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Demenztagebuch 10.9.2007-23.9.2007

Demenztagebuch vom 10.9.2007

Aktuelle Einlassung (2.1.2016): Seit dem 23.12.15 befindet sich Lisa, meine Schwiegermutter, nun zur sogenannen "Kurzzeitpflege" im Laubenhof. Wir teilen uns unsere Besuche ein und haben dabei die vorteilhafte Situation, dass sich der Laubenhof in unserem Wohnort, in Güls, befindet und fußläufig erreichbar ist. "Über die Tage" und "zwischen den Jahren" habe ich meine Besuche häufig mit langen Spaziergängen verbunden - hin zum Laubenhof oder auch von dort aus nach Hause. Lisa hat deutliche Fortschritte gemacht mit Blick auf eine Moblilisierung, aber auch die ersten sozialen Kontakte haben sich ergeben. Sie wird zu den Mahlzeiten jetzt manchmal in den gemeinsamen Speiseraum gefahren. Dort gibt es einen älteren Herren, in dessen Nähe sie gerne sitzt - hier ergeben sich erste Gesprächsanlässe und -möglichkeiten. Claudia hat ihre Mutter auch schon in eine gesellige Runde begleitet und siehe da: Lisa, die gerne und gut singt, hat schon den ersten Treffer mit einer Gesangseinlage gelandet, in die die Anwesenden dann einstimmten. Da sehe ich eine gute Möglichkeit, meiner Schwiegermutter auch wieder soziale Kontakte zu ermöglichen, die lange extrem reduziert waren - gemeinsames Singen verbindet! Gegenwärtig teilt sie sich ein Doppelzimmer mit einer 88jährigen - noch sehr mobilen, aber leicht verwirrten Dame; das erweist sich für alle Beteiligten als weniger erfreulich. Aber es geht. Für uns wächst der Entscheidungsdruck, wie es denn nach der "Kurzzeitpflege weitergehen soll? Mir fällt aus meinen Aufzeichnungen aus 2007 ein Artikel ins Auge, den ich seinerzeit in mein Tagebuch eingeklebt hatte. Ich fasse einige Eindrücke hier noch einmal zusammen. Sie gehören unmittelbar in diese aktuellen Einlassungen von heute, weil sie eben auch für uns die Frage erneut aufwerfen: Wie soll - wie kann es weitergehen?

"Wenn es nicht mehr geht" (ZEIT-Rezension - etwa August/September 2007)

Wohin mit den Eltern, die zum Pflegefall werden? Drei Bücher zu einem drängenden gesellschaftlichen Problem (von Ursula März)

"Jahrelang ging es - nein, nicht gut, aber es ging eben". Die typische Situation alter Eltern, über 80 Jahre alt, von denen Ursual März glaubt feststellen zu müssen, dass sie - wie Millionen alter Menschen in Deutschland - in einer "fragilen Konstruktion des schieren Überlebens, hart am Rand der Katastrophe existieren".

Die erwachsenen Kinder, Menschen jenseits der Lebensmitte, fragen sich und die Alten - so Ursula März: "Geht es noch?" Im konkreten, geschilderten Fall, stirbt die Mutter, und das dünne Eis unter der Existenz des Vaters, der schon einige Zeit Pflegefall ist, bricht ein:

"Nun liegt er im oberen Stockwerk des Hauses und wartet, dass jemand kommt und ihm sagt, wie es mit ihm weitergeht. Unten im Erdgeschoss, sitzen sein Sohn und seine Tochter und beratschlagen. Soll der Vater in ein Heim? Aber wo findet sich so schnell ein geeignetes? Soll er zu Hause gepflegt werden. Aber von wem? Sollen Sohn oder Tochter etwa zu ihm ziehen, ihr ganzes Leben aufgeben, um zur Pflegekraft zu werden. Und wenn, wer von beiden? Wer ist dem Vater geografisch und emotional näher? Oder ihn zu sich nehmen? Das Gefüge der eigenen Familie riskieren? Und wenn der Vater gar nicht weg will, wenn er sich weigert, sein Haus zu verlassen? Millionen über 50-jähriger kennen dieses Karussell, das sich um eine einzige Frage dreht: Wohin mit Vater? Sie klingt, hört man genau hin, brutal. Sie klingt nach Entsorgung. Denn sie bezieht sich auf nichts anderes als den Aufenthaltsort, das gnädige Plätzchen, an dem der gebrechliche Alte seine letzte Etappe verbringen kann."

Viele drängende Fragen, die sich diejenigen beantworten müssen, für deren Eltern Situationen entstehen, die unmittelbare Antworten erfordern. Ursula März lobt das Buch: "Wohin mit Vater" (Anonymus) wegen seiner Schonungslosigkeit und dem Verzicht auf Sentimentalität. Gleichzeitig meint sie aber auch darauf hinweisen zu müssen, dass dieses Buch seine exemplarische Bedeutung gerade in der Schilderung der tiefen Einsamkeit von Menschen gewinne, die zu Eltern ihrer Eltern würden und in dieser Verantwortung von einer desinteressierten Gesellschaft im Stich gelassen würden.

Was hat sich da wohl inzwischen - heute schreiben wir den 2.1.2016 - (für uns) geändert?

  1. Wir haben ein Heim (in unserem Wohnort!) gefunden - zumindest für die Kurzzeitpflege?          
  2. Wir sind eine starke, intakte Familie, die zwischen der Option "Heimunterbringung" oder Reintegration entscheiden muss. Und die Schwiegermutter soll dazu klar ihre Optionen und Präferenzen äußern (siehe oben: Chancen)
  3. Wir müssen die Kostenseite prüfen und erleben dabei ähnliche Unsicherheiten erneut. Immerhin wendet Lisa, meine Schwiegermutter für PKV, private Pflegeversicherung und Unfallversicherung mtl. fast 900 Euro auf. In den letzten Jahrzehnten hat sie ihre KV nur für "Kleinigkeiten" (Grippeschutz etc.) in Anspruch genommen. Allein in den letzten 10 Jahren resulitiert daraus für den Versicherer ein angenehm positives Saldo von nahezu € 100.000. Was kommt nun davon aus der Solidargemeinschaft zurück? Sie hat (gottlob) noch keine Pflegestufe! Aber sie hat unterdessen erheblichen Pflegebedarf. Gegenwärtig in Krankenhaus und Kurzzeitpflege tragen das KV und Unfallversicherung. Danach müssen wir sehen.
  4. Die spannendste Frage bleibt die nach Heimlösung oder häuslicher Reintegration. In ihrer alten Wohnung wird's nicht gehen. Wenn zu Hause, dann bei uns - mit überschaubaren Umbaumaßnahmen. Das kann gleichzeitig Chance und Bedrohung sein - in jedem Fall eine völlige Umstellung unserer häuslichen Situation.
  5. Claudia, meine Frau und Lisas Tochter, ist seit dem Schuljahr 20014/15 ohne Bezüge beurlaubt zur Betreuung ihrer Mutter. Daraus könnte nun eine intensive Pflegesituation erwachsen.
  6. Ich selber gelte unterdessen als Kauz, bin ein Familienmensch und habe mir das Rüstzeug für eine häusliche Lösung in der jahrelangen Pflege meines Schwiegervaters geholt. Mit Hilfe eines Pflegedienstes, einer Pflegehilfe im Haus sollte das gelingen.
  7. Schließlich darf man im Alter von 92 auch einmal ans Sterben denken. Nach dem Trauma, das mit der Sterbebegleitung meiner Mutter im Krankenhaus verbunden ist, würde ich Lisa - ebenso wie ihrem Mann Leo - wünschen, dass sie zu Hause sterben darf!
     

 

Dementagebuch 11.9.2007

"Man darf das Schiff nicht an einen einzigen Anker und das Leben nicht an eine einzige Hoffnung binden (Epiktet 50-138)."

Wir erleben einen unerquicklichen Herbst - keinen "Altweiber-Sommer" - vielleicht stellt sich dieser gegen das WE ein. Wir planen eine Wanderung an der Ahr (Rotweinwanderweg). Heute gedenkt die westliche Welt der Ereignisse von vor sechs Jahren. Wir altern mit und "managen" die Informationsflut in einer Gesellschaft, die schwieriger und komplexer erscheint denn je. Und in alledem die "kleinen", persönlichen, individuellen Dramen: Herbert, der sich vor sechs Wochen einen komplizierten Wadenbeinbruch zugezogen hat, sich einer Operation unterziehen musste und seit seiner Entlassung aus dem Krankenhaus bei Uschi, seiner Lebensgefährtin in Fachbach lebt, findet sich in einer prekären, vielleicht dramatischen Situation wieder. Uschi - dies haben Untersuchungen im Kemperhof nunmehr ergeben - leidet an einer Niereninsuffizienz. Im schlimmsten Fall könnte dies regelmäßige Dialyse zur Folge haben.

 

Dementagebuch 16.9.2007

Aus dem "unerquicklichen" Herbst ist übers WE ein prächtiger Altweibersommer geworden. Ich spüre in mir die typischen psychischen und körperlichen, alljährlich wiederkehrenden Anwandlungen einer "Herbstdepression". Von der Bank - hoch Über'm Rath -, die prall in der Sonne liegt, habe ich mich mit Biene auf "Schwaabs Stillen Winkel" gerettet. Das "Gloriettchen" schützt mit seinem sechseckigen Dach vor der unmittelbaren Konfrontation mit einer Sonne, die sich ziemlich brutral zeigt, wenn sie einen ungeschützt erwischt. Dieses "Gloriettchen" ist ein ungewöhnlicher Ort - abgeschnitten von der unvermeidbaren Penetranz "öffentlicher" Orte, abgeschottet von den öffentlich zugänglichen Spazierwegen und privat von den Familien Schwaab nicht (mehr) genutzt, hoch über der Mosel, dem Fluss, der Leben und Landschaft prägt, mitten bzw am Rande der letzten Weinberge. Es ist definitiv die letzte und damit nordöstlichste Lage an der Mosel, mit Blick auf Koblenz und die Festung Ehrenbreitstein und die Karthause - verrückt!

Was war das doch ein intensives, erlebnisreiches WE: Freitagnachmittag Fahrt mit Michael nach Dortmund (BVB - Werder Bremen: 3:0), bis 2.30 Uhr in der Frühe noch reden, ein paar Stunden schlafen, ab 10.30 Uhr Wanderung von Altenahr nach Dernau mit Rudi, Frank, Claudia, Gaby, Gisela + Henry - Einkehr in Dernau (Weingut Kreuzberg), Abendessen in Bad Neuenahr, zuvor noch Gratulation Ann-Christins (mein Patenkind) zum 21sten Geburtstag - und überall Familiendynamik pur. Ich sitze hier - auf besagtem Gloriettchen - und es ist schon 11.45 Uhr. Es wird Zeit nach Hause zu gehen, Leo und Lisa zum Mittagessen holen (mal sehen, wie lange dies nhoch so geht???). Dann vielleicht noch ein bisschen Schängel-Markt in Koblenz (am Nachmittag). Frank ist bereits freitags gekommen, hat Claudia zum Abendessen in der Stadt getroffen, die beiden haben dann - ähnlich, wie Michael und ich, noch zwei bis drei Fläschchen Wein vernichtet. Dafür haben sich beide gestern beachtlich geschlagen.

 

Dementagebuch 17.9.2007

Bin mal wieder hier oben auf dem Friedhof in Bad Neuenahr, nach Schul- und Friseurbesuch: 1994, 2003, 2004 - das sind die Jahreszahlen des Ablebens derer, die als letzte Grabsteinspuren hinterlassen haben. Ist da jetzt ein wenig Ruhe eingekehrt? Ich weiß nicht, was ich euch erzählen soll. Es ist verrückt! Ich muss mich nicht bewegen, um die Gräber von Papa, Willi, Mama, Tante Annemie und Onkel Fred in den Blick zu nehmen - alle im Umkreis von 20 Metern, wobei Papas Grab im nächsten Jahr aufgelassen wird; dann sind 20 Jahre um. Was den Friedhof angeht, ist wohl noch eine wirkliche Kontinuität auszumachen - obwohl ich selbst meine letzte Ruhe hier nicht finden werde. Es gibt (auch) keinen (letzten) Weg zurück von der Mosel an die Ahr!

Die Eintragung vom 20.9.07 sei hier gewissermaßen am Rande vermerkt: Doch noch eine Eintragung. Das WE naht. Erstmals seit langer Zeit begibt Claudia sich auf eine Fortbildung - von Freitag bis Sonntag. Erstmals seit längerer Zeit ist dies ganz sicher auch en WE ohne Frank. Frank hat Claudia mit dazu verholfen, wieder mehr eigene Schritte zu machen - vermutlich ist es auch diesen Einflüssen zu danken, dass Claudia sich nunmehr auch traut, immerhin an der Nahe drei Tage zu verbringen mit Menschen, die sie allemsamt nicht kernnt. Ich freue mich darüber - und ich freue mich auf eine "Eulenwochendende". Am Samstag spielt Köln in Koblenz!

[Einlassung: "Wie man sich täuschen kann! 2011, im Rahmen der Bearbeitung der Steuererklärungen auch für 2007, stellt sich heraus, dass Frank auch Teilnehmer war an diesem Zeichenkurs - er hat sich im übrigen auch schriftlich bei Claudia für diesen Zeichenkurs bedankt. Claudia hatte eine ursprünglich für Laura vorgenommene Buchung für Frank umgewidmet und auch buchungstechnisch abgewickelt." Anmerkung 3.1.16: Da wird sich natürlich jeder unbefangene Leser fragen, was soll diese Einlassung im Dementagebuch - es ist gegen das eigene Vergessen und es ist für das Verständnis dessen, was Menschen zu Menschen macht, was sie stärkt und was sie schwächt. Im Fortgang des Demenztagebuches wird man dies - so glaube ich ganz sicher - erkennen können.]

 

Aktuelle Einlassung (7.1.2016 - Ausschnitt aus "Lass uns miteinander reden"):

Adrian:  Hallo - ist da jemand? Ihr erinnert euch; jeder neue Abschnitt beginnt mit Adrians Weckruf.

Josef:     Ja klar, inzwischen schreiben wir das Jahr 2016, genau gesagt, den 7.1. und ich bin schon an meinem Arbeitsplatz, weil zwei Idioten glauben den allsemesterlichen Prüfungsmarathon entzerren zu müssen.

Adrian:   Und sonst? Was macht deine Schwiegermutter?

Josef:     Der müssen wir eine Frage beantworten - eine Frage, die sich jeder beantworten muss, der einmal Kind war und der in sich selbst die lebenslange TATSACHE verkörpert, dass seine Mutter ihn geboren hat, dass seine Eltern für ihn gesorgt haben, dass er möglicherweise ein Leben führt, dass (auch materiell) zu Teilen im Erbe seiner Eltern begründet ist - er wohnt im elterlichen Haus, er kommt in den Genuss elterlicher Vorsorge (wir repräsentieren ja die Erbengeneration schlechthin). Sei's drum - und nun gibt es im hohen Alter noch Überlebende. Die Alternativen bei Lisa: Sie bleibt im Laubenhof (Seniorenstift); wir organisieren betreutes Wohnen mit allem drum und dran in ihrer Wohnung; sie kommt zu uns - mit bescheidenen Vorkehrungen hätte sie einen Platz in ihrer Familie.

Adrian:    Was will sie selbst?

Josef:    Auffällig ist, dass sie sich für unsere Fürsorge - gegenwärtig ist es ja so, dass sie täglich mehrfach Besuch hat (Claudia ist jeden Tag da, ihre Enkeltöchter sind immer wieder da und ich auch) - immer wieder bedankt. Sie ist überaus präsent in der Wahrnehmung ihrer Situation. Du brauchst ihr Zimmer nur zu betreten, und augenblicklich bist du als Tochter, Enkeltochter oder Schwiegersohn in ihrer Welt. Im Grunde genommen akzeptiert sie unsere Entscheidungen. Bei einer Dauerlösung im Laubenhof ist dies allerdings noch nicht wirklich absehbar.

Adrian:  Du hast berichtet, dass deine Schwester euch ermuntert hat, die Heimlösung anzustreben und gleichzeitig davor warnt, eine Lösung zu Hause zu erwägen.

Josef:    Ja, Ulla hat immerhin 20 Jahre Erfahrung in der Altenpflege und sie hat über fast ein Jahr ihren letzten Mann in einem langen Prozess des Sterbens begleitet. Mir geht es aber vorwiegend um die Argumente: Haben wir im generativen Zusammenhang - Zusammenhalt - das Recht, den Anspruch auf ein eigenes Leben höher zu bewerten als die Fürsorge für die Alten? Bei meiner Schwiegermutter kommt ja noch hinzu, dass sie sich über Jahre um Laura und Anne gekümmert hat. Und nun  soll der große Egoismus sich durchsetzen?  Ich hab noch so viel vor! Wir stehen vor der Pensonierung und sollen uns nun um die (Schwieger-)Mutter kümmern?

Adrian:  Das ist moralischer Rigorismus und eine Herabsetzung der Heimlösung, die ja nichts zu tun hat mit Verantwortungslosigkeit von vorne herein!

Josef:    Es ist lediglich ein Aufweis der Entscheidungssituation. Ich schließe den Laubenhof nicht von vorne herein aus. Aber da müssen die Bedingungen stimmen, und bei einer 92jährigen, die im Vollbesitz ihrer Entscheidungsfähigkeit ist, kann man dies nicht einfach ingnorieren. Wir Älteren alle, die wir möglicherweise auch ein hohes Alter vor Augen haben, werden zutiefst damit konfrontiert, wie wir selbst Einfluss nehmen auf die Gestaltung des Alters - bis hin zu Fragen: Wie und wo wollen/können wir wohnen, und wer kümmert sich um uns. Vielleicht sind wir etwas klüger und vorausschauender im Treffen entsprechender Vorkehrungen. Glauben mag ich daran im Übrigen nicht wirklich. Gegenwärtig wird unser eigener Weg ins Alter eher von Kleinmütigkeit und offenkundiger Dummheit begleitet. Aber das ist ein anders Thema.

 

Demenztagebuch vom 23.9.2007

Die folgenden Eintragungen offenbaren mehr und mehr die Fragwürdigkeit, ja geradezu die Aussichtslosigkeit ein reines Demenztagebuch bedienen zu können. Die wechselwirksamen Einflüsse, die intenisive Pflege, ein lustvolles Leben, sich andeutende Krisen, schließlich einsetzende Turbulenzen verstehbar und lebbar erscheinen lassen, erfordert ein umsichtiges Agieren und Dokumentieren der zur Verfügung stehenden Erinnerungen. In der Auswahl sollen sie hilfreich sein und nicht totale Transparenz suggerieren. Allerdings ist mir klar, dass es in weiteren Anläufen zu einer (noch) intensiveren Aufarbeitung meiner Aufzeichungen kommen wird. So folgt nun zunächst eine Eintragung, die zeigt, wie sehr das Leben auch nach Ausdruck schreit. Diese Schreie sollen nicht im Off verhallen, sondern - wie wir lesen - erinnerungsfähig bleiben:

Die Mohnfrau - Liebesgedichte (und andere Spinnereien)

Zumindest der Titel steht - ein Sammelsurium an Gedichten in einer Lebensphase, in der die Differenzen voll und bitter schmecken - auch bittersüß, auch für Augenblicke zuckersüß, aber eben dem Empfinden und Ausloten nach Differenzen geschuldet, die in der Regel ungelöst und auch zutiefst widersprüchlich bleiben. Letzte Liebe in einem Fluidum, das sicherlich bestimmt wird eben durch die letzte Liebe, die tiefste Liebe, die sich über ein ganzes Leben in all ihren Färbungen und Schattierungen entpuppt, die errungen, verloren, strapaziert und wiederentdeckt und erweckt worden ist; ein Seelenschmalz, das schützt und schmerzt, ein diamantener Kern aus dem Presswerk postmoderner Beziehungsdynamik und -statik, kostbar wie eine vollkommene Perle, die aber nur eine Facette im Lichter-und Farbenspiel der Perlenwelt darstellt; eigentlich nicht wirklich in Frage zu stellen, weil wir damit alles verlören, was unsere Eigenart im Spiegel eines anderen ausmacht! Nicht: "Das wo ich gehe nur DU, wo ich stehe nur DU, wo ich sehe nur DU, wo ich scheitere nur DU..." Nein - wir meinen das Wechselspiel des Sehens und Gesehenwerdens von den Facetten des wertschätzenden wechselseitigen Anerkennens bis zur Totalität des Begehrens und des Begehrtwerden-Wollens.

Und letzteres stürzt uns, wenn wir es denn zulassen, in die tiefsten Turbulenzen und Irritationen, die unsere Denk- und Fühlwelt zu empfinden und auszuhalten vermag. Die Möglichkeitswelten unseres Denkens und Fühlens brechen sich an den vernunftgehärteten Klippen eines eintarierten, an Routinen, Gewohnheiten und Idealbildern orientierten "Realitätsprinzips". Aber genau dies gebiert jene Phantasie- und Wunschwelt, an der sich mit Raffinement und begehrlicher Lebens(sehn)sucht jene Funken entzünden lassen, die David Schnarch und viele andere als Teil des Lebenselexiers beschreiben, das uns blühen, schweben und leben lässt. Die Mohnfrau und über allem: Old Love

 

 

 

 

   

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