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"Fack Ju Göhte": Gegen Schul- und Inselkoller

- und eine logisch verkürzte Inklusionsdebatte!

Nun also doch noch "Fack Ju Göhte". Die seit gefühlten hundert Jahren beschissenste Wetterlage auf Juist verführt Uschi, Frank, Claudia und mich zum Besuch des wunderschönen, alten plüschigen Inselkinos; nur Herbert - unser gelernter Sonderschullehrer - verweigert sich, verständlicherweise. Nach etlichen Jahren - auch als Redaktionsleiter bei der Rhein-Zeitung - ist er vor mehr als zehn Jahren doch noch seiner eigentlichen Berufung gefolgt und unterrichtet seither an der Adolf-Reichwein-Schule in Bad Ems, teils als Klassenlehrer, in den letzten Jahren mehr auch als Integrationslehrer an Schwerpunktschulen. Vor einem knappen Jahr erreicht auch ihn, den eine erfolgreiche und qualifizierte Arbeit - immer nah an den Möglichkeiten und am Horizont seiner Schüler - ausgezeichnet hat, die härtere Gangart einer veränderten Schülerschaft. Ohnehin bereits abgesenkte Hemmschwellen und Beißhemmungen gegenüber den (vermeintlichen) Schwächen von gleichermaßen gutwilligen wie professionellen KollegInnen driften in nahezu barrierefreie Zonen ab.

Heute morgen bei einem ausgedehnten Frühstück signalisieren die Kinobesucher erst einmal Verständnis für die Entscheidung, die eigenen beruflichen Bedrängnisse nicht durch eine Klamotte konterkariert sehen zu wollen. Nach einem deftigen Frühstück steht der Entschluss, den Film in Ruhe - vielleicht in einer ganz privaten Atmosphäre (und vielleicht in Ergänzung oder anstelle eines immer wieder gepflegten Rituals, nämlich der "Feuerzangenbowle") - gemeinsam anzuschauen. Denn die Klamotte enthält jene "Wahrheiten", die sich im "professionellen" Rahmen kaum jemand auszusprechen wagt  (inzwischen habe ich einige - aus meiner Sicht - notwendige Bemerkungen zur "Inklusionsdebatte" angehängt - siehe weiter unten):

  • Es gibt mitten in dieser Gesellschaft eine "Peripherie", in der "die Lebensprobleme" - so formuliert es Hartmut von Hentig - "die Lernprobleme" der Schüler präformieren und dauerhaft überlagern.
  • Aus den Randlagen intergenerativ stabiler Hartz IV-Milieus lässt sich der Wechsel aus einer habituell gewordenen Lernverweigerung im Konzert mit ausgeprägten Erziehungsdefiziten hin zu einem selbstverantworteten und vor allem -motivierten (Selbst-)Bildungsprozess kaum noch mobilisieren: "Fack Ju Göhte" verweist auf die medienwirksame Inszenierung "bildungsferner Jugendlicher", die allerdings mit dieser Wortschöpfung bereits erste - vielleicht unvermeidbare - Bildungseffekte spiegeln, die mit dem Kameraschwenk auf den, einer jeden ästhetischen Erziehung Ehre machenden, mit preiswürdigen Graffitis übersäten Eisenbahnzug geadelt werden.
  • Zeki Müller (Elias M'Barek) verkörpert den unverbildeten jungen Wilden, den urwüchsigen Hybriden, der eine Kriminellen-Karierre mit 17 Monaten Knasterfahrung synthetisiert zu der Aura eines schweren Jungen, der mit Kopf, Herz und Hand eine marode Schule im Handstreich nimmt und zu einem Ort der allseitigen Läuterung macht - nicht ganz und nicht ganz so schnell: Den Filmemachern ist zu attestieren, dass sie - geschult an der griechischen Tragödie - den Spannungsbogen bis zur Peripetie und Kartharsis der Beteiligten leidlich, wenn auch mit Glaubwürdigkeitesdefiziten inszenieren. Aber darum soll es nicht gehen!
  • Es geht vielmehr darum, dass "der junge Wilde" Ivan Illichs Idee der "Entschulung" mit (extrem) bildungswirksamen Folgen sozusagen als "nativ speaker" vertreten kann, weil ihm die "verbildeten" didaktisch-methodisch korrekten Eingebungen von Karoline Herfurth vollkommen fremd bleiben. Vermutlich hat jeder gute Schulsozialarbeiter im besten Fall eine Halbkriminellen-Karriere hinter sich, die ihm die Denke und die Idiosynkrasien der "Fack-Ju-Fraktion" der Schule gegenüber vertraut erscheinen lassen. Ein  L E H R E R  bewegt sich professionell betrachtet unvermeidbarer Weise im "didaktischen Dreieck", das zwischen ihn und die Schüler grundsätzlich den Gegenstand schiebt. Er ist der  S A C H- Walter im unterrichtlichen Geschehen, das er zeitlich, sachlich und sozial (v.a. regelhaft) tagtäglich zu organisieren hat. Genauso unvermeidbar muss er in superiorer Position die leistungsbezogene Berurteilung seiner Schüler vollziehen und verantworten. Deshalb müsste dieser feuilletonistische Beitrag eigentlich um ein paar sachdienliche Hinweise zur aktuellen "Inklusionsdebatte" erweitert werden (schaut mal weiter unten!!!)
  • Katja Riemann spricht vielen LehrerInnen aus der Seele, wenn sie feststellt, das sich die ehrenwerten pädagogischen Bemühungen ganzer Schulen bzw. Kollegien der fortgesetzten "Verarsche" ausgesetzt sähen, und dass es legitim sei, entsprechende Antworten auf diese "Verarsche" zu kreieren.

