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Demenztagebuch vom 8.6. - 22.6.2007

Demenztagebuch 8.6.2007:

Nun aber ernsthaft. Was treibt uns um, und was bedingt unseren Alltag? Unterdessen hat sich seit sechs Wochen ein Zustand etabliert, bei dem die abendliche Versorgung, das heißt die Vorberereitung und Einleitung der Bettruhe Leos mir obliegt. In den letzten sechs Wochen habe ich mich nur an fünf Abenden von Kathrin vertreten lassen. Eigentlich war das so nicht gedacht. Ergeben hat sich dies alles durch den jämmerlichen und besorgniserregenden Zustand Leos.

Demenztagebuch 9.6.2007 (14.55 Uhr):

Ich sitze mit Leo auf dem Balkon. Kathrin - unsere Hilfe - ist ins Wochenende gegangen. Lisa pflückt Himbeeren. Es ist Samstag, ein schwüler, gewitterträchtiger Frühsommersamstag. Biene hat sich verkrochen, denn das Grummeln in der Ferne wird immer vernehmlicher. Hunde verfügen offensichtlich über einen besonders empfindlichen Sinnesapparat; und Biene ist ja ein ausgeprägter Angsttyp. Sie reagiert auf Gewitter mit Stress. Ich habe mit meinem Photohandy eben eine fast fünfminütige Videosequenz gedreht. In gewissen Abständen versuche ich zu dokumentieren, wie sich Leos Zustand entwickelt bzw. verändert. In der Regel beziehe ich mich dabei auf markante Erzählungen aus seiner Studienzeit in Konstanz, so auf die Geschichte, in der Leo - seit ich ihn kenne - "Mimi" lebendig werden lässt: Mimi war Leos Zimmerwirtin in der Katzgasse, unweit der Rheinbrücke. Die Geschichte erzählt, wie Leo nach einer durchzechten Nacht ins Visier der Polizei gerät. Stark betrunken stand Leo schwankend auf der Rheinbrücke und rief immer wieder: "Mimi, komm und hol mich heim!" Das hatte die Polizisten aufmerksam werden lassen. Mimi hatte Leos Hilferufe unterdessen vernommen und eilte - Leos Schilderungen zufolge - mit wehendem Morgenrock herbei und löste ihn aus. Es ist deutlich, wie die Erinnerung sich mit Hilfe meiner Erzählungen einstellt, sich Leos Miene aufhellt und ein Leuchten in seine Augen kommt - auch wenn er nicht mehr in der Lage ist, die Geschichte selbst zu erzählen.

Demenztagebuch 10.6.2007:

Mit Van Morrison in einen angenehmen, grau-verhangenen Sonntagmorgen. "Magic Time" - das Sonntagsfrühstück ist traditionell ein gemeinsames, ausgedehntes. Wir erzählen, reden über Gott und die Welt und was sie von uns hält. "Wenn die alten Eltern sterben" - Erfahrungen mit Pflege, Fürsorge, Tod und Sterben, mit Liebe, Hass und Indifferenz, bei uns immer mit unmittelbaren, realen Bezügen. Und wie bei aller Kommunikation vollzieht sich parallel individuell jeweils der gedandliche Kosmos - parallel, kontrovers, dynamisch. Ich erzähle ein wenig über den gestrigen Abend (auf dem Heyerberg) - was ich unter anderem mitgenommen habe. Eine kleine Geschichte am Rande, weil wir - Leo, Lisa und ich seit Wochen abends jetzt gemeinsam bis zu einer Stunde Fernsehen. Gestern Abend irgendein Krimi mit "Stubbe" in der Hauptrolle. In einer kleinen subtilen Nebenhandlung läuft der Film auf eine Szene hinaus, die den eben erwähnten Gedanken- und Erinnerungskosmen die Dämme öffnet: Stubbe verliebt sich in eine nicht mehr ganz junge Russin. Wir nennen sie Sonja. Sie ist als Zeugin in einen Mordfall verstrickt; "verstrickt" deshalb, weil sie den Mörder um (schlappe) 10000 Euro erpresst. Im Zuge des Show-Downs auf dem Bahnhof dirigiert sie den Mörder so, dass eer das Geld in einem Papierkorb ablegt und anschließend mit einer abfahrenden U-Bahn das Feld räumen muss. Aber (!) die Komplizin des Mörders hat alles beobachtet. So erreicht eben dieser Mörder noch den nach St. Petersburg abfahrenden Zug - nicht allerdings ohne Stubbe, dessen Ermittlungen ihn zwischenzeitlich genau an den Ort des Show-Downs geführt haben. Kurzum: Stubbe verhindert den Mord und er und Sonja sthen auf einem einsamen Bahnhof. Der Mörder wird abgeführt. Stubbe nimmt das erpresste Geld an sich. Der nächste Zug geht erst am anderen Morgen. Stubbe bleibt. Man sieht ein Lagerfeuer, beide essen Stockkartoffel, schlafen (neben-)einander. Morgens - Stubbe schläft noch - steht Sonja auf, steckt Stubbe eine CD in die Jacke (Sonja hatte sich in Hamburg als virtuose Akkordeonspielerin durchgeschlagen) und geht über die Gleise dem Bahnhof zu. Stubbe seinerseits beobachtet dies und nähert sich seinerseits dem Bahnhof. Dort beobachtet er als unbeobachteter Beobachter die Abfahrt und entdeckt die CD in seiner Jackentasche - ein wehmütiges, warmes Lächeln erfüllt seine Züge. Sonja ordnet ihre Sachen während der Zug sich in Bewegung setzt. Sie öffnet ihre Handtasche und findet das Couvert mit dem Geld. Die Wehmut und das Erstaunen decken sich mit Stubbes Abschiedswehmut. In der Abblende kreuzen sich Zug und Stubbes Dienstwagen im Überblenden. Naja, schlecht geschildert, aber gut in Szene gesetzt: I'm feel lonely and blue!

Demenztagebuch 19.6.2007:

Der Auftakt - es nähert sich der 21.6. - seit 1994 das traurige Fanal der Zeitenwende - Sommersonnenwende - Mitsommernacht, der längste Tag, die kürzeste Nacht. Es gibt so Vieles zu erzählen aus den vergangenen Tagen - das meiste schon vergessen. Was bleibt - ein paar Splitter:

  • Anne geht in die Welt. Sie war über Fronleichnam vier Tage auf dem Evangelischen Kirchentag in Köln. Es hat ihr offensichtlich gut gefallen und gut getan (Markt der Möglichkeiten, Diskussion mit Desmond Tuto und das Gruppengefühl - Nadine war auch mit dabei.
  • Wir wandern - immer wieder. Dieses Mal in der Standardformation: Rudi, Claudia, Biene und ich.
  • Zum wiederholten Mal komme ich dazu, als Leo Fotos zerreißt. Vor Monaten hat er damit begonnen. Lisa schimpft dann mit Leo - habe ich in sanfter Form auch schon getan. Dieses mal habe ich ihn ermuntert und gemeint, es seien ja seine Fotos, und es sei sein gutes Recht diese auch zu zerreißen. Das ließ ihn aufhorchen - offensichtlich hatte er einen lichten Augenblick und er zeigte sich zugänglich: Zum ersten mal gab er eine Antwort auf die Frage, warum er das den tue: Sinngemäß meinte er wohl: "Das ist vorbei - zuviel Jugend", damit wolle er nichts mehr zu tun haben. Also ein Motiv eben nicht in Erinnerungen zu schwelgen, sonder sie hinter sich zu lassen; das Vergangene nicht zu beleben, sondern damit endgültig abzuschließen: Vorbei ist vorbei! Die Demenz selbst erscheint hier wieder einmal als so überaus plausible Form/Haltung, sich der Vergangenheit, der Erinnerung und ihrer möglichen gegenwartsbezogenen Brisanz zu entziehen! Schmerzhaft sind da auch die Erfahrungen Annes, die eines Tages bei ihm war, erzählte und sich kümmerte und sich dann auf einmal mit der Frage konfrontiert sah: "Wer bist du denn eigentlich?" Anne holte daraufhin Kinderbilder und erklärte ihm, sie sei doch die Anne, seine Enkelin. Daraufhin fing Leo an zu weinen, weil er offensichtlich ein Bewusstsein seiner Demenz entwickelte.
  • Frank war vergangenes Wochenende bei uns. Er hat seinen Aufenthalt in Dubai abgebrochen, weil am vergangenen Mittwoch sein (jüngerer) Bruder gestorben ist. Seine Eltern sind alt und ansatzweise auch schon dement. Er konnte/wollte nicht in Feldkirchen - bei seinen Eltern - übernachten, weil er sich dort unwohl fühlt. Er hat uns gedankt für Gastfreundschaft und schildert in seiner Dankesmail all die Bedrängnisse - die Beerdigung des Bruders, die Situation der Eltern und sein bevorstehender Auszug (das heißt die räumliche Trennung innerhalb des Wohnortes), die beruflichen Anforderungen etc. Meine Rückmail füge ich hier im O-Ton an, weil sie in erster Linie ein später Reflex auf eigene Erfahrungen sind, von denen ich aber annehme, dass sie Frank in seiner derzeitigen Situation hilfreich sein könnten:

"Lieber Frank, 'Zusammenbleiben wäre eine prima Alternative' - irgendein paartherapeutischer Titel, an den ich mich erinnere. In dem, was du gegenwärtig versuchst und auch faktisch an neuen Tatsachen schaffst, liegt die einzige Chance, mittelfristig nicht nur wieder ins Gespräch zu kommen mit deiner Frau, sondern auch sehen zu können, ob es noch einen gemeinsamen Weg gibt. Ich sage das, weil es meiner Erfahrung entspricht - meiner ganz persönlichen, denn aus all den klugen paartherapeutischen Erfahrungsschätzen kann mein leider keine Algorhitmen ableiten und einen Fahrplan erstellen, der sozusagen 'planmäßig' zu einem definierten Zielort führt. Mit jeder Bewegung weg aus dem Gewohnten und der gegenwärtig offensichtlich nicht lebbaren Paarbeziehung, wirst du - und es scheint so, dass auch deine Frau ein Interesse daran hat - sehen können, ob es einen Weig in eine neue Beziehungswelt geben kann. Du hast dabei den entscheidenden Vorteil, dich jetzt schon therapeutischer Hilfe zu bedienen. Der fremde, 'uninteressierte' Blick ist Gold wert. Er kann dir dabei helfen, herauszufinden, was deinen eigenen Wünschen und Visionen am ehesten entspricht. Eines aber dürfte jetzt schon feststehen. Der Zugewinn an Autonomie, an klarer Entscheidungsfreiheit und -hoheit, was du mit deinem Leben machst, mit welchen Menschen du Kontakt hast, wen du ganz persönlich sympathisch findest, wen du deiner Freundschaft für wert erachtest und wessen Freundschaft dir etwas wert ist, diesen unglaublichen Gewinn wirst du dir nicht mehr nehmen lassen. Das ist ein guter Ausgangspunkt, von dem aus man viel eher sehen kann, worauf sich eine 'neue' Gemeinsamkeit gründen könnte.

Es ist beeindruckend zu sehen, wie sehr du dir selbst völlig neue Erfahrungsqualitäten ermöglichst, indem du 'einfach machst' und die auf 'der anderen Seite' (in dem Fall deine Eltern) 'seelig' sind über deinen Besuch. Auch wenn ich den Satz sehr kritisch sehe, dass es nie zu spät ist, 'eine gute Kindheit gehabt zu haben' (mit dieser Haltung versuchen viele Therapeuten, ihren Klienten dabei zu helfen, die prägenden Kindheitserinnerungen neu zu überdenken und gewissermaßen neu zu erzählen) - aber eines ist sicherlich unstrittig: Es ist nie zu spät etwas dafür zu tun, dass die Gegenwartsbeziehungen - auch die zu alten Eltern - eine Wende erfahren. Und es ist schön zu hören - ich höre es zumindest so -, dass sicherlich nicht nur deine Eltern 'seelig' sind/waren, sondern dass dies auch dir gut tut.

Und schließlich ein Drittes: Wir haben gestern unser WE (gemeinsam mit Rudi) bei einer abendlichen Lesung auf Burg Namedy verbracht und waren anschließend noch auf der Ankterterrasse essen. Wir haben noch einmal lange erzählt über das , was unsere gegenwärtige Lebenssituation ausmacht, auch unter Einbeziehung dessen, was dich jetzt so sehr bedrängt. Und das, was ich oben geschrieben habe, war in umgekehrter Weise so eindrücklich: Es ist so wohltuend und erstaunlich gleichermaßen, dass sich ein abgerissener, schon verloren geglaubter Faden freundschaftlicher Verbundenheit inzwischen zu einem festen freundschaftlichen Band entwickelt hat. Wir alle stehen mitten in einer Situation, die so bedrängend wie chancenreich gleichermaßen ist. Und was tut einem da wohler, als sich auszutauschen mit Menschen, die sich als Freunde erweisen. Und so hoffe ich, dass du das ebenso siehst. Natürlich wird Güls hoffentlich der Ort bleiben, wo sich all dies völlig problemlos und unbelastet entfalten kann. Dabei spielt die bedauerliche Tatsache, dass wir nicht 'familiär' miteinander umgehen können, natürlich eine Rolle. Im Pühlchen bist du jederzeit willkommen, vor allem weil wir wissen, dass du dich bei uns wohlfühlst.

So nun hoffe ich, dass der heutige Montag gut vorübergeht. Der ist vermutlich über den Anlass hinaus allein schon deshalb belastend, weil sich Menschen dabei begegnen (müssen), die sicherlich auch noch einiges zu klären hätten. Es ist gut, dass du auf diesem Weg schon ein gewaltiges Stück vorangekommen bist. Ich freu mich auf unser nächstes Wiedersehen und wünsche dir für die nächsten Tage die nötige Ruhe und Kraft.

Liebe Grüße Jupp"

Demenztagebuch 22.6.2015:

Da schreib ich also einfach so daher und habe mit keinem Wort erwähnt, dass gestern der 13. (!) Todestag von Will, meinem Bruder, war. Aber was soll man sagen - es war und ist häufig genug ein stilles Gedenken, Innehalten - ein Erinnern. Morgen Abend findet in Neuenahr eine Messe statt. Gaby, Ulla, Claudia und ich werden dort sein und anschließend gemeinsam Essen. Die Toten sind tot - sie leben in unserer Erinnerung. Die Lebenden machen weitaus mehr Sorgen. Ohnehin ist es ja prinzipeill schwer zu realisieren, wie die Einen noch im "Stehen gehen wollen" und langsam hinüberdämmern auf die anderen Seite, aber immer noch am diesseitigen Ufer, während die Anderen noch als Junge schon gehen mussten. Wir begleiten Leo; und Lisa driftet an seiner Seite, allenfalls durch ihren Garten abgelenkt und entschädigt und hier auf ihre Weise lebendig. Und die anderen? In dieser merkwürdigen Welt quälen sich die meisten durch eine schwierige Beziehungswelt, als hätten sie sonst nichts zu tun. Wir (Claudia und ich auch als Paar) werden älter und kennen eine Menge davon - sind vielleicht über'm Berg, schon auf dem Hochplateau einer bewährten, Krisen-erfahrenen Beziehung. Vielleicht so wie... diskret ist und bleibt, wer weiß, was er nicht bemerkt haben soll! In der Summe gewinnt man den Eindruck, dass lange Beziehungen entweder nicht gehen oder zumindest vor Langeweile vergehen.

Und bei alldem werde ich mir meiner Situation als "Beobachter" gewahr. Das ist schon ein wenig anders als früher. Es geht einerseits um die Unterscheidungen, mit denen wir die Beziehungswelt ausloten und beschreiben, und es geht um die Organisation und Beschreibung der eigenen Beziehungswelt. Allein an dem Begriff der "Doppelmoral" ließe sich dies eindrücklich zeigen: Dieser Begriff war vor 30 Jahren nur mit "moralischen" Begriffen und Unterscheidungen erwägens- und diskussionswürdig. Keine auch nur annähernde Idee war zu diesem Begriff in Beziehung zu setzen, die in der Organisation von Beziehungen eine irgendwie konstruktive Rolle hätte spielen können. Mit den Unterscheidungen von Susanne Gaschke wird die "Wiederbelebung der Doppelmoral" geradezu zu einem konstituierenden Moment für die langfristige Perspektive von Beziehungen.

 

   

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