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Das Projekt der Moderne ist das Projekt einer Selbstdesinteressierung!

Worum geht es eigentlich - in Paris und anderswo?

 "Es geht [...] um nichts geringeres als das allen Weltbescheibungen erster Ordnung inhärente Paranoia-Potential und die von ihm gebundene und entbundene Gewalt. Wo immer Menschen anfangen, ihre Weltbilder distanzlos zu bewohnen und und ihre Einteilungen des Seienden im ganzen als eine Arena realer Kämpfe zu erleben, dort sind sie der Versuchung ausgesetzt, für ihre Identitätskonstrukte bis zum bitteren Ende zu kämpfen und für ihre Fiktionen zu töten."

So hört sich eine der zentralen Schlussfolgerungen an, die Peter Sloterdijk (Berlin 2010, S. 153) in der Würdigung Niklas Luhmanns einige Jahre nach dessen Tod 2001 bereits formuliert hat (siehe die Luhmannsche Lektion).

Die Distanzlosigkeit und die Tötungsbereitschaft der IS-Terroristen ist nicht erst seit den Anschlägen in Paris auf brutale Weise offenkundig. Die wichtige und unverzichtbare Lawine symbolischer Politik, die den Schulterschluss sowohl zwischen den politischen Eliten als auch unter den Menschen - vor Botschaften wie aller Orten - signalisiert, droht allerdings vollkommen zuzudecken und zu verschleiern, dass "die Einteilungen des Seienden" aus der Perspektive des Westens die gleiche Distanzlosigkeit aufweisen; und vor allem, dass sie gleichermaßen bereit sind, eine Arena realer Kämpfe zu inszenieren und im Übrigen auch zu töten:

Die Inszenierung der Legitimation des Irakkriegs mit dem Sturz von Saddam Hussein (als ein Beispiel von vielen) erweist sich dabei im Rückblick als besonders infam. Uns allen stehen die Bilder noch vor Augen, wie die USA und Großbritannien auf der Basis der UN-Resulution 1441 im November 2002 mit den von US-Außenminister Colin Powell präsentierten und 2005 als Fälschungen und als "Schandfleck seiner Karriere" eingeräumten "Beweisen" die militärische Intervention 2003 im Irak einleiteten. Die Politik des Westens ist weder wahrheitsverbürgend noch wahrhaftig. Insofern wird keine Intervention des Westens dazu geeignet sein, die Terroristen und Mörderbanden des IS in ihrer Haltung zu beeinflussen. Typen wie Markus Söder erweisen sich vielmehr mit ihren rechtspopulistischen Äußerungen als die Feuerwehrleute, die mit Benzin löschen. Die vollkommene Ausblendung des systemischen Nexus, der die blindwütige Haltung des IS in einen Zusammenhang stellt mit den Grundzügen der Nahostpolitik des Westens, führt zu einer heillosen Eskalation. Ja mehr noch befeuert die Leugnung jeglicher Verantwortung, jeglicher Beteiligung an dieser Eskalationsleiter den IS. Hierin findet er eine seiner zentralen Legitimationsgrundlagen. Wie eine in die Ecke gedrängte Ratte beißt er blindlings um sich; ob Franzosen, Russen oder Amerikaner oder Muslime jeglicher Couleur befinden sich in seinem Fadenkreuz.

Lasst und genau hinhören! Die Statments aller Politiker agieren vollkommen blind und gefangen in Fragen fragwürdiger Prävention und zielloser militärischer Intervention. Niemand fragt nach wirksamen Interventionen, die eine Neuordnung der politischen Strukturen im Nahen Osten auch nur erkennen ließe. Die Interessenlage der beteiligten Akteure führt nach wie vor zu einer vollkommenen Neutralisierung der Anstrengungen. Der Terror wird in dem Maß befeuert, wie das Hase- und Igel-Spiel mit den Akteuren des IS die einzige Antwort bleibt. Der "Albtraum von Paris" (Reinald Becker im "Bericht aus Berlin am 15.11.15) wird zu einem Albtraum (auch) des Westens insgesamt, weil der Terror mittlerweile aus diesen Gesellschaften selbst herauswächst.

