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Vom Verschwinden aus dieser Welt - und vom Kampf um Liebe

Peter Kümmels Nachruf auf Luc Bondy ZEIT 49/2015 (61)

In der Überschrift zu Peter Kümmels Nachruf lese ich: "Er verfolgte seine Figuren bis zu dem Moment, da ihre Tarnung aufflog. Aber er beschützte sie vor unserer Neugier." Vielleicht rührt aus dieser brutalen Paradoxie so etwas wie meine Urangst vor dem Theater. Vermutlich wäre das Theater ja tot, ohne Regisseure, die genau das tun, was Peter Kümmel Luc Bondy unterstellt. Ein Schauspieler muss mit Hilfe des Regisseurs zeigen und herausholen aus der Figur, was in ihr steckt. Er muss das Unsichtbare sichtbar machen und wird sich selbst dabei nicht verbergen können; eine beängstigende Ausgangslage und ein Anforderungsprofil, das "Schauspieler" an Grenzen führt und auch scheitern lässt. Peter Kümmel nennt Beispiele, wie z.B. Samuel Finzi, Gert Voss, Nina Hoss und andere, die unter der Regie von Luc Bondy diesen heillosen Spagat versuchen.

Welchen Blick lässt dies zu auf jemanden, der das Gegenwartstheater mit geprägt hat und wie verhalten sich die persönlichen Einlassungen und Schildungern Peter Kümmels dazu? Es gibt da Sätze zu lesen, die verstärken die angedeuteten Urängste. Sie werfen zutiefst die Frage auf, wie wir als Menschen halbwegs unversehrt aus den tektonischen Plattenverschiebungen menschlicher Kommunikation herausfinden. Die erste Erleichterung mag sich einstellen, wenn wir allen Zumutungen, die sich aus Peter Kümmels Würdigung Luc Bondys ergeben, mit dem lapidaren Hinweis Niklas Luhmanns begegnen, dass Menschen (Gott - oder wem immer - sei Dank) nicht kommunizieren und soziale Systeme nicht denken können! Dann lehnen wir uns ganz entspannt zurück, wenn wir lesen: "Vieles in Bondys Theater spielte sich im Stillen ab. Man sah, wie die Menschen die Gesichter ihrer Mitstreiter lasen, unablässig und mit Ehrfurcht." Im Theater, wo es immer um Alles geht, wo die existentiellen Grundfragen die große Bühne beherrschen, setzt man sich für zwei bis drei Stunden (oder auch länger) dem (inszenierten) Terror und den Gewaltakten aus, die damit einhergehen, dass "Menschen die Gesichter ihrer Mitstreiter lesen". Denn im Theater geht es in der Regel eben nicht um einen pädagogischen, mit Goldstaub verzierten und Zivilisation verbürgenden Wertehimmel, in dem Empathie und die Fähigkeit zur Perspektivenübernahme regieren. Auf diesem Hintergrund lässt sich erst die paradox anmutende Einschätzung Peter Kümmels hinsichtlich der Bedeutung Luc Bondys verstehen:

"So war Bondys Theater ein Institut des gemeinsamen Gedankenlesens: Publikum durfte dabei sein, wenn auf der Bühne rätselhafte Charaktere einander schichtenweise durchschauten. Der Zuschauer wurde zum Verführten - er wurde 'angesteckt' von dem Mut der Spieler. Und er verließ den Saal mit einem Gefühl des Verlusts. Das war Bondys große Kunst. Die Darstellung des Moments, in dem eine entscheidende Erfahrung gemacht wird. Gefeiert wurde der Augenblick, in dem blinde Wesen einander plötzlich wahrnahmen. Ja, man sah den 'Augenblitz', den zwei Menschen erkennend aufeinander abfeuerten - woraufhin sie sich für immer verwandelten: Sie traten aus der Kette der Vorläufer heraus, von deren Nachahmung sie bislang gelebt hatten. Sie wurden unberechenbar."

Blinde werden sehend und gerade deshalb unberechenbar! Ersteres nur auf der Theaterbühne - letzteres grundsätzlich und dies vor allem im wirklichen Leben. Es sind Feinheiten, die sich Peter Kümmels Deutung versagen, obwohl er einiges in seinem Nachruf erwähnt, von dem ich persönlich der Auffassung bin, dass es besonders hervorzuheben ist:

"Luc Bondy fand heraus, das jeder Mensch ein Kämpfer ist: Der Kampf um Liebe ist unsere oberste (vielleicht einzige) Beschäftigung. Die dunklen Verteidigungsringe, die ein Mensch während lebenslanger Kampfhandlungen um sein Innerstes legt, waren das Terrain dieses Regisseurs [...] So neugierig Bondy war, so diskret war er auch. Robert Walsers berühmter Satz 'Niemand ist berechtigt, sich mir gegenüber zu verhalten, als kenne er mich' - er hätte ihn für jede seiner Figuren unterschrieben." Auch für sich selbst?

Den Vorwürfen der Inhumanität, denen sich vor allem Niklas Luhmann ausgesetzt sah, kann man nur begegnen, in dem man der Neugierde anderer - aber auch der eigenen - Grenzen setzt - so jedenfalls charakterisiert Peter Kümmel das Besondere, das Ungewöhnliche an Luc Bondy. Dies mag um so mehr überzeugen, als das ein wechelseitiges Verstehen ausschließlich gekoppelt bleibt an das Erleben und Anerkennen gelungener - wenigstens aber erträglicher Anschlüsse, die darüber entscheiden, wie es (mit uns) in den sozialen System weitergeht. Jenseits der sozialen Systeme sind wir (und können wir hoffentlich) die Menschen (bleiben), die in einer zivilisierten Gesellschaft nicht nur auf körperliche, sondern vor allem auch auf psychische Unversehrtheit hoffen und Intimität für sich beanspruchen können.

Damit verbindet sich letztlich die Hoffnung, dass "der Kampf um Liebe" nicht vollkommen aussichtlos sein möge, denn ähnlich wie bei Henning Mankell liest sich auch Luc Bondys Fazit nur um den Preis großer Ernüchterung:

"Wie man von der Erde verschwindet, ist gesetzlos grausam, man versteht es nicht. Wozu rasch die Augen öffnen, um sie wieder zu schließen und womöglich gar nicht mehr zu wissen, dass man sie einmal offen hatte..."

Für uns alle, aber mit einer besonderen Widmung für meine Schwester, die eine wirkliche Kämpferin ist!

Aber worüber reden wir eigentlich hier im Westen? Während wir letzte Bastionen der Intimität verteidigen, gesteht man den Menschen im nahen Osten - und nicht nur dort - nicht einmal körperliche Unversehrtheit zu: "Jene westlichen Staaten, die jahrelang die Einrichtung einer Flugverbotszone zum Schutz der syrischen Zivilisten als politisch und militärisch nicht durchsetzbar verworfen haben, mobilisieren nun im Eiltempo zur Ausweitung eines Luftkrieges, in dem noch mehr Zivilisten getötet, noch mehr Städte zerstört und noch mehr Flüchtlinge geschaffen werden [...] Das kurdische Kobane in Syrien und das gerade erst durch die Peschmerga befreite Sindschar im Irak sehen aus wie Stalingrad 1945 (Böhm/Dausend/Thumann/Ulrich, in: ZEIT 49/15, S. 3)."

   

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