(f)liegen lernen - siehe auch: hier
Lesenswert am Ende Paul Eastwicks Hinweise zu Bindungsbedürfnissen
Zufallsgenerator Fernsehen! Ich bin kein Straemer, muss mich rechtfertigen, wenn ich bekenne, dass feste Sendeplätze im öffentlich-rechtlichen Fernsehangebot nach wie vor meinem Rezeptions- und Konsumverhalten jenes Korsett verleihen, mit dem ich von Kindesbeinen an - so etwa ab einem Alter von 8 bis 10 Jahren sozialisiert worden bin (damals noch mit Klaus Havenstein und Sammy Drechsel: Sport -Spiel - Spannung und nicht zu vergessen: Astrid Lindgren: Die Kinder von Bullerbü). Gestern, Samstag - nach Weihnachten bei Christstollen und Kakao - gerate ich in einen 2003 gedrehten Spielfim, den Claudia allerdings aus der Mediathek gefischt hat. Allein die Riege der inzwischen etablierten - seinerzeit jungen Schauspieler:innen Fabian Busch, Susanne Bormann, Fritzi Haberlandt, Sophie Rois, Anka Sarstedt, Birgit Minichmayr, Florian Lukas, Uwe Rohde (als 1958 Geborener freilich nur sechs Jahr jünger als ich) hält mich auf der Couch fest. Die ersten Bilder die ich sehe, zeigen Szenen einer Klassenfahrt nach Berlin (u.a. Helmut und Britta, die Hauptprotagonisten in der Kneipe: Zur letzten Instanz); die hatte ich 10 Jahre zuvor absolviert als ältester aus meiner damaligen UI - ein Jahr vor dem Abitur.
Ich bleibe also hängen und sehe mir den Film bis zur Schlussszene an. Es sind zweifellos nicht Angehörige meiner Alterskohorte. In der Generationenabfolge würde man sie auch - bis auf Ausnahmen - nicht mehr den Boomern zuordnen.
Es sind Angehörige an der Nahtlinie zwischen den Boomern und der Generation X, die hier in den Fokus der (Selbst-)Beobachtung geraten. Man mag über diese Generationentypisierung denken, was man will. Aber zweifellos gibt es generationstypische, zeitgeistbezogene Einflüsse, die Unterschiede generieren, die markante Auswirkungen zur Folge haben: im Zusammenhang mit sich entwickelnden Weltbildern, im Hinblick auf geschlechterbezogene, soziale, kulturelle Einflüsse, die sich in Selbst- und Fremdbildern niederschlagen. Niemand wird bestreiten, dass die Zugehörigkeit zu abgrenzbaren Alterskohorten identitäts- und sinnstiftende Auswirkungen hat. Die Auseinandersetzung mit der Boomer-Generation, die ich einem meiner Patenkinder zugedacht habe, enthält grundlegende Befunde und Überlegungen hierzu. So schreibt Barbara Supp im SPIEGEL (33/24) in ihrem Essay Happy Birthday Boomer unter anderem den folgenreichen Satz:
"Für die Boomer selbst sind geplatzte Beziehungen normal. Trennungen?
Immer wieder. Ein Leben lang."
Über die FSK wird 2003 eine Freigabe des Films - liegen lernen - ab 12 zertifiziert; Kinder, die zu Beginn der 90er Jahre geboren worden sind. Im Jahr 1990 gab es in Deutschland 154.786 Ehescheidungen, wobei 118.340 minderjährige Kinder betroffen waren. Nach der Wiedervereinigung gab es einen Anstieg der Scheidungszahlen in den 90ern, mit einem Höchststand um 2003/2004, aber 1990 lag die Zahl bereits deutlich über der der Vorjahre. Eine Liberalisierung des Scheidungsrechts, zeitgeistabhängige sowie ein erkennbarer Einstellungs- und Wertewandel rahmten das Aufwachsen und die Sozialisation der Generation Z - derer in den 90er und zu Beginn der 00er Jahre Geborenen auf so völlig andere Weise als die ihrer Großeltern. Zu sehen bekommen sie das Driften ihrer Eltern in einer Welt des Wohlstands wie massiver Krisen gleichermaßen. Die wohl radikalste und folgenreichste Zäsur ergab sich gewiss zu Beginn der 60 Jahre mit der Einführung der Pille:
Dieses KI-generierte Info-Häppchen macht bereits etwas deutlich, was gesellschaftlicher Wandel und eine zeitgeistbedingte Erosion tradierter Moralvorstellungen im Hinblick auf individuelle Optionen bedeuten können. Eva Illouz geht mit Blick auf die in den späten sechziger Jahren ausgelöste sexuelle Freizügigkeit einen gewaltigen Schritt weiter, wenn sie schlussfolgert,
Kommen wir zum Ausgangspunkt liegen lernen zurück: Helmut - der Protagonist, gespielt von Fabian Busch, wird von seiner Mitschülerin Britta, gespielt von Susanne Bormann, tief hineingezogen in jene romantische Liebeserfahrung, die wir - oder zumindest einige von uns - als chemotionalen overkill erfahren haben: the first cut ist the deepest! Alles entscheiden wird die Frage, ob es denn zu einem cut kommt oder - wie heute, höchst selten - der Höhenflug in einen Gleitflug mit unterstützender Thermik übergeht, der möglicherweise alle Phasen der Leidenschaft zu durchlaufen vermag.
In liegen lernen geht Britta nach dem Abitur nach Amerika zu ihrem Vater und die beiden - Helmut und Britta - verlieren sich aus den Augen. Was sich dann über Jahre anschließt, gleicht der Normalbiografie vieler Angehöriger der Generation X und ihrer Nachfolger. Behält man in dieser befreiten, individualhypertrophierten Welt keine Bodenhaftung, kann dies zu dem von Karl Otto Hondrich beschriebenen Horrortrip ins Niemandsland führen. Dort findet sich Helmut wieder, nachdem er sich sexuell befreit und in einen "Konsumenten von Sex und Gefühlen verwandelt hat" (Eva Illouz). Nach dem Mauerfall findet er Britta wieder - eine veränderte Britta. Alle Phantasien, an seine Erweckung anknüpfen zu können, erledigen sich schon nach diesem Zusammentreffen. Schließlich findet er 1998, im Alter von 34 Jahren, mit Tina eine Frau, mit der er zusammenbleiben will. Diese möchte jedoch ein Kind von ihm. Im Unklaren über die Ziele seines Lebens möchte er noch einmal Britta sehen, reist nach Berlin und trifft sie ein letztes Mal. Dieses letzte Treffen öffnet Helmut die Augen. Die Abblende sieht Helmut und Tina zu allem entschlossen - die Familiengründung winkt.
In der Überschrift habe ich den Titel des Filmes liegen lernen ergänzt um ein in Klammern gesetztes (f) - mich also verführt zu der Abwandlung fliegen lernen. Mein Nachtflug über den Wolken hat mich seinerzeit (1997) zu einer Kunstflugcoreografie verführt ganz ohne Navigationshilfen; der Absturz war entsprechend hart und brutal - immerhin habe ich ihn überlebt. Erst mit Niklas Luhmanns Ermunterung - und im Übrigen all derer, die sich da angschlossen haben (Peter Fuchs, Arnold Retzer - Entschuldigung: Wenn Ihr von Arnold Retzer etwas erfahren wollt - und er bringt es auf den Punkt -, dann müsst Ihr hier nachlesen, auch wenn Detlef Klöckner im Mittelpunkt steht) und seinem Zuspruch der Eule (der Minverva) gegenüber, nicht länger im Winkel zu schluchzen, sondern ihren Nachtflug zu beginnen, habe ich Begriffe für diesen fast zum Kamikaze-Unternehmen geratenen Kunstflug gefunden. Nun aber - wie er meint - versehen mit Geräten, um ihn zu überwachen kann sie ihren Nachtflug erneut beginnen. Ihm - Niklas Luhmann - ging es um die Erkundung der modernen Gesellschaft (hier am Beispiel seines Verständnisses von Kommunikation)- das hat Dietrich Schwanitz, der Autor des Campus, eindrücklich beschrieben. Die Jungen kann man damit nicht (mehr) erreichen. Sie sind vielleicht in der Lage, in Echtzeit zu navigieren; auch wenn Eva Illouz ihre beharrlichen Zweifel daran übt. Zu den nachfolgenden Bemerkungen gehören zweifellos weitere Ermunterungen - zum Beispiel von Alexander Kluge.
- Wir Menschen brauchen, evolutionshistorisch gesehen, Beziehungen, die auf Verlässlichkeit und Verbindlichkeit hinauslaufen, weil wir alleine nicht existieren können.
- Wir brauchen die Gesellschaft derer, die uns den Rücken stärken, die auf uns aufpassen, an die wir uns wenden können, wenn wir Hilfe brauchen.
- Worauf es uns Menschen ankommt, sind letztlich stabile, langfristige, verlässliche Beziehungen. Ich würde niemals behaupten wollen, der Mensch sei von Natur aus monogam oder polyamourös. Menschen sind Bindungswesen. Aber: Sex ist gefährlich. Denn Sex erzeugt Bindung. Das heißt, das Sex außerhalb einer Beziehung auch zu einer Destabilisierung dieser Beziehung führen kann.
- Es gibt Forscher, die glauben, das Beste für Gesundheit und Wohlbefinden sei eine befriedigende sexuelle Beziehung und Bindung zu einer einzelen Person. Andere meinen, die Diversifizierung in den Beziehungen sei besser: Man erfüllt in der einen seine Bindungsbedürfnisse, vielleicht auch in einer sexuellen Beziehung, aber man kann seine sexuellen Bedürfnisse auch auf andere Weise erfüllen, ohne dass dies eine Gefahr für die Stabilität darstellt.
- Das Einzige, worauf ich viel Geld wetten würde, ist dass niemand ohen ein starkes Gefühl der Bindung zu mindestens einer Person auskommt und ohne das Gefühl, dass diese Person wirklich verlässlich ist.
Beim Schreiben war mir eine Inspiration Earl mit ihrem Song All That Glitters: Es ist nicht alles Gold...