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Podcast Ep.11 Ehrfurcht angesichts der Katastrophe -

Die komplementäre Seite zur Liebe, die hier unserem Heimatplaneten gilt

Beginnen wir mit Pathos – hier gewinnt der zu Beginn eingespielte Jingle eine vollkommen neue Dimension: Von vorne wie von hinten, von rechts wie von links und vor allem von oben wie von unten!

Der 2016 verstorbene Roger Willemsen schließt seine kleine nachgelassene Schrift Wer wir waren mit berührenden und bewegenden Gedanken ab. Er spricht über die wenigen hundert Menschen, die außerhalb der Erdatmosphäre geatmet haben und führt in diesem Zusammenhang aus:

„Nichts scheint die ersten Weltraum-Reisenden vorbereitet zu haben auf das, was die Anschauung des Alls und der Erde im All in ihnen auslösen würde, demütig und poetisch haben sie sich dem quasi Religiösen einer Erfahrung des Exterritorialen zu stellen versucht und wieder einen ersten Blick geworfen.

Einige haben für diese Erfahrung das alte Wort 'Ehrfurcht' verwendet, haben im Angesicht der unendlich empfindlichen Hülle der Biosphäre von 'Respekt' und 'Achtung' vor der Schöpfung und der 'persönlichen Beziehung' zum 'Heimatplaneten' gesprochen, haben aus diesem Erleben ein Gefühl der Verantwortung abgeleitet und sich in einer tieferen Bedeutung als 'Erdenbürger' erkannt.

'Ich schwebte, als sei ich im Inneren einer Seifenblase', sagte der polnische Kosmonaut Miroslaw Hermanszewski. 'Wie ein Säugling im Schoß der Mutter. In meinem Raumschiff bleibe ich immer das Kind der Mutter Erde.' Es gab Kosmonauten, die auf ihre Reise Musik mitnahmen, aber zuletzt nur noch Kassetten mit Naturgeräuschen hörten: Donnergrollen, Regen, Vogelgesang. Andere hatten ein Gemüsebeet im All und züchteten Hafer, Erbsen, Rüben, Radieschen und Gurken, strichem mit der Handfläche beseligt über die frischen Pflänzchen oder empfanden tiefe Trauer als Fische in einem Becken die Reise nicht überstanden. Am äußersten Ende der Exkursion zu den Grenzen des Erreichbaren, die technologische Rationalität mit einer Meisterleistung krönend, entdeckten sie das Kreatürliche, das Spirituelle und das Moralische und kehrten zurück zum Anfang, zum Kind, zum Säugling, der da liegt wie der zusammengekauerte Todesschläfer, der letzte komplette Mensch. Seine Zukunft muss ihm unvorstellbar gewesen sein. Sie ist es noch.'"

Ich habe die Daten, die ich jetzt bekanntgebe, nicht überprüfen können. Sie werden mir KI-basiert ausgewiesen. Sie scheinen allerdings überaus evident: Weltweit sind bisher Hunderttausende wissenschaftliche Artikel zum Klimawandel erschienen, wobei die Zahl natürlich stark vom gewählten Suchzeitraum und den verwendeten Datenbanken abhängt. Schätzungen und Analysen zeigen das enorme Ausmaß dieser Forschung:

Ich praktiziere heute in der 11. Episode eine veränderte Regieführung und beginne mit dem Song, der mir am Herzen liegt, bevor ich ihn kritisch kommentiere und hinterfrage. Ich habe ihn im August 2023 getextet habe angesichts der Schlichtheit und Verblödungsdimension typischer „Malle-Hits“. Ich wollte dieser gequirlten Scheiße etwas entgegensetzen. Vor wenigen Wochen habe ich ihn vertont und präsentiere jetzt das musikalische Großereignis – den Malle-Hit 2026 der etwas anderen Art. Danach ist es mir fast gleichgültig, ob noch jemand zuhört, denn eigentlich ist mit: Wir saßen im Café – auch im Sinne Roger Willemsens – schon alles gesagt!

Die Hintergründe zu diesem Song werden in einer weiteren Episode aufgearbeitet. Heute werden sie nur angedeutet und in den Kontext eines touristischen Vandalismus gestellt.

2016 ist Roger Willemsen – gewiss viel zu früh – verstorben. Er hat es bei seinem Abgang nicht an Pathos fehlen lassen. In seiner nachgelassenen Schrift Wer wir waren (S. Fischer Verlag, Frankfurt 2016) leitet er seine Fassungslosigkeit angesichts eines postmodernen Individualisierungswahns mit einem Zitat des englischen Lyrikers und Dramatikers T.S. Eliot ein:

"Ja, wir wussten viel und fühlten wenig. Wir durften es nicht fühlen und hörten doch T.S. Eliot fragen:

'Where is the wisdom we lost in knowledge? Where is the knowledge we lost in information?'

Hörten es und häuften noch mehr Informationen auf. Als bräuchten wir einen neuen Klimabericht, einen neuen Schadensbericht über die Weltmeere, den Regenwald, die grassierende Armut. Aber aus all den Fakten ist keine Praxis entsprungen, die auf der Höhe der drohenden Zukunft wäre."

"Die Hölle am Himmel - ... Flugzeuge setzen beim Verbrennen von Kerosin CO² frei, genauso wie Industrieanlagen und Autos. Das CO² legt sich um die Erde wie eine die ganze Welt umspannende wärmende Decke: der Treibhauseffekt."

Im ZEIT-Beitrag - Die Hölle am Himmel - von Nadine Ahr, Dirk Asendorf und Petra Pinzler aus 2018 wird der mit dem Flugverkehr verbundene Ausstoß von CO² als zu vernachlässigendes Quantum gesehen (3% aller weltweiten Emissionen). Aber sie weisen darauf hin, dass das ausgestoßene CO² lange nicht das einzige Problem sei. Die Stickoxide und all die anderen Stoffe - Aerosole, Ruß, Kohlenmonoxid - verursachen in der Höhe eine Nebenwirkung, die von den Atmosphärenforschern "die große Unbekannte" genannt wird und die weltumspannende wärmende Decke befeuert:

"Die Unbekannte ist eine Schönheit, die Begleiterin des guten Wetters. Oft sieht sie aus wie gemalt... Fachleute haben sie im vergangenen Jahr 'Homomutatus' getauft. Nichtfachleute sagen Kondensstreifen. In großer Höhe, dort, wo Flugzeuge fliegen, ist es sehr kalt, bis minus 50 Grad Celsius. Die Luft erreicht oft eine Feuchtigkeit von nahezu 100%, trotzdem gibt es normalerweise dort oben keine Wolken. Es fehlen jene Partikel, um die herum sich die ersten Tröpfchen bilden könnten. Die liefert erst das Abgas der Flugzeuge, und so entstehen Wolken in einer Höhe, in der es sie sonst kaum gibt. Manchmal bleiben die Kondensstreifen nur für Sekunden am Himmel, manchmal für Stunden, manchmal sogar für Tage. Diese künstlichen Wolken stehen im Verdacht, die Erde aufzuheizen - anders als normale Wolken, die die Erde abkühlen. Die Kondensstreifen wirken offenbar genauso wie das Treibhausgas CO² selbst. 'Wahrscheinlich ist', sagt Zahn (Atmosphärenforscher am Karlsruher Institut für Technologie), 'dass der Flugverkehr stärker für den Klimawandel verantwortlich ist, als der reine CO²-Ausstoß vermuten ließe'. Der wahre Wert könnte bis zu dreimal höher sein. Damit wäre der Effekt, den der Flugverkehr verursacht, größer als der gesamte Kohlendioxid-Ausstoß Indiens - des drittgrößten CO²-Verursachers der Welt."

'Where is the wisdom we lost in knowledge? Where is the knowledge we lost in information?'

Aus den vielen von mir registrierten bzw. referierten Artikeln zum Klimawandel greife ich willkürlich einen weiteren heraus. Er erschien ebenfalls 2018 in der ZEIT (33/18, S. 15). Zugrunde liegt eine Befragung des Mobilitätsforschers Andreas Knie über die Folgen des billigen Fliegens - am Boden und in der Luft: Allein der Titel verheißt nichts Gutes: "In der Luft ist noch Platz. Leider". Es ist die Antwort auf die Frage, ob der Himmel über Deutschland noch mehr Flieger verkraften würde. Die ZEIT bittet Andreas Knie den Zusatz: "Leider" zu erläutern:

"Wegen des Klimas. So sehr ich es als Soziologe begrüße, wenn die Menschen die Welt kennenlernen, so sehr bin ich auch Protestant. Wir müssen die Zahl der Flüge pro Mensch deckeln. Es geht auf Dauer nicht, dass die Leute dreimal pro Monat nach Mallorca fliegen. Oder mal eben nach Mexiko oder Tokio jetten. Ein weiterer Ausbau der Flughäfen wäre also bequem für die Passagiere - aber ein falsches Zeichen."

Andreas Knie argumentiert gnädig - oder doch vielmehr naiv?

"Es gibt eine Generation, die mit Ryanair und Easyjet groß geworden ist. Die wird begreifen müssen, dass sie eine unglaubliche Ausnahmesituation erlebt hat - die zu sehr auf Kosten der Umwelt geht. Diese Leute müssen ihr Verhalten ändern - aber dazu sind Menschen durchaus in der Lage."

Realistischer erscheinen die Hinweise im oben erwähnten Artikel: "Die Hölle am Himmel": Seit Jahren beobachtet Michael Cramer (Verkehrspolitiker mit Sitz für die Grünen im Europaparlament), "wie der Flugverkehr zunimmt, wie er immer günstiger wird". Dabei so Cramer "wäre es so einfach: Wer viel CO² produziert, müsste viel zahlen. Die Wirklichkeit ist das exakte Gegenteil: Der deutsche Staat verzichtet bei Auslandsflügen auf die Mehrwertsteuer, kassiert sie aber bei Bahntickets und an Tankstellen. Auch eine Kerosinsteuer gibt es nicht, eine Mineralölsteuer für Autos schon. Fliegen ist nur deshalb so erschwinglich, weil der Staat es unterstützt. Weil er die Schäden ignoriert, die das Fliegen anrichtet."

Die hier angeführten journalistischen Belege für die Folgen eines ausufernden touristischen Endzeitverhaltens, das anmutet, wie der Tanz auf dem Vulkan, stammen allesamt aus dem Jahr 2018. Seither sind ungezählte weitere Beiträge zur Klimakatastrophe hinzugekommen. Ich stamme selbst aus dem Ahrtal. Der 14. Juli 2021 hat sich noch nicht tief genug eingebrannt und ist noch nicht tief genug eingesickert in das Bewusstsein der Allgemeinheit, die Katastrophen selektiv von der Fernsehcouch aus konsumiert. Drei Jahre vor der Ahrtalkatastrophe, aber fast 60 Jahre, nachdem der Club of Rome den damals noch drohenden Klimawandel und eine zunehmende Ressourcenknappheit auf die öffentliche Agenda hob, lädt Anne Will zum Talk und Julia Klöckner, damals noch Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft im Kabinett Merkel und Andras Pinkwart, damals Wirtschaftsminister in NRW offenbaren das komplette Desaster eines Problembewusstseins zu den aufgeworfenen Fragen. Vor allen entblödete sich Pinkwart dabei nicht, der Omma den preiswerten Mobilitätsluxus per Flieger zu Dumpingpreisen zuzugestehen: das habe etwas mit Demokratisierung eines einstigen Privilegs der Reichen VIPs zu tun.

Der Appell, endlich damit aufhören, sich die Synapsen mit Kerosin zuzuschütten, und vor allem so zu reden als hätten Massen von Touristen, die ja auch Wähler sind, einem den klaren Verstand vernebelt, wird damals wie heute mit dem Argument gekontert, man sei hier nur Volkes Stimme.

Auf diese Weise, so Roger Willemsen, „laufen wir uns hinterher, und nicht voraus, sind also in diesem Moment gleichzeitig die, die wir gewesen sein werden, und ebenfalls jene, die nicht in der Lage sind, auf die eigene Höhe zu gelangen."

Denn was ehemals die Privilegien der Reichen und der VIPS waren, das steht heute einem jeden und einer jeden zu, die das nötige Kleingeld haben, wunderschöne  'Homomutati' – pardon –  Kondensstreifen an den Himmel zu zaubern.

Und man glaubt es kaum: Selbst jene, die zu den Ärmsten der Armen gehören, gehen ja heute auf die Reise, weil ihnen die Bleibefreiheit genommen wird und sie ihr Heil in den (noch) gemäßigteren Klimazonen suchen.

Dab bleibt einem wieder einmal nichts anderes übrig, als mit dem schon in der ersten Episode zitierten Max Liebermann festzustellen:

Ick kann jar nicht so ville fressen, wie ick kotzen möchte!"