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(M)Ein Adventskalender (20) - heute öffnen wir das zwanzigste Türchen/Fensterchen

Es ist eine vorgezogene Bescherung, die ich uns da heute mit Hilfe von Andreas Reckwitz auf dem Gabentisch präsentiere. Als wir uns gemeinsam durch das dreizehnte Türchen vorgetastet haben, hatte ich schon ein größeres Maß an Klarheit gewonnen - mit Hilfe der Unterscheidungen, die uns Zygmunt Bauman im Anschluss an Sigmund Freud offeriert. Heute nun eine eindrucksvolle Bestätigung durch Andreas Reckwitz; ganz nebenbei bemerkt, weiß ich nun einmal mehr, warum ich so sehr an der soziologischen Perspektive festhalte. Sie gestattet uns - im Sinne der Kybernetik zweiter Ordnung - zumindest darüber nachdenken, welche Unterscheidungen wir in unseren Reflexionen und Analysen bevorzugen, und welchen Erkenntnisgewinn sie uns ermöglichen - immer unter dem Vorbehalt der blinden Flecken (nachzulesen hier im dritten Absatz), die damit einhergehen. Andreas Reckwitz setzt sich in der aktuellen ZEIT (52/21, S. 6) mit dem Begriff der Plicht auseinander und rahmt diese Reflexionen (in aller Kürze - auf einer guten halben Seite) durch die Anstrengung, die letzten 50 Jahre gesellschaftlicher Entwicklung mitzubedenken:

"Die Pflicht ruft - 'Es ist verboten zu verbieten', skandierten die Achtundsechziger. Heute dagegen sehnen sich gerade Progressive nach Regeln. Was ist da passiert?", fragt Andreas Reckwitz. Es verwundert uns nicht, wenn Reckwitz zunächt feststellt, dass der Appell an das Pflichtbewusstsein in der öffentlichen Debatte, genauso wie in der privaten Lebensführung hoffnungslos antiquiert erschien - ganz im Gegensatz zur gegenwärtigen Aktualität, mit der - so Andreas Reckwitz - die empfundene oder geforderte Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft "als politische Begründungsfigur" in den Diskurs eingeführt wird. Reckwitz sieht in der Wahrscheinlichkeit, mit der in Deutschland die allgemeine Impflicht wohl kommt (in Österreich im Übrigen bereits Realität) einen folgenreichen Einschnitt, der - noch gravierender - durch einen Bewusstseinswandel zusätzlich getriggert werde, den die Risiken des Klimawandels hervorgerufen haben. Dazu passt aus seiner Sicht das Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus dem Frühjahr 2021, das Einschränkungen in der Gegenwart mit den Verpflichtungen gegenüber kommenden Generationen begründe:

"Das Argument kollektiver Pflichten fand, nicht zuletzt durch die Bewegung Fridays for Future angestoßen, rasch ihren Weg in die Lebenswelten: Ob es um die Folgen von Ernährung oder bestimmten Verkehrsmitteln für Erderwärmung geht - die Argumentation, dass das Individuum sein Handeln davon leiten lassen sollte, was diese für die Gesellschaft als Ganze bedeutet, dass man den anderen gegenüber in der Pflicht steht, hat eine Überzeugungskraft erlangt, die sie in den letzten Jahrzehnen nie hatte."

So stellt denn Andreas Reckwitz folgerichtig die Frage, ob wir in den 2020er-Jahren in den westlichen Gesellschaften möglicherweise einen politischen und alltagskulturellen Paradigmenwechsel erleben - weg von einem Paradigma der persönlichen Freiheiten hin zu einer stärkeren Berücksichtigung gesellschaftlicher Verpflichtungen?

Für meine Generation ist das eine überaus spannende Frage. Die 70er Jahre des vergangenen Jahrhundert - also die Zeit unserer Jugend, unseres Aufbruchs - haben wir ja alle (die zu meiner Alterskohorte gehören) miteinander erlebt als faktischen Umbruch, der einer Revolution gleichkam. Wir ware die Nutznießer und die ersten Opfer in der Suche nach individueller Autonomie. Wir erlebten gleichermaßen das Privileg wie die Ambivalenz der sexuellen Revolution; wir entwickelten alternative Wohnformen mit weitreichenden Konsequenzen für unser Rollenverständnis als Frau(en) und als Mann/Männer. Wir stellten die Legitimationsfrage und waren nicht ohne Weiteres bereit, bestimmte politische Entwicklungen hinzunehmen (Auseinandersetzungen um die Notstandsgesetzgebung, Nato-Doppel-Beschluss - oder im engeren Sinne die einschränkenden Konsequenzen, die sich seinerzeit an den Hochschulen aus dem sogenannten Hochschulrahmengesetz ergaben). Und wir rieben uns an den erschreckenden personellen Kontinuitäten innerhalb der politischen und ministeriellen Funktionseliten auf der einen Seite und der mangelhaften Aufarbeitung des nationalsozialistischen Terrorregimes auf der anderen Seite.
An der Uni waren wir sozusagen unmittelbar in die gesellschaftlichen Entwicklungen - auch als Beobachter - involviert. Der Name Ronald Inglehart und der mit ihm zentral verbundene Begriff des Wertewandels lief wie ein Life-Ticker neben den gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Prozessen her. Andras Reckwitz bringt sie kompakt auf den Punkt als Transformationsgeschehen von den Pflicht- und Akzeptanzwerten hin zu den Selbstverwirklichungswerten. Pflichterfüllung und soziale Anpassung wurden infrage gestellt und relativiert zugunsten individualistischer Werte; es ging um die Entfaltung eines authentischen Selbst, seiner Wünsche und Bedürfnisse. Reckwitz betont, dass sich mit diesen Entwicklungen ein neoliberaler mainstream entfaltete, der die Privatisierung öffentlicher Einrichtungen, die Expansion von Wettbewerbsstrukturen und das Schleifen sozialer Regularien zur Folge hatte: "Selbstverwirklichungsrevolution und Marktrevolution gehen in der spätmodernen Gesellschaft somit eine Synthese ein [...] Die Liberalisierungsprozesse der letzten Jahrzehnte haben überholte Normen und kollektive Beschränkungen aufgebrochen und persönliche Entfaltungsmöglichkeiten vergrößert."

Und nun der Umschwung? Andreas Reckwitz hält den "selbstkritischen Umschwung der letzten Jahre" zumindest für bemerkenswert: Vielleicht - so seine Annahme - würden die Historiker der Zukunft auf die Zeit um 2020 in ähnlicher Weise schauen wie die Soziologen auf die 70er Jahre: "Die Debatten um die Impfung angesichts der Covid-19-Pandemie und die Entstehung der Fridays for Future-Bewegung könnten sich in der Rückschau als Gamechanger erweisen." Was verändert sich denn gegenwärtig offenkundig so radikal und möglicherweise nachhaltig, dass eine solche Annahme gerechtfertigt erscheint? Reckwitz geht davon aus, dass ein anderer Grundgedanke Raum greift, nämlich die Idee, dass unter bestimmten Umständen das eigene Interesse dem kollektiven Wohl unterzuordnen sei. In der globalen Klimaschutzbewegung habe es besondere Schlagkraft entfaltet.

"Während die 68er-Bewegung im anitiautoritären Gestus Emanzipation und Selbstbestimmung gegen die verkrusteten Strukturen einforderte, will die heutige Protestkohorte der Fridays-for-Future-Bewegung für den Schutz von Erde und Bevölkerung der Zukunft auf die Ausschöpfung mancher Möglichkeiten im Jetzt verzichten. Lieberalität und Aufbruch gegen Repression hier, Moralität und Verzicht dort." Andreas Reckwitz behauptet die neue Pflichtenethik beeinflusse mittlerweile die Lebenswelten und sei dabei, jenes psychische Über-Ich der Scham- und Schulgefühle, das seit den 70er Jahren abgebaut wurde, in neuer Form wieder zu errichten, "etwa in Gestalt der Flug- oder Impfscham".

Wir erleben also ganz offenkundig, wie das Pendel der Geschichte langsam zurückschwingt, eine andere Richtung nimmt. Ein argumentativer Bezug auf Kollektivgüter und das Gemeinwohl - so Reckwitz - nehme Fahrt auf. Er konkretisiere sich gegenwärtig in Zielen wie Resilienz und Nachhaltigkeit, öffentlicher Infrastruktur, sozialem Respekt und kulturellem Zusammenhalt. Andreas Reckwitz legt gleichzeitig die Bruchlinien frei, die sich in Differenzen und Polarisierungen offenbarten. Wie in der aktuellen Ampel-Koalition, reiben sich sogenannte Libertäre unterschiedlichster Spielarten an den beschriebenen Entwicklungen - rechte Libertäre, die etwa gegen die Klimapolitik oder die Impfpolitik agitierten; linke Libertäre, die auf ein Selbstbestimmungsrecht gegen den Staat beriefen; und natürlich die klassischen Liberalen, die auf die klassischen Freiheitsrechte pochten. Nicht zu vergessen bei alledem, der Strukturwandel durch tiefgreifende Digitalisierung - sie habe ein Gesellschaft der Singularitäten expandieren lassen:

"Jeder Einzelne hat seinen ganz eigenen Zugang zur Welt, den er höchstens mit ein paar Gleichgesinnten teilt. Dass sich hier alle auf eine gemeinsame Weltsicht einigen und Verpflichtungen füreinander empfinden könnten, scheint kaum realistisch."

