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Andy Neumann - es war doch nur Regen - auch für mich eine Chance, noch einmal genauer hinzuschauen

Es war doch nur Regen

Andy Neumann (Es war doch nur Regen – Protokoll einer Katastrophe – Gmeiner-Verlag, Meßkirch 2021) hat etwas Erstaunliches geschafft: Mit dem geschulten Auge des professionellen Beobachters vermittelt er uns Einblick in die Geschehnisse, die Dimension und die Nachwirkungen eines Ereignisses, dessen Bedeutung er – ganz nebenbei – in gleichermaßen bewegenden wie nachhallenden Worten in die Welt meißelt. Meine erste Idee: Kauf ein Dutzend Exemplare und verschenk sie. Das Buch ist derzeit vergriffen; daher der Versuch, es potentiellen Lesern auf die folgende Weise nahezubringen:

Wie bemerkt Luisa Neubauer in: Noch haben wir die Wahl:  "Aber in dem Moment, in dem man anfängt, über das zu sprechen, was diese Konzentrationssteigerung (von die Klimakrise befeuernden Emissionen, Verf.) für Lebenswelten, Gesellschaften und Zukünfte bedeutet, in dem Moment, in dem wir Geschichten von Menschen erzählen, in dem wir anerkennen, dass wir eine Menschheitskrise haben, gibt es acht Milliarden Geschichten zu erzählen (S. 75)." Andy Neumann erzählt seine Geschichte so, dass wir daraus die nötigen Schlüsse ziehen könn(t)en (siehe auch: Blicke über den Horizont).

Und by the way – was man am allerwenigsten angesichts der Ereignisse vom 14. Juli 2021 erwartet – Andy Neumann gelingt es auf unvergleichliche Weise, anfangs mitten im Schlamm, inmitten eines archaisch und anarchisch anmutenden Chaos, durch bewegende Randbemerkungen immer wieder zu betonen, woraus er die Kraft und die Energie schöpft für das, was er tut. Eine titanic-hafte Schmachtologie verblasst hinter seinen unfassbar authentisch daherkommenden Bekundungen, die dazu taugen, uns allen noch einmal vor Augen zu führen, was wirklich zählt. Um dies in aller Deutlichkeit herauszustellen, beginne ich mit Andy Neumanns abschließenden Sätzen in seiner 

D A N K S A G U N G, die auch eine Liebeserklärung ist:

Das Zuhause unserer Kinder, das sind wir, nicht das Haus. Wie wahr das ist! Wäre auch alles verloren gegangen, würde mir nicht im Leben bleiben als du und unsere beiden kleinen Wunder: Ich wäre noch immer ein glücklicher Mann. Ich liebe dich (S. 154f.).“

Diese Einsicht und der aus ihr folgende spirit – diese fundamentale Verankerung in einem von Liebe und Dank erfüllten Leben triggert dieses Buch. Es ist die eine Botschaft aus der sich alle anderen Botschaften speisen. Ohne Botschaften geht es nicht in einer Welt, deren Bewohner dabei sind, sich selbst abzuschaffen. Die Selbstabschaffung bzw. die notorisch-strukturelle Haltung dazu klingt auch bei Andy Neumann immer wieder durch - so eine Seite zuvor:

"Die mediale Berichterstattung wurde, den Gesetzen der modernen, digitalen Medienwelt zufolge, weitgehend zurückgefahren [...] Die Bundestagswahl steht an, und wer außer dem Mann, dessen Buch sie gerade lesen, wäre so naiv zu glauben, dass die Katastrophe des Jahrhunderts und die Fragen, die wir uns im Ergebnis stellen müssen, dabei die tragende Rolle spielen würden? Denken Sie daran, 'weil jetzt so ein Tag ist, ändert man nicht die Politik'. Alles gesagt (152f.)."

Dieser Auffassung ist auch Henning Jeschke (27 Tage hat Henning Jeschke im Spätsommer nichts gegessen, am Ende sogar viele Stunden nichts mehr getrunken. Aus Protest wegen der Klimapolitik der Bundesregierung und um, die Aufmerksamkeit der Politik im Bundestagswahlkampf zu bekommen).

Ich werde jetzt - hier und heute am 13.11.2021 - nicht ein neues Fass aufmachen. Aber seht euch die Berichterstattung und die Haltung Henning Jeschkes und seiner Mitstreiter an. Wir werden in nicht allzuferner Zukunft die ersten Toten registrieren - jenseits der Ereignisse im Ahrttal, im Erfttal und anderswo auf der Welt -; Menschen, wie Henning Jeschke, die ein Zeichen setzen werden, um die Aufmerksamkeit einer Öffentlichkeit zu bekommen, die aus ihrer Sicht den Schuss noch nicht gehört hat und noch nicht begriffen hat, worum es wirklich geht.

Im Folgenden klinke ich mich ein in das von Andy Neumann mit heißer Nadel geschriebene Protokoll, in dem – trotz, oder meinetwegen gerade wegen der heißen Nadel – alles steht, was wir wissen müssen, um der Verpflichtung zu folgen, endlich den Kurs zu ändern und das Ruder in die Hand zu nehmen. Dazu zitiere ich seinen Facebook-Eintrag  vom 21. Juli 2021 (ich selbst werden diesen Beitrag nicht als abgeschlossen betrachten, sondern ihn immer wieder auch um aktuelle Aspekte und Erkenntnisse ergänzen, wie soeben am Beispiel Henning Jeschkes geschehen):

Als der Stern mich interviewen wollte, habe ich keine Sekunde gezögert. Warum? Sicher nicht, weil ich so mediengeil bin, ich hab‘ mehr als genug Interviews für mein Leben gehabt. Aber hier geht es um mehr als nur innere Sicherheit (Andy Neumann hat die Kommissarsausbildung beim Bundeskriminalamt absolviert und war anschließend neun Jahre lang als Ermittler im Terrorismusbereich tätig, Anm. Verf.). Hier geht es darum, endlich anzuerkennen, was – verdammt noch mal!! – ist! Und das ist der Fakt, dass Naturkatastrophen sich nicht nur häufen, sondern dabei auch völlig neue Dimensionen erreichen. Ein sehr guter Freund erklärte mir kürzlich in einer dieser selten gewordenen weinseligen Nächte, dass er sich schämt, dass unsere Generation beim Klimaschutz so versagt hat. Ich bin anderer Meinung. Ich glaube, meine Generation (Andy Neumann ist Jahrgang 1975, Anm.Verf.) hat es in der Hand! Und ich will im Boden versinken, wenn ich nach dieser Tragödie nicht nutze, was ich habe, um das Thema zu setzen. So wenig das auch sein mag. To be continued…(71)."

Ich - Franz Josef Witsch-Rothmund - bin 1952 in Bad Neuenahr zur Welt gekommen (in Klein-Frankreich, in der Kreuzstraße – ganz im Osten, unmittelbar gegenüber des alten Fußballplatzes) und lebe heute in Koblenz-Güls (an der Mosel). Mein Neffe, meine Cousine und meine Schwägerin sind in Ahrweiler bzw. in Bad Neuenahr von der Flut betroffen. Mein Neffe hat sein Haus verloren – unweit des Wohnhauses von Andy Neumann, unmittelbar an der Ahr. Andy Neumann beginnt seine Aufzeichnungen mit dem 14.07.2021, wenige hundert Meter von dem Ort entfernt, an dem die Familie meines Neffen (so wie die Neumanns) in dieser Nacht versucht zu überleben. Dies gelingt um Haaresbreite, während die Nachbarin in den Fluten ertrinkt und gute Freunde meiner Schwester (die in einer Höhenlage ein Haus bewohnt) ihr Leben – unweit in der Schützenstraße – verlieren.

Es ist ein außerordentlicher Glücksfall, dass Andy Neumann zur Sprache findet, während genau dies unzähligen Betroffenen in ihrer Traumatisierung und Paralyse verständlicherweise nicht gelingt. Andy Neumann findet nicht nur zur Sprache, sondern er redet auch Klartext auf ungewöhnlich besonnene Weise angesichts der eigenen Betroffenheit; eine Besonnenheit, die mir selbst – als altem Mann nicht gegeben war. Ich habe mich für meine Form der Auseinandersetzung entschuldigt und fand erst nach und nach zu einer Haltung, die Andy Neumann auszeichnet.

Das kommentierte Protokoll:

Andy Neumann lebt zweihundert Meter entfernt vom alten jüdischen Friedhof mit seiner Frau und seinen zwei und fünf Jahre alten Kindern (vermutlich) auf der Schützenstraße in Ahrweiler. Dass es regnet - lange und ungewöhnlich heftig regnet an diesem 14. Juli - entgeht auch den Neumanns nicht. Neumann bezeichnet sich selbst als Profi in  Krisenkommunikation. Nach Abstimmung mit seiner Dienststelle ist klar, er muss nicht noch mal raus, arbeiten: „Also das übliche Procedere: die Kinder mit bettfertig machen, vorlesen, sie ins Bett bringen, dann ist Suits-Zeit.“ Wir können anschließend nachvollziehen, mit welcher Dynamik und welcher Wucht sich die Flutwelle aufbaut. Seine Autorität leitet Andy Neumann aus einer Gewissheit ab, die in dieser Nacht auf dramatische Weise verlorengeht:

Meine Profession ist es nun mal zu wissen, dass, wenn der Bevölkerung Gefahr droht, die notwendigen Hebel in Bewegung gesetzt werden, um die Bevölkerung zu warnen. Das weiß ich gut, und ich weiß es nicht nur, ich bin, wie man so schön sagt, part oft the game, einer, der die Hebel selbst ein gutes Stück in Bewegung setzt. Wer würde so jemandem widersprechen, wenn er sagt: ‚Entspann dich!‘? Meine Frau an diesem Abend jedenfalls nicht (8).“

Andy Neumann besticht in diesem Kontext - zumindest in seinen Aufzeichnungen - mit Humor und einer riskanten Gelassenheit. Als Großvater eines zweieinhalbjährigen Enkels, der Gespräche über die Ereignisse im Ahrtal schon überaus aufmerksam verfolgt (die Enkelin ist mit einem knappen Jahr noch zu jung), berühren mich seine Schilderungen: Als gegen 20.15 Uhr die Feuerwehr am Haus vorbei fährt, nimmt seine Frau dies auf Video auf, da sie es am nächsten Morgen ihrem Sohn zeigen will: „Der wird ausflippen, die Feuerwehr direkt an unserem Haus mit Durchsage, und er schläft schon!“ Fröhliche Stimmung im Hause Neumann. 20.15 Uhr! kommentiert er diese Szene. Aufgrund der Videoaufnahme konnte Andy Neumann folgende Durchsage nachvollziehen:

…Ahr ist die Hochwassergefahr sehr hoch. Innerhalb der nächsten 24 Stunden ist mit Überflutungen, Stromausfall und  Verkehrsbehinderungen zu rechnen. Halten Sie sich möglichst nicht in Kellern, Tiefgaragen und tieferliegendem Gelände auf. Sichern Sie flussnahe Gebäude und entfernen Sie ihre PKws aus dem Gefahrenbereich. Informieren Sie sich über die Medien und behalten Sie das Wetter und das Abflusssystem im Auge. Achten Sie unbedingt auf Ihre eigene Sicherheit und auf die Anweisungen der lokalen Einsatzkräfte (9).“

Andy Neumann betont, dass er nach wie vor tiefenentspannt ist, denn

was ich – ebenfalls auch heute noch – nicht heraushören kann, ist: ‚Sie befinden sich in eine Gefahrenzone, es ist hier mit Überflutungen zu rechnen, die nicht nur Keller oder Tiefgaragen betreffen werden. Bringen Sie sich sofort in Sicherheit!‘ Aber wer weiß, vielleicht liegt das an mir. Fest steht ich bleibe entspannt. Wir haben vor gut drei Jahren gebaut, ein massives Haus, Stein auf Stein. Kein Keller, KfW 55 (das wird leider noch wichtig), ein Haus wie ein Berg. Hier kommt kein Wasser rein, Ende (10)!“

Um 21.49 Uhr schickt ihm seine Frau ein Video – schwimmende Autos, Weinfässer und Andy denkt noch: „Gott, der arme Winzer, dem die gehören“ – und bleibt trotzdem entspannt.

Dann ist es 23.58 Uhr und Andy Neumann schreibt:

Das einzige Video, das ich in dieser Nacht fertige, zeigt Autos, die sich mühsam über unsere Straße voranschieben, keine Verkehrsregel mehr gelten lassen. Das Wasser ist da. Wie immer es das geschafft hat, es ist da. Die Nachbarn stehen auf der Straße, wirken nervös oder gelassen oder vielleicht beides, einige sitzen selbst in diesen Autos, aber für mich, für uns beide ist sofort vollkommen klar: Auf keinen Fall wecken wir die Kinder, setzen sie jetzt in eines der Autos und versuchen wegzukommen. Lebensmüde waren wir noch nie, und dort draußen spielt man Russisches Roulette, wenn man sich ins Auto setzt(11).“

Wir werden sehen, wie es bei Neumanns weitergeht und wie sehr Andy Neumann richtig liegt mit seiner Annahme, dass der Weg nach draußen einem Russischen Roulette gleichkommt.

Ich habe ja bereits angedeutet, dass ich mich in Andy Neumanns Protokoll einklinke. Ich war von Samstag, den 17.7. bis zum 24.7. jeden Tag im Hilfseinsatz – gemeinsam mit meinen Kindern und Freunden und habe eigene Aufzeichnungen angefertigt. Andy Neumanns Protokoll wird mir auch als Blaupause und Folie dienen, die eigenen Eindrücke zu überdenken und eine neuerliche, konstruktive Auseinandersetzung mit den Ereignissen und ihren Folgen anzustreben.

In dieser Nacht vom 14. auf den 15. Juli, in der wir uns mit Andy Neumann befinden, verlieren gerade in Bad Neuenahr-Ahrweiler viele Menschen ihr Leben (allein in der Stadt sind wohl 73 Todesopfer bestätigt, für die in Bad Neuenahr am 18.9.21 eine Gedenkfeier stattfindet). Drei dieser Menschen, die in dieser Nacht ihr Leben verloren haben, sind mir bekannt. Und die Umstände ihres Todes erschrecken zutiefst. Die Nachbarin meines Neffen und die Freunde meiner Schwester gehen – wie viele andere – vielleicht genervt vom anhaltenden Regen, aber letztlich doch sorglos zu Bett. Die Wucht und die Dynamik der Flutwelle hat die über Achtzigjährigen wohl vollkommen überrascht, so dass sie ein Obergeschoss nicht mehr erreichen konnten. Im Falle der Nachbarin meines Neffen stellt sich die Situation noch ungleich dramatischer und zugleich ausweglos dar, da es im eingeschossigen Bungalow kein Obergeschoss gibt. Die hochbetagte Frau wird im Garten ihres Anwesens aufgefunden, ertrunken bei dem Versuch den Fluten durch Flucht zu entgehen.

Andy Neumann schildert auf den folgenden Seiten – zeitgleich zum hoffnungslosen Kampf dieser, in der Nachbarschaft Ertrunkenen – seinen „Kampf gegen das Wasser“ und gelangt selbst an eine Grenze, die er für ausgeschlossen hielt – bis zu den sich nun überschlagenen Ereignissen, bei denen nur die Flucht ins Obergeschoss bleibt, ohne auch nur abschätzen zu können, ob das reichen wird und ob im Falle eines Falles eine Rettung über das Dach gelingen könnte:

Den Kampf verlieren wir“, rufe ich […] Das Haus wird nicht standhalten. Das Wasser wird kommen, sehr schnell.“ Und weiter: „In der Zeit, die folgt, lerne ich sehr viel darüber, warum man sich nie für vollkommen angstfrei halten sollte. Warum man nie denken sollte, man kriegt alles im Leben hin, weil das bisher auch der Fall war. Ich lerne, dass es Situationen gibt, in denen man, wenn man Pech hat, nichts, aber auch gar nichts im Kopf hat, was Sinn macht (12).

Zwischen 1.30 und 2.00 Uhr gelingt es Andy Neumann (immerhin) Verbindung zur Feuerwehr herzustellen. Er schildert seine Situation der Feuerwehr gegenüber folgendermaßen: "Ich habe meine Frau und zwei Kinder hier, zwei und fünf Jahre alt. Das Wasser braucht noch fünf Stufen bis zum Obergeschoss. Dachgeschoss vorhanden. ich brauche nur zwei Informationen: Wird das Wasser noch weiter steigen, und gibt es für den worst case überhaupt noch Evakuierungsmöglichkeiten?" Nach den Aussagen des Feuerwehrmannes ist klar, dass sie alles für ein Ausweichen ins Dachgeschoss vorbereiten und schauen müssen, wie eine Flucht über das Dach (Rettung per Hubschrauber) aussehen könnte. Die Tatsache, dass Andy Neumann eine Kontaktaufnahme zur Feuerwehr - tief in der Nacht gelingt - veranlasst ihn zu einem ersten Statment mit Blick auf Mitteilungen der Einsatzleitung bei der Kreisverwaltung. Er redet Klartext und ist gleichwohl vorsichtig in der Wahl seiner Worte. Er lässt allerdings keinen Zweifel daran, an wen er diese adressiert:

"An dieser Stelle sei mir der kurze Exkurs erlaubt: Es gab im Nachgang der Katastrophe Menschen in gehobener Position, die unter anderem mit der Behauptung antraten, die Kommunikation sei nicht mehr möglich gewesen. Das ist nicht nur vollkommener Blödsinn, sondern zeigt auch, dass manche Menschen offenbar noch denken, sie könnten alle um sich herum verschaukeln, wenn ihnen die Lüge schon aus dem Gesicht schreit (16)."

Die Schilderungen meines Neffen, seiner Frau und seiner Tochter aus dieser Nacht - sie harren nur einige hundert Meter entfernt (fatalerweise auch noch voneinander getrennt) in den Dachgeschossen aus, in die sie sich retten konnten - entsprechen dem, was Andy Neumann nun formuliert. Wir sollten dies zur Kenntnis nehmen stellvertretend für so viele Menschen, die im Zuge dieser Katastrophe um ihr Leben bangten, kämpften und es im Ausmaß der geschilderten Zahlen auch verloren haben:

"Ich bin nicht mehr panisch. Ich habe Angst. Todesangst. Nicht einmal groß um mich selbst. Aber um meine Familie. Aufs Dach? Wirklich? So hoch? Und was dann? Keine Hubschrauber, keine Rettung, nur wir selbst. Ich könnte es versuchen, klar. Könnte schwimmen, mich am Walnussbaum festhalten, an was auch immer, da wird sich schon was bieten. Aber mit zwei Kindern im Arm? Oder auch nur eines, wissend, dass meine Frau es dann mit dem anderen allein versuchen muss? Vielleicht dreht nicht jeder Mann durch bei diesem Gedankenbild, vielleicht bin ich viel weicher, als ich es mir eingestehen würde, vielleicht ist das, was nun folgt, vollkommen irrational. Mag alles sein. Aber es ist, wie es ist, ich habe, für eine, zwei, fünf Minuten Angst, dass wir sterben. Oder, schlimmer, dass meine Familie, auch nur einer von ihnen, stirbt. Und ich überlebe. Niemals wieder in meinem Leben möchte ich auch nur eine Sekunde lang ein solches Gefühl haben!(17)."

Das hier ist wie Krieg

Dieser Gedanke kommt Andy Neumann als es dämmert. Seine Kinder sehen das anders: "Papa, wir haben das Meer am Haus," meint wohl die fünfjährige Tochter. Im Laufe des Tages wird die Famillie von einem befreundeten Winzer aus der akuten Hochwasserzone evakuiert. Das Wasser geht bereits zurück und das Schadensausmaß wird en Detail erkennbar, mit symbolträchtigen und unfassbaren Treppenwitzen: "Irgendwann" - schreibt Andy Neumann - "höre ich etwas in der Art von 'Das gibt's doch nicht, oder?' Wie sich herausstellt, hat von allem, was in dieser Nacht zerstört wurde (also faktisch allem!), ausgerechnet das riesige Glas überlebt, aus dem ich Wein trinke, wenn ich im Weingut Musik mache." Ein Glas!? Ein Glas!! Alles ist kaputt, und ein Glas, so groß wie eine Wassermelone, liegt heil in der Sutsche, stellt er amüsiert und konsterniert zugleich fest. Das erste Resümee im Chaos:

"Unabhängig von allem, was noch folgte, von den Höhen und Tiefen, durch die wir gingen, den Strapazen und Sorgen, die mich wohl ein paar Lebensjahre kosten werden, war das doch der Gedanke, der mich nie ganz losließ und ein Trost war: Uns ging und geht es, gemessen an unzähligen Menschen um uns herum, am Ende wirklich gut (27)."

Am Freitag, den 16.07. versuche ich - der Verfasser dieses Beitrags - nach Bad Neuenahr zu meiner Cousine zu glangen, ausgestattet mit Pumpe und entsprechenden Utensilien. Meine Cousine wohnt im Elternhaus unserer Mütter neben meinem väterlichen Elternhaus. Wir sind eher wie Geschwister - Hausbacke an Hausbacke - groß geworden. Donnerstagsmorgens um 6.58 Uhr erreicht mich ein Video, das mich noch heute fassungslos macht. Es zeigt die Kreuzstraße als reißenden Fluss. Der gegenüberliegende Sportplatz - einer der prägenden Orte meiner Kindheit und Jugend - ist in den Wassermassen versunken. Das Rauschen des Wassers mutet an wie ein gigantischer Wasserfall. Meine Cousine filmt auf dem Balkon des Obergeschosses stehend mit ihrem Handy, wie die Ahr die Kreuzstraße flutet. In einem Schwenk erscheint ein mächtiger Fluss - mehrere hundert Meter breit -, der alles mit sich reißt, was sich ihm in den Weg stellt. Wie gewaltig diese Flutwelle gewesen sein muss, wird an den kommenden Tagen überdeutlich. Im Wasserschutzgebiet auf der Höhe des Apollinarisbrunnens und am Apollinaris-Stadion stranden zerstörte und ramponierte Autos; ebenso zwischen den Kastanienbäumen, die das Flussbett der Ahr säumen. Meine Cousine schreibt: Bei Deinem Neffen und mir steht alles unter Wasser. Keller, Wohnungen, Garten und vor der Tür rauscht die Ahr. Es ist die Hölle - alles stinkt nach Öl. Was soll nun werden - ich weiß gar nicht damit umzugehen. Brauche deinen Rat. Wir telefnonieren. Ich sage unser Kommen zu. Am Freitag, dem Tag meines ersten Versuchs, gelange ich erst gar nicht bis nach Neuenahr. Ich muss umkehren. Alle Zufahrten zum Ostteil der Stadt sind schwer beschädigt. Noch während der Rückfahrt erreichen mich die Anrufe meiner Kinder, Güls saufe ab. Dort, wenige Meter von der Mosel entfernt, besitzen wir ein Haus. Seit vierzig Jahren bin ich erprobt Hochwassermanagement. Wir bauen also dort unsere Spundwände auf und beginnen unserer Pumpen zu installieren. Die Scheitelwelle der Mosel hat die Mündungszone - also auch Güls - noch nicht erreicht. Abends haben wir es geschafft und ein Eindringen des Wassers ins Haus abwenden können. Wir planen unseren samstäglichen Einsatz in Bad Neuenahr und organisieren mit Hilfe unseres Nachbarn Andreas ein erstes Notstromaggregat (der liebe Gott wird ihm einen gewaltigen Bonus auf seinem Konto gutschreiben - sein Vater, der von Frankreich aus die Entwicklung verfolgt, ordert sofort ein zweites Aggregat, das uns schon montags zur Verfügung steht, genauso wie ein weiteres Aggregat von Gülser Bürgern zur Verfügung gestellt). In den nächsten Tagen werden wir - bis zur Erschöpfung - Keller und Wohnung meiner Cousine sowie das Souterraingeschoss meiner Schwägerin von den Schlammmassen befreien und freiwerdende Kräfte den Nachbarn zur Verfügung stellen (dazu an anderer Stelle mehr). Wenn einer wissen muss, dass der Kampf gegen den Schlamm ein Kampf gegen die Zeit ist, dann ich. Auch in der Vorgehensweise zahlen sich nun die Erfahrungen aus vierzig Jahren Konfrontation mit Hochwasser aus. Aber all dies verblasst gegenüber den katastrophalen Dimensionen im Ahrtal. Immerhin und beachtlich genug, gelingt es den Wasserversorgern relativ zügig wieder für Frischwasser zu sorgen. Wir setzen die Keller permanent unter Wasser während wir gleichzeitig den Schlamm in den Pumpensumpf schieben und mit Hilfe unserer leistungsfähigen Pumpe nach oben auf die andere Straßenseite befördern. Sie - die Pumpe - wir genau so lange ihren Dienst tun, wie wir sie brauchen. Dann gibt sie erschöpft ihren Geist auf - ein wenig wir wir alle.

Ich liebe euch, Männer!

Mit diesem Ausruf beendet Andy Neumann seinen Eintrag vom 16.07.21 - "Kein Geld der Welt könnte die Menschen bezahlen, die ich 'Freunde' nennen darf (35)." Auch wenn er von Männern spricht, meint er Menschen! Das wird in den sich anschließenden Schilderungen mehr als deutlich. Um zu zeigen, was ich meine und was mich zutiefst beeindruckt und berührt, zitiere ich auch hier eine Passage aus seiner Danksagung, die er seiner Frau widmet und die auf den Seiten 154/155 seine Aufzeichnungen abschließt:

"Nichts von all dem, was ich getan habe, hätte ich geschafft, wenn ich nicht vom ersten Tag an gewusst hätte, du bist da und unsere Kinder sind sicher, behütet und glücklich, auch wenn ihr nicht bei mir wart. Ich weiß, du hättestnur zu gern all das auf dich genommen, was meine Aufgabe war. Und ich weiß, du hättest es gekonnt, vom Schlamm über die Bohrhämmer bis zum Reifenflicken. Und vieles besser als ich. Aber ich hätte doch niemals so gut geschafft, was du getan hast! Also danke, dass du mir den leichteren Part überlassen hast (154)."

Seite 41 in Fettdruck gehört Stephan:

"Der Stephan. Wenn ich daran denke, kann ich es immer noch nicht fassen. Ich hatte ihn an diesem Tag (16.7.) kurz gesehen, als er mit dem vollen Auto kam und Gaben austeilte wie der Nikolaus mit Glatze. Telefoniert hatten wir vorher schon, mehr als einmal. Er fragte mich, wie er helfen kann, und ich sagte ihm, dass die Leute um mich herum Stromaggregate brauchen, und Pumpen. Ein Aggregat brauchte ich selbst auch noch. Und vielleicht Arbeitskleidung. Mehr Handschuhe wären top. Ach ja, und Müllsäcke. Ob ich ein Auto brauche, fragte er. Klar, sagte ich, meine sind weg oder hängen lustlos im Zaun. Er wollte das checken, ich könnte wahrscheinlich den Golf haben. Is klar, dacht ich mir. Nun Stephan hielt Wort. Mit allem. Viele Menschen um mich herum, die plötzlich dringend benötigte Hilfsmittel bekamen, wissen bis heute nicht, wer der Typ war, der ihnen das Zeug hingestellt hat. ich weiß es. Und ich hoffe, das Schicksal auch."

