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Denn die Menschen: das sind ihre Geschichten - oder: gegen die narrative Atrophie

Odo Marquard, den ich so spät für mich entdecke, ist am 9. Mai 2015 verstorben. Er kann sich gewiss sein, dass er etwas zu sagen hat(te); als Apologet nicht nur des Zufälligen, sondern als ironisch-humorvoller Apologet der Geisteswissenschaften - oder etwas simpler und gefälliger als Verteidiger der Vielfalt. Seine Ausgangsthese in seinem Essay: Über die Unvermeidlichkeit der Geisteswissenschaften (in: Zukunft braucht Herkunft, Stuttgart 2015, 169-187):

"Je moderner die moderne Welt wird, desto unvermeidlicher werden die Geisteswissenschaften."

Seine Argumente (173ff.):

Seine Idee und die zu ihrer Haltbarkeit notwendige Prämisse:

"Denn die Menschen: das sind ihre Geschichten. Geschichten aber muss man erzählen. Das tun die Geisteswissenschaften: sie kompensieren Modernisierungsschäden, indem sie erzählen; und je mehr versachlicht wird, desto mehr - kompensatorisch - muss erzählt werden: sonst sterben die Menschen an narrativer Atrophie."

 

Odo Marquard unterscheidet drei Sorten von Geschichten:

Dass Odo Marquard eben kein schlichter Denker bzw. Traditionalist ist, offenbart sich im dritten Abschnitt, wenn er das "Lob der Vieldeutigkeit" anstimmt. Ich möchte behaupten, dass sich just in diesem Zusammenhang entscheidet, dass er zeitgemäße Reflexionen anbietet und sich auf einer Höhe mit der von Sloterdijk am Beispiel Niklas Luhmanns aufgezeigten "Selbstdesinteressierungshaltung" befindet:

Nachdem Odo Marquard, die Frage, ob denn die Wissenschaften erzählen dürften, als rhetorische Frage entlarvt und seine Position schärft, indem er 1. feststellt, das Wissenschaft das sei, was Wissenschaftler als Wissenschaft anerkennen; und 2. deutlich macht, dass Orientierungshilfen für derartige Anerkennungen genau damit einhergehen, dass Wissenschaft erzählt, "wie und in welchen historischen Zusammenhängen die Wissenschaften wurden, was sie sind", erfolgt das entscheidende Plädoyer für eine (unvermeidbare) Kultur der Vieldeutigkeit:

Wer erzähle - so insbesondere der Generalvorbehalt -, unterbiete das wissenschaftliche Soll an Eindeutigkeit, so dass es in den Geisteswissenschaften zu Mehrdeutigkeit oder Vieldeutigkeit komme: "Doch wer das den Geisteswissenschaften zum Einwand macht, übersieht etwas Wichtiges, nämlich dieses: Eindeutigkeit [...] ist in den interpretierenden Geisteswissenschaften kein Ideal, das nicht erreicht wird, sondern eine Gefahr, der es zu entkommen gilt."

Der nun folgende knappe (wissenschafts-)historische Exkurs ist unverzichtbar, um Marquards Apologetik des Erreichten zu verstehen. Insbesondere im brandaktuellen Kontext der Flüchtlings- bzw. der damit verbundenen Integrationsdebatte erlangt diese Position ungebrochene Aktualität und Bedeutung.

Die Antwort auf die Tödlichkeitserfahrung der konfessionellen Bürgerkriege:

Odo Marquard weist darauf hin, dass die konfessionellen Bürgerkriege hermeneutische Bürgerkriege waren,

"weil man sich dort totschlug um das eindeutig richtige Verständnis eines Buchs: nämlich der Heiligen Schrift, der Bibel; und diese Antwort kam spät, denn sie wurde unausweichlich erst durch die Tödlichkeitserfahrung der neukonfessionellen Bürgerkriege, die die modernen Revolutionen seit 1789 sind, die hermeneutische Bürgerkriege blieben, weil man sich dort totschlug und totschlägt um das eindeutig richtige Verständnis der einen einzigen eindeutigen Weltgeschichte. Wenn zwei Menschengruppen kontrovers behaupten: dieses Buch - das absolute, um das es einzig geht - und diese Geschichte - die absolute, um die es einzig geht - lassen nur eine einzige alleinrichtige Deutung zu, und diese Deutung haben wir und nur wir: dann kann es zum hermeneutischen Totschlag kommen."

Für Odo Marquard sind es die Geisteswissenschaften, die auf das Traum des hermeneutischen Bürgerkriegs die angemessen Antwort geben. Sie - so sein Argument - entschärften potentiell tödliche Deutungskontroversen, indem sie das rechthaberisch eindeutige in das interpretierende und uminterpretierende Verständnis verwandelten und entdeckten: "das Bücher nicht nur eine Deutung haben un dass es nicht nur ein Buch gibt; und: dass Geschichten nicht nur eine Deutung haben und dass es nicht nur eine Geschichte gibt [...] und so ist die Vieldeutigkeit keine wissenschaftliche Übeltat, sondern eine lebens- und sterbensweltliche Wohltat [...]

Diese Kultur der Vielfalt und Vieldeutigkeit wird gerade modern - und zwar wachsend - unvermeidlich."

 

Wie sehr Odo Marquard damit auch ein Kernmotiv Niklas Luhmanns reflektiert, soll abschließend in einer Bewertung Sloterdijks deutlich werden, dass nämlich die Intellektuellen, die für sich einen höheren Ernst reklamierten, weil sie sich als Fürsprecher einer Realität ersten Grades, einer unmittelbaren Not oder einer unabgekühlten Wut aufträten, genau diese Einsicht verweigerten. Die Entbindung der ungeheuerlichen Gewaltexzesse im 20. Jahrhundert und ihre Fortsetzung bis in die Gegenwart hinein schreibt Sloterdijk in Anlehnung an die Luhmannsche Haltung der „Selbstdesinteressierung“ dem allen Weltbeschreibungen erster Ordnung inhärenten Paranoia-Potential und dem von ihm gebundenen und entbundenen Gewaltpotential zu: „Wo immer Menschen anfangen, ihre Weltbilder distanzlos zu bewohnen und ihre Einteilungen des Seienden im ganzen als eine Arena realer Kämpfe zu erleben, dort sind sie der Versuchung ausgesetzt, für ihre Identitätskonstrukte bis zum bitteren Ende zu kämpfen und für ihre Fiktionen zu töten (Luhmann-Lektüren, Berlin 2010, S. 153).“