Andreas Reckwitz äußert eine interessante Überlegung, wenn er die Frage in den Raum stellt, wann es denn strategisch klug sei, Pflichten einzufordern? Zumindest ist diese Frage dann höchstrelevant, wenn man von einer Renaissance der Pflichten dergestalt ausgehen kann, dass sie in der Tat Konflikte anheizt. Wer auf Pflichten setze, setze sich gleichzeitg dem Vorwurf aus, Politik mit Moral zu verwechseln. Und der öffentliche Rückgriff auf Moral wirke eben nicht integrierend, sondern potenziere Antagonismen. Zuletzt denkt Andreas Reckwitz deshalb über Alternativen nach. Dabei sieht er drei Möglichkeiten:

  • Politik könne allgemeine Regeln forcieren, die zwar das Alltagshandeln normierten, ohne dass dies aber öffentlich mit dem moralischen Unterton der Pflicht geschehe. Dies sei der Normalfall staatlicher Gesetze, vom Miet- bis zum Steuerrecht. Wer dann gegen die Regeln verstoße, werde sanktioniert - erscheine aber nicht automatisch als schlechter Mensch.
  • Politik könne durch Regelungen in der Infrastruktur des Sozialen die Bürger von bestimmten Entscheidungen (und moralischen Reflexionen) entlasten: "Wenn beispielsweise durch entsprechende Vorgaben klimaschädliche durch klimafreundliche Energien ersetzt oder Dienstleistungsunternehmen auf die Einhaltung sozialer Standards festgelegt werden, muss der Bürger nicht mehr zwischen Plicht und Neigung hin- und hergerissen sein, und der Kulturkonflikt zwischen der Moralfraktion und den Moralverächtern läuft leer."
  • Zum Dritten bleibe die politische Option, anstelle von strikten Regeln auf die Strategie des nudging zu setzen: "Durch indirekte staatliche Anreize einerseits, Hemmnisse andererseits wird ein bestimmtes - zum Beispiel ökologisches und gesundheitsbezogenes - Verhalten nahegelegt, ohne dass es jedoch unmittelbar normiert würde. Hier setzt man nicht auf die moralische Verpflichtung, sondern auf das rationale Kalkül der Individuen."

All dies zeige, dass die Pflicht aus der Sicht der Politik nur ein Mittel unter mehreren sei. Und all dies - so Reckwitz - ändere nichts daran, "dass die kulturellen und politischen Sensibilitäten sich gegenwärtig wandeln". Wie ich finde, eine schöne Bescherung - und das meine ich genauso und ohne jede Häme. Auf den Gabentisch lege ich Andreas Reckwitz' Schlussresümee, in der Hoffnung, dass sich hier doch am Horizont so etwas hervorwagt, wie eine gemeinsam Weltsicht, in der wir Verpflichtungen füreinander empfinden können:

"Die historische Phase der schrankenlosen Liberalisierung, die in der 1970er Jahren ansetzte, scheint an ein Ende zu kommen. Der Debatte um 'unsere' Verpflichtungen werden wir so leicht nicht entkommen können. Die Corona-Krise ist möglicherweise nur ein Trainingsfeld für Kommendes."

Eine Bemerkung ganz am Rande und zu den öffentlichen Sendeformaten bei den Öffentlich-Rechtlichen: Ob Anne Will, Sandra Maischberger, Maybritt Illner - oder auch Markus Lanz: Ihr erweckt den verheerenden Eindruck, dass die Cremeschicht der fachlich Ausgewiesenen, auch der Excellenzen unter diesen Ausgwiesenen, sich in der bescheidenen Auswahl Eurer Gäste widerspiegelt. Das ist leider weit gefehlt und viel zu kurz gesprungen. Die geschlossene Personaldecke, aus der Ihr Euch bedient, ist ziemlich verschlissen. Macht doch einmal die Augen auf und fordert Eure Redaktionen auf, mit offenen Augen die Welt der Expertise wahrzunehmen!!!

 

   
   
© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund