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Der ewige Kreislauf von Werden und Vergehen – Erinnerungen an den Tod meines Vaters im März 1988

Der folgenden Erinnerungen sind dem Buch: "Ich sehe was, was du nicht siehst - Komm in den totgesagten Park und schau" (S. 157-172) entnommen. Die mit Fotos ausgestattete Version kann man sich durch obigen Link verfügbar machen. Der Tod und Sterben von Vater und Mutter - oder auch Geschwistern bzw. Großeltern markieren "Wendepunkte" im Sinne der Luhmannschen "Lebenslauftheorie". Die folgenden - ca. zwölf Jahre nach dem Tod meines Vaters aufgezeichneten - Erinnerungen verbürgen ein große Kontinuität meines Denkens und Fühlens:

Es gab lange Zeit ein kraftvolles Ritual, worin - bei aller frühen jugendbewegten und ablösungsnotwendigen Distanzierung von Traditionen - die Verbundenheit mit den Wurzeln der Heimat und der Gemeinschaft auflebte: Kirmesmontag führte die Familie und die Vereinsgemeinschaft im Festzelt des SC07 Bad Neuenahr zusammen. Das sind die Lebenssituationen, wo man im Sinne von Familienzugehörigkeit und im Sinne der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft die Zeit anhalten möchte oder zumindest als slow-motion intensivieren möchte. Die Verlangsamung der Bewegung und des Denkens wurde durch den Konsum alkoholischer Getränke begünstigt. Da kamen alle noch einmal zusammen, nicht als Trauergemeinde, nein alljährlich als moderate Sauf- und Festgemeinde. Und mein Vater, mein Bruder, meine Schwester, vor allen die Ulla, bildeten das Zentrum. Vater und Bruder - schon jeder auf seine Weise Institution und nicht wegzudenkende Keimzellen und Arbeitstiere in diesem alljährlichen Kraftakt des SC07. Und wir, alle anderen waren dabei; früher die Schulfreunde, später die Studienfreunde, die Freundinnen, noch später die Schwiegertöchter, deren Zugehörigkeit von meinem Vater regelmäßig in der Sektbar bekräftigt wurde - bis 1987.

1987 war mit der Kirmes die Wende eingeleitet und die letzte schwere Runde eingeläutet, so dass man, angesichts des Verlaufs dieser letzten sieben Monate, meinem Vater den von ihm immer gewünschten „schnellen Tod“ auch vergönnt hätte. Aber auch wenn diese sieben Monate einen Leidensweg bezeichnen, so war diese Zeit nicht ohne Hoffnung, bis zuletzt. Denn was sich an diesem Kirmesmontag 1987 zeigte, war zunächst nichts anderes als eine Gallenkolik, vielleicht schon eine Entzündung der Gallenblase.

Für mich war dieser Kirmesmontag 1987 aber auch in anderer Hinsicht noch bemerkenswert. Es war die erste Kirmes mit Laura. Laura war genau 2 Monate alt. An diesem Kirmesmontag, einem milden Herbstvormittag, habe ich mit ihr einen langen Spaziergang durch den von mir geliebten Kaiser-Wilhelm-Park bis hoch zum Dahliengarten gemacht. Es gab einen ersten kleinen Anflug von Routine, einen Rhythmus, der es erlaubte, einen Vormittag, einen Tag zu planen und zu gestalten. Diese letzte Kirmes stand also einerseits im Zeichen von Laura - und natürlich auch von Ann-Christin, die ein knappes Jahr älter ist als ihre Cousine Laura. Andererseits nahm dieser schöne Herbsttag eine bedrohliche Wende. Am Nachmittag waren wir bei Ulla und Ernst in Ahrweiler zum Kaffee eingeladen.

Traditionell ging der Frühschoppen über in einen ausgedehnten Kaffee zu Hause in der Kreuzstraße 113. Dort trudelten bis zum späten Nachmittag Verwandte und Freunde ein. Ein großes buntes Treffen; wie immer ein offenes Haus, das wegen seiner Gastlichkeit und Offenheit von vielen Menschen geschätzt wurde. Hier gibt es die schönsten Erinnerungen an den Aufbruch von der Kindheit in die Jugend - von der Schule ins Leben, Kirmesmontag immer ins Festzelt - vom Festzelt in die Kreuzstraße, wo jeder willkommen war.

An diesem Kirmesmontag 1987 war das zum ersten Mal anders. In Ahrweiler verschlimmerte sich das Befinden meines Vaters deutlich. Die Schmerzen nahmen zu, und wir entschlossen uns nach langer Beratung und den unausweichlichen Widerständen meines Vaters ins Krankenhaus zu fahren. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie lange der erste Aufenthalt meines Vaters im Bad Neuenahrer Maria-Hilf-Krankenhaus gedauert hat. Behandelt wurde jedenfalls eine Entzündung der Gallenblase. Es gibt im Verlauf dieses ersten Krankenhaus-Aufenthalts meines Vaters eine kleine Geschichte, an die ich mich erinnere: Der „Män“, ein etwa gleichaltriger Cousin meines Vaters (auf diesem Foto zwischen meiner Mutter und der Schwester meines Vaters, Tante Agnes) hatte eines Tages „Reibekuchen“ - in Koblenz sagt man dazu „Krebbelchen“ - mit ins Krankenhaus gebracht. Das sind flache, in Fett ausgebackene Kartoffelkuchen. Rohe Kartoffeln werden fein gerieben, mit Eiern, fein gewürfelten Zwiebeln vermischt, dann mit Salz, Pfeffer und Muskat gewürzt und in der Pfanne mit viel Fett oder Öl ausgebacken; eine absolute Lieblingsspeise meines Vaters. Er hat drei oder vier Stück davon prompt gegessen und damit in der Familie einen Eklat heraufbeschworen. Der „Män“ - der heute noch lebt - war seither „persona non grata“. Rückblickend würden natürlich alle miteinander - bei aller Unvernunft - sagen, gut, dass er sie sich hat schmecken lassen. Daran ist er nicht gestorben.

Wie dann im Weiteren die Verlegung in den Koblenzer Kemperhof zustande gekommen ist, kann ich nicht mehr nachvollziehen. Die Gallenblase sollte entfernt werden. Warum dies nicht in Bad Neuenahr, sondern im Kemperhof geschah, weiß ich nicht mehr. Uns bescherte das in Güls immerhin den fast vierwöchigen Besuch meiner Mutter. Wir wohnten damals „Im Pühlchen 1a“ - in einer großen, sich über das erste Obergeschoss und das Dachgeschoss erstreckenden Wohnung. Von unserem Dachbalkon aus konnte man auf die Mosel schauen und schräg gegenüber, moselabwärts bis zum alten Kemperhof. Eingeprägt hat sich mehrfach ein Bild, bei dem ich am Fenster stehend meine Mutter mit meinen Blicken begleite, während sie auf der anderen Moselseite in Richtung Kemperhof geht; ab und zu auch noch den Kinderwagen mit Laura vor sich herschiebend. Der Fußweg von uns zum Kemperhof beansprucht etwa eine halbe Stunde über die Gülser Eisenbahnbrücke und dann am Moselufer mit seinen hohen Bäumen entlang.

Im Kemperhof ist mein Vater im November 1987 operiert worden. Diese Operation gestaltete sich kompliziert, eher durch die Schwierigkeiten einer angemessenen Anästhesie. Durch die Hirnschläge und wohl auch eine massive Beeinträchtigung des Herz-Kreislauf-Systems barg die Operation unkalkulierbare Risiken. Ich arbeitete damals beim Caritas-Verband in der Sprachförderung und Betreuung von Aussiedlern und Asylbewerbern. Ich habe - wie immer in solch existenziell bedrohlichen Situationen - alte Ängste und Befürchtungen in mir verspürt, die mich schon früh begleitet haben in dem Wissen um nachhaltige gesundheitliche Belastungen und Gefährdungen meiner Eltern.

Die Operation und die erste Phase danach hat mein Vater so überstanden, dass Hoffnung auf nachhaltige Gesundung bestand. Wir haben sogar damit begonnen, Vorbereitungen für seinen 65. Geburtstag am 11.12.1987 zu treffen. Auch hier gibt es im Vorfeld eine kleine Episode, die mich lange belastet hat und die fehlende Souveränität „junger, alter“ Eltern zeigt: Die Entlassung aus dem Kemperhof war von mir so arrangiert, dass eine erste Station - vielleicht sogar mit einer Übernachtung - bei uns in Güls sein sollte. Es hat großen diplomatischen Geschicks bedurft, um meinem Vater deutlich zu machen, dass er zu Hause eine bessere Möglichkeit der Erholung und Betreuung habe. Der eigentliche Grund, mögliche Infektionsgefahren für unser Baby - Laura - kommt mir heute absurd vor. Die Sorge war übertrieben und hat lange Jahre in Ansätzen einer fortgesetzten Haltung der Überfürsorglichkeit und der Vorsicht eine fragwürdige Kontinuität erfahren. Ein kleiner Trost liegt in den wenigen Begegnungen, die mein Vater dennoch mit Laura noch gehabt hat.

Es ist sicherlich die richtige Stelle, um zu erzählen, dass die Beziehung meines Vaters zu Ann-Christin sehr viel intensiver gewesen ist. Ihren dramatischen Höhepunkt hatte sie in einer akuten Magen-Darm-Infektion Ann-Christins, bei der zum Schluss wohl Stunden über Leben und Tod entschieden haben müssen. Ann Christin war zu diesem Zeitpunkt wohl erst ein halbes bis dreiviertel Jahr alt. Kinderarzt und örtliches Krankenhaus waren mit der dramatischen, über extremen Flüssigkeitsverlust einsetzenden Lebensgefahr überfordert. Nur der entschlossenen Haltung Helgas und Willis, die nachts nach St. Augustin in die Kinderklinik gefahren sind und der dort erfolgenden Akutmaßnahmen ist die Rettung Ann-Christins zu verdanken. Für meinen Vater muss dies eine Grenzerfahrung gewesen sein, die sich in seiner tiefen Art der Zuneigung und der Faszination über dieses Enkelkind - der Michael war damals ja schon 25 Jahre alt - ausgedrückt hat.

Wie schwierig im Übrigen für relativ „alte Eltern“ die Eingewöhnung in die Welt mit Kind war, zeigt der im engen zeitlichen Kontext stehende 50. Geburtstag meines Schwagers Ernst. Am 3. Dezember feierte er seinen runden Geburtstag auf der Adenbach-Hütte in Ahrweiler. Mein Vater war zu diesem Zeitpunkt noch nicht soweit, als dass er daran mit Lust und Laune hätte teilnehmen können. Meine Eltern wohnten noch in meinem Elternhaus in der Kreuzstraße 113, während Willi und Helga mit Ann-Christin noch auf der anderen Ahrseite in einer großen städtischen Wohnung lebten, die in den Gebäudekomplex des städtischen Gartenschwimmbades integriert war. Sie hatten uns angeboten dort zu übernachten.

Rückblickend stellt sich unser (Claudias und mein) Verhalten als ein über die Maßen ängstliches Such- und Tastverhalten dar. Ein kleines Beispiel mag in der diplomatischen Zurückweisung liegen, mit der wir alle „Einmischung“, teils auch Formen von Nähe zurückwiesen. Den eigenen Weg auf unsicheren Füßen selbst suchen und finden. So geriet dieser Geburtstag zu einem einzigen Horrortrip, weil wir uns entschlossen hatten, Laura in Willis Wohnung am Schwimmbad unter Betreuung einer Bekannten für einige Stunden „allein“ zu lassen. In der Unsicherheit und in der Ängstlichkeit gab es kaum Unterschiede. So konnten wir uns natürlich auch nicht mit der entsprechenden Ruhe und Gelassenheit der Geburtstagsfete zuwenden. Und natürlich hat Laura die drei Stunden unserer Abwesenheit unentwegt geschrieen; aber immerhin hat sie‘s überlebt.

Eine deutliche Erinnerung habe ich allerdings noch daran, dass ich gegen 20 Uhr, nachdem das Büfett eröffnet war, mit leckeren Sachen von Ahrweiler aus nach Bad Neuenahr gefahren bin, um meinem Vater ein köstliches Abendessen zu bringen. Eine Zeit lang - vielleicht eine halbe Stunde - habe ich mit ihm zusammen gesessen, und es ist mir ein recht lebendiges Bild in Erinnerung geblieben: Unser Wohnzimmer in der Kreuzstraße war - wie wohl die meisten Wohnzimmer in den 70er und 80er Jahren – eigentlich ein „Fernsehzimmer“. Neben der obligatorischen Couch mit Wohnzimmertisch stand meines Vaters Fernsehsessel, einer Erfindung der 70er Jahre. Ein breiter, bequemer Sessel, den man dank eines stabilen Kippmechanismus in einen Liegesessel verwandeln konnte, ausgerichtet, nicht in kommunikationsförderlicher Weise, auf die anderen Sitzgelegenheiten hin, sondern daran vorbei auf den Fernseher, der in einer eigens dafür ausgesparten Fernsehnische im Wohnzimmerschrank stand.

Als ich kam, saß er dort, vermutlich bei einer seiner Lieblingssendungen (Der Fahnder, Stan und Olly...): „Wie isset?“ „Et jeit!“

Es ging - ich habe jetzt seitenlang belangloses Zeug zusammengeschrieben, nur um mich zu der Grundstimmung vorzuarbeiten, die mir mehr hoffend als zuversichtlich sagte: Geschafft! Die Tortur der letzten zwei Monate ist ausgestanden, eine Ende ist gefunden, ein Anfang gemacht. Die Ursache allen Übels - eine entzündete Gallenblase - ist entfernt. Und in dieser Entfernung von drohendem Übel zeigt sich die Perspektive der nächsten Jahre überdeutlich. Und in der Tat, es schmeckte meinem Vater wieder. Er hatte - und dies sollte sich in den nächsten drei bis vier Monaten noch deutlich stabilisieren - einige Kilogramm zugenommen, und er hatte seine rosa-rote, eher gesund als kränklich erscheinende Gesichtsfarbe, er hatte das alte schelmische Lachen zurückgewonnen, er neigte wieder mehr zu einer scherzhaften mit sanfter (Selbst)Ironie gepaarten Grundhaltung. Und vor allem: Er nahm Zug um Zug seine gewohnten Aktivitäten wieder auf. Morgens ausschlafen, Besorgungen machen (mit dem Auto) für die eigene Familie, für die Nachbarschaft, regelmäßiger Mittagstisch, nachmittags ein Spielchen. Nicht mehr Skat, dafür war die Frauenpräsenz zu erdrückend. Mama, Tante Annemie, Frau Jochemich, Frau Thieme, so gut wie keine Männer; also eher Rommé oder Kniffel. Die Männer kamen dann abends ins Spiel. Wer Mann bleiben will, muss unter Männer gehen.

Am Abend - und ich glaube es gab in den letzten Jahren in der Woche wenige Abende, an denen dies nicht der Fall war - war Theo die gute Seele im Vereinsheim des SC07 Bad Neuenahr. Ja meine Güte, wenn das nicht heißt: Jetzt, mit 65 über den Berg und dann auf der Hochebene noch mal 10 bis 15 geruhsame Jährchen, natürlich auch im Vereinsheim; das lag mal gerade 100 Meter von der Kreuzstraße. 113 entfernt auf der anderen Straßenseite. Dort trug er die Verantwortung für die gesamte abendliche Betreuung sowie für wichtige Angelegenheiten des Spielbetriebs. Da war über Jahre eine gewisse Unentbehrlichkeit: Einkauf, Thekenbetrieb sicherstellen (Würstchen und Brot, Getränke), den Spielbetrieb ermöglichen: Organisation des Waschens und Pflegens der Trikotagen, Instandhaltung = Aufpumpen und Fetten der Bälle; Verkauf, ja Thekenbetrieb! Und die sonntäglichen Aufgaben eines Platzwarts. In diese Arbeiten hat er mich Zug um Zug einbezogen. Viele Jahre haben wir gemeinsam den Spielbetrieb gewährleistet und damit eine angenehme Aufbesserung meines Taschengeldes sichergestellt.

Nach dem Training, nach dem Duschen trafen sich Spieler und Trainer zu einem Bier, einem Würstchen und zu „Plänerei“, zum Fachsimpeln. Vorher aber, während die Jungs noch trainierten, trafen sich im Vereins-heim, an dessen Wänden die Zeugnisse einer glorreichen Vergangenheit den passenden Rahmen abgaben, also dort - nicht im „buena vista-social-club“, sondern im „buena-vista-football-social-club“, dort trafen sich die alten Kämpen: immer, solange er lebte Witsche-Pitte (Namens-, Job-, Kampf-, Weggefährte meines Vaters in Beruf, Hobby und Spiel und Vater von Peter-Georg, der in Kinder- und Schulzeit mein Weg- und Kampfgefährte war), die Brüder von Witsch-Pitte, der Albert, der Hans, Elfgangs Pitte, Schwedens Heinz, Wirtze Jünter, sein Schwager, H.G. Hansen und wie sie alle hießen. Alle tranken ein Bier, zwei oder drei, viele aßen ein Würstchen, mein Vater immer. Die Würstchen waren excellent - und mein Vater machte Profit. Der Gewinn floss in die Vereinskasse. Ein elementares, urwüchsiges Phänomen der Gemeinschaftserfahrung. Der Fußballplatz und das Vereinsheim vor der Haustüre. Dort war ein Ort der Sozialisation, für meinen Vater ein zentraler Lebensmittelpunkt, ein Ort, an dem sich leben, trinken, essen, lachen, erzählen ließ, an dem die Höhen und Tiefen der Vereinsgeschichte durchlitten, gefeiert und bewältigt wurden.

Wundert es da, dass am 17. April 1988 der Anruf kam, von dem ich an anderer Stelle gesagt habe, dass er irgendwann kommt, und dass er kommen darf, am Tag und in der Nacht. Aber er kam gar nicht in der Nacht. Es geschah am helllichten Tag, kurz vor Abpfiff. Ab und zu habe ich es mir auch noch als verheirateter Mann und sogar noch als Vater herausgenommen, die erste oder zweite Mannschaft unseres Vereins anzuschauen. Aus diesen seltenen Erfahrungen weiß ich, wie schon früher an eigener Haut erlitten, die unsäglichen Reaktionen und die „Anteilnahme“ der Altvorderen einzuschätzen. Wenn die Jungs, die ja letztlich - als aktuelle erste oder zweite Mannschaft die Vereinsfarben vertreten, versagen, die hochgeschraubten Erwartungen enttäuschen, wenn klar wird, wie klaffend groß ihr Unvermögen gegen die eigene Klasse sich ausnimmt, ja dann war die Stunde der Adrenalinschübe, der fortgesetzten Hypertonie, der Zornesausbrüche, der stillen Enttäuschung und des Schmerzes über den Verlust der eigenen Jugend und der eigenen Unbesiegbarkeit. Meinem Vater trete ich mit der letzten Aussage uneingeschränkt zu nahe. Ihn, gerade ihn, habe ich Zeit meines und seines Lebens als über die Maßen fairen Sportsmann erlebt. Da nahm er als Jugendbetreuer auch keine Rücksicht auf meinen Lahnsteinschen Jähzorn. Konsequent stellte er mich als Gastschiri in Dernau während eines C-Jugendspiels vom Platz, als ich einen schwergewichtigen Gegenspieler, der es geschickt verstand, den Ball abzudecken, in den Allerwertesten trat, als mir der Geduldsfaden riss. Fortan war Fairness eine Lektion, die ich in beständiger Anschauung – und in demütiger Akzeptanz ab und zu auch heute noch aufwallenden Jähzorns - von meinem Vater gelernt habe. Das nachstehende Foto zeigt ihn übrigens mit seinen „Schwägern“, Onkel Günther (Wirtz- ganz links) und Onkel Fred (Boemann- ganz rechts) als Mitglieder der Meistermannschaft von 1948) – aber um die Fotos anzuschauen, müsst ihr euch die Originalversion (S. 157-172) herunterladen.

Es muss jedenfalls eine dieser schmerzlichen Niederlagen gewesen sein, die über die Jahre einen stolzen Verbandsliga-Verein Zug um Zug in die Mittelmäßigkeit eines Landes-, später eines Bezirksligisten geführt hatten - den Niedergang in die Kreis-(A)-Klasse hat er nicht mehr erleben müssen, wobei das im Übrigen an seiner Vasallentreue dem Verein gegenüber nicht ein Jota verändert hätte - und die vielleicht an diesem Sonntag, dem 17. April 1988 den Auftakt bedeutet hatte zum finalen Show-down. Der finale Niedergang mit Insolvenz und Vereinsauflösung „seines“ SC 07 Bad Neuenahr im Jahr 2014 hätte sicherlich identitätsgefährdend, wenn nicht –auflösend gewirkt. Aus dem Elysium heraus mag sich all dies (hoffentlich) etwas milder ausnehmen.

Der Anruf kam irgendwann nachmittags gegen 16.00 Uhr. Ich solle mich nicht aufregen, aber man habe Papa vorsorglich ins Krankenhaus gefahren. Es sei ihm während des Spiels der 1. Mannschaft „schlecht“ geworden. Er ist wohl noch nach Hause gekommen und dann aber selbst damit einverstanden gewesen, ärztlichen Rat hinzuzuziehen, auch am Sonntag. Aufrecht sitzend auf der Bahre, aber schon mit den Füßen voraus, ist er aus dem Haus getragen worden, Nachbarn noch zuwinkend mit dem Hinweis, die (die Ärzte) würden nur mal nachsehen, in ein paar Tagen sei er wieder da. Ich war schon eine Stunde später da, im Krankenhaus Maria Hilf, in Bad Neuenahr. Aber ich war schon zu spät, um mir selbst die hoffnungsvolle Botschaft von ihm abzuholen, er sei in ein paar Tagen wieder da. Mama, Willi, Ulla, Ernst, Gaby, die ihn begleitet hatten, konnten mir nur mitteilen, im Krankenhaus, noch während der ersten Untersuchung, sei ein zweiter Infarkt hinzugekommen. Er sei jetzt auf der Intensivstation, wo alles Erdenkliche getan werde, aber dort könnten wir jetzt nicht hin.

Gerade in einer solchen Situation lässt man sich von solchen Hinweisen allzu gern beschwichtigen. 1988 hatte die Intensivmedizin schon allerhand auf der Pfanne. Wenn vom Zeitpunkt des ersten Infarkts bis zur notärztlichen Versorgung und schließlich bis hin zur intensivmedizinischen Klaviatur mal gerade eine Stunde vergangen war, ja verdammt noch mal, dann müsste es doch mit dem Teufel zugehen, wenn man diesem kein Schnippchen schlagen würde.

Ja, verdammt noch Mal, es ging mit dem Teufel zu. Vom 17. bis zum 24. April dauerte das langsame, schnelle Sterben meines Vaters. Wir haben an diesem Sonntag in der Kreuzstraße zusammengesessen und dabei auch überlegt, wie wir gemeinsam uns vereinbaren und kümmern könnten. Ich bin nach Hause gefahren an diesem 17. April, habe mir montags Urlaub genommen und bin mittags nach Bad Neuenahr gefahren und habe meinen Vater erstmals nach seiner Einlieferung ins Krankenhaus gesehen. Er lag ruhig und „ohne Bewusstsein“, verstrippt mit verschiedenen Überwachungsgeräten und an Infusionen angeschlossen. Später erst habe ich erfahren, dass die Herz-Lungen-Funktion unterstützt wurde, und dass der Organismus aus eigener Kraft wohl schon da, an diesem Montag nicht mehr lebensfähig gewesen wäre. In der Ruhe und mit „gesunder“ Gesichtsfarbe - eigentlich so, wie ich ihn in den letzten Jahren immer gesehen habe, wenn er sich in seinen Grenzen wohlgefühlt hat - war mein persönlicher Eindruck eher von Zuversicht getragen, auch von Hoffnung und Vertrauen in ärztliche Kunst und Kompetenz. Skeptisch im Sinne von nüchtern und später auch Abgeklärtheit war am ehesten meine Schwester. Sie hatte auf dem Hintergrund ihrer Erfahrungen in der Altenpflege vielleicht den klarsten Blick. Wir, der enge Kreis, die wir wohl auch hier eher intuitiv geleitet, uns an diesem Montag entschlossen haben, dafür zu sorgen, dass immer jemand bei ihm sein sollte, waren wirklich der enge, innere Zirkel, der in solchen Grenzsituationen darüber entscheidet, wer was tut und wer was lässt: Mama, Ulla, Willi und ich, im weiteren Kreis - eher als Besucher - Gaby, meine Tanten Annemie (Schwägerin) und Agnes (Schwester meines Vaters), meine Schwägerin Helga, mein Schwager Ernst und mein Onkel Günther (Schwager meines Vaters, ob der einmal da war, vermag ich nicht mehr zu erinnern) und schließlich Claudia, die aufgrund der erst acht Monate alten Laura in Güls gebunden war.

Inwieweit sich Hoffnung, Fatalismus, Resignation, Aktionismus und stille Verzweiflung zu einer Haltung vermischten ist mir bis heute nicht ganz klar. Klar hingegen ist, dass diese Mischung für diese eine intensive Woche eine Grundausstattung bedeutete, die uns alle eingebunden hat in die Begleitung zum Tod hin. Was aus einer anderen Dynamik und einem anderen Verlauf resultiert wäre, vermag ich nicht zu sagen. Anfangs war auch kein Gedanke an das Ende. Dessen Unausweichlichkeit hat sich - zumindest für mich - erst nach Tagen herauskristallisiert. Die ersten Tage saßen wir häufiger noch gemeinsam an seinem Bett und ich erinnere mich, dass aus der Gleichförmigkeit der akustischen Signale der Überwachung und der Unterstützung sowie aus der eigentlich ebenso gleichförmigen, ruhigen Ausstrahlung seines Daliegens eher auch für mich Hoffnung auf Besserung und eine Wende seines Zustands resultierte. Ich hatte mittwochs oder donnerstags ein Gespräch mit einem der diensthabenden Ärzte. In diesem Gespräch wurde erstmals von einem Arzt in Aussicht gestellt, dass bei der Schwere des Infarkts eine Besserung seines Zustands und eine Rückkehr in die Familie nur bedeuten könne, als Schwerstpflegefall weiterleben zu müssen, im Rollstuhl, mit gravierenden Lähmungsfolgen, u.U. auch Hirnschäden und damit verbundenen Beeinträchtigungen.

Vielleicht begann damit für mich der bewusste Prozess, der Beginn des Abschiednehmens mit ständig schwindender Hoffnung. Viel deutlicher hat dies zu diesem Zeitpunkt meine Schwester gesehen. Und sie hat wohl auch nach Gesprächen mit den zuständigen Ärzten zum ersten Mal mit meiner Mutter gemeinsam erwogen, die lebensverlängernden Maßnahmen (Herz-Lungen-Maschine) in Frage zu stellen. Zu einigen Ärzten gab es von Willis und Helgas Seite aus auch private Kontakte. Der Tenor all dieser Gespräche lief auf ähnliche Prognosen hinaus. Diese eine Woche bereitete mich darauf vor, das Unabwendbare nicht mehr auszuschließen. In diesen Tagen hatte sich für mich ein Rhythmus herausgebildet, der mir intensiv Gelegenheit bot, mich mit dem Tod als Möglichkeit auseinanderzusetzen.

Bis auf die letzte Nacht, von Samstag auf Sonntag, bin ich immer „nach Hause“ - nach Güls - gefahren, habe dort einige Stunden verbracht, Besorgungen gemacht, mich mit Laura beschäftigt und bin dann - nach einem groben Plan und ad hoc-Entscheidungen zu meinen „Wachen“ gefahren. Gerade die Fahrten - frühmorgens oder in der Nacht gaben immer Gelegenheit ein wenig Abstand zu gewinnen, gleichermaßen aber auch im Allein-Sein die Vorstellung von einem Leben ohne meinen Vater in meinem Vorstellungshorizont zuzulassen; um auch darüber nachzudenken, was uns beiden „Nihilisten“ denn nach diesem Ende bliebe? Im Gegensatz zu meiner Mutter hat mein Vater nie erkennen lassen, dass es für ihn die Hoffnung auf ein Jenseits gebe, auf irgendetwas, was den Tod nicht als ein Nichts verstehe. Das war kein Thema für gemeinsame Gespräche, es war eher eine zutiefst skeptische, vielleicht indifferente Haltung zu allem, was das Diesseits in irgendeiner Weise überschritt. Aber auch solch einer Sichtweise gegenüber wirkt eine skeptische Haltung eher befreiend.

Seit den dreizehn Jahren, die seither vergangen sind, hat sich mein eigenes Denken Schritt für Schritt von der Hybris entfernt, die aus unserem Denken und Erkenntnisvermögen irgendwelche veritablen Positionen ableiten will, mit denen Klarheit in die Welt, in das Sein und das Nichts zu bringen wäre. Kleine Geschichten haben mich zutiefst irritiert und tiefe, mir wohltuende Skepsis erzeugt gegenüber allen „rational“ begründeten Positionen, die vorgeben mehr zu wissen, als dass wir wissen, dass wir nichts wissen.

In der Nacht vom 23. Auf den 24. April habe ich bis 4.00 Uhr in der Frühe am Bett meines Vaters gesessen. In mir war in dieser Nacht mehr Unruhe. Ich bin oft nah an das Bett zu ihm hingegangen. Augenscheinlich – nach Fülle und Farbe seiner Gesichtszüge - sah mein Vater „gut“ aus. Die Maschinen täuschten die Regelmäßigkeit des Atmens und des Herzschlags vor. Und dennoch war da etwas anderes. Entgegen meiner sonstigen Gewohnheit bin ich zum Abschied ganz nah zu ihm hingegangen und habe seinen Kopf in meine Arme genommen. Ich habe mit ihm gesprochen und habe zu ihm gesagt: „Papa, mach dir keine Sorgen, es wird alles gut.“ Tränen sind mir dabei über mein Gesicht gelaufen und meine Überzeugung ist bis heute, dass die Augen meines Vaters, die ge-schlossenen Augen feucht geworden sind, dass eine Form von Resonanz da war. Wir haben an diesem Morgen beide Abschied genommen. Ich bin nach Hause, nach Güls gefahren, und der Anruf, dass er gestorben war, kam im Laufe des Tages. Eine zunehmende Gewissheit, dass die medizinischen Möglichkeiten nicht mehr weiterhelfen, hatte auch Vorbereitungscharakter. Und dennoch: Die Nachricht wirkte wie ein Keulenschlag, und ich habe sie auch nicht „gefasst“ aufgenommen, sondern mit Bitterkeit und Fassungslosigkeit. Es war eine stille, verzweifelte Haltung, in der sich der Körper krümmt und die Tränen hemmungslos fließen. Ich habe vielleicht eine Stunde in meinem Arbeitszimmer verharrt, bevor sich in mir wieder Regung zeigte.

Die Handlungsimpulse sind mir bis heute unklar geblieben. Wie in einer Trance bin ich dann irgendwann an eines der Regale gegangen, in denen tausende von Büchern standen und habe eines „zielsicher“ genommen. „Zielsicher“ nicht in dem Sinne, dass ich irgendetwas gewusst, gesehen hätte, sozusagen absichtsvoll dieses und nur dieses Buch und kein anderes aus dem Regal genommen hätte. Nein, ich habe dieses und kein anderes Buch genommen, ohne damit eine klare und zielgerichtete Handlung zu vollziehen. Und dieses Buch fällt an einer Stelle auf, man kann sagen an einer „Soll-Auffall-Stelle“, wo ein getrocknetes Kastanienblatt seit fast 20 Jahren unberührt auf diesen Tag gewartet hatte. Das Blatt - dies war in meiner Erinnerung sofort präsent - hatte ich aus einer Kastanie gezogen, die ich selbst zum Keimen gebracht hatte. Das größte und ebenmäßigste Blatt habe ich damals getrocknet und gepresst und in dieses Buch eingelegt. In diesem „philosophisch-politischen Lesebuch“, das Schriften und Aufsätze von Karl Jaspers zusammenfasst, hatte ich fast zwanzig Jahr zuvor gelesen und mir einige Textstellen markiert:

„Wir sterben hin zu den geliebten Toten. Sie empfangen uns in ihrem Kreise. Nicht eine Leere des Nichts nimmt uns auf, sondern die Fülle des wahrhaft gelebten Lebens. Wir treten ein in einen von Liebe erfüllten, durch Wahrheit hellen Raum.“ Und dann:

„Die Gewissheit der Ewigkeit spricht Sokrates noch im letzten Augenblick seines Lebens aus. Auf Kritons Frage, wie sie ihn bestatten sollten, lächelte er und antwortete: Kriton will es mir nicht glauben, daß dieser Sokrates hier, der jetzt mit euch spricht, mein wahres Ich ist. Er glaubt vielmehr ich sei jener, den er in kurzem als Leichnam sehen wird. Daher die Frage, wie er mich bestatten soll. Aber, fährt er fort, wenn die Freunde seinen Leib verbrennen oder begraben sehen, sollen sie nicht die Fassung verlieren, als ob Sokrates etwas Schreckliches widerführe, und nicht sagen, dass es Sokrates sei, den sie hinaustragen oder beerdigen. Es ist nur sein Leib, den sie bestatten, so wie es ihnen lieb ist und es am meisten dem Brauch zu entsprechen scheint. Er selbst ist längst davongeeilt.“

Natürlich habe ich diesen Text aus dem Menon-Dialog (Phaidon) mit nach Neuenahr genommen. Und kein Text aus den Schatztruhen der Menschheitskulturen hätte mich und vielleicht auch die anderen besser vorbereiten können auf das, was zwar aus der Tradition christlicher Bestattungsriten eine gute und notwendige Form des Abschiednehmens darstellt, aber eher unter den Bedingungen, die das Sterben noch im familiären Kreis kennt. Von meiner Oma und von meinem Opa haben wir auf diese Weise Abschied genommen, zu Hause. Meine Mutter hat uns vorgeschlagen und uns Geschwister gebeten, mit ihr (und Liesel, ihrer Cousine aus Niederadenau) gemeinsam dies in der Leichenhalle des Friedhofs zu tun. Für mich und die anderen war klar, dass wir ihr diesen Wunsch nicht versagen würden. Ich erinnere mich, dass ein Beutel mit seinen Lieblingsbonbons als „Wegzehrung“ und auch noch ein Kettchen in den Sarg gelegt wurden, und ich bin erstaunt, dass auch bei uns „heidnische“ Riten lebendig waren.

Die Kraft und der Trost der zitierten Textstelle beziehen sich auf die Erschütterung, die ich beim Anblick der „sterblichen Hülle“ meines Vaters erfuhr. Ich wähle bewusst diesen Begriff der „sterblichen Hülle“, weil so sehr offenkundig wurde, wie sehr die lebenserhaltenden Maßnahmen über den eigentlichen Verfallsprozess doch hinweggetäuscht hatten. Und mehr denn je zweifle ich an der Sinnhaftigkeit und auch an der Legitimität manch unmenschlicher Akte der medizinischen „Fürsorge“. Nicht alles, was Menschen unter diesem Signum tun, ist auch human. Im Übrigen gilt dies aus meiner Sicht nicht für die medizinisch angemessene, aber eben nicht über Gebühr ausgedehnte Versorgung meines Vaters im Krankenhaus Maria Hilf in Bad Neuenahr.

   

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