Herta Müller: Ein einziger, lebenslanger Satz
Wir hatten's mal wieder schön
Ja, wir hatten's mal wieder schön; zumindest hatten wir wieder einen Weihnachtsbaum, gutes Essen und gute Gespräche, auch wenn die Krippe in diesem Jahr scheinbar verwaist blieb. Ich weiß nicht, ob es schiere Nachlässigkeit oder Intuition war. Jemand, der gefragt hätte, warum die Krippe so verweist dasteht, hätte von mir zur Antwort bekommen: Es ist ja nicht die Krippe. Es ist ja nur der Stall. Und die Krippe samt Jesuskind steht in diesem Jahr im Stall. Wir wollten nicht, dass der Kleine friert. Und auch alle anderen - Maria und Josef (und auch alle Tiere) haben sich in den Stall zurückgezogen, um es ein wenig heimeliger zu haben!
Die Geschichte, die uns Herta Müller erzählt, handelt von weniger als einem Stall. Dort, wo die Menschen - im Zuge der Reinigung des Volkskörpers im Rumänien der späten fünziger Jahre - ein Obdach fanden, gab nur lebensfeindliche Landschaft: "Es gab nichts außer dem leeren Himmel und dem nackten Sand, der glühenden Sommerhitze und dem eisigen Winter."
Ein einziger, lebenslanger Satz: Der Roman >Die Aussiedlung< von András Visky erzählt schmerzhaft schön von einer deportierten ungarischen Familie im Rumänien der Fünfzigerjahre. Die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller schreibt über dieses magische Dokument in: DIE ZEIT 54/25, Seite 46/47)
Warum ich mir das am 2. Januar antue, vermag ich nicht zu erklären. Aber Herta Müllers Rezension ist irgendwie dem Papiermüll entgangen. Und so konnte ich nicht anders. Wer Herta Müllers feinfühlige, sprachmächtige und -sensible Würdigung dieses 453 Seiten umfassenden Romans gelesen hat (Suhrkamp, Berlin 2025), hat zwei Alternativen vor Augen: sich dieses magische Dokument verfügbar zu machen oder weiten Abstand davon zu nehmen. Ich entscheide mich für die zweite Alternative: Herta Müllers Schreiben über András Viskys Roman gleicht einer Sprachperle, die das Wachstum und die Sedimente eines jahrzehntelangen Ablagerungsgeschehens bei András Visky kongenial nachempfindet und 453 Seiten (vermutlich) in ihrem Gehalt so feinfühlig wie brutal erfasst:
"Das Buch ist eine Hommage an die Mutter, und sie heißt immer >unsere Mutter<. Und sie heißt sogar >unsere porzellanschöne Mutter<, und es gibt kein anderes Wort, das sie so treffend beschreiben könnte. Der Autor erzählt aus einer multiplen Ich-Perspektive, ein Kunstgriff, die sechs anderen Geschwister sind immer mitgemeint. Und oft erzählt er aus dem Kopf der Mutter. Die Bibel ist hier das >Buch der Gefangenschaft<, sie verwandelt sich vom heiligen Buch zum beteiligten Buch: >wir sind nicht arm, nur besitzen wir nichts, aber dieses Nichts reicht uns völlig, es ist eine Aufgabe für mehrere Leben<, sagt die Mutter, >allein schon deshalb sollte wir zusammenhalten, in diesem großen, weiten Lagernichts."
Herta Müller resümmiert am Ende ihres fulminanten Rezensionsversuchs: "Durch Viskys Sprache wird das Buch zum magischen Dokument. Und in diesem ist allein der Mensch für Gott verantwortlich, durch das, was einer dem anderen antut."
Darin gipfelt sozusagen eine offenkundig den Roman - wie einen basso continuo - durchtragende negative Theologie: "Jesus , komm du nicht mit mir, betet Mutter, bleib hier bei diesen Kindern, es reicht mir deine Ambition, immer überall anwesend zu sein." Im täglichen Ritual des Vorlesens - so Herta Müller - zeige eigentlich die Mutter den Bibelsätzen, was sie bedeuten. Sie schreibt:
"Ihre Bedeutung ist auf die Mutter angwiesen, nicht umgekehrt. Im Vertrauen auf die Bibelsätze wird Gott unzuverlässig. Um ihn trotzdem zu ertragen, wird er aus dem Glauben hinausgeschickt und bleibt außerhalb, damit der nicht noch mehr versagt." Und sie belegt dies durch folgende Passage András Viskys:
>Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen (...) unsere Mutter hat uns diese Stelle oft vorgelesen, das ist unsere Geschichte, fügte sie immer wieder hinzu. egal, wie viele Jahre die Gefangenschaft dauert, es ist nur ein Augenblick, denn nur die Freiheit verfügt über eine wahre Dauer, vom Propheten Jesaja verstehen wir nun wirklich alles, nur wissen wir nicht, was Augenblick bedeutet, wenn ein Tag wie tausend Jahre, auch wissen wir nicht, ob es den Augenblick überhaupt gibt, denn wenn nicht, sagte Mutter, dann gibt es auch die Freiheit nicht, und wir können, wenn es ihn nicht gibt, nichts für ihn tun, auch wenn wir ihn im Lager lieb gewonnen haben, (...) er müsse entscheiden, ob es ihn gibt oder nicht, (...) aber wir können uns nicht an seiner Stelle schämen, wenn es ihn nicht gibt, auch dann nicht, wenn es ihn vielleicht doch geben sollte.<
Ja, Herta Müller, Du stellst zu Recht fest, dass solche Sätze die Ausweglosigkeit und Selbstbehauptung auf die Spitze treiben: "Sie insistieren so hart, dass das Flüstern anfängt zu schreien."
Es bleibt mir nur noch auf jenen Kern des Buches zu verweisen, den Herta Müller einkleidet in die - offenkundig unverbrüchliche - perlenhaft sedimentierte und gehärtete weichste Stelle menschlicher Eigenart:
"Die Aussiedlung ist auch ein Buch über die lebenslang bleibende Liebe zwischen zwei Menschen, in der sich die unerklärbare Zuneigung paart mit dem intimen Wahn der Vernunft. Und es ist auch ein Buch über die Liebe zwischen Mutter und Kind. Wenn sich das jüngste Kind nachts durch die Albträume quält, drückt die Mutter es fest an sich: >kleiner Mensch, weine nicht, ich bin stolz auf dich, ich bin bei dir, und ich bleibe bei dir bis zum Ende der Welt und noch danach, hab keine Angst, ich mag es, wenn du das sagst, Mama, noch danach, ich auch, kleiner Mensch, sagt unsere Mutter, ich mag das noch danach auch."
So kann man das Jahr doch nicht beginnen???
Doch man muss, man muss!!!*
*Siehe ganz unten
By the way: Das untere Fünftel der von Herta Müller gefüllten Doppelseite zeigt auf Seite 46 Werbung für Sophia Maier: Herz aus Stacheldraht - Eine Kriegsreporterin über verlorene Menschlichkeit und die Doppelmoral des Westens (SPIEGEL-Bestseller) - auf Seite 47 eine Werbung für Save the Children Deutschland e.V - Stichwort: Ohne Wenn und Aber (IBAN DE96 3702 0500 0003 2929 12)
Und was bleibt mir? Ich weiß es schon lange:
Verstehen heißt antworten - so meint Aron Bodenheimer
Verstehen heißt antworten - so meint Aron Bodenheimer (Stuttgart 1992, S. 169f.).
"Fragen kann krank machen, sagen kann bewahren - selbst wenn der Tod schon vor der Tür steht. Sogar dann, wenn es der nukleare Tod ist, das Ende im atomaren Genozid. - Im Gespräch über diesen treffen wir, es ist nach Tschernobyl, eine Familie an, irgendwo rund um die Erde, und das Kind fragt: 'Was passiert, wenn die Atombombe losgeht?' Dieses Kind hat Eltern, denen Wahrheit die Deutlichkeit der Realität ist, nicht die bewegende Wirkung des Wortes. Und aus dem heraus, was ihnen als Liebe zur Wahrheit gilt, antworten sie ohne weitere Besinnung dem fragenden Kind: 'Dann sind wir alle tot.'
Nur, die Eltern überhören, dass das Kind sich nichts hat vorstellen können: weder unter den Realitäten noch unter den Bedrohungen dahinter, noch unter dem Text und dem Sinn dieser Antwort. Atomare Bedrohung ist diesem Kind, was der Tod jedem Kind ist, und wenn es fragt, was es mit der Bombe auf sich hat, so fragt es, wie und was es sonst zu fragen gewohnt ist, um zu erkunden, wo seine Eltern sind und wer sie ihm sind. Das Kind will wissen, ob es sich seiner Eltern vergewissern darf. Und darauf kann die Antwort nicht heißen: 'Dann sind wir tot', sondern:
'Dann sind wir bei dir.'
Und sich, den Eltern, sagen sie damit: Auch wenn wir zugrunde gehen, es macht einen Unterschied, wie es sein wird, eh wir zugrunde gehen. Das Kind erkundet, was es von den Eltern zu erhoffen hat. Versicherndes und bewegendes Sagen versagt auch nicht vor vernichtender Bedrohung."
Diese Textpassage habe ich Aron Ronald Bodenheimer: Verstehen heißt antworten (Stuttgart 1992, S. 169f.) entnommen. Den kompletten Beitrag unter diesem Link
*Kroke
Gestern hört ich Kroke-Klezmer:
Was in meine Ohren drang,
war der Welten Untergang -
alle Höhen, alle Tiefen
folgen einem Zwang,
einem Grundton,
einem tiefen Trauerklang.
Zwischen leisen Tönen,
Schreien, Wimmern, Stöhnen
irrten Höhen voller Überschwang.
Doch im Bass-Kontinuum
bringt der Mensch den Menschen um.
*Jahresbeginn! Zeitenwende?
für Leon Weintraub
Ein Jahr neigt sich dem Ende.
Auf Ende reimt sich Wende.
Doch die entpuppt sich kaum,
bleibt eher flüchtig - wie ein Traum.
Ein Traum, vom Alb regiert,
aus dem der Nazi stiert.
Er scheidet - wie schon immer - Freund und Feind:
Mit Feind ist hier der Sündenbock gemeint.
Und das Fremde bleibt ihm auserkoren -
(in Nazideutschland: wer als Jude war geboren)
Und gestern, heute, morgen
müssen Asylanten und Migranten dies besorgen.
Ich kann’s nicht dulden, und ich kann’s nicht fassen!
Nach tausend Jahren Nazi-Terror könnt ihr’s immer noch nicht lassen.
Deutschland, Deutschland über alles – reicht euch nicht die MAGA-Scheiße?
Geht auf Reisen: von Buchenwald bis Auschwitz und werdet dann ganz leise!
Nach Hekatomben Toten
führte unser Weg nach Westen,
Im Osten sorg(t)en für die Toten nun die Roten -
bei uns geduldet von den neuen Braunen mit den blauen Westen.
Ihr Wähler all in deutschen Landen
lasst die blau gefärbte braune Scheiße nun versanden.
Deutschland erwache - kann heute nur bedeuten:
Geht nicht unter Unterleuten!