hätte ansehen müssen, und der als Held von Landshut in der Bild-Zeitung abgefeiert wurde – diesem schon immer mit einem puren Filtrat aus reiner Scheiße gedruckten, waffenscheinpflichtigen Drecksblatt –, dieser Mann entpuppte sich nach der sorgfältigen Untersuchung des Bundesluftfahrtamtes als über die Maßen fahrlässiger Pilot. Entgegen seiner Verantwortung hatte er vor Abflug weder das Logbuch noch den Füllstand des Tankes überprüft. Der Check war abends zuvor erfolgt. Dass die Maschine nach seiner Abnahme nochmals für einen Schleppflug bewegt wurde, war so seiner Aufmerksamkeit – trotz ordnungsgemäß erfolgten Eintrags ins Logbuch – entgangen. Wenige Liter Sprit haben gefehlt, um das Fluggerät vorschriftsmäßig auf dem Landshuter Flugplatz zu landen. Bis in alle Ewigkeit hätte niemand Kenntnis erlangt von der Fahrlässigkeit des erfahrenen Bundeswehrpiloten. Dann – aber auch nur dann, unter genau dieser Maßgabe – hätte der Vergabe einer Lizenz zur Erteilung von Flugunterricht nichts im Wege gestanden. Onkel Günther, der Schwager unseres Vaters, ist noch am 21.6.94 nach Landshut gefahren und hat schon unter dem unmittelbaren Eindruck der Absturzstelle – wie dann von der Luftfahrtbehörde bestätigt – gemutmaßt, dass es ein Leichtes gewesen wäre die Maschine auf freiem, abgeernteten Gelände notzulanden; n o t z u l a n d e n! Darum war es dem Piloten zu tun, nämlich genau dies zu vermeiden. Braunschweig geht akribisch und unerbittlich jeder außerregulären (Not-)Landung nach. Die Maschine hatte nicht gebrannt – der Tank war staubtrocken. Der Pilot hatte zu hoch gepokert. Um zu verhindern, dass man ihm Fahrlässigkeit und Versäumnisse nachgewiesen und damit selbstredend die Erteilung einer Lizenz als Fluglehrer verweigert hätte, hat er leichtfertig sein eigenes und das Leben der drei ihm anvertrauten Männer aufs Spiel gesetzt – und verloren. Der Lebenslauf besteht aus Wendepunkten, an denen etwas geschehen ist, was nicht hätte geschehen müssen. Nie ist mir diese Luhmannsche Lebenslaufformel zynischer und erbarmungsloser vorgekommen.
Das Leben meines Bruders war innerhalb von Sekunden ausgelöscht; unsere Mutter hatte ihren jüngsten Sohn verloren, seine Kinder ihren Vater und seine Frau ihren Mann. Fast 27 Jahre nach diesem Ereignis kann man natürlich sehen, dass die Welt sich weiter gedreht hat. Der eingetretene Verlust soll jedenfalls aus meiner Sicht – zumindest für die Blutsverwandtschaft – in seiner elementaren und existentiellen Dimension kein Gegenstand für Spekulationen sein. Auch die Frage, ob die Ehe Bestand gehabt hätte, sollte in ihrer rein spekulativen Perspektive hier keine Rolle spielen. Relativ früh habe ich begonnen den gesamten Blickwinkel umzukehren und meinen Bruder zum Adressaten von Briefen und Mitteilungen gemacht, wie es denn hier bei uns weitergegangen sei; eine Adresse hatte ich nicht, aber die Zustellung ist auch nicht verweigert worden. Warum ich mich der Spekulationen enthalten will, hängt zusammen mit dem Respekt, mit dem ich auf die Lebenswege der unmittelbar Betroffenen schaue; da gäbe es für meinen Bruder nichts zu meckern. Gleichwohl begleitet mich die Frage, was beispielsweise ein früher Verlust des Vaters für Töchter bedeuten mag, manchmal in meinen Träumen, aber auch im Wachen.
Die Frage, die ich mir hingegen erlaube und der ich mich gar nicht entziehen kann, hängt mit uns Brüdern zusammen, mit dem Ausmaß, in dem ich ihn vermisse und seinen Segen erhoffe. Mit unserer Schwester und unserer Cousine fühle ich mich da in nahtloser Übereinstimmung. Willi war in seiner Frohnatur meiner Schwester näher als mir; in einer vorsprachlichen, vollkommen selbstverständlichen Dimension von Zugehörigkeit und emotionaler Bindung muss man vermutlich lange nach einem vergleichbaren Brüderpaar im Geiste und im Herzen suchen. Dafür gibt es ein so unendlich dichtes feinstoffliches und feinmaschiges Gewebe, das diese tiefe Intuition auch nach 27 Jahren trägt. Dies mag auch damit zusammenhängen, dass ich wenige Jahre nach Willis Tod in seine Fußstapfen getreten bin und mich selbst nicht schützen konnte vor den Lektionen, die er bereits – als der Jüngere – dabei war zu lernen. 1997 hat er seinen Beitrag dazu geleistet, mich zu besinnen und endlich erwachsen zu werden – auch um herauszufinden, wer ich denn eigentlich bin. Um dorthin zu gelangen, musste die Welt sich weiterdrehen. Unsere Mutter musste sterben, und neben die neuentdeckte Lust am Leben musste ein preußisch anmutendes Pflichtethos treten, so dass ich tatsächlich ganz werden konnte.
- Details
Vier Männer in mir (6)
Wachgeküsst mit siebzehn.
Knospen, Triebe blühn.
Den Himmel rosa sehn,
Wie Feuerfunken sprühn.
Riechen, fühlen, flehen.
Das Fremde, unerreichbar fern,
Tastend sich ergehen,
Bliebst ein fremder Stern.
Im Liebesschmerz
Versinkt die Welt.
Zum Himmel steigt mein Herz
Und fällt, und fällt, und fällt.
Die zweite Liebe: tief -
Umworben!
Herz im Herzen schlief,
Ganz unverdorben!
Nun sollt ich wachsen,
Sehn die Grenze -
Will noch spielen, flachsen,
Keine Kränze.
Und wieder fallen,
Schnitt und Wende.
Blind für Fallen
Und das Ende.
Ende heißt Beginn!
Das Neue kann beginnen?
Schulden und Gewinn?
Wenn zweie nur gewinnen?
So hoch wir fliegen,
Tapfer träumen,
Schulden wiegen,
Denn wir säumen!
Ordnungen der Liebe
Weisen uns den Weg
Und wir werden Diebe,
Schmal und eng der Steg.
In der Lebensmitte
Darf ich wachsen!
Folgenreiche Dritte
Sind wir nun erwachsen?
Bin gelassen,
Seh die Grenzen!
Sich und andre lassen
An Gräben und vor Kränzen.
Die Lust zu leben?
Ja! Der Unterschied?
Nach jedem Beben
Sing ich nun mein Lied.
Das Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt! Nach mehr als vierzig Jahren kann man sagen, dass Herz hat den Kurs vorgegeben – flankiert von einem wachen Verstand, der letztlich dafür gesorgt hat, dass das Herz vor allem auch in seiner Not nicht alleine geblieben ist. Eine Minute besteht aus 60 Sekunden; ein Stunde aus 60 Minuten, ein Tag aus 24 Stunden, eine Woche aus sieben Tagen und ein Jahr aus 52 Wochen – alleine aus dieser Zeitspanne, auch wenn ein langes Leben nicht einmal eine Nanosekunde markieren mag im kosmischen Rauschen, lässt sich überzeugend ableiten, das zur Herzenswelt die Herzensfreude genauso gehört wie Herzesleid. Hinter 42 Jahren verbergen sich 367.920 Stunden; sie gelebt zu haben, sie erlebt zu haben – dies erst verleiht Körper und Seele jene Gestalt, vor der wir gleichermaßen erschrocken wie fasziniert innehalten, wenn wir zurückschauen – und vor allem, wenn wir in den Spiegel schauen. Zorn und Schmerz haben ihre Falten und Furchen gegraben, und wenn es gut geht, hinterlassen sie ihre sichtbaren Spuren ebenso wie die offene und verhaltene Freude, wenn wir die Früchte ernten und betrachten, die uns ein langes Leben geschenkt hat.
- Details
In der Folge sind alle Einzelkapitel zu dem hier vorgestellten Projekt: Die Kraft der Einsicht und die Kraft der Zuversicht – Mosaiksteine einer lebenslaufbezogenen Familienrekonstruktion mit eigenen Zugangslinks versehen, so dass auch einzelne Kapitel zur Lektüre ausgewählt werden können. Um dieses Vorhaben einer lebenslaufbezogenen Rekonstruktion einschätzen zu können, bieten sich die Vorbemerkung und die Einleitung an. Unter der Kapitelüberschrift, die eine Vorbemerkung ankündigt, verbirgt sich gegenwärtig noch der gesamte Textkorpus, so dass man hier nach der Vorbemerkung enden sollte (die im Übrigen dort endet, wo die Gliederung beginnt), sofern man das Ganze nicht als Ganzes lesen will.
Gliederung (in progress)
- Lebenslauf - Vorbemerkung
- Einleitung
- Am Anfang war die Tat (1)
- Wir machen uns Gedanken darüber... (2)
- Das Wissen darum, wie Kinder in diese Welt kommen (3)
- Spurensuche I (4)
- Das Herz (der Verstand) hat seine Gründe (5)
- Vier Männer in mir (6)
- Zeitgeist und Kontenausgleich I (7)
- Spurensuche II: Vom Familien- zum Sippenkontext (8)
- Assimilation und Akkomodation: Was machen wir, wenn das Unfassbare geschieht? (9)
- Gaudeamus igitur – Studium (10)
- Kindheit, Jugend und Schule (11)
- Kindheit, Jugend und Studium - Der Zugang zu Bildung (12)
- Zur Welt kommen – zur Sprache kommen - Spurensuche III (13)
- Ein ehrenwertes Haus I (14)
- Ein ehrenwertes Haus II - Die vierte Generation (15)
- Ein ehrenwertes Haus III - Erosion und Verfallserscheinungen (16)
- Nähe – Abstand schafft Beziehung: Symmetrie und Asymmetrie in Beziehungen (17)
- Welche Welt tritt da zutage – zwischen Wahlmöglichkeiten und Festlegungen? (18)
- Ich schreibe, also bin ich! (19)
- Ein paartherapeutisches Husarenstück - Zwischen Durchreise und Landnahme (20a)
- Ein paartherapeutisches Husarenstück - Ein Nullsummenspiel (20b)
- Auch wer sein Pferd von hinten aufzäumt, muss nicht verkehrt herum aufsitzen (21)
- Lautverschiebung (22)
- Wie ich lernte zu wollen, was ich soll (23)
- Das Unfassbare als basso continuo unseres Lebens (24)
- Kurvenverläufe und #metoo (25)
- Details
Spurensuche II: Vom Familien- zum Sippenkontext (8)
Der Schreiber dieser Aufzeichnungen lernte ja nicht nur seine zukünftige Frau kennen. Ihm wuchs im Alter von 27 Jahren nun tatsächlich eine zweite Familie zu, seine Schwiegerfamilie – bestehend aus Vater, Mutter, Kind. Sein künftiger Schwiegervater war 1979 fünfundfünzig Jahre alt (Jahrgang 1924), seine künftige Schwiegermutter (Jahrgang 1923) ein knappes Jahr älter. Die Spannungen, mit denen er sich hier konfrontiert fühlte, waren zu Beginn nicht wirklich durchschaubar.
Die Rothmunds – beide selbstständige Existenzen –, sie als Schneidermeisterin von Ruf, er als freier Architekt, bastelten beharrlich an ihrer Altersvorsorge. Bei nur bescheidenen Aussichten auf Rente, sollte das Alter durch Immobilien gesichert werden. Früh – zu Beginn der fünfziger Jahre – hatte Claudias Mutter – das mittlere von sieben Geschwistern –, noch vor der Heirat mit Leo Rothmund, gemeinsam mit ihrem Bruder, Ignaz, ein Haus im Übergang von Metternich nach Lützel – im sogenannten Pollenfeld gebaut – ein zweigeschossiges Haus mit ausgebautem Dachgeschoss. Von Claudias Großmutter wurde das umgebende Gelände (unterstützt durch den oben erwähnten Bruder Ignaz, der mit seiner Familie das erste Obergeschoss bewohnte) seinerzeit und darüber hinaus noch als landwirtschaftliche Erwerbsfläche für den Anbau vor allem von Obst (Kirschen, Erdbeeren) genutzt. Nach der Heirat mit Leo am 21.2.1952 (das ist im Übrigen der Geburtstag des Chronisten) erhielt das Gebäude im Erdgeschoss einen Anbau zur Errichtung einer Werkstatt für die Schneiderei. Leo Rothmund, der Schwiegervater, stammte selbst aus einem bäuerlichen Haushalt in Ittendorf/Markdorf am Bodensee, ca. acht Kilometer von Meersburg aus im Hinterland gelegen. Er war das jüngste von drei Geschwistern – Halbweisen, die ihren Vater Ende der zwanziger Jahre schon verloren hatten. Ernst, der ältere Bruder ist im Zweiten Weltkrieg gefallen, Klärle, die um drei Jahre ältere Schwester, war ausgebildete Krankenschwester und gehörte nach Aussagen ihres Bruders Leo zu den sogenannten braunen Schwestern. Dies wird noch eine bedeutsame Rolle spielen. Jedenfalls sollte sie im Dorf bleiben und nach ihrer Heirat mit Emil Lang den Bauernhof übernehmen. Leo, der sich 1942 – eben achtzehn Jahre alt – freiwillig zur Wehrmacht meldete, um sich die Waffengattung – die Luftwaffe – aussuchen zu können, kehrte kriegsversehrt zurück und entschloss sich gegen Widerstände Maschinenbau am Konstanzer Technikum zu studieren. Er hatte eine Ausbildung als Maschinenschlosser bei der Firma Maybach in Friedrichshafen abgeschlossen und erhielt nach einer Aufnahmeprüfung die Zulassung zum Studium. In Koblenz landete er dann auf der Flucht vor einer vermeintlich in Aussicht stehenden Vaterschaft – fortgeschickt von Mutter und Schwester zu einem Onkel – in Koblenz-Metternich. Mit auf diese Flucht nahm er sein Geheimnis. Wie alle Geheimnisse entfaltete es eine Langzeitwirkung. Zunächst einmal ging alles recht zügig seinen Gang: Heirat, wechselnde Arbeitsverhältnisse, kurze Verweildauer beim neugegründeten Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung (hier hat Leo sich ein Strafverfahren wegen Aktenveruntreuung eingehandelt, das er letztlich in einem mehrere Jahre dauernden Prozess gegen seinen Arbeitgeber, die Bundesrepublik Deutschland, gewonnen hat – mit Entschädigungsanspruch und vor allem Anspruch auf Wiedereinstellung, die er dann als unzumutbar zurückgewiesen hat). Denn er war da bereits Vertragsarchitekt bei der Landwirtschaftlichen Hauptgenossenschaft. In den frühen sechziger Jahren hat er erfolgreich einen Antrag auf Zulassung als freier Architekt bei der Architektenkammer gestellt, um dann als Self-made-Man durchzustarten und als Workaholic und Berserker sein Ding zu machen. Schon zu Beginn der sechziger Jahre entstanden zwei Mehrfamilienhäuser in Koblenz-Metternich, 1967 erfolgte der Neubau des Familiensitzes in Koblenz-Güls (das Haus, das wir nach Umbau und Sanierung seit 2020 bewohnen).
Diese etwas ausholenden Hinweise eines Chronisten sollen ansatzweise biografische Hintergründe und vor allem die Bemühungen um eine angemessene Altersvorsorge verdeutlichen – just in der Phase, da ein potentieller Schwiegersohn die Bühne betrat. Denn 1978/79 hatte Leo Rothmund damit begonnen in Koblenz-Güls ein weiteres Mehrfamilienhaus zu erstellen, das Ende 1979 neun potentiellen Mietern Wohnmöglichkeiten eröffnen sollte. Die Rothmunds hatten mit ihrer Tochter – wie man so schön sagt – schon einiges mitgemacht und erlebt. Die früh schon erkennbaren Spannungen zwischen allen Dreien – Vater, Mutter und Tochter – verdankten sich augenscheinlich einem üppigen Nährboden. Der erste der potentiellen Schwiegersöhne aus neureichem Haus in Neuwied-Feldkirchen war angenehm, akzeptiert; es gab sogar einen gemeinsamen Urlaub der beiden Familien – ich glaube im Schwarzwald. Er wäre ein passabler Schwiegersohn geworden, war aber schlicht zu früh dran (später sollte dies im Leben der beiden noch einmal eine bedeutsame Rolle spielen). Claudia blieb nicht beim ersten Besten; sie tat sich um in der Männerwelt und angelte sich durchaus hochkarätige und ansehnliche Kerle. Die Festschrift zum fünfzigsten Geburtstag eines in den siebziger Jahren landesweit erfolgreichen Vertragsspielers auf der Tennisbühne liegt vor mir. Kein geringerer als jener stadtbekannte Womanizer sollte es sein; danach ein stadtbekannter Gigolo, der im Laufe seines vertrackten Lebens durch windige Geschäftspraktiken das Häuschen seiner Eltern verzockte. Gerade Letzterer rief Leos erbitterten Widerstand auf den Plan. Alle Register der Ausgrenzung – inclusive Hausverbot – wurden gezogen; schon auch ahnend, damit die eigene Tochter erst recht in seine Arme zu treiben. Im Zuge dieser Konflikte verschwand dann Claudia auch für einige Zeit und besann sich erst auf Intervention der guten Seele – der Mutter besagten Hasardeurs – die eigenen Eltern vorerst zu beruhigen, indem sie immerhin telefonisch vernehmen ließ, dass sie wohlauf sei und dass es ihr gut gehe. Die finale Trennung von R. – er hatte schon seine erste tragende Rolle zu Beginn meiner Aufzeichnungen – ist ebenfalls eine kleine Reminiszenz wert; ich erzähle sie nach Claudias immer wieder kolportieren Erinnerungen:
Claudia hatte sich – von Fernweh geplagt – dazu entschlossen mit R. eine Reise – ihre Standardreise, zu der sich mich auch verlocken sollte – in den Süden zu machen; in die heißgeliebte Provence (die sie bereits mit W.H. erkundet hatte) und weiter nach Spanien. In Spanien trug sich dann das von Claudia so oft und süffisant erzählte Erweckungserlebnis zu. Das morgendliche gemeinsame Frühstück wurde im Wechsel der beiden organisiert. Während der eine duschte, bereitete der andere das Frühstück und besorgte Croissants. Eines Morgens beobachtete Claudia unbemerkt, wie R. bei Auftragen die Croissants miteinander verglich und gewissermaßen mit den Händen abwog und das für zu leicht befundene auf Claudias Teller platzierte, während er sich das vermeintlich größere zuschanzte. Claudia erklärt dies sei für sie sozusagen gleichbedeutend mit der exemplarischen, stellvertretenden Offenbarung der charakterlichen Schwächen des einst geliebten Gefährten gewesen – der Augenöffner par excellence! Die Reise ging zu Ende und die Liebesbeziehung der beiden gleichermaßen. R. hatte Mühe das zu realisieren und die zu Beginn der Aufzeichnungen erwähnte Ohrfeige gehört just in diesen Kontext.