Ja, vor allem auch dafür schätze ich die Aufzeichnungen Andy Neumanns. Es sind unzählige Stephans, die hier ein Kraftfeld installierten, das bis heute nachwirkt. Einer unserer Stephans heißt Dirk. Dirk, ein entfernter Bekannter Gabys, rief meine Cousine am 20. Juli frühmorgens aus Lippstadt in der Nähe von Paderborn an: "Was brauchst du?" Am frühen Nachmittag stand Dirk mit seinem Kastenwagen in der Kreuzstraße, packte ein Trockengerät, dutzende von Schaufeln, Klamotten, Handschuhe aus, half uns das Gerät in Betrieb zu bringen, trank einen Kaffee und fuhr die 230 km nach Lippstadt wieder zurück. Zweifellos kehrte und kehrt diese Katastrophe in vielen Menschen das Beste und Edelste hervor, was Menschen zu bieten haben.

Andy Neumann schreibt eine Hymne auf die Zivilgesellschaft. Ich werde an gegebener Stelle einstimmen. Zuvor möchte ich ihm folgen am Sonntagmorgen, dem 18. Juli, als alle anderen noch schlafen. Er will zum Haus. Die Familie ist in Neuenahr bei ihrem Winzer in einem Ferienhaus untergekommen. Für die Recherche zu Teilen einer Familienrekonstruktion, die ich "Hildes Geschichte" genannt habe, habe ich mir "Die Straßen von Bad Neuenahr" beschafft (2003 herausgegeben vom Eifelverein, Ortsgruppe Bad Neuenahr - ISBN: 3-00-013075-6 - Randbemerkung: Der damals auch schon amtierende Landrat Dr. Jürgen Pföhler schreibt im Vorwort den bemerkenswerten Satz: "Auch die Bewohner einer Straße kommen und gehen im Laufe der Jahrzehnte. Jede Straße entwickelt so ihre eigene, persönliche Geschichte." Der 14. Juli bedeutet für so manche Straße in Neuenahr/Ahrweiler und ihre Bewohner eine tragische Wende in ihrer Geschichte.).

Ich folge Andy Neumann - per pedes - (wie er schreibt) über die Heerstraße hinein in die Weinbergstraße, in die Sebastianstraße und schließlich in die Schützenstraße ca. 2 1/2 Kilometer. Er schreibt:

"Ich biege ab in die Schützenstraße. Sehe eine Mutter mit kleinem Kind. Es weint. Das mag einen ganz harmlosen Grund haben, aber irgendetwas reißt in mir. Ich sehe mich um, drehe mich im Kreis. Das Neubauprojekt am Kindergarten, im Schlamm. Der Parkplatz, voller Schutt. Vor allen Häusern: Berge von Müll, Bagger überall, Einsatzfahrzeuge. Nichts ist normal. Krieg kann nicht schlimmer sein. Denke ich. Und heule los. Kurz. Aber heftig. Schäme mich nicht, umarme die Tränen, begrüße es, dass etwas aus mir herausbricht, was auch herausmuss [...] Wenn es mir schon so erbärmlich geht, dann muss doch so vielen deutlich schlechter gehen? PSNV, denke ich. Psychosoziale Notfallversorgung. Immer dabei, wenn es irgendwo Opfer gibt, das weiß ich, ist ja Teil meines Jobs. Aber bisher habe ich nur Menschen gesehen, die schippen, Schubkarren schieben, Eimerketten bedienen, kurzum die Drecksarbeit machen. Bekommen die Leute Hilfe für ihre Seele (44)?"

Mit heißer Nadel geschrieben versucht Andy Neumann immer wieder eine gewisse Distanz aufzubauen, die ihm sowohl eine Einordnung seiner Beobachtungen erlaubt als auch eine kritische Auseinandersetzung mit der institutionellen Seite des Krisenmanagements:

"Exkurs: 'Im Rahmen der Bewältigung von Großschadensereignissen, großflächigen beziehungsweise überörtlichen Gefahrenlagen und anderen außergwöhnlichen Ereignissen wird der Krisenstab der Landesregierung tätig bei ressort- und ebenenübergreifenden Koordinierungsaufgaben der Ministerien, mit dem Bund, den Bundesländern, den Nachbarstaaten und sonstigen Stellen. Ziel ist die rasche Herbeiführung effektiver Entscheidungen der verantwortlichen Stellen.' Intranetauftritt des Innenministeriums Rheinland-Pfalz. Für sachdienliche Hinweise dazu, ab wann und wie lange dieser Krisenstab existent war, wäre ich sehr dankbar. Hinweise an der Verlag. Danke! (44f.)"

Erstens: Mehr als zwei Monate nach der Flutkatastrophe im Ahrtal hat der rheinland-pfälzische Landtag einen Untersuchungsausschuss eingesetzt. Nicht nur Andy Neumann und der CDU-Fraktionsvize Gordon Schneider wollen wissen, wann aus der Ahnung, aus den Prognosen die Gewissheit wurde, dass eine lebensgefährliche Flut das Ahrtal verwüstet?"

Zweitens: Die Tatsache, dass am 27. Oktober 2021 eine Enquete-Kommission: „Konsequenzen aus der Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz: Erfolgreichen Katastrophenschutz gewährleisten, Klimawandel ernst nehmen und Vorsorgekonzepte weiterentwickeln“ mit der konstituierenden Sitzung ihre Arbeit aufnimmt, zeigt, wie sehr Andy Neumann schon am 18.07.2021 wohl berechtigte Zweifel daran hegte, dass das instituionelle Krisenmanagment auch nur ansatzweise auf der Höhe der oben geschilderten Selbstansprüche agierte.

Andy Neumann erwähnt den Ahrweiler Pfarrer (der hier verlinkte Beitrag ist lesenswert vor allem auch im Zusammenhang mit dem Aufsehen erregenden Interview, das Jörg Meyrer der BamS gegeben hat.) Auch er spricht in klaren Worten immer wieder sowohl die Verzweiflung als auch die erstarkende Hoffnung an, die vor allem einer zivilgesellschaftlichen Solidarität ohne Beispiel entspringt.

Wenn der Untersuchungsausschuss und die Enquetekommission ihre Abschlussberichte vorlegen, werden sie die Fragen beantworten müssen und der berechtigten Kritik entsprechen müssen, die Andy Neumann bereits am Montag, den 19.7.21 in den Raum stellt:

Er nimmt Bezug auf ein Interview Armin Schusters (Präsident des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, kurz BBK - die dazu gehörige Bundesakademie hat ihren Sitz in Ahrweiler - im übrigen dort, wo meine Schwester, hoch über Ahrweiler wohnt). In diesem Interview mit The Pioneer sagt er:

"Das Gemeinsame Kompetenzzentrum Bevölkerungsschutz von Bund und Ländern, das im Krisenfall das Ressourcenmanagement für alle Hilfs- und Rettungsmaßnahmen zentral koordinieren könnte, von der Feuerweht über die Hilfsorganisationen bis zu THW und Bundeswehr, haben die Innenminister der Länder beschlossen, wir müssen es jetzt zügig umsetzen."

