Good Morning, Mister Barnes,
Ich folge Ihrer Einladung in eine unbestimmte Stadt in einem unbestimmten Land in ein Straßencafé.
Und ich kann Ihnen versprechen, meine Hörgeräte sind aufgeladen, und ich sitze zu Ihrer Rechten, denn mein linkes Ohr ist das empfindsamere. Ich gebe zu, dass ich Sie nicht sehr gut kenne. Aber Abschied(e) verändert dies gerade eben auf so nachhaltige Weise, dass ich dies gegenwärtig (noch) verschmerzen kann. Hinzu kommt, dass ich knapp sechs Jahre jünger bin als Sie, von lebensbedrohlichen – selbst lebensbegleitenden - Krankheiten verschont; also bei bester Gesundheit. Selbst wenn Ihnen die Marmelade ausgeht (auf Seite 238 – also immerhin auf der vorletzten Seite), mag es mir noch vergönnt sein, meinen Horizont mit Ihren Anregungen zu erweitern. Ich werde weiterschauen, bis mir ebenfalls die Marmelade ausgeht.
Nun habe ich – wie es inzwischen einer guten Gewohnheit entspricht – auch Ihre Abschiede ein wenig von hinten aufgezäumt. Dies ist insofern zumindest fragwürdig, als Sie mir bereits auf den ersten Seiten einen Flash verpasst haben, der sich in meiner zweiten Lebenshälfte als lebensbegleitendes Elixier in mir breitmacht (Kurz vor Schluss I und Kurz vor Schluss II – das erinnert mich im Übrigen an Ihre letzten Interviews, die bislang immer vorletzte waren. Mal sehen, ob sich das mit ihrem letzten Buch auch so verhält, siehe Seite 18).
IAM – hinter diesen drei Buchstaben verbergen sich zu guten Teilen Antrieb und Esprit Ihres letzten Buches. Deshalb ist das erste Kapitel schlicht mit „Das große I AM überschrieben: Involuntary Autobiographical Memory – unwillkürliche autobiografische Erinnerung. Ich verzichte an dieser Stelle auf die aus Ihrer biografischen Logik zwangsläufige Bezugnahme auf „Proust und Madeleine: Zusammen im Thalamus? (Madeleine war, wie Sie sicher wissen, nicht Prousts große Liebe, sondern ein Keks, der in Tee getunkt bei ihm eine Involuntary Autobiographical Memory <IAM> auslöste)“
Ich gehe kurz auf ihre zweite, weniger intuitive als viel mehr reflektierte und schriftstellerische Reaktion (wie sie selber anmerken) ein. Sie deuten an, IAMs „wären bestimmt nützlich für eine Autobiografie“ (S. 12). Allerdings haben Sie eine Theorie in petto, die mich aufhorchen lässt:
„Ich habe die Theorie aufgestellt, dass der ständige, stürmische Andrang unerwünschter – oder zumindest unerbetener – blitzartiger IAMs Selbstmordgedanken auslösen kann (S. 19).“ Hintergrund bildet dabei die Vorstellung, dass wir es mit einem Mal eben nicht mehr mit dem normalen Verfallsprozess von Erinnerungen zu tun bekämen, sondern mit der erneuten Darbietung des eigentlichen Erlebnisses.
Zwischenbemerkung: Bekommt man es relativ unvermittelt mit dem Suizid eines guten Freundes zu tun, und beginnt man dann – wie Sie, Mister Barnes es mit Ihrer „Geschichte in der Geschichte“ veranstalten (Jean und Stephen, in der es allerdings nicht um einen Suizid geht) – sich seinen Reim zu machen, mit dem man dann beginnt, die Tat – den Suizid – und das komplexe, filigrane Netz biografischer Details abzugleichen, gewinnt Ihre Theorie beklemmendes Gewicht (dazu an anderer Stelle mehr).
Auf Seite 28 Ihrer Ausführungen weisen Sie auf ein Phänomen hin, dass hier als HSAM oder „highly superior autobiographical memory“ Erwähnung findet. Sie sprechen von etwa einhundert Fällen, die dafür bekannt seien, dass sich eine „Überfülle von feinteiligem Selbstwissen“ einstelle. Man könne hier nur schwer einen Vorteil, aber leicht einen erheblichen Nachteil sehen – „die Unfähigkeit, unliebsame Erinnerungen zu redigieren, zu reduzieren oder auszusortieren“ (Niklas Luhmann führt in seine Theorie des Lebenslaufs dafür den Begriff des „Inkonsistenzbereinigungsprogramms“ ein).
Schon hier an dieser Stelle (auf Seite 30f.) gehen Sie davon aus, dass unser Gehirn viel mehr Macht über uns hat als umgekehrt: „Es summt und brummt Tag und Nacht. Wir schlafen, aber das Gehirn schläft nicht. Es kann seine Aktivitäten in der Nacht herunterfahren, aber es macht nie Feierabend, bis für uns endgültig Feierabend ist. (Nein andersherum: Für uns ist endgültig Feierabend, wenn es Feierabend macht.)“
Ich greife nun einmal weit voraus und zitiere Textstellen, die sozusagen die Fundamentalprämissen festlegen, ohne die all unsere Bemühungen sozusagen nutzlos wären; sie würden gewissermaßen ihre Sinnhaftigkeit einbüßen:
„Wir wissen alle, dass Erinnerung Identität ist und dass wir ohne Erinnerung nur ein ziellos dahintreibendes Nichts sind […] Keine Erinnerung – keine Identität (S. 213).“
Im Zusammenhang von Erinnerung und Tod präzisieren Sie die soziale Dimension dieser Prämisse, indem sie meinen:
„Da ist die Erinnerung, und dann ist da der Tod, der jede Erinnerung auslöscht. Die Hinterbliebenen behalten Erinnerungen an die Verstorbenen, die zunächst so lebendig und voller Bewegung erscheinen wie in der Zeit, als dieser Mensch noch am Leben war (S. 218).“
Geben wir einmal – wie Sie es auf Seite 218 tun – an dieser Stelle Arthur Koestler das Wort:
„Das Schreiben über einen toten Freund ist ein Schreiben gegen die Zeit, eine Jagd nach dem verblassenden Bild; fang ihn ein, halt ihn fest, bevor er zu einem Mythos versteinert. Denn die Toten sind arrogant […] Ihr widernatürliches Schweigen lässt einen innerlich erstarren: Man hat das Rennen verloren, noch ehe es begonnen hat, man wird den Verstorbenen nie so zu fassen bekommen, wie er einmal war. Der unheilvolle Mechanismus der Legendenbildung hat bereits eingesetzt: all die netten Belanglosigkeiten gefrieren zu biografischen Anekdoten, und leichtgewichtige Episoden hänge wie Stalaktiten in den Höhlen der Erinnerung.“
Dieser Vorgriff hat auch damit zu tun, dass ich Ihre Geschichte in der Geschichte für amüsant und brillant beschrieben halte. Aber sie interessiert mich nicht wirklich; hat sie doch so Vieles von dem, was uns Mittsiebzigern (so alt waren Sie als Sie die Geschichte aufgeschrieben haben) allzu vertraut vorkommt (also, Ihr Lieben, kauft die Abschied(e) – ein in jeder Hinsicht überaus lesenswertes Buch!). Auch bei der Geschichte in der Geschichte (von Jean und Stephen) sind es eher die Rahmungen, die aufhorchen lassen – natürlich nur denjenigen, der Aufgeschriebenem oder Erzähltem gegenüber die naive Haltung von Vorschulkindern an den Tag legt. So meinen Sie zu Beginn des Kapitels „Der Anfang der Geschichte":
„Nur darf man daraus nicht schließen, dass diese detaillierten Aufzeichnungen aus dem Leben am Ende das ergäben, was wirklich geschah. Wichtiges wird von mir oft übersehen oder vergessen: Die Jagd nach Gewissheit führt oft in die Irre (S.42).“
Natürlich wirkt es dann enorm entlastend, wenn man bekennt: „Ich schreibe meist fiktionale Geschichten.“ Die allerdings – so merken Sie auf unnachahmlich Weise an -, verlangten eine langsame Kompostierung des Lebens, bevor brauchbares Material daraus werde. Über das Material verfügen wir alle – mehr oder weniger. Ob wir es zu brauchbaren Geschichten verdichten, hängt dann eher davon ab, aus welchem Holz wir selbst gearbeitet sind: Unversöhnliche Besserwisser; dauergekränkte Opferlämmer; überhebliche Egomanen; subalterne Duckmäuser; notorische Verpisser, ausgleichende, selbstgerechte Allesversteher; selbstgerecht passt besser zu moralinsauren Sittenwächtern – all das natürlich auch in weiblichen und nonbinären Varianten.
In Ihrem letzten Buch geht es ums Verlieben, das Sich-Verlieren, das Wiederverlieben, das Sich-Wieder-Verlieren und: um den Tod; den Tod so vieler, die Ihnen von der Seite gingen – neben ihrer Frau schließlich auch Jean und Stephen – und Jimmy (zu ihm später). Der Tod wird siegen. Und Sie sind jemand, der – wie Sie bekennen – viel darüber nachgedacht hat, wie wir die Toten in Erinnerung behalten. Letzteres würde allerdings voraussetzen, dass die Toten auch als Lebendige in unserem Leben eine Rolle gespielt haben, selbst dann, wenn sie mit uns verwandt waren. Pardon, mir steht dieser Zynismus nicht gut zu Gesicht, gehöre ich doch eher zu den Mythenbegründern, die ihrem Bruder, ihrer Mutter, ihrem Vater, ihrem Großvater jene verklärende Aura zukommen lassen, hinter der sie unkenntlich werden müssen!
Ich übernehme Jeans Einwand, den Sie Ihnen auf Seite 151 entgegenhält, als Sie zu ihr meinten: „Aber wir sind doch alle erwachsene Menschen“. Ja, durchaus mag das so sein, ist sie wohl bereit zu konzedieren. Aber: „Wir sind alle nur Kinder in Erwachsenenklamotten.“
In diesem Sinne konzentriere ich mich auf Das Ende der Geschichte und auf Nirgendwohin. Das Ende der Geschichte gestattet uns einen Einblick in eine ars moriendi, nachdem wir so viel über die Klippen und Untiefen der ars amandi am Beispiel von Jean und Stephen erfahren haben. Auf Seite 115 legen Sie ein Bekenntnis ab, dass vielen von uns im jugendlichen Überschwang zu Eigen war:
„Als ich jünger war, meinte ich zu wissen, wie die Welt beschaffen ist, was echt und hart ist, was dehnbar und weich. Das Bedürfnis nach Selbstkorrektur kommt mit dem Alter, genau wie die Angewohnheit sich zu wiederholen. Es muss etwas mit dem Tod und dem Abschied aus diesem Leben zu tun haben.“
Ich mache hier erst einmal eine Zäsur und freue mich auf den zweiten Teil von: Good Morning, Mister Barnes