Worauf hatte nun Leo untrüglich gewartet? Selbstverständlich auf einen schwiegersohntauglichen Kandidaten, der endlich die Besorgnisse der letzten Jahre vergessen machten könnte. Dem Erzähler nimmt es noch heute den Atem, wenn er sich das Tempo vor Augen führt, mit dem Leo Rothmund jemandem, der gerade dabei war, seine Unschuld vollends zu verlieren, ins Vertrauen zog und dabei offenkundig etwas erkannte, was dem so Erkorenen selbst noch gar nicht in den Blick kam. Leo hat als Fremder über diesen Vertrauensvorschuss hinaus – auch in Krisenzeiten – durch ein nie infrage gestelltes Vertrauen zweifellos die besten Seiten in mir zum Vorschein gebracht. Aber dem soll hier keinesfalls vorgegriffen werden.
Wir – das neue Paar – gerieten unversehens in eine komfortable Situation, die dazu führte, dass der Chronist im Rückblick dazu verleitet bzw. veranlasst wird, nicht nur über ein Leben zu erzählen, sondern – vielleicht einer Katze ähnlich – über die sieben Leben, die ihm auf einmal zuwuchsen und auch zur Zumutung wurden. Zugegeben: es waren keine sieben Leben, aber doch so viele, dass die Gefahr wuchs, den Überblick und die Kontrolle zu verlieren: Schon im Herbst 1979 stattete mich Leo Rothmund mit sämtlichen Vollmachten aus, um seine Häuser bzw. Wohnungen zu verwalten und die Vermietung des neun Wohneinheiten umfassenden, noch in der Bauphase befindlichen aktuellen Projektes zu organisieren. Gleichzeitig bot er uns an, eine der Wohnungen so herzurichten und auszustatten, dass wir – seine Tochter und ich – beste Startbedingungen für unser gemeinsames Leben vorfinden würden. Das Leben seiner Tochter in der Stadt – in einer Mietswohnung über der Metzgerei Waldrich auf der Löhrstraße war und blieb ihm ein Dorn im Auge.
Ich hatte 1978 an der Erziehungswissenschaftlichen Hochschule Rheinland-Pfalz (EWH), Abteilung Koblenz mein Erstes Staatsexamen für das Lehramt an Grund- und Hauptschulen abgelegt. Noch 1977 hatte ich mich gemeinsam mit ca. 25 anderen Aktivisten im Kontext der seinerzeit Deutschland überziehenden studentischen Streiks zur Verhinderung eines allgemein abgelehnten, ja geradezu verhassten Hochschulrahmengesetzes vor dem Landgericht Koblenz verantworten müssen – wegen Nötigung, Beleidigung und Landfriedensbruchs. Ich stand allein schon deshalb im Zentrum dieser Auseinandersetzung, weil meine Unterschrift sich unter allen Beschlüssen und Verlautbarungen befand, die die Studentenschaft seinerzeit publizierte. Ich war Pressereferent im Allgemeinen Studentenausschuss unserer Hochschule – und einer der hartnäckigen Vertreter, die für die Verfasste Studentenschaft ein politisches Mandat beanspruchten. Ich hatte die Streitschrift des linken Juristen Ulrich K. Preuß zur Verfassten Studentenschaft akribisch gelesen und – soweit es in meinem Vermögen stand – für unsere politische Agitation und Argumentation auch entsprechend ausgewertet. Gemeinsam mit Hans-Werner Dinkelbach hatte ich für das Presseorgan des AStAs Wolfgang Abendroth (Lehrstuhlinhaber für politische Ökonomie in Marburg) in Frankfurt besucht, interviewt und als Kronzeugen für unsere Vorgehensweise pressemäßig ausgeschlachtet. Ein Jahr später war zwar die Klage abgewendet, das Verfahren eingestellt, aber die Nachwirkungen sollte ich noch schmerzlich zu spüren bekommen.
Ein kaum begreifbarer und in seinen Weichenstellungen für mich unabsehbarer Zufall – man könnte es schlicht eine überaus glückliche Fügung nennen – wollte es, dass ein aufstrebender Politikwissenschaftler an der EWH interessierte Wissenschaftler und Studenten um sich scharte und in den nächsten Jahren mit Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) ein potentes Projekt initiierte: Parteiensystem und Legitimation des Politischen Systems (PALEPS) – verantwortet von Prof. Dr. Heino Kaack und Prof. Dr. Reinhold Roth (Bremen). Noch im Wintersemester 1978 kam Heino Kaack im Rahmen eines Seminars mit der Frage auf mich zu, ob ich Interesse an einer Mitarbeit als studentische Hilfskraft hätte. Damit war eine der entscheidenden Weichenstellungen meines Lebens in Gang gekommen, auch heute nur begreifbar als ein Zusammenspiel von Wendepunkten, an denen etwas geschehen ist, was nicht hätte geschehen müssen. Ich kann und will dies an dieser Stelle abkürzen und auf Wesentliches beschränken, um es gewiss an anderer Stelle erneut aufzugreifen: Zum einen bekam ich aufgrund meiner Anklage aus 1977 nicht unmittelbar die Freigabe des Verfassungsschutzes – selbst nicht für die Tätigkeit als studentische Hilfskraft. Heino Kaack allerdings zählte zum liberalen Urgestein der Schule, die sich heute noch mit den Namen Karl-Hermann Flach, Ralf Dahrendorf, Burkhart Hirsch, und Gerhart Baum verbinden lässt. Er hat beharrlich das notwendige Brett gebohrt und die Voraussetzungen für eine Tätigkeit im Hochschuldienst erwirkt. Dies war allein schon deshalb von außerordentlicher Bedeutung, weil Heino Kaack in der Folge dafür gesorgt hat, dass ich bis 1984 nahtlos im Hochschuldienst arbeiten konnte; zuerst als studentische Hilfskraft, dann als wissenschaftliche Hilfskraft und zuletzt als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Gleichzeitig ermöglichte er mir den Erwerb des Diploms und die anschließende Promotion. In einem Vieraugengespräch hat er mir als Gremienstratege – lange bevor die EWH schließlich das Promotionsrecht zugesprochen bekam und alle notwendigen Rechtsverordnungen über den Verfahrens- und Gremienweg abgeschlossen waren – dargelegt, was er vorhatte. Er gab mir einen ungedeckten Scheck in die Hand, getragen von der Zuversicht, dass sich der Verfahrensweg zeitlich exakt mit meinen wissenschaftlichen Fortschritten und Ambitionen decken würde. Gemeinsam mit Norbert Wolf, mit dem ich später lange zusammenarbeiten sollte, bin ich dann in der Tat 1984 als erster auf der Grundlage der eben installierten Promotionsordnung promoviert worden. In diese Zeit fiel die Zusammenarbeit mit Ulrich Sarcinelli und Klaus G. Troitzsch. Ich habe dort Klaus Troltsch, Monika Bethscheider, Andreas Engel und viele andere kennengelernt, Freundschaft mit Werner Simon geschlossen, über den ich schließlich Herbert Wackermann kennengelernt habe; neben Thomas Gauglitz der langjährigste Freund aus Hochschulzeiten. Zur fußballerischen Dimension von PALEPS wird an anderer Stelle zu lesen sein.
Apropos „ungedeckter Scheck“: Studium und Wissenschaft bildeten die Autobahn, auf der ich ganz persönlich – auch im Sinne einer zu begründenden beruflichen Karriere – unterwegs war. Die gleichzeitige Begründung eines ersten ordentlichen Hausstandes wurde mir von meinen künftigen Schwiegereltern nahegelegt. Hatte Leo – worauf auch immer gründend – offene Sympathien für den jungen Mann von der Ahr, so hielt ganz offenkundig auch die künftige Schwiegermutter ihren Segen in petto. Bei der ersten Begegnung in der Tennishalle des Postsportvereins muss ich einen passablen Eindruck hinterlassen haben. Sie war es aber dann auch, die im Zuge der Verhandlungen in Richtung gemeinsames Wohnen in Güls darauf bestand, dass wir dies nicht ohne Verlobung ins Werk setzen könnten. So feierten wir im Frühjahr 1980 in Bad Neuenahr Verlobung, um am 5. Juni 1981 den heiligen Bund der Ehe einzugehen. Das ging nun aber wirklich schnell! Und dieses rasante Tempo mag vielleicht ahnen lassen, dass mir dabei nicht nur die Ohren weggeflogen sind. Beim Kirschenklau im Vorfeld der Hochzeit hat Leo wortwörtlich zu mir gemeint: „Mein Lieber, ich stell Dir hier einen gesattelten Gaul hin, reiten musst du ihn selbst!“ Da hatten Leo Rothmund und Heino Kaack gewissermaßen die gleiche Idee.
War eine sieben Jahre andauernde Verbindung an ein fatales Ende gelangt, so vollzog sich im Anschluss daran innerhalb von zwei Jahren die Gründung eines gemeinsamen Hausstandes. 1981 haben Claudia und ich standesamtlich und kirchlich geheiratet. Ich wuchs in zwei Voll-Time-Jobs hinein, die sich mental und physisch nur bewältigen ließen, erstens weil ich jung war und zweitens nicht frei von Hybris. Ein weiterer Vorzug, von dem ich selber noch so gar nichts wusste, resultierte wohl aus einem so nicht für möglich gehaltenen Maß an Anpassungsfähigkeit. Sich dies sozusagen in actu, unvermittelt einzugestehen, wäre aus damaligem Selbstverständnis und selbstbildbezogener Befangenheit überhaupt nicht denkbar gewesen. Die grundsatzpolitischen Auseinandersetzungen und die steilen Lernkurven im Kontext einer langen, gediegenen politischen Sozialisation an der Hochschule werden hier noch einer ausgiebigen Erörterung unterzogen. Zu Beginn der achtziger Jahre gerieten jedenfalls eine – wie auch immer schon gemäßigte sozialistische Orientierung – mit Handlungserfordernissen in Konflikt, die schlicht aus der stellvertretenden Wahrnehmung von Eigentümerrechten resultierten. Ich war umfassend bevollmächtigt (Miet-)Verträge abzuschließen, säumige Mietzahlungen anzumahnen und einzutreiben – im Extremfall Kündigungen auszusprechen. Meinem Naturell nach, über das ich in den Jahrzehnten dieser Tätigkeit mehr und mehr lernen musste und durfte, geriet dies häufig genug zu einem Balanceakt, über den Mieter- und Vermieterinteressen in Einklang zu bringen waren. Die Kosten für die eigene, gediegene 3ZKB-Wohnung mit gehobener Ausstattung wurden über meine Dienstleistungen abgegolten. Mitte der achtziger Jahre – nach Promotion und erfolgreichem Zweiten Staatsexamen –, aber ohne Job, auf dem Höhepunkt meiner freiberuflichen Tätigkeit, hatte ich 40 Wohnungen zu verwalten und auch zu makeln, um finanziell einigermaßen über die Runden zu kommen. In diese Zeit fiel auch mein schulpolitisches Engagement, immerhin als Gründungsmitglied und Vorsitzender eines Vereins, der sich um die Gründung einer Integrierten Gesamtschule in Koblenz bemühte (GfK). Gleichzeitig war ich im Vorstand der Fördervereins Café Hahn aktiv. Und schließlich, um den Aspekt berufliche Karriere abzurunden, ergab sich 1994 – über die Ausschreibung von Ratsstellen im Fachbereich I an der Uni Koblenz – die einmalige Chance vom Schuldienst wieder zurück in den Hochschuldienst zu wechseln. Die Promotion, das erworbene Ansehen bzw. die Qualifikationen in den fünf Jahren meiner Hochschultätigkeit sowie das klare, sachlich begründete Votum des seinerzeitigen Institutsleiters, Prof. Dr. Anton Menke, verhalfen meiner Bewerbung schließlich zum Erfolg. Nach Vertretungen und Lehraufträgen wechselte ich mit Wirkung vom 1. Juli 1994 als Akademischer Rat an die Uni Koblenz und übernahm im Seminar für Allgemeine Didaktik Lehr-, Verwaltungs- und Prüfungsaufgaben mit der Perspektive einer Habilitation; genau neun Tage nachdem mein Bruder Wilfried im Alter von 38 Jahren bei einem Flugzeugabsturz tödlich verunglückt war.
Selbst beim kontrollierten Schreiben dieser Zeilen wird mir im Nachhinein noch einmal der Wahnsinn dieser Tage vor Augen geführt. Vierzehn Tage zuvor hatte ich meinen Bruder zu einem Vorbereitungstreffen mit Blick auf den siebzigsten Geburtstag unserer Mutter in Güls zuletzt gesehen. Wir waren durch den Rohbau unseres im Bau befindlichen Hauses gegangen, das unter der Planungshoheit und Bauleitung meines Schwiegervaters soeben im Entstehen war. Es war die Zeit, die durch ihre Fülle und durch ihre Veränderungen und Anforderungen in der Lebensmitte herausfinden will, was Menschen im Stande sind auszuhalten. Bei der Frage, wer ich denn nun sei, Mann meiner Frau, Vater meiner Kinder, Onkel meiner soeben Halbweisen gewordenen Nichten, Bauherr, Berufswechsler, Verwalter, Vereinsvorsitzender hatte ich noch nicht wirklich das prekäre Gefühl den Überblick zu verlieren. Dass dies schleichend und immer dramatischer der Fall sein würde, stellte sich erst im Laufe der kommenden Jahre heraus.
- Details
Das Herz (der Verstand) hat seine Gründe, welcher der Verstand (das Herz) nicht kennt (5)
Wer an dieser Maxime Pascals bislang gezweifelt hat, wird sicher über die vorstehenden Schilderungen ins Nachdenken geraten sein. Ja, in der Tat sind es nicht Gründe, die das Herz bevölkern. Wie George Steiner meint „sind es Notwendigkeiten gänzlich anderen Ursprungs. Jenseits der Vernunft, jenseits von Gut und Böse, „jenseits der Sexualität, die selbst auf dem Höhepunkt der Ekstase ein so unbedeutender und flüchtiger Akt ist.“
Der weiter oben geschilderte Husarenritt des Chronisten im aufbrechenden Frühjahr 1979 ist nichts anderes als ein gewaltiges Zeugnis für die Steinersche Hypothese. Der gewaltsame Einbruch in die Wohnung Claudias markiert eine folgenreiche Zäsur. Sie zeigt einen verrückten und liebesblöden Kerl, dessen Handeln sich nicht mehr um moralische Kategorien schert. Gut und Böse als mögliche Imperative bzw. Regulative werden von pragmatischen, zielorientierten Überlegungen mehr und mehr relativiert. Immer noch gebieten Scham und Respekt, den (die) Namen derer, die in den nunmehr zu schildernden unleugbaren Vabanque-Spielen nolens-volens – häufig unfreiwillige – Mitakteure waren, nur in Abkürzung bzw. Verfremdung anzudeuten. Die epochemachende – wenn auch heute umstrittene – von Alexander und Margarete Mitscherlich in den sechziger Jahren veröffentlichte Schrift „Die Unfähigkeit zu trauern“ (zuerst München 1967) bezieht sich zwar auf die Auseinandersetzung der Deutschen mit dem Dritten Reich. In ihrer zentralen These geht sie von der Weigerung aus, die Vergangenheit wahrzunehmen und zu verarbeiten, das heißt, Trauerarbeit zu leisten. Der Begriff der Trauerarbeit ist umstritten. Was hingegen im vorliegenden Zusammenhang damit angesprochen wird, nämlich die Weigerung eigene schuldhafte Verstrickung überhaupt einräumen zu können, gilt – cum grano salis – in allen Lebenszusammenhängen.
Der Schreiber bewegte sich vom März 1979 an in einer radikalen Haltung der Verweigerung, weil das Trennungsgeschehen, das er initiierte, für ihn einerseits alternativlos war, andererseits in seinen einzelnen Handlungen, Versäumnissen und Geschehnissen aber auch all die Verstrickungen offenbarte, die ein solches Trennungsgeschehen manchmal begleiten. Dazu wusste sich der Chronist dieser Geschehnisse nicht zu verhalten. In Briefen und auch in seinen mündlichen Verteidigungsreden beharrte er entschieden darauf, dass Trennungen eben vorkommen, dass sie – und seien sie noch so schmerzhaft und belastend – zum normalen Weltgeschehen dazu gehören. Und ganz gewiss hätte er damit auch uneingeschränkt Recht behalten, wäre seine Lebensgefährtin – immerhin über sieben Jahre – in der Dynamik dieses Trennungsgeschehens nicht lebensbedrohlich erkrankt. Schon im Mai 1979 wurde eine Krebserkrankung diagnostiziert, die zu einer Notoperation führte. Hier muss die Umkehrung der Maxime Blaise Pascals herhalten, um deutlich zu machen, dass allein der Verstand Gründe in Fülle hat, die dem Herzen fremd bleiben und ihm jeden machtvollen Einfluss verwehren.
(Das Leben ist voller Rätsel: Was ist Liebe? Was ist Verstand? Was ist Leben? Was ist Existenz? Was ist Schuld? Wie entstehen diese? Wo kommen sie her? Was ist unsere Seele? Die tiefgründigsten Geheimnisse sind jene, die wir am besten kennen, weil wir sie in unseren jungen Jahren kennenlernen und für den Rest unseres Lebens als selbstverständlich angesehen haben. Wir begegnen ihnen täglich, doch wir vermögen sie nicht zu enträtseln oder mit unserem Wahrnehmungsvermögen zu erfassen – kabbalistische Weisheiten – Kabbala als die Lehre des Geheimen)
Es soll an anderer Stelle berichtet werden, dass diese Klemme – sich zu den Geschehnissen der Trennung von meiner damaligen Lebensgefährtin nicht angemessen zu verhalten – über zwei Jahrzehnte Bestand hatte, und welch simple Veränderungen dazu beitrugen, ihre Auflösung zu befördern.
Wenn wir nun schon an der biografischen Weggabelung angekommen sind, an der sich einerseits moralische Kategorien relativierten, so bedeutet das andererseits keineswegs, dass sie sich auflösten. Die Klemme im Frühjahr 1979 bestand vor allem darin, aufzubrechen in eine neue Welt und gleichzeitig die Frage zu beantworten, wie man die neu entstehende Bindungsdynamik beherrschen oder doch zumindest bezähmen könnte. Eine Vorwegnahme sei gestattet und drängt sich ja selbstredend auch auf, weil schon die Rede war vom bevorstehenden Fürsorglichen Finale. Das Frühjahr 1979 war also der Auftakt zu einem gemeinsamen Aufbruch, dem im Juni 2021 die Rubinhochzeit winkt. Und kurz vor dem Siebzigsten erfindet sich niemand mehr neu. Er hat vielmehr Mühe – wenn er sich schon der Mühe unterzieht Geschichten aufzuschreiben –, nicht in verlockenden Inkonsistenzbereinigungsprogrammen heillos unterzugehen, sondern letzte Reste von Glaubwürdigkeit und Authentizität zu retten. In einem ersten Gespräch über diese Aufzeichnungen mit einem langjährigen Freund, kamen wir auf die Schwierigkeiten zu sprechen, erstens die Frage redlich zu beantworten, wen all dies hier überhaupt interessieren könnte? Zweitens, wen es überhaupt etwas anginge? Und drittens, ob man nicht um des lieben Friedens willen sowieso den Blick viel besser nach vorne richten, und die Vergangenheit (endlich) auch Vergangenheit sein lassen sollte! Und mehr noch stellt die Frage, ob genau diese letzte Empfehlung nicht so etwas sei, wie die Überlebensgarantie für so viele, die beim Betrachten ihrer Vergangenheit ohnehin zu Totstellreflexen neigen (müssten)! Die heute alltäglichen Konstellationen von Familiengeschichten enthalten zuhauf jene Zutaten, die sich auch rückblickend nicht mehr zur Zubereitung eines schmackhaften Menüs oder auch nur einer Notspeisung eignen. Und der ein oder andere mag dann vielleicht ins Grübeln geraten:
So vielen bist Du gleichgültig, und so viele sind Dir gleichgültig geworden. Beziehungen sind flüchtig, waren immer nur Episoden und dort, wo sie Generativität nicht verhindern konnten, hast Du Deine Kinder aus den Augen verloren; Du bist ihnen fremd, und sie sind Dir fremd. Deine Enkel beginnen irgendwann zu fragen: wer sind wir, wo kommen wir her, wer ist uns vorausgegangen? – manchmal zu spät. Den Aspekt der Flüchtigkeit hat kaum jemand eindrücklicher auf den Punkt gebracht als Botho Strauß – hier ohne generative Relevanz, was die ganze Sache auf lange Sicht – auf die lange Sicht des Botho Strauß erträglicher macht: "Ich sah aus dem Auto in einer Passantenschar, die, die Kreuzung überquerte, die geliebte N., mit der ich - einst! seinerzeit! damals! - gut drei Jahre lang die gemeinsamen Wege ging, sah sie über die Fahrbahn schreiten und auf irgendeine Kneipe zuhalten. Ihr Kopf, ihr braunes gescheiteltes Kraushaar. Und das ist diesselbe, die ich im Tal von Pefkos auf Rhodos, als wir von verschiedenen Enden des Weges über die Felshügel einander entgegengingen, so bang erwartet habe, in Sorge es könne sie jemand vom Wegrand her angefallen und belästigt haben, da sie nicht und nicht erschien am Horizont. Das ist dieselbe Geliebte. Im halben Profil flüchtig erblickt, indem sie dahinging und ich vorbeifuhr. Mir ein unfaßliches Gesetz, das so Vertraute wieder in Fremde verwandelt. Verfluchte Passanten-Welt!"
Botho Strauß verflucht die Passanten-Welt. Er war – als er dies schrieb – noch ein relativ junger Mann. Blickt man als alter Mann zurück, ist man weniger versucht – oder auch nur geneigt – die Passanten-Welt zu verfluchen. Sieht man doch eindrücklicher und nachhaltiger die eigene Rolle in der Passantenschar. Und so mag es eben vorkommen, dass eine Schülerliebe all die Verheißungen nicht erfüllen konnte, die man sich im Aufbruch ausgemalt hatte. Der Verschleiß, der da früh einsetzt, ist dann gleichermaßen den eigenen Illusionen wie den eigenen Unfähigkeiten geschuldet. Früh schon bemerkt der Schreiber, dass er sich wieder einmal in die Gefahr begibt, das Erzählen weitgehend zu verfehlen; aus purer Angst und aus ehrlichem Respekt gegenüber den Beteiligten. So bleiben die Schilderungen Andeutungen, die aber aus den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts hineinreichen in die Gegenwart. Sie erinnern erstens an die Altlasten einer verfehlten Erziehung und vor allem an einen Zeitgeist jenseits von Aufklärung, Emanzipation und sexueller Befreiung. Und sie erinnern bis heute an die ungelösten Herausforderungen, die Susanne Gaschke um die Jahrtausendwende folgendermaßen umschrieb:
„Auch die Familien der Zukunft werden drei traditionelle Probleme bewältigen müssen: Es sind dies die verlässliche Regelung der Kindererziehung, die Fürsorge für alte Eltern und die bis heute ungelöste Frage, wie mit der Eintönigkeit exklusiver Bindungen einerseits und der Eifersucht andererseits umzugehen sei.“
Dass die Welt in Bad Neuenahr relativ heil geblieben war – mit Blick auf die von Susanne Gaschke angesprochenen zu bewältigenden traditionellen Probleme – verdankte sich schlicht einer Reihe von Zufällen. Für die in den zwanziger Jahren auf dem Land Geborenen stellten sich die Rollenzuweisungen weder im familialen und noch viel weniger im Zusammenhang mit einer sexuellen Identitätsbildung als irgendwie optional dar. Und ich schreibe es dem Zufall zu, dass die Fürsorge für alte Eltern bei uns nur noch gegenüber den Eltern der Mutter erforderlich war. Und es war Zufall, dass Vater und Mutter schon als Kinder Hausbacke an Hausbacke in der Kreuzstraße wohnten, so dass Fürsorge und Pflege perfekt zu organisieren waren. Und auch die Rollenverteilung ergab sich – gewissermaßen wie von selbst –, da Hilde die ältere der beiden Töchter war. Meine Oma starb 1968 und mein Opa 1970 – jeweils nach etwa halbjähriger Pflege bis zum Tode und vor allem zu Hause. Mein Vater hatte die Hosen an, und meine Mutter trug die Röcke, die dem Vater genehm waren, womit keineswegs gesagt ist, dass im ehelichen Zusammenspiel die Hosenrollen auch immer nach diesem Muster vergeben waren.
Eine kleine Reminiszenz soll hier verdeutlichen, wie ein Jota Veränderung in der familialen Ausgangskonstellation in dramatischster Weise zu spannungsreichen Verschiebungen und unversöhnlichen Konflikten führen kann. Kaum lässt sich auch nur ahnen, wie sehr das Handeln und die Grundorientierung der Akteure vom Zeitgeist bestimmt wurden:
Von 1971 bis 1978 wuchs mir eine zweite Familie zu, die leicht auch zu meiner Schwieger-Familie hätte werden können. Dort, an der Mittelmosel, in einem traditionellen und konservativen Milieu, zeigte sich die strukturelle Gewalt, die aus festgeschriebenen Rollenzuweisungen entspringen kann, in aller Härte und Gnadenlosigkeit. Hier hatte das – meiner Erinnerung nach 1926 geborene – Familienoberhaupt nie einen Zweifel daran gelassen, dass er, der zur Waffen-SS gezogen worden und in französische Kriegsgefangenschaft geraten war, dort, in Frankreich, heimisch geworden war und nur zurückkam an die Mittelmosel, weil er sich seiner Mutter verpflichtet fühlte. Wie die Ehe zustande gekommen war, aus der eine zuerst eine Tochter und dann ein Sohn hervorging, entzieht sich meiner Kenntnis, die sich fast ausschließlich aus den Erzählungen des Vaters und eigenen Beobachtungen nährt. Was mir damals als recht brutale Haltung eines Patriarchen begegnete, erklärt sich vermutlich nur aufgrund des erwähnten Jotas Unterschied. Denn hier gab es nur noch die Mutter des Vaters, die Schwiegermutter der Mutter, die Mitte der siebziger Jahre ihren bis dahin selbstständig geführten Hausstand auf der gegenüberliegenden Straßenseite aufgeben musste und ein Zimmer im großen Haus des Sohnes zugewiesen bekam. Schwiegertochter und Schwiegermutter verstanden sich nicht, und die Mutter des vermutlich einzigen Sohnes, legte es immer wieder auf Machtkämpfe an, die zuletzt absolut unter dem lagen, was wir als Gürtellinie bezeichnen. In all diesen sieben Jahren haben die Eheleute einen einzigen gemeinsamen Urlaub in Langenargen am Bodensee verbracht. Für diese 14 Tage hatte die (Schwieger-)Mutter einen Platz in einem Altenstift des Nachbarortes. Das Ansinnen seitens der Ehefrau, dies sei doch vielleicht auch eine akzeptable Dauerlösung, führte zu einem erbitterten innerfamiliären Konflikt, bei dem sich die Tochter auf die Seite der Mutter stellte. Niemals zuvor und niemals danach habe ich ein einseitigeres Konfliktmanagment erlebt mit einer brachial durchgesetzten einseitigen Lösung. Die (Schwieger-)Mutter blieb in Abwendung einer unzulässigen Schande, die sich mit einer Heimunterbringung aus der Sicht des Vaters ergeben hätte, in der Familie. Enttäuschung, Wut, Hass, Machlosigkeit, Hilflosigkeit – all diese Empfindungen und Haltungen spiegeln die Ablehnung der Mutter wieder. Machtgebaren und Sturheit bis zur Bösartigkeit beschreiben die väterliche Demonstration von Deutungs- und Entscheidungshoheit. Mit Wut und Bitterkeit beantwortete die Tochter in dieser Phase die brachiale Machtdemonstration des Vaters. Meine eigene Verbindung zu dieser Familie endet 1978. Es mag wiederum der pure Zufall sein, dass meine damalige Lebensgefährtin sich entschloss, in dem Ort, in dem ich seit 1980 lebe, ein Haus zu kaufen. Ihre Mutter ist einige Jahre vor ihrem Vater verstorben, und die letzten Monate seines Lebens, der Pflege und Betreuung bedürfend, hat der Vater im Hause seiner Tochter verlebt. An solchen extremen Beispielen lassen sich die Bedeutung und die Eigendynamik von (innerfamiliär relevanten) Kategorien, wie Zeitgeist, Tradition, Konflikt, Ohnmacht, Geborgenheit, Bindung und Zugehörigkeit recht authentisch diskutieren.
Es gibt viele Mosaiksteine in meinem eigenen Leben, die dazu beigetragen haben, hinsichtlich der von Susanne Gaschke definierten drei Kardinalprobleme eine konservative Haltung einzunehmen. Aber vor allem auch die erinnerten, soeben geschilderten Konflikte haben sich tief in mich eingeschrieben und zeitlebens daran gehindert, in der Fürsorge sowohl für die Jungen als auch die Alten nur ein Jota Verantwortung zu delegieren. So werden viele der hier aufgeschriebenen Geschichten die Langeweile in der langen Weile widerspiegeln, einzig lesenswert vielleicht durch die mehr oder weniger gelungene Art des Erzählens.
Kehren wir zurück in den Frühling 1979 – die Zeit des Aufbruchs und des Niedergangs. Dass eine neue Liebe wie ein neues Leben sei, diese massenwirksame Kollektivhypnose verfing auch zu Zeiten des geschilderten Wahns Ende der siebziger Jahre nicht mehr wirklich. Vier Männer (in mir) – dieses Gedicht ist zwar erst gut 20 Jahre später in mir gewachsen. Die zeitliche Differenz signalisiert denn auch eher die Tatsache, dass es Abstand braucht, um die Zusammenhänge trennschärfer wahrnehmen und einordnen zu können. Im Alter von Mitte vierzig zeigen sich denn auch die illusionsgeschuldeten Verirrungen im Selbstbild auf brutale Weise. Sie springen einem nicht nur schreiend ins Gesicht, sondern sie sind vielmehr einer Lebenspraxis geschuldet, die mit Feuer und Schwert den Schwachsinn der frühen Jahre beiseite fegt. Und auch wenn das Gedicht in seiner Sprache um Kultivierung bemüht ist und eine gewisse Verklärung der Zusammenhänge nicht leugnen kann, offenbart es doch, dass die Ereignisse im Frühjahre 1979 in ein Vorher und ein Nachher eingebettet sind:
- Details
Spurensuche I (4)
Gehen wir einmal – von 1988 aus gesehen – 28 Jahre rückwärts; wir landen im Jahr 1960, genauer im Juli 1960. Am 19. Juli 1960, an einem Dienstag, fährt Hilde mit ihren beiden Söhnen, Franz Josef und Wilfried, nach Flammersfeld, so ziemlich genau 18 Jahre nach der Geburt ihrer Tochter Ursula. Die erste Frage, die sich heute stellt: „Was – um Himmels Willen – will sie dort in Flammersfeld?“ Die Erinnerungen des Schreibers dieser Aufzeichnungen sind dünn; hilfreich sind sechs Postkarten, die zum einen das Zeitfenster (19.7.-27.7.1960) exakt belegen, und die zum anderen etwas offenbaren über Umstände und Eindrücke dieser merkwürdigen Reise. Drei Karten sind adressiert an „Familie Theo Witsch“, jeweils eine Karte an „Familie Josef Lahnstein“, „Fräulein Ulla Witsch“ und „Herrn Theo Witsch“. Was am meisten irritiert, sind die Anreden, wobei die erste Karte (20.7.) an „Familie Theo Witsch“ einen rätselhaften, nicht mehr nachvollziehbaren oder irgendwie interpretierbaren Hinweis enthält (fett). Die Anrede irritiert, weil dem Schreiber dieser Aufzeichnungen die Anrede „Vati“ völlig fremd ist und in keiner Weise erinnerlich im Sinne einer alltäglichen Anrede (die lautete immer: Papa und Mama!) Da heißt es:
„Lieber Vati und Ulla, viele Grüße sendet Euch Mutti. Das geben 8 lange Tage. Franz-Josef sagte gestern Abend, da wäre er doch lieber zu Hause geblieben, immer nur spazieren gehen, das ist nicht das richtige. Im Schwimmbad ist kein Tropfen Wasser und spielen kann man auch nicht gehen. Jetzt gehen wir einen Ball kaufen, dann können wir wenigstens Fußball spielen. Der Herr mit Auto ist mir schon begegnet, war mir sehr peinlich. Nochmals Gruß Mutti.“
An ihre Eltern schreibt Hilde:
„Liebe Eltern! Viele Grüße senden Euch Hilde und Kinder. Hier kennt man sich nicht mehr aus. Flammersfeld ist noch 2-mal so groß, wie es war. Liebe Mutter, wie geht es Dir? Wenn es schlimmer ist, dann ruft mich vor 9 Uhr morgens an, die Nummer ist 286. Nochmals viele Grüße Hilde und Kinder.“
Am 21.7. gehen zwei weitere Karten nach Bad Neuenahr; eine an Herrn Theo Witsch und eine an Familie Theo Witsch:
„Lieber Vati, heute regnet es in Strömen, als ob die Welt untergehen wollte, und ich sitze hier mit den Beiden auf dem Zimmer (ich möch zefoß no Kölle jon). Kannst Du Dir das vorstellen. Aber vielleicht regnet es sich heute aus und wir haben dann doch noch ein paar Tage schönes Wetter. Die Leute sind sehr nett und wir bekommen ein prima Frühstück: 6 Brötchen, Brot in Mengen, 1 Ei, Käse, Marmelade, drei Stück Butter. Die Kinder bekommen Kakao. Man könnte es hier schon aushalten. Aber es ist eben zu Hause doch am schönsten. Für heute viele Grüße an Euch beide Mutti.“
Eine mit Bleistift geschriebene Postkarte – liniert – habe offenkundig ich geschrieben:
„Lieber Vati und Ulla! Ich wünschte es wäre schon Dienstag. Heute hat es fast den ganzen Tag geregnet. Mama hat uns heute Morgen Regenkeps gekauft. Eben haben wir ein Reh gesehen. Sonst sieht man hier nur Kühe und Ochsen. Was macht Hansi? Für heute viele Grüße von Franz Josef und Wilfried. Auch viele Grüße an Oma und Opa.
Am 22.7. schreibt Hilde an ihre Tochter:
„Aus Deinem Geburtsort herzliche Grüße sendet Dir Deine Mutter und Geschwister. Hast Du auch schon Post von Deinem Ernst. Ich habe gedacht, wenn der Ernst Dir vielleicht nicht schreibt, will ich Dir wenigstens eine Karte schreiben. Für heute nun viele liebe Grüße sendet Dir Mutter.“
Und schließlich die letzte Karte vom 23.7. an Familie Theo Witsch:
„Lieber Vati und Ulla! Bis jetzt haben wir noch nicht einen Tag ohne Regen gehabt. Wir sind es richtig leid. Abends liegen wir schon um sieben Uhr im Bett. Wenn man mit dem Zug von hier fahren könnte wären wir schon wieder zu Hause. Aber von hier fahren nur Busse und da hat Franz Josef zu viel Angst. Bis am Dienstag viele Grüße und Aufwiedersehen Mutter.“
Versuchen wir das Wesentliche festzuhalten und es in einen Verstehenshorizont aus heutiger Betrachtung einzuordnen: Vom 19. bis zum 27. Juli 1960 fährt Hilde mit ihren beiden Söhnen nach Flammersfeld im Westerwald, den Geburtsort ihrer Tochter. Diese Geburt ereignete sich – bezogen auf den 19. Juli 1960 genau 18 Jahre und 34 Tage zuvor. Auf der Karte, die Hilde ihrer Tochter schreibt, ist das Geburtshaus Ullas zu sehen, das sogenannte „Braune Haus“, das vier Geschossebenen aufweist, von denen drei auf der Postkarte eindeutig zu erkennen sind. Dieses sogenannte „Braune Haus“ beherbergte 1942 ein Entbindungsheim der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt – inzwischen ist es abgerissen. Bemerkenswert ist, dass Hilde die Karte mit dem Hinweis beginnt: „Aus Deinem Geburtsort …“. Ursula Witsch, geborene Lahnstein, bekam hiermit einen Hinweis, der ihr – nimmt sie ihn wörtlich – die Frage aufzwingt: „Warum bin ich nicht zu Hause bzw. in Bad Neuenahr geboren, sondern in Flammersfeld?“ Und genauso, wie sie all die kleinen Mosaiksteine gesammelt haben mag in ihrem Unterbewussten, wird sie diesen Hinweis abgespeichert haben auf der langen Liste von Fragen, die sich mit ihrer Zeugung und Geburt verbinden: „Wieso Flammersfeld – am 5.6.1942? Da war meine Mutter nicht einmal 18 Jahre alt!“ Dass Flammersfeld jene wendepunktspezifischen Qualitäten repräsentiert, die Niklas Luhmanns Lebenslauf-Definition entsprechen, wird in unmittelbarer Zukunft eine weitere markante Besonderheit offenbaren. Luhmann bemerkt ja in seiner unvergleichlich trockenen Diktion: „Die Komponenten eines Lebenslaufs bestehen aus Wendepunkten, an denen etwas geschehen ist, was nicht hätte geschehen müssen.“ Und die Postkarte an ihre Tochter enthält weiteren Zunder, und man ist geneigt, Hilde zu unterstellen, dass sie hier bewusst zündelt: „Hast Du auch schon Post von Deinem Ernst? Ich habe gedacht, wenn der Ernst Dir vielleicht nicht schreibt, will ich Dir wenigstens ein Karte schreiben.“ Stand die Beziehung zu jenem Ernst, der der Vater ihres Sohnes Michael werden sollte, soeben auf der Kippe? War es jener Sommer, den Ernst mit einem Freund in Dänemark oder Schweden verbracht hat, um sich die Hörner abzustoßen – seine Erzählungen sind legendär!? Das Zündeln hatte zwiespältige Folgen. Hilde hat gewiss weder damit gerechnet noch davon geträumt, dass es ihre Tochter ihr gleichtun würde, sich nämlich zu einem vergleichbar frühen Zeitpunkt schwängern zu lassen – irgendwann im März 1961, noch mit 18 – wenige Monate vor ihrem 19. Geburtstag. Am 14. Januar bringt sie ihrer Mutter den vielleicht – nein, den ganz sicher – innig begrüßten Enkelsohn zur Welt.
Aber bleiben wir zunächst in Flammersfeld – im Juli 1960! Das Entbindungsheim der NSV war unversehrt. Hilde ist gewiss an diesen Ort zurückgekehrt. Meine Erinnerung mag mich trügen, aber es gibt verschwommene Bilder, die mir zumindest einen Besuch signalisieren. Was zum Teufel hätte unsere Mutter genau an diesen Ort zurückführen sollen, wenn nicht die Hoffnung den ein oder anderen Akteur, die ein oder andere Beteiligte aus jenen Wochen ihrer Obhut im Heim der NSV wiederzusehen? Und welcher Herr ist ihr begegnet? Und warum war ihr diese Begegnung peinlich? Die Postkarten hat im Übrigen meine Schwester aufbewahrt, meine Schwester, die – nachdem sie gebenedeit war unter den Frauen – ihren Ernst heiratet auf dem Standesamt jenes Ortes, in dem sie das Licht der Welt erblickt hat – in Flammersfeld!
Eine Ironie am Rande all dieser Merkwürdigkeiten ergab sich 40 Jahre später bei der Rekonstruktion des Einsatzweges von Franz Streit in der Deutschen Wehrmacht. Wäre F.S. nicht im September 1943 gefallen, hätte er sich mit dem Stab seines Stammregiments (Panzerregiment 33 der 9. PD) am 15.3.1945 in Flammersfeld wiedergefunden. In den Regimentsunterlagen findet sich zum 15.3.1945 folgender Vermerk: „Die rückwärtigen Teile der Abteilung verlegen über Altenberg – Benzberg – Overath – Much – Schönenberg – Eitorf und Kircheib nach Mehren. Stab über Benzberg – Gummersbach – Auchel – Waldbröl – Wissen – Roth – Hamm – Lenscheid und Weyerbusch nach Flammersfeld.“ Quartier war mit Sicherheit das sogenannte „Braune Haus“, das seine Aufgabe als Entbindungsheim zu diesem Zeitpunkt gewiss schon hatte aufgegeben müssen. Franz Streit, der Hilde zuletzt und seine Tochter zum einzigen Male im Juni 1942 in Flammersfeld gesehen hatte, gehörte da bereits zu den Gefallenen seines Stammregiments, dem er seit der Aufstellung der Division angehört hat.
Es ist müßig über die Motive Hildes zu diesem einwöchigen Urlaub in Flammersfeld zu spekulieren. Dem Verfasser dieser Aufzeichnungen ist erst spät – eigentlich erst im Alter – die unaufgelöste Spannung bewusst geworden, in der Hilde lange gelebt haben muss, und die sie möglicherweise auch dazu veranlasst hat einer Heirat mit Theo erst so spät zuzustimmen. Gleichermaßen unbeantwortet bleibt die Frage, welcher Mann Jahr um Jahr sein Werben aufrechterhalten hätte – gegen alle bedeutsamen Anderen, vor allem gegen die eigene Mutter? Und mit der Heirat war das Menetekel nicht aus der Welt geschafft, dass irgendeines ungewissen Tages Franz Streit auftauchen könnte, um seine Tochter zu sehen und was sonst noch für Motive im Schilde zu führen. Die letzten Heimkehrer wurden 1955 aus russischer Gefangenschaft entlassen! Und da Franz Streit Hilde gegenüber eingestanden hatte, bereits verheiratet zu sein und ein Kind zu haben, lebte sie schlicht in der Ungewissheit über Franzens Schicksal nichts zu wissen. Hilde hat – nach eigenem späten Bekunden – alles vernichtet bzw. verbrannt, was mit Franz Streit zu tun hatte und was sie an ihn hätte erinnern können. Dass Franz Streit den Heldentod gestorben war und nicht nur einen Sohn, sondern derer zwei hatte, würde erst ihre Tochter 60 Jahre später ans Tageslicht befördern. Jahre, nachdem ihr Bruder Wilfried auf dem Weg nach Österreich mit dem Flugzeug abgestürzt war, würde Ursula in Wien (Gert) und in der Nähe von München (Werner) zwei weitere Brüder finden und so ein neues Kapitel ihrer ganz persönlichen Familiengeschichte aufschlagen.
Ein Schisma der Moderne liegt ganz gewiss in der Möglichkeit einer wirksamen, verlässlichen Empfängnisverhütung begründet. Die Zulassung der Pille in den sechziger Jahren bedeutet ein radikal neues Kapitel in der Beziehung von Frau und Mann. Während sich Hilde mit ihrer gänzlich ungewollten und ungeahnten Schwangerschaft tatsächlich einer Todsünde schuldig machte und den vollen Preis dafür bezahlte, bedeutete die Schwangerschaft ihrer Tochter ein deutlich geringeres Maß an Tragik, da ja immerhin der erfolgreiche Schütze aus der ersten Reihe in die Pflicht genommen werden konnte. Die Tragik war gewissermaßen eine nachgetragene, weil Ehen – ausschließlich auf den Tatbestand eines erfolgreichen Beischlafs gegründet – ihre eigenen Hypotheken mit sich schleppen. Weitere Schwangerschaften blieben dem Paar dann auch erspart, bevor die Ehe sich schließlich überlebte und vor dem Scheidungsrichter endete. Dem Prinzip der Generativität war genüge getan und die junge – überaus junge Großmutter – sorgte, so wie das gesamte familiale Umfeld dafür, dass der Enkel beste Startbedingungen für sein künftiges Leben erfuhr. Die lebensprägenden Umstände und die richtungsweisenden Lebensentscheidungen dieses Enkels werden – aus der puren Beobachterhaltung seines Onkels – noch eine raumgreifende Aufmerksamkeit erfahren. Alle in die Verantwortung bzw. das Geflecht von Erziehung und Beziehung einbezogenen – meinetwegen auch verstrickten – Akteure hatten bzw. habe ihre Sicht auf die Familiendynamik, die sich aus all den bereits erwähnten Hypotheken und Belastungen gleichermaßen ergeben. So wie der Schreiber dieses Berichts versucht eigene Spuren aufzudecken (und wo aufgedeckt wird, geht es immer auch um Verhüllung), kann – was den Enkel von Hilde und Franz Streit anbelangt – nur der Enkel selber etwas Licht ins eigene Dunkel tragen – wie er vor Jahren einmal meinte, ganz im Interesse seiner Kinder.
- Details
Zeitgeist und Kontenausgleich I (7)
Dann wiederum ist man gut beraten, jene Wendepunkte besonders zu würdigen, die uns Gelassenheit vermitteln und die Einsicht, dass es nun gut ist. Lange bevor ich hier erzählen kann, wie ich in Heidelberg nicht nur mein Herz, sondern auch meinen Verstand wiedergefunden habe, zwingt sich eine kleine Episode auf, die so viele Altlasten aus meinem Schuldenbuch getilgt hat:
Über drei Jahre habe ich in Heidelberg (IGST) an den Vorbereitungs- und Fortbildungskursen bei Gunthard Weber, Ulrich Clemens und Andrea Ebbeke-Nohlen teilgenommen und mir im Zuge dieser Jahre endlich einen Reim machen können auf mein destruktives, mörderisches Driften in der Vergangenheit. 2000 lag dies hinter mir, und ich fühlte mich einmal mehr bemüßigt auch die Papierhalden der letzten Jahrzehnte zu entschlacken. Im Zuge dieser Sondierungen stieß ich unter anderem auf Briefe, die Ende der siebziger Jahre im Zuge der Trennung zwischen E. und mir gewechselt worden sind. Es war schon die Rede davon, dass ich mich von März 1979 an in einer radikalen Haltung der Verweigerung bewegte, weil das Trennungsgeschehen, das ich vorantrieb, einerseits alternativlos erschien, andererseits in seinen einzelnen Handlungen, Versäumnissen und Geschehnissen aber auch all die Verstrickungen offenbart, die ein solches Trennungsgeschehen ebenso unausweichlich begleiten. Bei der Lektüre dieser Briefe verstärkte sich der Eindruck, dass all dies auch mehr als zwanzig Jahre nach den Ereignissen, kein versöhnliches Ende gefunden hatte. Zu dieser Zeit – im Jahre 2001 – wohnte E. bereits in Güls. Ich bereitete die Feier zu meinem fünfzigsten Geburtstag vor. Noch unter dem Eindruck dieser Briefe bewegte ich mich in den Gülser R-Kauf auf der Gulisastraße. An der Wursttheke kam unversehens E. neben mir zu stehen. Erstmals seit mehr als zwanzig Jahren begrüßte sie mich freundlich und mit einem lange nicht gesehenen Lächeln auf den Lippen. Von der Seite näherte sich ein Mann, den sie mir mit den Worten vorstellte: „Das ist K., mit dem lebe ich jetzt zusammen.“ Zu K. sagte sie: „Das ist Jupp, mit dem hab ich einmal zusammengelebt.“ Der Small-Talk, der sich anschloss war unbefangen und vermittelte erstmals eine gewisse Leichtigkeit. In diesen Minuten erfuhr ich körperlich, dass mir eine Last von der Seele genommen wurde. Im Nachgang habe ich den Kontakt zu E. aufrechterhalten. Im November 2001 lud ich sie zum Abendessen auf die Ankerterrasse in Güls ein. Sie nahm diese Einladung an. Ein weiterer Hintergrund ergab sich – wie schon angedeutet – aus den Vorbereitungen zu meiner Geburtstagsfete. Mit einem guten Jahr Vorlauf hatte ich mich entschlossen mir zu diesem Anlass eine eigene Festschrift zu erlauben. Es war ein erster Versuch, so etwas zu ziehen wie eine Lebensbilanz – mit vielen biografisch folgerichtigen Geschichten und Aufzeichnungen. Ein Kapitel widmete sich explizit der Studentenzeit – und hier in einem eigenen Unterkapitel der Bendorfer Wohngemeinschaft. Ich spürte deutlich die Verpflichtung E. dieses Kapitel als Entwurf vorzulegen und ihre Meinung dazu zu hören. Wenige Tage nach Lektüre der ersten Fassung teilte sie mir mit, dass ich unverzüglich mit rechtlichen Schritten zu rechnen hätte, wenn diese Fassung unzensiert in die Festschrift: „Komm in den totgesagten Park und schau – ich sehe was, was Du nicht siehst“ eingehen würde. Nach den gewünschten Änderungen gab E. ihr Placet und nahm meine Einladung zur Feier an. Vor allem die Einführung in die u.a. von Bert Hellinger entwickelte therapeutische Methode der Familienaufstellung unter der therapeutischen Begleitung von Gunthard Weber haben mir den angemessenen Weg zu einer Entschuldigung vermittelt, die (auch) nach zwanzig Jahren in ihrer Form und Ernsthaftigkeit den Boden für eine Versöhnung bereitet hat. Worauf es hierbei ankommt, hat Hellinger in einer schlichten Intervention deutlich gemacht, so dass Menschen in vergleichbaren Situationen und Konstellationen eine Perspektive erkennen können. Die wesentlichen Aussagen lassen sich etwa folgendermaßen zusammenfassen:
"Die Lösung (in festgefahrenen, unversöhnlichen Paarkonflikten – auch lange nachdem der gemeinsame Weg im Abgrund endete) ist, dass sich beide ihrer Trauer überlassen, dem ganz tiefen Schmerz, der Trauer darüber, dass es vorbei ist. Diese Trauer dauert nicht sehr lange, geht aber sehr tief und tut sehr weh. Dann sind sie auf einmal voneinander gelöst, und dann können sie nachher gut miteinander reden und alles, was noch zu regeln ist, vernünftig und mit gegenseitigem Respekt lösen. Bei einer Trennung ist die Wut sehr häufig Ersatz für den Schmerz der Trauer. Oft fehlt, wenn zwei nicht voneinander lassen können, das Nehmen. Dann muss der eine dem anderen sagen: Ich nehme, was du mir geschenkt hast. Es war eine Menge, und ich werde es in Ehren halten und mitnehmen. Was ich dir gegeben habe, habe ich dir gern gegeben, und du darfst es behalten. Für das, was zwischen uns schief gelaufen ist, übernehme ich meinen Teil der Verantwortung und lasse dir deinen, und jetzt lass ich dich in Frieden. Dann können beide auseinandergehen."
Nach mehr als zwanzig Jahren wurde hier gewissermaßen ein gordischer Knoten gelöst, der einen unbefangenen und vor allem unbelasteten Weg in eine befriedetee Zukunft nachhaltig belastet hat. Damit sind nicht alle Fehltritte zu entschuldigen, die in der Folge und innerhalb unseres lebensumspannenden Aufbruchs zu Beginn der achtziger Jahre geschehen sind. Der schwierige, krisenreiche Verlauf dieses lebenslangen Projekts gewinnt allerdings aus diesem Blickwinkel sowohl an Plausibilität als auch an Überzeugungskraft. Dass Claudia die Flinte nicht ins Korn geworfen hat, adelt sie. Wo Türen verriegelt schienen, öffneten wir ganze Scheunentore und bargen nicht nur eine Flinte, sondern ganze Feuerwerke aus dem Heu.
