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Ian McEwan: Der Planet ist krank (liebes Klimakabinett)

"'Der Planet', sagte er zu seiner eigenen Verblüffung, 'ist krank'." Michael Beard, der Protagonist in Ian McEwans Solar (Diogenes - Zürich 2010), hält einen Vortrag vor institutionellen Anlegern - alles konservative Leute - wie der Veranstalter betont. Michael Beard (53) wird von McEwan als Nobelpreisträger der Physik inszeniert, einer, der - wie der Klappentxt nahelegt - seine besten Zeiten hinter sich habe, der von seiner Reputation lebe und auf diese Weise - weniger als engagierter Überzeugungstäter - Fördergelder für ein politisches Prestigeprojekt abgreife: das Institut für Erneuerbare Energien.

Soweit so gut - meine Frau Claudia hat mir Ian McEwans in die Hand gedrückt. Solar ist gegenwärtig jeden Abend zu vorgerückter Stunde unsere gemeinsame Bettlektüre. Ich lese vor, bis ich ein sanftes Schnarchen - Schnorcheln triffts besser - vernehme; manchmal ist es aber auch umgekehrt: zu mehr als sechs bis sieben Seiten recht es nicht, dann muss ich passen, weil mir - inzwischen auf die 68 zugehend - die müden Augen zufallen. Claudia protestiert dann, mit mir sei nichts mehr los - aber das ist ein anderes Thema. Ian McEvan eignet sich nur sehr bedingt zur Bettlektüre, weshalb ich mich Solar - nachdem ich wieder online bin - im Rahmen meines Blogs zuwende.

Der Vortrag Beards, auf den ich mich beziehe, erfüllt in gewisser Weise die im Klappentext angekündigte "ebenso gnadenlose wie vielschichtige Abrechnung mit der Politik, dem Wissenschaftsbetrieb - und einer Sorte Mann". Es ist die Rede von einem Buch, "das den Faktor Mensch auf literarisch neue Art und Weise in die Klimarechnung einführt". Gegenwärtig - im September 2019, also etwa 10 Jahre nach Veröffentlichung - gewinnen diese Ankündigungen noch einmal eine andere Färbung, da McEwans literarische Auseinandersetzung mit dem Menschheitsthema "Klimawandel" als weiterer Beleg unter tausenden von Dokumenten und Verlautbarungen gelten kann, dass - ganz anders als noch vor 80 Jahren - niemand mehr sagen kann, er hätte von alldem nichts gewusst. Man muss schon leugnen wie Donald Trump oder die Flachpfeifen von der AfD; denen im übrigen macht das vermutlich wenig aus, da ihnen zur Entblödung vermutlich weniger eine gewisse Intelligenverkörperung abgeht, als vielmehr jeglicher Anstand und das, was man soziale Intelligenz/Verantwortung in einem intergenerativen Kontext nennen könnte. Hier gewinnt dann auch McEwans Protagonist Konturen, da er - zunächst - lediglich aus opportunistischen, eigennützigen Motiven auf den Klimazug aufspringt - McEwan kann vor allem auch Ironie, die ein wenig Distanz schafft zu einer schwer erträglichen Gegenwart.

So passt denn auch die Überreichung eines weißen Umschlags mit der pecuniären Vergütung zu der Überraschung, die sich Beard selbst bereitet, indem er seinen Vortag mit dem lapidaren Satz eröffnet: "Der Planet ist krank." Und natürlich passt die hier dann in der Folge von Beard offenbarte Wahrnehmung, wonach er ein Stöhnen im Publikum gewahrt, mehr noch "missfälliges Getuschel". Und als säße man als Soufleur - oder meinetwegen auch nur als neugieriger Beobachter - inmitten der in dieser Woche anstehenden Tagung des sogenannten Klimakabinetts, geht's bei Beard ohne Umschweife sofort zur Sache (S.212ff.):

"Heilung ist dringend vonnöten, und das wird teuer - man rechnet mit zwei Prozent des Bruttoinlandprodukts weltweit, doch es wird ein Vielfaches kosten, wenn wir die Behandlung aufschieben." Da Beard verinnerlicht hat vor institutionellen Anlegern zu reden, gebärdet er sich als radikaler Marktwirtschaftler und schreibt der FDP und großen Teilen der CDU in der Folge die Brandrede. Und anders als vor 10 oder mehr Jahren, mag dies heute als Königsweg erscheinen, dem gleichermaßen aus Untergangsnot wie aus Gewinnstreben vielleicht auch die klassischen Anleger und Industrien beginnen - soweit sie sich dazu in der Lage sehen - eine Sinnperspektive abzugewinnen: "Nach meiner Überzeugung - so Beard - wird jeder, der sich an der Therapie beteiligen und darin investieren will, sehr viel Geld verdienen, enorm viel Geld. Es geht um nichts weniger als eine neue industrielle Revolution. Das ist ihre Chance." Beard belegt in der Folge seine These, dass wir "sehr kluge Affen" seien. Seine Analyse ist klar und nicht zu entkräften:

Man könnte die Argumentation, die nun folgt, schlicht als neoliberales Credo diskreditieren, hätte Beard respektive McEwan nicht unser aller individuelles Unvermögen auf seiner Seite. Das klingt dann so: Es stellt sich die Frage: "Wie können wir den CO²-Ausstoß reduzieren, ja gänzlich stoppen und dennoch unseren Lebensstandard aufrechterhalten und Millionen Menschen aus der Armut heraushelfen?"

Beards Analogien zur ersten und zweiten industriellen Revolution sind historisch stichhaltig und kaum zu widerlegen. Er mischt nun pecuniäre, renditeorientierte eigennützige Handlungsmotive letztlich mit einer Alternativlosigkeit und der Drohkulisse einer ansonsten in Aussicht stehenden Apokalypse:

"Geben Sie sich nicht der Illusion hin, die Weltwirtschaft und ihre Börsenmärkte könnten unabhängig von unserer Umwelt existieren. Die Grenzen des Wachstums sind erreicht. Die Fakten sind bekannt, Sie haben die Wahl - das Projekt Mensch braucht sichere, saubere Energie, oder es wird scheitern. Entweder zeigen Sie, der Markt, sich der Lage gewachsen und werden auch noch reich dabei, oder Sie gehen zusammen mit allen anderen unter. Wir sitzen alle im selben Boot, es git kein Entkommen..."