Podcast Ep. 7: Von Putzerfischen und Schmeißfliegen
Wie weh kann denn Liebe und die Sehnsucht nach unerfüllter Liebe tun?
Ja, von vorne wie von hinten – das wird heute eine besonders heiße Nummer
Der zweite Teil fünften Episode geht nunmehr in der siebten Episode auf. Er verdankt sich zu Teilen einer Auseinandersetzung mit Sabine Rückert – ehemalige stellevertretende Chefredakteurin der ZEIT. Sie hat 2016 eben in jener ZEIT einen Artikel unter dem Titel veröffentlicht: Von Putzerfischen und Schmeißfliegen – Viele Frauen sind zu leicht zu beeindrucken. Sie umschwirren die Männer wie Putzerfische den Hai.
Sie plädiert für Nüchternheit im Umgang miteinander – verliert sich im Verlauf ihrer Ausführungen dann andererseits aber auch in einem außerordentlichen Pathos. Man merkt ihr an, dass sie die Fragen von Liebe, Partnerschaft und Liebesschmerz alles andere als unbefangen angeht.
Meine Frau hat mich gerügt und darauf aufmerksam gemacht, dass ich Sabine Rückert zu viel Ehre antue, dass ich kostbare Sendezeit nicht verschwenden, sondern sehr viel grundsätzlicher und aktueller ansetzen solle. Ich nehme mir das zu Herzen. Und bevor ich Sabine Rückert doch noch die Ehre gebe, besinne ich mich auf unsere Ausgangsfrage – Warum Liebe weh tut – und versuche sowohl grundsätzlich wie auch aktualitätsbezogen mit Eva Illouz die Ausgangsthese noch einmal scharf zu stellen.
Bereits 2011 verbreitete sie in Warum Liebe weh tut die These, dass das Leiden an der Liebe ist ein soziologisches Phänomen sei. Unter dieser Maßgabe konstruiert Eva Illouz eine Analogie und untersucht dieses Phänomen, wie einst Marx den Warentausch im beginnenden Kapitalismus analysierte: "in Begriffen des Tauschs zwischen ungleichen Marktteilnehmern" werden Beziehungskrisen, digitale Heiratsmärkte, neue Mechanismen der Partnerwahl, Strategien zwischen Marktförmigkeit und romantischen Vorstellungswelten als Kontextbedingungen zeitgenössischen Liebesleidens in den Blick genommen.
2020 geht sie einen entscheidenden Schritt weiter und begründet mit der Monographie Warum Liebe endet eine Soziologie negativer Beziehungen!
Dabei wirkt es beklemmend, wie Eva Illouz durch all die Protagonisten ihrer Studie - es gibt eine Fülle von Interviews - gewissermaßen hindurchzuschreiben scheint. Sie tauchen auf als Stellvertreter und unfreiwillige Zeugen in einer Welt, die Illouz - man könnte fast sagen - endzeitlich, mehr noch apokalyptisch sieht. Dies ist vor allem der Fall - wie bei Hondrich - weil sie ihre Protagonisten exculpiert und nahezu in einer Opferrolle sieht. Sie stellt sich damit gegen die traditionelle Soziologie, die die Herausbildung sozialer Bindungen vor allem auf der Mikroebene in den Blick gerückt habe:
"So war sie – die traditionelle Soziologie - zwangsläufig blind für den schwerer fassbaren Mechanismus, durch den Beziehungen enden, in die Brüche gehen, sich in Luft auflösen oder einschlafen. In der vernetzten Moderne wird die Frage, wie sich Bindungen auflösen, zum geeigneten Untersuchungsgegenstand, sofern wir diese Auflösung als soziale Form verstehen (43)."
So kommt denn Eva Illouz zu einer bemerkenswerten Ausgangsthese, mit der sie behauptet:
"Diese Art des Endes von Beziehungen – die wir zu Hauf beobachten - erfolgt nicht durch ihren unmittelbaren Zusammenbruch - durch Entfremdung, Verdinglichung, Instrumentalisierung, Ausbeutung -, sondern durch die moralischen Gebote, die den imaginären Kern der kapitalistischen Subjektivität ausmachen, wie die Gebote, autonom und frei zu sein, seine verborgenen Potentiale auszuschöpfen, die eigene Lust, Gesundheit und Produktivität zu optimieren. Es ist das positive Gebot, sein Selbst zu produzieren und zu maximieren, das die 'negative Wahl' prägt (43)."
Was Eva Illouz unter negativen Beziehungen versteht, erläutert sie anhand ihrer Beobachtungen:
"Unübersehbar sind die negativen Beziehungen in der bewussten Entscheidung oder unbewussten Praxis so vieler Männer und Frauen, sich nicht fest zu binden und keine Kinder zu bekommen, oder in dem Umstand, dass Singlehaushalte in den vergangenen beiden Jahrzehnten deutlich zugenommen haben (45)."
Eva Illlouz hat uns ja schon Erklärungen dafür geliefert, warum Liebe weh tut! Warum Liebe endet zeigt nun Phänomene auf, die zunächst einmal - beim schlichten Lesen - die Wehmut und den Schmerz nicht wirklich greifbar machen, die der von ihr im folgenden beschriebenen Haltung vorausgehen bzw. die sie begleiten. Eva Illouz führt in der Einleitung den Begriff der Sologamie ein – Zitat: "Eine vierte Manifestation der Nichtwahl ist die 'Sologamie', das verwirrende Phänomen von (zumeist) Frauen, die sich dafür entscheiden, sich sozusagen selbst zu heiraten, um ihre Eigenliebe und den Wert des Singledaseins zu bekunden (46)."
Einen brandaktuellen Beleg für diese Haltung hat zuletzt Senna Gammour in der SPIEGEL-Ausgabe vom 5.6.2026 geliefert. Die SPIEGEL-Redakteurinnen Annina Metz und Carola Padtberg stellen Senna Gammour, die ja auch Bücher über das Singledasein geschrieben habe und darüber regelmäßig in ihrem Podcast spreche, die Frage, ob sie sich nicht nach der romantischen Liebe sehne? Ihre Antwort ist ernüchternd und frappierend zugleich:
„Ich glaube schon an die große Liebe. Aber meine große Liebe bin ich selbst.“
Senna Gammour erscheint hier unter dem Brennglas der Soziologien Eva Illouz, und sie vertritt gegenwärtig vermutlich die radikalste Form negativer Beziehungen:
„Dass ich Single bin, liegt nicht daran, dass ich nicht sofort einen Mann haben könnte. Ich entscheide mich bewusst dagegen. Ich bin glücklich allein. Ich weiß, was ich möchte und was ich brauche. Ein Mann gehört definitiv nicht dazu.“
Es bietet sich genau an dieser Stelle an, die versprochene Auseinandersetzung mit Sabine Rückert wieder aufzunehmen: