Podcast Ep.9: Zwischen Liebe und Schmerz – hat Trauer auch einen lebendigen Kern?
Heute ist der 21. Juni 2026. Der Todestag meines Bruders jährt sich zum zweiunddreißigsten Mal. Ich bin alt und habe noch meinen Bruder vor Augen – in der Mitte seines Lebens. Heute beginne ich meine Trauerrede mit einem Lied. Ich möchte zeigen, wie die Auseinandersetzung mit dem Verlust eines geliebten Menschen diese entsetzliche Lücke in unsere Familie reißt; uns zwingt mit dieser Lücke zu leben und Wege zu finden, die gleichermaßen mit Erinnerungen gesäumt sind, und die eben geeignet sind und waren, den Aufbruch in eine unbestimmte Zukunft zu ermöglichen.
Gewiss bin ich weder Nietzsche-Kenner und erst recht kein Epigone. Aber er bringt auf unvergleichliche Weise auf den Punkt, worum es hier geht:
In Vom Nutzen und Nachteil der Historie heißt es im ersten Abschnitt:
„Betrachtet die Herde, die an dir vorüberweidet: sie weiß nicht, was gestern, was heute ist, springt umher, frißt, ruht, verdaut, springt wieder, und so vom Morgen bis zur Nacht und von Tage zu Tage, kurz angebunden mit ihrer Lust und Unlust, nämlich an den Pflock des Augenblicks.“
Bevor er den Neid der Menschen benennt, stellt er uns in den Blätterregen unserer Geschichte:
„Fortwährend löst sich ein Blatt aus der Rolle der Zeit, fällt heraus, flattert fort – und flattert plötzlich wieder zurück, dem Menschen in den Schoß. Dann sagt der Mensch >ich erinnere mich< und beneidet das Tier, welches sofort vergißt und jeden Augenblick wirklich sterben, in Nebel und Nacht zurücksinken und auf immer verlöschen sieht.“
Und Nietzsche schildert im Fortgang jene Tragik, von der wir Überlebenden hoffen ihr entgehen zu können:
Zuvor stellt Nietzsche aber einen Gedanken in den Raum, der uns das ganze damit aufgeworfene Dilemma vor Augen führt, wenn er meint:
„Es gibt einen Grad von Schlaflosigkeit, von Widerkäuen, von historischem Sinne, bei dem das Lebendige zu Schaden kommt und zuletzt zugrunde geht, sei es nun ein Mensch oder ein Volk oder eine Kultur. Um diesen Grad und durch ihn dann die Grenze zu bestimmen, an der das Vergangene vergessen werden muß, wenn es nicht zum Totengräber des Gegenwärtigen werden soll, müßte man genau wissen, wie groß die plastische Kraft eines Menschen, eines Volkes, einer Kultur ist; ich meine jene Kraft, aus sich heraus eigenartig zu wachsen, Vergangenes und Fremdes umzubilden und einzuverleiben, Wunden auszuheilen, Verlorenes zu ersetzen, zerbrochene Formen aus sich nachzuformen.“
Tragisch mag es erscheinen, wenn genau dies nicht gelingt, denn – so Nietzsche – es gebe Menschen, die diese Kraft so wenig besitzen, „daß sie an einem einzigen Erlebnis, an einem einzigen Schmerz, oft zumal an einem einzigen zarten Unrecht, wie an einem ganz kleinen blutigen Risse unheilbar verbluten“.
So weit ich sehen kann, gibt es in der Familie keinen Bluter dieser Art – dies ist gewiss zu begrüßen: Zumal es nicht auf der anderen Seite dazu geführt hat, dass – wie Nietzsche den Bogen auf extremste Weise spannt – irgendjemand zu jener Gruppe von Menschen gehört, (Zitat) „denen die wildesten und schauerlichsten Lebensunfälle und selbst Taten der eigenen Bosheit so wenig anhaben, daß sie es mitten darin oder kurz darauf zu einem leidlichen Wohlbefinden und zu einer Art ruhigen Gewissens bringen“.
Ganz im Gegenteil ist allen, die den Unfalltod von Will, wie eine tiefe Wunde mit sich tragen, Nietzsches Schlussfolgerung als Haltung zu wünschen:
„Je stärkere Wurzeln die innerste Natur eines Menschen hat, um so mehr wird er auch von der Vergangenheit sich aneignen oder anzwingen […] alles Vergangene, eigenes und fremdestes, würde sie an sich heran-, in sich hineinziehen und gleichsam zu Blute umschaffen.“
Wir würden es heute mit deutlich weniger Pathos und begrifflich nüchterner formulieren: Jemand hat im besten Fall mit dem Unausweichlichen zu leben, eine Assimilations- und Integrationsleistung zu erbringen, die ihm gleichermaßen lebendige Erinnerung wie heilsames Vergessen ermöglicht. In meiner Erinnerung aus dem letzten Jahr habe ich es für mich mit den folgenden Worten auf den Punkt zu bringen versucht:
„Im Schmerz und in der Wut über Deinen sinnlosen, vermeidbaren und fahrlässig herbeigeführten Tod habe ich nicht hören und erst recht nicht verstehen können, als Du uns zugerufen hast: „Bedenket, dass ihr sterben müsst, auf dass ihr klug werdet.“ Erst neun Jahr später, als Du Deine Schwester und mich begleitet hast, als wir unsere Mutter im Sterben begleitet haben, konnte ich Dich hören und vor allem verstehen.
Und heute: Bei meinen kleinen Toden – wenn ich abends die Augen schließe und mich den Bildern überlasse, die tief in mir geborgen und lebendig bleiben, kann ich schon ahnen, was der Wechsel auf die andere Seite bedeuten mag. Dann verschmelzen Vergangenheit und Zukunft zu einer Melange, Sein und Seiendes gehen ineinander auf, bevor der Morgen – so lange er sich zeigt – kündet von der Last und der Lust des Lebens. Und das a in L a st wandelt sich zu einem u in L u st, wenn wir uns öffnen, uns erinnern, erzählen und das lähmende don’t remember – don’t ask – don’t tell in seine Schranken weisen. Es sind die lebendigen Erinnerung an Dich und die Last, vor allem aber die Lust am Leben, die zu der nun abschließenden Hymne geführt haben: