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Die heimliche Liebe – Wolfgang Schmidbauer im "Interview"

Adrian:   Lieber Wolfgang Schmidbauer, im Klappentext Ihres Büchleins über die „Heimliche Liebe“ lassen Sie uns wissen, dass das Zusammenleben oft die Erotik gefährde und in den Ehetrott abgleite; heimliche Liebe sei häufig der Versuch, wenigstens einen Teil der freien, heiteren, spielerischen Verliebtheitsanfänge zu retten, ohne die Hauptbeziehung (den Ernst des Lebens) zu erschüttern.

W. Schmidbauer:   Ja, unbeschränkte Wahrhaftigkeit, das zeigt sich schnell, ist auch im Zusammenleben moderner, psychologisch gewitzter Partner ein himmlisches Ideal, aber kein gangbarer Weg, um auf Erden – im Alltag – eine gute Beziehung zu haben.

Adrian:   Sie entwickeln Ihre Gedanken zur „Heimlichen Liebe“ in einem schmalen Büchlein, das doch immerhin 157 Seiten umfasst. Aus Zeitgründen bleibt uns hier nur der Versuch, einige Ihrer Kerngedanken und Hypothesen anzusprechen. Was meinen Sie damit, wenn Sie sagen, die Symbiose mache den Partner zu einer Provinz des eigenen Bewusstseins?

W. Schmidbauer:   Ganz einfach die Sehnsucht vieler Menschen, dass alles, was wichtig, gemeinsam sein soll, alles, was lustvoll ist, geteilt werden soll. Es darf keine Zeit geben, die schöner ist als die mit dem Partner, kein Gespräch, das anregender ist. Diese Wünsche sind umso intensiver, je schlechter das Selbstgefühl der betreffenden Personen den Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit überbrücken kann.

Adrian:   Kann man dies möglicherweise auch im Zusammenhang mit der Eifersucht beobachten?

W. Schmidbauer:   Ich denke ja. Die oder der Eifersüchtige hat viele starke Komponenten in seiner Persönlichkeit, die beispielsweise mit Fähigkeiten zusammenhängen, andere zu übertreffen, in einer Konkurrenz zu gewinnen, sich durchzusetzen. Diese kraftvollen Seiten verbergen eine tiefe Unsicherheit in der Geschlechtsrolle. Das spezifisch erotische, auf emotionale Bindungen gerichtete Selbstvertrauen ist schwach. Es bedarf der Stütze durch eine idealisierte Beziehung – durch den Partner, der ganz und gar bewundert, der ausschließlich liebt, der in jeder Frage auf der eigenen Seite steht, der lieber Vater und Mutter, Bruder und Schwester verlässt und verrät als den Eifersüchtigen.

Adrian:   Und doch scheint dies eher auf ein extrem symbiotisches Beziehungsmuster hinzuweisen, in dem die Abhängigkeit eine wechselseitige ist.

W. Schmidbauer:   Der Eifersüchtige kann den Menschen, dessen Idealisierung ihn aufgewertet hat, nicht in dem Augenblick aufgeben, in dem er enttäuscht wird oder auch nur fürchtet, enttäuscht zu werden… Es gelingt ihm nicht, was der selbstbewusste junge Liebhaber in einem jüdischen Witz sagt, als ihn ein schadenfroher Besserwisser auf die Untreue seiner schönen Geliebten hinweist: „Bin ich doch lieber beteiligt mit fünfzig Prozent an einem guten Geschäft als mit hundert an einem schlechten.“

Adrian:   Sie sagen, Eifersucht entstehe aus so viel Bindung, dass die geliebte Person auch dann festgehalten werde, wenn die Idealisierung der Beziehung nicht mehr möglich ist, und aus so viel Verlustangst, dass jede mögliche Entfernung panisch übersteigert werde.

W. Schmidbauer:   Ja, der Eifersüchtige ist stark genug, um zu kämpfen, vorwurfsvoll zu sein, zu strafen, auf Rache zu sinnen, schwach genug, nicht seiner Wege zu gehen, sondern zu versuchen, durch gesteigerte Anstrengungen die geliebte Person wieder zu kontrollieren, in der vergeblichen Hoffnung, auf diese Weise zur früheren Idealisierung zurückzufinden.

Adrian:   Sie weisen im Fortgang Ihrer Argumentation darauf hin, dass zwischen vormodernen, traditionalen Beziehungsmustern und der Moderne, wo die Liebesbeziehung als Hort des Glückes gelte, gravierende Unterschiede bestehen.

W. Schmidbauer:   In der traditionellen Kultur sind die Spielregeln klar, hart und nach dem Urteil der Moderne für Frauen höchst ungerecht. Diese Situation führt dazu, dass alle Beteiligten ständig damit konfrontiert sind und nicht um die Einsicht herumkommen, dass die ausschließliche, voll befriedigende und uneigennützige Liebesbeziehung, wie sie aus den Soap-operas in das Gegenwartsbewusstsein eingehämmert ist, nicht existiert, nicht zu erwarten ist und nicht eingeklagt werden kann.

Adrian:   Können Sie das einmal an einem Beispiel illustrieren?

W. Schmidbauer:   In der Durchschnittsfamilie der traditionellen Gesellschaft ist es vernünftig zu sagen: Mein Partner/meine Partnerin ist vielleicht nicht treu, vielleicht erotisch nicht besonders attraktiv, aber tüchtig; wir arbeiten zusammen, versorgen uns und unsere Nachkommen so gut es geht. In der modernen Familie gilt diese Haltung mindestens als Zeichen von Zynismus, wenn nicht als Signal einer seelischen Störung.

Adrian:   Ich möchte gerne auf etwas anderes zu sprechen kommen. Mich interessiert Ihre Sichtweise des Geheimnisses. Sie sagen an einer Stelle, „Geheimnisse haben“ sei ein Element der Macht. „Geheimnisse vor mir zu haben“ sei ein Vorwurf und eine versteckte Machtausübung.

W. Schmidbauer:   Ja, wer kein Geheimnis vor mir haben darf, den kann ich kontrollieren. Dieses Gebot gleicht dem ersten Schritt beim Anlegen einer Festung: Das Terrain wird rasiert, das heißt, alle Bäume, Büsche, Bodenwellen vor den Mauern werden beseitigt, um schon von weitem zu erkennen, wer sich nähert, und freies Schussfeld auf den möglichen Angreifer zu gewinnen.

Adrian:   Die andere Seite der hier von Ihnen angedeuteten Kontrollmanie sind offensichtlich Verschmelzungsphantasien?

W. Schmidbauer:   Durchaus, im Zustand der Verschmelzung kann man, muss man einander alles sagen, weil alles gemeinsam ist und es keine Geheimnisse voreinander gibt.

Adrian:   Bezogen auf die heimliche Liebe überrascht mich eine Paradoxie, mit der Sie behaupten, dass jemand, der seinerseits in einer festen Beziehung lebe, keine Trennungsabsichten hege und gut von seinem Partner oder der Partnerin spreche, der stabilste Genosse in einer heimlichen Liebe sei?

W. Schmidbauer:   Ja, in diesem Fall können die Beteiligten davon ausgehen, dass sie die Sehnsüchte nach Verschmelzung und die Ängste überwunden haben, einer allwissenden Kontrolle ausgeliefert zu sein, die ihnen mit magischer Gewissheit „alles ansieht“. Sie wissen, dass Geheimnise dann geheim bleiben, wenn sie geschützt werden, und dass der beste Schutz in einer Liebesbeziehung die Liebe selbst ist. Misstrauen, Angst verlassen zu werden, Unzufriedenheit mit erotischem Rückzug führen erst zu den kontrollierenden Fragen des (oder der) Eifersüchtigen, die dann mit großem Aufwand an Ausreden und Lügen abgewehrt werden müssen… Was in einer idealisierenden Beziehung unmöglich erscheint, die Koexistenz von Wahrheit und Lüge, ist in einer realistischen Liebesbeziehung Alltag.

Adrian:   Sie sprechen an einer Stelle von „tyrannischen Kontrollgesetzen“ wie: „Weil du mich einmal angelogen hast, kann ich dir nun nicht mehr glauben.“

W. Schmidbauer:   Wer so argumentiert, stellt die Kontrolle über die Liebe; und wer in einer Liebesbeziehung Kontrollfragen stellt, beteiligt sich mit fünfzig Prozent an einer soeben gegründeten Übergriff-Ausflucht-GmbH. Wer Liebesangelegenheiten einer solchen Firma anvertraut, muss sich über Pleiten nicht wundern.

Adrian:   Ein anderer prekärer Zusammenhang wird da erkennbar, wo Sie die These aufstellen, dass der heimliche Liebhaber, die heimliche Geliebte oft dafür stehen, dass in der Dauerbeziehung zuviel Terrain preisgegeben wurde.

W. Schmidbauer:   Nun, wo Freiheit einst war, übt nun der Partner des damals begeisterten Opfers eine Macht aus, der sich zu entziehen schwer fällt. Man ist nicht mehr berauscht und entzückt, mag nicht mehr alles dem Wunsch nach der größten Gemeinsamkeit opfern. Als Furcht ist geblieben, was einmal Hoffnung war. Der Verliebtheitspartner von einst hat zwar nicht mehr den Schlüssel zum vollkommenen Glück, aber es wird ihm noch zugetraut, ins Unglück zu stürzen. Er hat Halt gegeben, Verantwortung übernommen. Er könnte, er wird gewiss diese ihm überlassene Macht, welche die Treue treu beschützt, gegen die Untreue grausam missbrauchen.

Adrian:   Sie reden nicht treulich von der Treue. Hört man aus Ihren Argumentationen nicht eine implizite Abwertung der Treue?

W. Schmidbauer:   Die absolute Treue bietet ein Höchstmaß an Sicherheit. Sie ist ein hoher menschlicher Wert, kommt aber im Alltag nicht immer durch moralische Selbstdisziplin oder uneingeschränkte Hingabe an das Du zustande. Sie kann gerade so gut aus geringen Triebspannungen, chronischer Depression oder Trägheit gespeist sein. Die Gefahren der Treue liegen in einer Erstarrung der Lebendigkeit und der Entwicklungsmöglichkeiten, wenn die Partner an sich andere Anregungen bräuchten, als sie einander geben können, dennoch aber versuchen, durch Pflichtgefühl zu ersetzen, was ihnen an Zuneigung mangelt. Treue bringt auch das Risiko mit sich, dass Verliebtheit in Dritte überhaupt nicht zugelassen, ein Stück weit gelebt, geprüft, vielleicht auch überwunden werden kann. Wer sich absolut treu wähnt, trifft vielleicht morgen den Mann oder die Frau, in deren Wahlverwandtschaft er seine bisherige Sprödigkeit aufgibt.

Adrian:   An einer Stelle weisen Sie darauf hin, dass das, was ein Mensch tut, von ihm allein verantwortet werden muss. Wer in einer Ehe oder einer dauerhaften Beziehung lebt, wird in seinem Handeln aber doch sicher immer seinen Lebenspartner mit im Blick haben!?

W. Schmidbauer:   Selbstverständlich. Aber ich bin überzeugt davon, dass er dies um so ausgeprägter tun wird, je weniger ihn Schuldgefühle plagen und je mehr er von Herzen überzeugt ist, dass das, was er tut, zwar von ihm verantwortet werden muss, aber eben allein in seiner Verantwortung liegt.

Adrian:   Gibt es denn keine „Instanz“, keine Orientierungshilfe, die dabei hilfreich sein kann?

W. Schmidbauer:   Welches Urteil in dem einzigen „Gerichtshof, der wahrhaft zählt – dem intimen Dialog des betroffenen Paares –, am Ende überwiegt, hängt nicht zuletzt davon ab, wie fähig beide Teile waren, aus der Idealisierung und Illusion der Verliebtheit eine alltagstaugliche Liebesbeziehung zu basteln. Ich sage „basteln“, nicht „aufbauen“, denn dieser Prozess ist Bastelei, wir alle sind in ihm Amateure, aufs Probieren angewiesen, mit ermutigenden Ergebnissen und erschreckenden Zusammenbrüchen, es gibt keinen genauen Plan, kein verbindliches Konzept.

Adrian:   Lieber Wolfgang Schmidbauer, ich wollte Sie an dieser Stelle noch gar nicht zu einem Schlusswort bewegen. Aber diese letzten Sätze erscheinen mir so ernüchternd wie zuversichtverheißend gleichermaßen, dass mir nur noch bleibt, Ihnen zu danken und Sie einzuladen zu einem Moselriesling.

   

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