Lasst uns die seriösen Vorschläge von Uwe Jean Heuser bedenken. Sie halten sowohl Vernunftkriterien wie dem, was wir einen gesunden Menschenverstand nennen, stand. Lasst uns in Deutschland von eigenen Fehlern und den dramatischen Fehlern einer vollkommen misslungenen französischen Integrationspolitik lernen. Der Schlüssel liegt in der von Uwe Jean Heuser über Zugänge zur Bildung geforderten und zu gewährleistenden Integration.

Was verteidigen wir?

Peter Sloterdijk verdeutlicht im Zusammenhang mit der - für eine Übernahme ins Langzeitgedächtnis empfohlenen - obigen Formulierung zur Theorie Niklas Luhmanns, wie dünn das Eis einer gesellschaftlichen Übereinkunft ist, auf der Selbstverständnis und Wertorientierung westlicher Demokratien ruhen:

"Es dürfte kaum je eine Theorieform gegeben haben, die sich so explizit abhängig wusste vom schützenden Klima ihrer kulturellen Nische [...] - und kaum eine, die mehr zu fürchten gehabt hätte von dem, was man in anderen Zusammenhängen den Einbruch des Realen nennt, wobei man unter dem Realen stets auch die Wirkungen der vereinfachenden Gewalt nennen darf (a.a.O. 157)":

 "Es geht [...] um nichts geringeres als das allen Weltbescheibungen erster Ordnung inhärente Paranoia-Potential und die von ihm gebundene und entbundene Gewalt. Wo immer Menschen anfangen, ihre Weltbilder distanzlos zu bewohnen und und ihre Einteilungen des Seienden im ganzen als eine Arena realer Kämpfe zu erleben, dort sind sie der Versuchung ausgesetzt, für ihre Identitätskonstrukte bis zum bitteren Ende zu kämpfen und für ihre Fiktionen zu töten.

Warum heißt das Programm Selbstdesinteressierung?

Auch wenn wir in der Regel nicht der Versuchung ausgesetzt sind, für unsere Identitätskonstrukte zu töten, Distanzlosigkeit kennzeichnet in der Regel auch die Art und Weise, wie wir unsere Weltbilder bewohnen. Selbstdesinteressierung hingegen bezeichnet das Medikament, mit dem wir mit Niklas Luhmann die Hitze in der Beobachterhölle auf Zimmertemperatur regulieren können. Mit den Worten von Peter Sloterdijk empfiehlt sich dies "als Betriebsklima für posthumanistische Konvivialität". Alle Letztbegründungsansprüche, alle wahrheitsverbürgenden Alleinvertretungsansprüche spiegeln Distanzlosigkeit. Insofern wohnt allen Religionen - wie allen Ideologien - das von Sloterdijk benannte Paranoia-Potential inne, weil sie die alleinige Wahrheit für sich beanspruchen. Sloterdijk leitet aus der Luhmannschen Lektion die Selbstdesinteressierung (über Ironisierung) als "neues Zivilisationskriterium" ab. Wer die Freiheit der Rede und der Kunst in Frage stellt, stellt sich gegen die Errungenschaften einer freien, demokratischen Gesellschaft. Und das kann für uns alle nur bedeuten, unseren unverbrüchlichen Realitätsglauben als eine auswechselbare Größe zu begreifen. Wir wissen es doch - sowohl aus historisch leidvoller Erfahrung - wie in der Regel aus dem Scheitern in (persönlichen) Konflikten:

"Wo in unserer Zeit eindeutige Weltanschauungen und ihr inhärentes praktisches Gegenstück: die eindeutigen Beseitigungsphantasien, an die Macht gelangt sind, waren die Folgen desaströs, nicht zuletzt für die Praktikanten des naiven Glaubens ans eigene Konstrukt (a.a.O. 155)."

Erteilen wir allen "Beseitigungsphantasien", die aus menschenverachtenden Weltanschauungen (wie auch der des IS) resultieren, eine konsequente Absage. Der Schlüssel dazu liegt in einer umfassenden Bildung. Gebildet ist - nach Wolfgang Klafki - wer zu Selbstbestimmung, zu Mitbestimmung und zu einer Solidaritätfähigkeit gefunden hat, und der vor allem bereit und in der Lage ist diese Grundfähigkeiten in verantwortlicher Haltung und in Anerkennung seiner Mitmenschen wahrzunehmen.

 

 

 

 

 

 

   

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