Was fasziniert also an "Fack Ju Göhte"? Der Traum auch für jene "schrecklichen Kinder der Neuzeit" den Moduswechsel zu erreichen von einer aussichtslosen Erziehung, die ja für uns alle schon eine  Z U M U T U N G  bedeutet, hin zum Auslösen und Begleiten von "B I L D U N Gs -dynamiken", in denen auch der/die Letzte(n) noch begreifen, dass es um sie  s e l b s t  geht. Dass in der Tat, der gleichberechtigte Zugang zu einer hochwertigen Bildung der einzige Schlüssel für die Masse der Menschen ist, ihre Potentiale zu erkennen, auszuschöpfen und damit einen Lebenslauf zu gestalten, der ihren jeweiligen Möglichkeiten entspricht. Was fasziniert noch? Dass es Zeki Müller gelingt, diese Motive in den Köpfen und Herzen "seiner" Schüler zu wecken, und vor allem: Dass er, der Knacki, in einer rührenden Kartharsis für diese Option eintritt!!!

Und wie schön und überwältigend sind Bilder!!! Nachdem ihn "seine" künftigen Schüler vor einer erneuten Dummheit (Überfall auf einen Geldtransport) "gerettet" haben, bleiben uns die letzten Bilder an der roten Ampel noch lange in Erinnerung: Zeki, der grundsätzlich bei Rot über die Straße geht, reißt einen - vielleicht Neunjährigen - zurück mit dem Verweis: "Die Ampel ist rot!" Die Kamera zeigt Zeki mit drei Jungs und schwenkt auf die Hand des Kleinsten, die in anrührender Weise Zekis Hand sucht und findet. Wie schön!

INKLUSION UND EXKLUSION

"Leistung - was ist das eigentlich? Oder: Jeder hat das Grundrecht sein eigener Standard sein zu dürfen!" Unter diesem Titel hält 2004 Susanne Thurn, lanjährige Leiterin der von Hartmut von Hentig zu Beginn der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts gegründeten "Laborschule Bielefeld", ihre Antrittsvorlesung zur Verleihung einer Ehrenprofessur an der Universität Halle. Sie votiert damit konsequent für die Durchsetzung des individuellen Leistungsvermögens als Bezugsnorm für die pädagogisch allein vertretbare Form der Leistungsbeurteilung. Sie hält diese Konsequenz freilich nicht durch, da sie kriteriale oder sachnormorientierte Maßstäbe für eine Beurteilung von Lernleistungen in der Zeit explizit benennt (siehe die Schriftform zur Antrittsvorlesung in: Neue Sammlung, Heft 1/2005).

Die Begründung für diesen Verweis auf eine konkrete pädagogische Praxis liegt in einer weiter gedachten Konsequenz für eine "inklusive" Schulpädagogik. Wir benötigen nämlich in Ergänzung bzw. Ernüchterung pädagogischer Träumereien soziologischen Flankenschutz; der verweist uns allerdings auf Einsichten, die den "totalitären" Charakter einer konsequenten Inklusionspädagogik offenbaren. Es sei denn, die Schulpädagogik befleißigt sich der Einsicht, dass es keine Inklusion ohne Exklusion geben kann (siehe Clemens Albrechts "systemtheoretische Handreichungen zu Grundfragen von Inklusion und Exklusion):

Niemand ist in der Lage, zu bestreiten, dass wir in einer "funktional differenzierten Gesellschaft" leben: Und innerhalb dieser Gesellschaft kann man von "Inklusion" nur reden, wenn "der Mensch" gerade nicht primär über eine Gruppe (Familie, Institution) in die Gesamtgesellschaft integriert ist, sondern wenn er grundsätzlich die Möglichkeit hat, an unterschiedlichen Funktionssystemen teilzuhaben: an der Wirtschaft über verfügbares Geld, am politischen System durch die Auswahl der politischen Personals (im Sinne einer Minimalerwartung), am Bildungssystem durch den Erwerb von Abschlüssen usw. Mit Blick auf den Erwerb von Abschlüssen hat auch eine "inklusive Pädagogik" nur die Chance über "Exklusion" zu differenzieren. Wenn wir träumen, und je mehr wir träumen von einer inklusiven Schule, die alle nur denkbaren Voraussetzungen (in personeller, sächlicher, räumlicher und zeitlicher Hinsicht) gewährleisten könnte, desto radikaler wären die Konsequenzen im Sinne "exklusiver" individueller Profile. Und die würden sich nach wie vor den Erwartungen anderer Funktionssysteme ausgesetzt sehen: den Erwartungen der Wirtschaft, den Erwartungen einer an Teilhabe orientierten politischen Kultur, den Erwartungen, die die Gestaltung von Intimsystemen in modernen Gesellschaften voraussetzt etc., etc.

Was wir damit beeinflussen, bezieht sich auf den Rahmen und die Bedingungen für die Kreation individueller Lebensläufe. Dass Schule und Unterricht daran entscheidend mitwirken (eben  auch über die Bedingungen, die sie bereit stellen) ist keine neue Erkennntnis (siehe die Schleifspur, die Niklas Luhman und Klaus-Eberhard Schorr vor allem in der Schulpädagogik gezogen haben). Und sie verändert in keiner Weise die unaufhebbare Ausgangslage, wonach das Erreichen von Abschlüssen - das ist die krudeste und reduzierteste Form in der Sichtweise von Bildungseffekten - an die selbstreferentielle und eigenmotivierte Aneignung von Bildung gekoppelt bleibt!!!

   
   
© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund