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Novina Göhldorf: Der Rhythmus meines Vaters

Für Laura und Anne, denen es vermutlich zeitweise auch wie Novina Göhlsdorf gehen wird - wie allen Töchtern auf dieser Welt.
Bedauernswerter sind nur jene Töchter, die wirklich vaterlos aufwachsen müssen. Wenn bei allen Vorbehalten und Einschränkungen eines aus Novina Göhldorfs Text strahlt, dann mit Sicherheit diese Gewissheit!

Er ist 74 und Stammgast im Techno-Club. Als seine Tochter das erste Mal mitgeht, versteht sie nicht nur ihn besser, sondern auch sich selbst. So wird Novina Göhlsdorf Essay eingeleitet, mit dem mehr repräsentiert wird als der gemeinsam Besuch von Vater und Tochter in einem Berliner Club. Ich habe den Beitrag zwei Mal gelesen; das zweite Mal mit vier verschiedenfarbigen Textmarkern in der Hand - dazu noch einen rotfarbigen PILOT G-2 07 Stift. Nun gibt es auf den sechs Seiten im ZEIT-Magazin (Nr. 50 vom 27.11.2025) kaum noch unmarkierte, unkommentierte Passagen. Warum - um Gottes Willen - diese Aufmerksamkeit, diese Akribie? In einem Vierteljahr bin ich selbst 74. Ich bin Vater zweier Töchter - und: was im Verlauf der Auseinandersetzung mit diesem Text noch eine entscheidende Rolle spielen wird, Großvater von inzwischen vier Enkelkindern. Aber der Reihe nach:

Ein notwendiger – und mehr als berührender – Einschub; auch in Vorwegnahme unausweichlicher Bitterkeiten, die mit dem Überleben der Kinder zusammenhängen: Das Entree in Novina Göhlsdorfs Beitrag bildet ein Fotostreifen – wie sie Fotoautomaten generieren: Vier Smily-Arrangements – der alte Vater und die junge Tochter; er strahlt aus sich (was im Text sozusagen die Kernmessage sein wird). Beide wirken wie ein harmonisches Vater-Tochter-Gespann. Sie kann (und will) den Vater nicht verleugnen (und es ist lange nicht nur eine innere Schönheit, die aus beiden strahlt). Der Träne, der Novina Göhlsdorf im Verlauf ihres Textes Raum gibt, und von der sie spürt, „wie sie runterrollt bis ans Kinn“, schäme ich mich jetzt nicht – während des Schreibens – im Betrachten der beiden folgenden Fotos: Das erste Foto zeigt Novinas Vater, wie er seine Tochter in den Schlaf wiegt. Aber es ist so unendlich viel mehr, was wir hier sehen können: Diese unfassbar innige Verbundenheit, von der Necdet Avunc sagt, dass sie eine Liebe verkörpere, für die es keine Worte gebe. Es sind die innere und äußere Schönheit eines Vaters, der sein Kind so nimmt, trägt und herzt, wie es eben nur Väter (und Mütter) können, in denen die ursprünglichste nur mögliche Liebe Gestalt gewinnt. Es gibt ein weiteres Foto (Seite 37), das gleichermaßen diesem Urphänomen Gestalt gibt und Seele einhaucht. Der Gesichtsausdruck Novinas signalisiert hier: Du bist da, Du bist bei mir, und ich bin bei Dir – so tief geborgen, dass mir das Leben nichts mehr anhaben kann! Letzteres spricht für mich aus Novina Göhlsdorf monumentalem Text, der die Kunst beherrscht, auch in dem wortmächtig zu werden, was sonst nur zwischen den Zeilen steht. 

Kehren wir zurück zu dem 74jährigen Mann auf der Bühne und der Tochter, die ihn (zunächst nur) beobachtet:

Es ist dann endgültig die Barriere eingerissen, und Novina klettert hoch zu ihrem Vater, der sie lächelnd begrüßt. Und sie beginnt neben ihm zu tanzen. In den nächsten Stunden fallen dann all jene weiter oben schon angedeuteten Eindrücke und Erinnerungen ineins. Novina taucht ein in den Schwarm, sieht und erlebt ihren Vater als Soitär in diesem Schwarm, beobachtet - ganz unvermutet: "Wir wippen beide auf dieselbe Art, sein Grundmove ist auch meiner. >Da musste ich ja lange warten, um mal wieder mit dir zu tanzen!<, ruft er mir ins Ohr, und ich weiß, was er meint."

Die Bewegung miteinander und aufeinander zu löst nun jene Erinnerungen aus, die aus den Fotos strahlen: "Früher haben er und ich nämlich jeden Tag miteinander getanzt. Er mit mir. Einige verzweifelte durchwachte Wochen nach meiner Geburt begriffen meine Eltern, dass ich nur einschlief, wenn mein Vater mich wenigstens eine halbe Stunde zu lauter Musik in seinen Armen schaukelte und dabei selbst durchs Zimmer tänzelte. [...] Dieser Tanz war unser abendliches Ritual, bis ich zwei war und in den Schlaf finden konnte, ohne von ihm gewiegt zu werden. Allerdings musste er mich noch jahrelang ins Bett bringen und erst alle Fragen beantworten, die mich wachhielten. Das waren viele, er ging geduldig auf sie ein, nahm sie ernst und mich. Wir sprachen über Themen, die mich früh umtrieben, über den Tod etwa oder den freien Willen."

Man könnte spätestens an dieser Stelle sanft fragen, ob das von ihr geschilderte einander Fremd-Werden gerade den bitter-süßen Humus-Kokon bereitet hat, aus dem jene Novina Göhlsdorf sich dann nach und nach und mehr und mehr entpuppt, die uns - ja uns, ihren Beobachtern - heute entgegentritt (schaut doch mal: hier). Mir (als eingeladenem Beobachter, der Novina Göhlsdorf noch nie begegnet ist) könnte sich schon die Frage stellen, ob der Vater Göhlsdorf auf seine Spießerin Novina (siehe Seite 36) heute stolz ist?

Mancheine(r) könnte sich - wie im Übrigen auch Novina Göhlsdorf selber - die Frage stellen: Ist dieser 74jährige Mann "nicht das Sinnbild dafür, dass einer Jugend nacheifert, die für ihn längst vorbei ist? Bevor ich Novina Göhlsdorfs Ängste und Bedenken aufgreife, nötigt mir diese Frage - der ich ungleich jünger bin als der Vater Novinas - einen Kommentar ab, sozusagen von Mann zu Mann:

Mich beeindruckt Novinas Vater zutiefst. Und ich bin sogar der Auffassung, dass der Antagonismus Jugend - Alter hier nicht greift. Novinas Vater kreiert bewegungs- und vor allem mentalitätsmäßig einen Möglichkeitsraum, der eben seinen, und nur seinen Möglichkeiten und Sehnsüchten entspricht. Peinlichkeitsanwandlungen Novinas seien konzendiert, aber als vernachlässigbar eingenordet. Und sie kommt ja auch zu diesem Befund:

"Als Raver, Bühnentänzer und vielverehrte Legende hatte ich meinen Vater noch nie erlebt. Wie jemand, den ich kaum noch kannte - so hatte er es ja gesagt - kam er mir an diesem Clubwochenende trotzdem nicht vor. Doch ich konnte den, der er immer schon war, klarer sehen. Einen, der lieber redet, wenn er dabei nicht still sitzen muss, und doch lieber etwas mit jemandem macht, als mit ihm zu reden. Einen für den Wörter schwer zu finden sind. Mir bedeuten sie die Welt."

Nun möchte ich abschließend noch zwei Schlussakkorde setzen: einen mit Novina Göhlsdorf und einen für Novina Göhlsdorf.

Und wenn ich nicht jeden Tag die Frage stelle: Wie geht's dir denn so? dann hängt dies vornehmlich damit zusammen, dass ich sehe, wie es Laura und Anne geht - die darauf bezogene Antwort kann ohnehin nur, in dem liegen - so würde Novina Göhlsdorfs Vater meinen - was jemand macht: mit und für andere(n)!

Ach ja, da war ja noch was: Die Sehnsucht der Jungen nicht nur so alt, sondern irgendwann auch s o  alt  zu werden, wie Novinas Vater. Ich war schon Ende vierzig und in der Krise meines Lebens, als das Abtanzen zeitweise zu einer überlebenstauglichen Attitüde wurde. Der damalige Song meines Lebens war Insomnia (Faithless). Ich habe das (fast) hinter mir gelassen - nicht nur wegen der Knie. Und ich wusste damals noch nicht, was die Welt an Wunderbarem noch zu bieten hatte.

Beim Schreiben dieses Beitrags haben mir Candy Dulfer mit David A Stewart unter die Arme gegriffen (hier ein wenig improvisationsträchtiger)