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Blicke über den Horizont- Prognosen von Experten

Noch zu DM-Zeiten habe ich wohl ein GEO-Extra erstanden, in dem 11 Experten um ihre Expertise gebeten wurden. Das Heft ist 1995 erschienen, und ich beginne heute mit der letzten Expertise, in deren Rahmen der Metereologe Hartmut Grassl - damals 55 Jahre alt - als Leiter des World Climate Research Programme danach gefragt wird, mit  welchen Klimaveränderungen er in den nächsten 50 Jahren rechne. Wir schreiben das Jahr 2021 (noch). Sechsundzwanzig (26) Jahre danach lesen sich seine Prognosen wie eine schallende Ohrfeige für Politik, Gesellschaft und die Zukunftsaussichten. Auch hier lohnt es sich das Pferd von hinten aufzuzäumen. Auf die Frage, ob er denn keine Chance sehe, die von ihm prognostizierten Entwicklungen zu stoppen, sagt er folgendes:

"Nur wenn große Konzerne einsehen: 'Der Klimaschutz nützt langfristig auch uns' - und danach handeln. Wenn sie anfangen, Produkte und Produktionsweisen zu entwickeln, die mit einem Drittel, mit einem Viertel, einem Fünftel des früheren Rohstoffeinsatzes auskommen. Wenn man den Verschwendern mehr Geld aus der Tasche zieht als den Einsichtigen." Und nun zu seinen Prognosen:

Was wir im Zuge des 14. Juli 2021 in NRW und RLP erlebt haben, liest sich auf dem Hintergrund von Grassls Aussagen wie eine schlichte, unabwendbare Bestätigung dessen, was wir 1972 (Club of Rome - Die Grenzen des Wachstums), aber doch offenkundig spätestens seit 1995 wussten. Dann mag man sich in der Tat nich ausmalen, was uns und unseren Kindern und Kindeskindern blüht auf dem Hintergrund 26 verschlafener Jahre und mit Blick auf das in immer weiterere Ferne rückende 1,5-Grad-Ziel.

GEO fragt Hartmut Grassl zum Schluss, wie groß denn sein Optimismus noch sei? Seine Antwort:

"Um die wichtigsten Zukunftsprobleme anzugehen, den Klimaschutz, den Schutz der Böden und die Eindämmung des Bevölkerungswachstums, braucht die Gesellschaft Ruhe und kühle Einsicht. Aber es brodelt weltweit - nicht nur in den armen Ländern, sondern auch in den Industriegesellschaften stehen die Zeichen auf Sturm: Es gibt immer mehr Reiche. Und immer mehr Arme. Deshalb wird es schwer sein, zukunfts- und klimaverträgliches Wirtschaften durchzusetzen."

Nehmen wir noch eine zweite Expertise hinzu, und zwar die von Frederic Vester (1995 war er Leiter der Münchner "Studiengruppe für Biologie und Umwelt".Er ist 2003 verstorben). Er wird zum Themenkomplex Verkeht/Mobilität befragt. Ich fasse nur die brisantesten Aspekte zusammen:

Interessanterweise wird Vester zu Beginn nicht nur nach quantitativen Aspekten einer zunehmenden Moblilitätshaltung gefragt, sondern er soll den Zusammenhang zwischen einem "gewachsenen Umweltbewusstsein" und dessen Auswirkungen auf den Autoverkehr beschreiben:

Ja, spinn ich, oder träum ich. Frederic Vester ist 2003 verstorben. Was würde der wohl von den nassforschen FDP-Chef-Ampel-Unterhändlern halten, die Fossilienpflege betreiben und die Freiheit jener letzten freien Bürger bis zum letzten Bluts- bzw. Benzintropfen verteidigen, die weiter ihren 300-und-mehr-PS-Gefährten Freigang gestatten müssen, damit ihr Ego keinen nachhaltigen Schaden nimmt. Wie meint Hartmut Grassl weiter oben so lapidar? Die Gesellschaft brauche Ruhe und kühle Einsicht -  k ü h l e  E i n s i c h t ! Wo bleibt die?

"Die Autokonzerne könnten all das herstellen, was mit Rädern, Lagern, Leitungen zu tun hat: People-Mover, Laufbänder, Elektro-roller, Fahrräder und Rikschas, Windgeneratoren, dezentrale Heizkraftwerke, Recyclingfabriken oder die Elektroautos der zweiten Generation, möglichst mit Solartankstelle auf dem Garagendach." 

Danke Frederic Vester - 1995!!!

"Sehr hoch. Überall dort, wo es um den Transfer von Informationen und von Bildung geht, werden sich Personen weit seltener von A nach B bewegen müssen, wenn die Netze einmal ausgebaut und für jeden zugänglich sind. Statt Stau auf der Autobahn freie Fahrt auf der Datenbahn! Viele Menschen werden zu Hause arbeiten und mit ihrer Firma per Leitung verbunden sein. Virtuelle Pendler werden den Berufsverkehr erheblich entlasten. Ähnliches gilt für die Tele-Schule oder das Einkaufen per Klicken mit der Computermaus." 

Danke Frederic Vester - 1995!!!

Natürlich sehen wir da einiges skeptisch. Aber bei einer gediegenen Entwicklung entsprechender Konzepte und Ausstattungen wäre die Corona-Pandemie nicht wie ein Tsunamie über eine völlig hilf- und schutzlose und letztlich vollkommen überforderte Gesellschaft hergefallen.

Zuletzt noch ein Blick in die Zukunft - pardon, wir sind ja und leben ja in der Zukunft, die Frederic Vester im Blick hatte: Auf die Frage, ob ein Umsteuern nicht bedeutungslos sei angesichts von Ländern wie China oder Indien, wo eine millionenköpfige Mittelschicht heranwachse, die den westlichen Lebensstil annehme, antwortet er:

"Da tickt tatsächlich eine Zeitbombe. Allerdings nur, wenn europäische und amerikanische Autokonzerne mit ihren Dinosauriern in den asiatischen Markt drängen. Ich halte es für ein Verbrechen, wenn sie dort, wo bisher mit dem Fahrrad oder mit Bussen gefahren wurde, Autos mit Explosionsmotoren als Massenverkehrsmittel durchsetzen. Dann ist eine exponentiell zunehmende Erderwärmung nicht mehr zu verhindern - egal, was wir hier im Westen tun. Ich setze eine Utopie dagegen: Asien besinnt sich auf seine Traditionen und Techniken und entwickelt muskelbetriebene Fahrzeuge weiter. Hinzu könnten Innovationen kommen, die eine stärkere Nutzung der Solarenergie, von Biogas und Elektroautos zur Folge haben. Vielleicht kehrt sich der Nord-Süd-Dialog um, und wir lernen von den armen Ländern Asiens."

Danke Frederic Vester - 1995!!!

Wieviel Zeit mag noch auf der Uhr sein, die Frederic Vester da ticken sah - oder ist die Uhr längst abgelaufen. Luisa Neubauer ist 1996 geboren worden. Carla Reemtsma ist noch zwei Jahre jünger, war noch gar nicht geboren, als Vester seine Visionen formulierte. Ob Luisa Neubauer noch einmal ein Buch mit dem Titel: Noch haben wir die Wahl autorisieren würde, halte ich für zweifelhaft. Wir Alten müssen ins Glied und den Jungen hinterher und  uns mit Maximilian Probst der Alternative stellen: U m d e n k e n  oder  U n t e r g e h e n !