Dazu schreibt Andy Neumann: "Ich schreie innerlich Hurra, weiß aber gleichzeitig, dass von 'wir müssen zügig umsetzen' und 'Hier bin ich, nu freu dich!' in der Behördenwelt gern Dekaden vergehen. Dennoch, das Thema Katastrophenschutz scheint, von der Katastrophe des Jahrhunderts beflügelt, an Fahrt aufzunehmen. Da müssen doch alle aufspringen! Denke ich. Und wieder der Teil des Gehirns, der auf Naivität besteht... (52)."

Ich könnte nie wieder in den Spiegel sehen

Es gibt da zwei Aspekte, die Andy Neumann immer wieder in den Fokus rückt: Den situativen, auf die lokalen Ereignisse bezogenen und den übergeordneten, strukturellen auf die Klimafrage bezogenen. Mit Blick auf letzteren Aspekt stimmt er mit dem Stern-Reporter überein, der meint: "Diese Jahrhundertkatastrophe muss die politische Agenda prägen. Wer sich dem entzieht, darf politisch in diesem Land keine tragende Rolle spielen (70)." Die Wahlen zum 20. Deutschen Bundestag waren in dieser Hinsicht eine Enttäuschung, auch wenn inzwischen feststeht, dass die Unionsparteien auf den Oppositionsbänken sitzen werden. Unterm Strich könnte Greta Thunberg recht behalten mit ihrem schon mehr als zwei Jahre alten Hinweis, dass unsere Hütte brennt, eine Mehrheit von uns aber immer noch nicht bereit ist die Feuerwehren an die Brandherde heranzulassen. Der erste Aspekt führt Andy Neumann sieben Tage nach den verheerenden Ereignissen gegenüber den politischen Verantwortungsträgern (hier insbesondere die Einsatzleitung vor Ort im hoheitlichen Zuständigkeitsbereich des örtlichen Landrats) zu dem Befund:

"So viel dreiste Verlogenheit und Ignoranz habe ich noch nie erlebt. Eines weiß ich: Hätte dieser Einsatz in meiner Verantwortung gelegen, ich könnte nie wieder in den Spiegel sehen (78)."

[Für Sonntag, den 25.07.2021 gibt es -dazu passend - nur einen kurzen Eintrag:

"Ein Blick ins Internet genügt, und der Tag ist gelaufen:

'Nach der verheerenden Flut an der Ahr: Landrat weist Schuldzuweisungen zurück'

Es gibt Tage, da ist nicht wichtig, was man selbst getan hat. Das hier, diese Schlagzeile, dominierte alles. Ich glaube, Sie habe inzwischen ein gutes Bild gewonnen. Ich lasse das einfach wirken (94)."]

 

Wir nähern uns dem Samstag (24.07.2021). Es ist der letzte Tag, den ich in Bad Neuenahr verbringe - vor einem Kurzurlaub auf Juist. Aus Sicht der von Andy Neumann geschilderten Ereignisse ist er insofern bemerkenswert als er das Ausmaß der Zerstörungen offenbart und gleichzeitig Ambivalenzen in der Helferszene thematisiert. Andy Neumann begleitet "Walburga und ihre Tochter, die im Weingut (wo auch Andy untergekommen ist) die Helferverpflegung übernommen haben", zu ihrem Wohnhaus in der Nähe des Kurviertels:

Das Ausmaß der Zerstörungen:

"Die beiden fragen irgendwann am Abend, ob sie jemand begleiten könnte, der eine Schubkarre mit Wasserkanistern mitnehmen kann, damit sie endlich mal Frischwasser daheim haben. Wie kann man da Nein sagen?" Andy Neumann trappelt also hinterher durch Bad Neuenahr bis zur Ahr, wo die beiden wohnen und notiert anschließend: "Die Zerstörung im Herzen der Kurstadt hat mich dann wirklich fassungslos gemacht. Der Platz an der Linde, ein Trümmerfeld. Die Kurgartenbrücke, weg. Das Steigenberger erhebt sich sozusagen aus Ruinen. Poah, das war nicht schön, das noch zu sehen, ganz ehrlich (89)."

Ambivalenzen in der Helferszene:

Andy Neumann erwähnt "zwei kräftige Jungs aus Sachsen", die ihre Hilfe anbieten. "Nach Ablehnung im anschließenden kurzen Gespräch beim angebotenen Bier kamen die beiden schnell zum Thema, dass es an der Grundschule (Aloisius-Grundschule Ahrweiler, Verf.) alle Hilfe gibt, die man braucht." Und Andy Neumann fügt kurz an: "Nie habe ich so sehr um zwei Flaschen Bier getrauert", um dann anschließen zu erläutern:

"Die Passage mit den Jungs aus Sachsen erklärt sich nicht von selbst, fürchte ich. Wer die damalige Medienlage aufmerksam verfolgt hat, dürfte mitbekommen haben, dass es kurzzeitig Irritationen wegen der sogenannten 'Reichsbürgerszene', 'Querdenkern' und anderen Menschen gab, die sich in einer Schule, keine Gehminute von mir entfernt, eingenistet hatten. Ohne formelle Erlaubsnis, wie man hörte. Und schon war das Dilemma perfekt. Ich hatte ja weiter oben bereits protokolliert, welcher Art die Begegnungen waren, die man vor Ort haben konnte, wenn man wollte. Und dabei geschildert, dass es schwierig ist, Menschen, die zuallerest einmal helfen, wegzuschicken, weil man sie einem Lager zuordnet, das, sagen wir es mal vorsichtig, müffelt. Ich schreibe dieses Buch als Privatmensch, und meine private Haltung zu der Frage ist klar: Ich will von Menschen keine Hilfe, die diesen Staat infrage stellen. War daher nur einmal in der Schule, und zwar in Begleitung der Kollegen aus Sachsen-Anhalt. Und wusste, dass ist kein Ort, an den ich jemanden schicken würde. Dass es vielen um mich herum aber total egal war, von wem sie Hilfe bekommen, fand ich und finde ich immer noch absolut nachvollziehbar. Dementsprechend unterschiedlich fielen auch die Kommentare zur Entscheidung aus, die, wenn ich mich richtig erinnere, auch an diesem Wochenende getroffen wurde: DIe Schule sollte geräumt werden. Gut so, fand ich. Sauerei, fanden andere. Ich gehöre zu den Menschen, die beide Seiten verstehen können, und ich finde, wir kämen viel weiter, wenn wir das alle mal wieder öfter versuchen würden. Die beiden Männer jedenfalls, die wir vorschnell auf ein Bier eingeladen hatten, schafften es mit nur zwei, drei Sätzen, die freundliche Stimmung kaputtzumachen. Manches Gelaber will man sich einfach nicht anhören (92)."

 

E  R  S  I  C  H  G  E  N

und

Handwerker

Andy Neumann verbucht so manches unter der Rubrik unterhaltsame Storys: Zumindest eine dieser Storys muss ich hier wiedergeben:

"Montag rief mich eine Firma an, von der Versicherung beauftragt, meinen Schaden zu beseitigen. Ich schwöre und ich weiß, ihr glaubt das nicht, aber ich schwöre, die wollten als Allererstes jemanden schicken zur Leckage-Ortung! Ich habe so herzhaft gelacht, Freunde, ich kriege heute noch Pipi ins Auge bei der Erinnerung. Ich brech echt zusammen... nun ja, als ich mich wieder gefangen hatte und geklärt werden konnte, dass das gesuchte Leck der Himmel war und man den nicht groß suchen muss, sagte ich der Anruferin, welche Gewerke ich eh schon an den Start gebracht habe... (105f.)."

Weniger amüsant für Neumann war dann sicherlich der zweite Anruf der Firma mit dem Tenor: "Tut uns leid, wir kriegen das nicht hin, keine Kapazitäten. Subtext: Sehen Sie wie der Rest des Tals am besten zu, wo sie bleiben."

Schon am 16.07. hatte Andy Neumann Kontakt mit seiner Versicherung. Folgende Erfahrung gehört für viele Betroffene wohl zu einer der deprimierenden Grunderfahrungen:

"Dann die Gebäudeversicherung... Und der Schock! Die Telefonate im Februar, als wir die brandneue Fotovoltaik versicherten  und bei der Gelegenbheit ein 'Rundum-Sorglos-Paket' einforderten, waren wohl ein Stück weit für die Katz. Denn das damalige Angebot enthielt zwar im Wohngebäudebereich wirklich alles inklusive Glasbruchs. Doch in der Hausrat hatte man (wie gesagt, wir wollten 'Rundum-Sorglos') den Elementarbaustein geflissentlich ignoriert [...] Das Gespräch dauerte an, ich bekomme die Schadensnummer, und dann die ernsthafte Aufforderung: Denken Sie daran, dass Sie den Hausrat einzeln fotografieren! (Lesen Sie das noch mal, bitte. Man muss das wirken lassen.) Mal unabhängig davon, dass das Zeug dank der Sensationsleistung meiner Beraterin ja nicht mal versichert ist. Aber von 30 Zentimeter Schlamm bedeckte Gegenstände einzeln sortieren? 'Notfalls legen Sie alles in eine Reihe und fotografieren mehrere Dinge auf einmal.' Wir sind am Limit, will ich schreien. Haben Sie eine Ahnung, wie es hier aussieht? Haben Sie noch alle Latten am Zaun? Hat man Ihnen ins ... Ich reiße mich zusammen, natürlich [...] Aber ob ich darüber nachdenke, auf den Regulierer der Versicherung zu warten, bevor ich Aufträge verteile? Nein. Ich bin doch nicht irre (31f.)!"

Vermutlich wird Andy Neumann mittlerweile juristische Expertise eingeholt haben, um zu prüfen, inwieweit der Versicherer - auch bei vermeintlich offenkundigen Versicherungslücken - seiner Beratungspflicht nachgekommen ist. Meiner Cousine ist es ähnlich ergangen:

Hier ist vielleicht der Hinweis hilfreich, dass man zumindest im Sinne der Geschädigten prüfen sollte, ob im Beratungsprotokoll ein Hinweis auf Elementarschäden und entsprechende Handlungsempfehlungen enthalten ist. Dabei gilt wohl der Grundsatz, dass der Versicherer - sofern er mehrere Varianten einer Wohngebäude- und/oder Hausratversicherung anbietet (so zum Beispiel eine Variante mit Elemantarschadensversicherung und einer Variante ohne Versicherungsschutz gegen Elementarschäden) - den Kunden auch zwingend dahingehend beraten muss, welche von mehreren angebotenen Versicherungsvarianten für ihn die passende ist.

 

Die Kraftquelle - Der Mensch ist, weil er sich verdankt!

Wenn auch am Sonntag, den 08.08.2021 für die Neumanns feststeht, das "hier nix abgerissen wird", wird auf der anderen Seite auch klar, dass alles raus muss - trotz Zementestrich: Putz, Böden, Estriche, Fußbodenheizung etc. - genau wie bei meiner Cousine. Dass diese Ernüchterung nicht zur Resignation und Aufgabe führt, hat bei Andy Neumann einen unmissverständlichen, unverbrüchlichen Grund - ja, im Sinne von Fundament, Basis, die hier Zugehörigkeit und Bindung meinen. Auch bei meiner Cousine, die leider selbst keine Kinder hat, ist die erweiterte Familie  und sind Freunde der Anker in der Brandung - am kommenden Montag (15.11.) kommt Gaby mit Matty - ihrem Patenkind (das Enkelkind meines 1994 verstorbenen Bruders, in dem er mit seiner ältesten Tochter weiterlebt - und der im Übrigen heute am 12. November 66 Jahre alt würde) zum Mittagessen.

Andy Neumanns Familie kommt nach der ersten Notunterkunft beim Winzer bei seinen Schwiegereltern unter. Die leben in Freiburg - zwei Wochen Trennung (darüber war im Ergebnis - in der Hommage und Liebeserklärung Andy Neumanns an seine Frau - weiter  oben schon zu lesen. Nach zwei Wochen Trennung sieht Andy seine Familie wieder und schreibt, als er nach einem intensiven Wochenende wieder allein zurückfährt:

"Jetzt, hier, auf der Rückfahrt ins Ahrtal bin ich voller Zuversicht, angefüllt mit der Liebe meiner Familie und gestärkt durch die Hilfe, die mir Familie, Freunde, Bekannte und auch mein Amt von Beginn an gegeben und angeboten haben. Und ich denke immer wieder an den schönen Chorus aus dem Lied, das mein Schwiegervater zu unserer Hochzeit geschrieben hat. Treffender kann es doch gar nicht sein:

'Habt euch lieb an allen Tagen, 
Schwere Last gemeinsam tragen.
Lebt den Tag
Die Zukunft fest im Blick!'

Machen wir so, Papa! Danke."

Andy Neumann rahmt diese für ihn so fundamentale Erdung mit folgendem Kommentar:

"Seht ihr mal zwei volle Wochen die drei Menschen nicht, die eurem Leben erste eine Bedeutung geben. Es gibt vielleicht Leute, die das können. Ich gehöre nicht dazu und ich werde es, weiß Gott, auch nie freiwillig ausprobieren.
Ich hatte mir vorgestellt, dass die Kinder erst einmal fremdeln würden. Dass sie weinen könnten, wie die Kleine das tat als ich sie an ihrem allerersten Weihnachtsfest geschlagene zehn Tage allein lassen musste, weil in Berlin eine andere Katastrophe stattgefunden hatte. Aber nichts dergleichen. Die Kinder haben sich gefreut, sie waren glücklich, Papa war da, hoch die Hände, Wochenende. Wie gut so was der Seele tut, kann man vermutlich auch niemandem so leicht erklären. Und groß sind die beiden geworden, poah...
Von den vier Tagen mit meiner Familie gibt es nur wenig zu schreiben, denn vom Glücklichsein berichtet es sich immer schwer. 'Papa knudeln' war ganz klar meine Lieblingsbeschäftigung, die mir auch unglaublich oft angeboten wurde. Außerdem habe ich seit dieser Nacht nicht mehr so gut geschlafen wie jetzt in dem vertrauten Zimmer in diesem vertrauten Haus im Schwarzwald, inmitten meiner drei [...] wir haben uns einfach genossen. Unterstützt durch meine geliebten Schwiegereltern, die uns schon so viel gegeben haben und dennoch nicht müde werden, uns weiter mit allem zu unterstützen, nicht zuletzt mit meiner Geduld.
Ich habe im Ergebnis meine gesamte Kraft zurück, meinen Willen, meine Hoffnung. Soll mir keiner erzählen, dass irgendetwas anderes als Liebe so etwas schafft. Danke ihr drei, dass es euch gibt, dass ihr ohne mich die Stellun haltet, und dass ihre gemeinsam das Maximum an Normalität lebt, das jetzt möglich ist. Alles andere schafft der Papa schon (126f.)."

 

V E R A N T W O R T U N G

Und trotz alledem soll dies nicht das letzte Wort sein. Kurz vor Schluss zieht Andy Neumann ein Resümee, bei dem auch noch einmal die politische Dimension angesprochen wird - einschließlich der Frage, wer hier Verantwortung trägt:

"Interessant, wie schnell sich im Leben Ding ändern und Stimmungen in ihr komplettes Gegenteil umschlage können, nicht? Hätte die ganz Welt umarmen können, als ich damals zurückfuhr. Akku voll, schon in die Hände gespuckt und zurück, notfalls den gesamten Estrich mit der Hand abgetragen. Das war so mein Sonntagabendfeeling. Und richtig schlecht ist meine Stimmung seither auch nicht geworden. Es ist die Ungewissheit, die uns runterzieht. Wenn wir wissen, es gibt eine Lösung, und es liegt irgendwie in unserer Macht, ans Ziel zu kommen, welchen Grund gäbe es dann noch zu verzweifeln? Leider weiß ich, dass viele Menschen es dennoch taten. Dass es an Geld fehlte, an Kraft, an Zeit, am schieren Willen vielleicht. Die ersten Häuser tauchten in den Immobilienportalen auf. Menschen verließen das Tal, um nicht zurückzukommen. Und das Schlimmste: Gerüchte machten die Runde, die in so manchem Fall zu Fakten wurden. Menschen, die nicht mehr konnten. Und aufgaben, endgültig. Das macht einen doppelt fertig. Dass nach dieser Katastrophe und den ohnehin schon unfassbar vielen Opfern, aller Hilfe und allen Angeboten auch psychischen Beistands zum Trotz Menschen es einfach nicht geschafft haben, da durchzukommen. Als hätten nicht alle schon genug gelitten.

In der Frage der Verantwortung gab es spannende Neuigkeiten, die ich an dieser Stelle gern noch einmal aufgreife. Am 6. August gab die Staatsanwaltschaft Koblenz bekannt, dass sie ein Ermittlungsverfahren gegen den Landrat des Kreises Ahrweiler eingeleitet habe. Unter anderem wegen fahrlässiger Tötung. Mein erster Gedanke war: Das machen die nicht, wenn sie damit nicht durchkommen. Klar, das ist eine plakative und durch nichts zu belegende Annahme meinerseits. Zu dem Ermittlungsverfahren hatte und habe ich nicht mehr Informationen als alle anderen Menschen im Tal. Aber ich bleibe dabei und hoffe wie jeder einzelne Mensch um mich herum, dass ich recht behalte.

Bereits am 3. August war zudem eine, wie ich finde, politische Bombe geplatzt, die ihresgleichen sucht. Die CDU-Bundestagsabgeordnete für unseren Wahlkreis positionierte sich, für politische Verhältnisse im Allgemeinen und innerhalb derselben Partei im Besonderen überdeutlich, gegen den CDU-Landrat.
'Es scheint, dass er das Vertrauen in Teilen der Bürgerschaft und der Verwaltungen verloren hat. Die Menschen wünschen sich Zuversicht und Mut für den Wiederaufbau unserer Heimat', zitierte die Rhein-Zeitung. Indirekt, so das Blatt, lege sie Landrat Pföhler damit den Rücktritt nahe.
Indirekt?, dachte ich nur. Die Aussage war eine Ohrfeige, die bis Berlin schallte! Um die Dimension des Gesagten zu verstehen, muss man sich nur daran erinnern, was es mit den Inhalten von Arbeitszeugnissen auf sich hat. Sie wissen schon, 'stets bemüht', 'gesellig' und ähnliche Floskeln, die eine gänzlich andere Bedeutung habaen als bei freundlichem Lesen anzunehmen. Meine Empfehlung: Entfernen Sie einfach den Konjunktiv und einschränkende Worte, dann lesen sie die Botschaft, die gesendet werden sollte. Und nun versetzten Sie sich in folgende Situation: Die Menschen, für die Sie verantwortlich sind, schwanken irgendwo zwischen Ärger und Hass. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Sie wegen fahrlässiger Tötung. Und die eigene Bundestagsabgeordnete legt Ihnen öffentlich und wenig verklausuliert nahe zurückzutreten. Was würden Sie tun?
Ich sage Ihnen, was ich tun würde: Ich würden zurücktreten, packen, weit wegziehen und beten, dass ich mich jemals davon erholen kann, in eine solche Lage gekommen zu sein. Oh, und mich Monate lang damit abmühen, einen perfekten Text zu verfassen, mit dem ich den Menschen im Ahrtal irgendwie begreiflich machen könnte, wie leid mir das alles tut.
Verantwortung übernehmen hieße das. Konsequenzen ziehen. Einsehen, dass ich der Geisterfahrer bin, nicht alle anderen. Was in der Realität geschehen ist, dürfte Sie nicht überraschen (131ff)."

Klar, ich kann meinen eigenen Beitrag an dieser Stelle nicht wirklich abschließen. Einiges habe ich in anderen Beiträgen bereits angesprochen und thematisiert. Was uns - wie bei allen großen Katastrophen, die eine Spendenflut auslösen - beschäftigt, ist die Verteilung der Spenden. Dies wird bereits sehr früh in einem ZEIT-Beitrag von Anna Mayr angesprochen. Wo ich Andy Neumann auch noch einmal folgen möchte, ist schlicht in einem Riesendank an so viele. Wenn ich nun Namen nenne, unterliege selbstverständlich der Gefahr, den/die ein oder andere(n) zu vergessen. Ich fang einfach mal an bei den Gülsern: den Kunzens, den Alscheids, den Fraedrichs, Birte und Martin, Nadine, Markus, Josef, meinen Kindern Laura, ihrem Mann Thomas, Sebastian (dem Mann meiner Jüngsten und dem Vater meiner Enkelkinder), Claudia, die uns bekocht hat, meinen Nichten Ann-Christin, Kathrin und natürlich Jens, die Tina aus Dedenbach und die Tina aus Königsfeld, Fabian, Harald, Dirk, Mathilde, Elisabeth, dann den vielen Namenlosen, die einfach da waren, natürlich den Nachbarn im wechselseitigen Helfermodus (Dieter, Henrik, Benedict, Beatrix, Heinz).

 

 

 

   
   
© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund