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Jede und jeder sollte einen Nachruf über sich selbst schreiben - Anregungen zu meinem eigenen Projekt einer lebenslaufbezogenen Rekonstruktion (rechte Spalte: ~ NEU ~ Lebenslauf)

Am 15. Oktober 2021 hat mir, der ich ein digitaler Embryo bin, Steffen dabei geholfen, meine mänandernden Lebenslauf-Absonderungen in eine lesbare, das heißt hier, in eine kapitelweise gegliederte Form zu bringen. Danach bin ich in die Stadt gefahren, in meiner Stammbuchhandlung gelandet.

Das Buch, das ich dort eigentlich kaufen wollte, fiel mir nicht mehr ein. Nun liegt Harald Welzer vor mir auf dem Tisch: Nachruf auf mich selbst. Harald Welzer begleitet mich schon lange (sehr folgenreich gemeinsam mit Sönke Neitzel); zuletzt mit der schon 2002 in erster Auflage erschienenen Theorie der Erinnerung: Das kommunikative Gedächtnis. Nicht in meinem Nachruf, aber in meinem Nachlass wird es meinen Enkelkindern eine kleine Hilfe sein, meine liebevolle - ja teils liebesverlorene - Begleitung zu verstehen (vielleicht zu schätzen), wenn ich schon lange nicht mehr bin. Harald Welzer hatte wohl Glück. Er hat einen Herzinfarkt überlebt - offenkundig ein Wendepunkt, die Kapitel II - Geschichten vom Aufhören und vom Leben - prägen; fundiert eben von jener Schlüsselerfahrung, die Harald Welzer überlebt. Er resümiert:

"Wie gesagt, ich habe meine Unsterblichkeitsillusion verloren. Zum Glück. Denn das Bewusstsein, dass mein Leben endlich ist, mehr noch, ganz direkt, von einem Moment auf den anderen zu Ende sein kann, ist ja kolossal wichtig dafür, was ich mit ihm mache. Lebe ich weiterhin im Vorentwurf auf das, was dann irgendwann mal kommt (wie ein Sechzehnjähriger, der das mit Recht macht - aber für jemand 60 plus ein wenig albern, nicht wahr)? Glaube ich weiterhin, ich habe die Wahl, Menschen auszuprobieren, anzuziehen wie Kleider (das war jetzt von Max Frisch geklaut?). Macht es Sinn meine Eitelkeit zu zelebrieren, auch wenn mich schon niemand mehr attraktiv findet? Gibt es eine Gymnastik, mit der man sich für die Endlichkeit des Lebens geschmeidig trainieren kann? Hat das Bewusstsein von der eigenen Sterblichkeit statt Schrecken womöglich - Schönheit?
Und können wir nicht, wenn wir jetzt von meinem Fall in die Gesellschaft zurückblenden, viel besser und womöglich auch schöner auf unsere ökologischen Herausforderungen reagieren, wenn wir sie als Endlichkeitsphänomene akzeptieren und endlich Konzepte des Aufhörens entwickeln würden, als immer nur wie in einer immerwährenden Beschwörung der Grenzenlosigkeit weiterzumachen und zu optimieren, was man in Wahrheit aufgeben müsste?"

Mir kommt das rührend vor; vielleicht weil ich diesen Punkt längst hinter mir gelassen habe und zuletzt von Luisa Neubauer erfahren musste, dass sich der Rückschluss von der individuellen Lebenslage (wohl auch wenn sie nahezu finale Ausmaße annimmt) auf gesellschaftliche tipping points als Illusion herausstellt. Beider Publikationen (Luisa Neubauer gemeinsam mit Bernd Ulrich) sind vor dem 14. Juli 2021, dem Tag der Flutkatastrophe, erschienen. Im Kontext dieser verheerenden Ereignisse liest sich Luisa Neubauers Kassandra-Ruf im Zusammenhang mit dem von Harald Welzer ersehnten Kurzschluss besonders eindringlich:

"Die Klimakrise wird uns hoffentlich nicht das perfekte mythische Ereignis bieten, das sich uns fein säuberlich orchestriert als Argumentations-grundlage für weitreichende Klimamaßnahmen anbietet. Sich der ökologischen Krisen anzunehmen, ist eine Frage des politischen Willens (Luisa Neubauer, in: Noch haben wir die Wahl, Stuttgart 2021, Seite 93)."

Apropos: Mir fällt - neben Roger Willemsen - ein weiterer Fall ein, bei dem der Protagonist leider nicht überlebt hat und damit die Chance für eine Kurskorrektur versäumt - hoffentlich nicht das Menetekel für eine  negative gesellschaftliche Analogie. Dietmar Kamper formuliert sein Bedauern darüber in seinem Traumbuch auf dem Sterbebett (ikonographisch übgrigens hochinteressant, die beiden Cover zu betrachten - Harald Welzer und Dietmar Kamper inszenieren sich auf beeindruckend naive Weise mit leisen Attitüden der Unsterblichkeit. Unsterblich werden sie ja auch bleiben - im kollektiven Gedächtnis einer aufmerksamen Leserschaft, so lange es sie noch gibt - die Leserschaft.

Harald Welzer schreibt uns gleichermaßen vertraute wie eindringliche Sätze auf: "Deshalb sollten wir, individuell wie gesellschaftlich, das Leben vor dem Tod nach der Maßgabe dessen gestalten, wer und wie wir gewesen sein wollen." Ein trauriges Beispiel lieferte Roger Willemsen mit seinem Tod und dem nachgelassenen Büchlein: Wer wir waren. Auch der Kontext, den Harald Welzer bemüht, ist uns vertraut. Es gibt solche Sätze wie: "Was hatten die Ingenieure im Sinn, die in Zeiten des Klimawandels tonnenschwere Geländewagen für Stadtbewohner entwickelten?" Harald Welzer meint: "Gar nichts. Denn alles dieses basiert ja auf Entwicklungen, die sich über lange Zeit hinweg vollzogen und als kulturelle Praxis eingeschrieben haben [...] Kulturelle Praxis ist gelebte Praxis, keine diskursive, reflektierte, gedachte Angelegenheit, wo man einfach sagen kann: Moment, hier stimmt was nicht! Deshalb wird eine solche Praxis manchmal auch um die Gefahr der Selbstaufgabe nicht verlassen." Was ist anders als mit Blick auf die untergegangenen Kulturen, von denen - wie Welzer bemerkt - einige lange durchgehalten haben, 800, 900 oder auch ein paar tausend Jahre? Die Tatsache, das dies so ist, bedeutet für Harald Welzer, dass die Nachhaltigkeit unseres Kulturmodells nochmals relativiert werde:

"Vielleicht ist ja der Anfang von seinem Ende genau damit markiert, dass die tote Masse größer geworden ist als die lebendige. Vielleicht ist das der tipping point, einer jener Punkte, von dem aus man nicht mehr zurück in den vorherigen Zustand kommen kann, ab dem etwas unkorrigierbar wird." Andererseits: "Aber vielleicht gibt es in der Geschichte der Menschen solche Punkte gar nicht, weil ihre Lebensform, wie gesagt, ohnehin in permanenter Veränderung und Anpassung besteht (S. 18)."

Nun ja, der hieraus abgeleitete Clou besteht bei Harald Welzer darin, dass er schlussfolgert: "Jeder sinnvolle Satz setzt eine zukünftige Welt voraus. Insofern wären (auch) Nachrufe nur dann sinnvoll, wenn sie für das Leben davor geschrieben würden, nicht für das danach, das es ja nicht gibt." Es führt dann zu der Überzeugung:

"Deshalb sollte jede und jeder einen Nachruf über sich selbst schreiben, darüber, wie sie oder er gelebt zu haben hofft, wenn er noch lebt. Danach schreiben die Nachrufe andere, und dann ist es einem zwangsläufig nicht nur egal, was da drinsteht, man hat auch keinen Einfluss darauf. Ich habe den Verdacht, dass die Aufgabe, einen Nachruf auf sich selbst zu schreiben, eine sehr produktive Sache wäre, denn in gewisser Weise würde man sich ja selbst verpflichten, so werden zu wollen, wie man gewesen zu sein hofft hatte. Dabei kommt natürlich viel mehr heraus, als wenn man nur so vor sich hinlebt und gelebt wird, und dann kriegt man einen Nachruf. Wenn es hoch kommt. Die meisten kriegen ja keinen."

Harald Welzer wird viele bekommen. Mit der Frage, ob der eigene Nachruf in Kapitel III "Nachruf auf ein zu lebendes Leben" ihn ein Stück weit immunisiert gegen das Unvermeidbare, müssen sich die auseinandersetzen, die dann noch da sind und die das interessiert. Bei mir ist es schlicht so, dass diejenigen, die sich für mich auch dann noch interessieren, wenn ich ihnen leibhaftig nicht mehr begegnen und ihnen nichts mehr erzählen kann, eine Fülle von Geschichten und Geschichtchen vorfinden werden, die etwas mit mir zu tun haben. Da ich Luhmann-gesotten bin, kann ich an dieser Stelle natürlich auch schon einräumen, dass niemand gefeit ist vor der Versuchung, die eigenen Absonderungen mehr oder weniger radikalen Inkonsistenzbereinigungsprogrammen zu unterziehen. Aber es ist ja ohnehin so, dass eine jede und ein jeder Geschichten, die ihm begegnen - zumal wenn sie sich auf einen mehr oder weniger vertrautes Gegenüber (als Ehegatte, als Vater und Großvater, als Freund und Bekannter) beziehen - mit den eigenen Bildern und Erinnerungen abgleicht; das führt sicherlich manchmal zu einem Schmunzeln unter Umständen aber auch zu einer nachhaltigen Verärgerung/Enttäuschung.

Mal sehen, wie es weitergeht, und wer den Mut hat Harald Welzers Aufforderung zu folgen. Prof. Dr. Knut Löschke gehört jedenfalls nicht dazu. Es fällt mir bereits schwer, kostbaren Raum zu opfern, um allerdings dann die Kurve wieder zu bekommen, die Diskutanten - wie der erwähnte - beharrlich ignorieren. Ein Freund aus unserer Montagsrunde hatte den Beitrag von Löschke weitergleitetet "als Diskussionsbeitrag gedacht". Löschke entleert sich buchstäblich mit der immer wiederkehrenden Schleife, was er denn alles satt habe:

  • Er hat es nicht nur satt, sondern er bekennt, er habe die Schnauze voll vom "permanenten und immer religiöser werdenden Klima-Geschwafel, von Energie-Wendephantasien, von Elektroauto-Anbetungen, von Gruselgeschichten über Weltuntergangs-Szenarien von Corona über Feuersbrünste bis Wetterkatastrophen".
  • Er "kann die Leute nicht mehr ertragen, die das täglich in Mikrofone und Kameras schreien oder in Zeitungen drucken". Er "leidet darunter miterleben zu müssen, wie aus der Naturwissenschaft eine Hure der Politik gemacht wird".
  • Er hat es satt, sich von "missbrauchten, pubertierenden Kindern vorschreiben zu lassen", wofür er mich zu schämen habe.
  • Er hat es satt, sich von "irgendwelchen Gestörten" erklären zu lassen, dass er Schuld habe an Allem und an Jedem - vor allem aber "als Deutscher für das frühere, heutige und zukünftige Elend der ganzen Welt".

Ich lasse es dabei bewenden und gestehe ein, dass ich Löschkes unappetitlichen Absonderungen nicht als Diskussionsbeitrag zu akzeptieren vermag. Unappetitlich wäre nicht weiter tragisch. Die Folgen seiner Perestaltik erfüllen allerdings alle Kriterien verschwörungstheoretischer Idiotien - und mehr noch: Sie legen einmal mehr nahe unsere Erinnerungskultur infrage zu stellen. Von dort ist es für viele nur noch ein kleiner Schritt Adornos Nie wieder zur Disposition zu stellen. Es würde schon genügen, wenn Löschke die Scham nachvollziehen könnte, die uns angesichts des nationalsozialistischen Terrorregimes mit all seinen Folgen immer wieder einnimmt. Auch wenn wir - ich bin knapp zwei Jahre jünger als Löschke - selbstredend nicht zur Täter- oder sagen wir etwas neutraler zur Kriegsgeneration gehören, der Verantwortung für eine umfassende Erinnerungskultur mit entsprechenden roten Linien kommt uns allemal zu. Kontern wir einmal - weil er ja zumindest hier in diesem Beitrag mein Argumentationslieferant ist - mit Harald Welzer (Jahrgang 1958). Der hatte vor zehn Jahren, wie er schreibt, eine der zahllosen Tagungen zum Klimawandel und zur notwendigen Klimapolitik im großen Refraktor auf dem Telegraphenberg in Potsdam besucht (einmal ganz abgesehen davon, dass Harald Welzer sich gemeinsam mit Sönke Neitzel um die Erforschung des sogenannten Referenzrahmens verdient gemacht hat - verbunden mit einem Erkenntnisgewinn, der uns zweifellos auch differenzierter schauen lässt auf die Tätergeneration bzw. auf die Kriegsgeneration, die den Nationalsozialismus ermöglicht und mitgetragen hat:

"Auch heute noch, mindestens ein Jahrzehnt später, bin ich der Auffassung, dass die Möglichkeit, Zukunft zu gestalten, davon abhängt, die Bedingungen dafür realistisch zu betrachten, also nicht nur von dem Wunsch getrieben, dass das doch bitte irgendwie gutgehen möge, trotz aller Daten, die dagegensprechen (S. 22)."

Welzer versuchte die Tagung mit der Frage zu erweitern: "What if we fail?" Er bekam für seinen Ansatz seinerzeit keine Resonanz und stellt fest:

"Inwzischen ist bekanntlich das (ehemalige) 2-Grad-Ziel auf das 1,5-Grad-Ziel erhöht worden, ganz unbeschadet der Tatsache, dass die Emissionen zwischenzeitlich in einem Ausmaß weiter angewachsen sind, das bereits die 2 Grad noch unrealistischer geworden sind als zum Zeitpunkt ihres ersten Ausrufens. Aber solche sozialen Tatsachen stören eine naturwissenschaftliche Vernunft nicht, die auf der Grundlage höchst komplexer Mess- und Berechnungsverfahren einfach die Notwendigkeit einer solchen Begrenzung festlegt. Wenn es 1,5 Grad sein müssen, müssen es 1,5 Grad sein, fertig. Leider jedoch nimmt das Klimasystem ein solche wissenschaftlich unbestechliche Festlegung nicht zur Kenntnis, sonder verarbeitet die ganz ungebrochen wachsende Emissionsmenge von Treibhausgasen, indem es sich munter weiter erwärmt."

Typen wie Löschke haben diesen Schuss nicht gehört. Sie können ihn gar nicht gehört haben, denn dieser Schuss hat ihnen den letzten Rest Hirn aus ihrer Schädelkalotte geblasen. Dann ist es natürlich zuviel erwartet, dass sich solche Verschwörungs- und Fäkalfetischisten (die es andauernd satt haben, auch wissenschaftlich seriöse Erkenntnisse zur Kenntnis zu nehmen) entblöden und den T A T S A C H E N  stellen. Klar sind Konstruktionen - menschengemachte Erkenntnisleistungen, die wissenschaftlich diskutiert werden können. Was mir Übelkeit verursacht - gar im Sinne Max Liebermanns (Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte), ist dass Typen sich mit professoraler Attitüde in die Herzen eines unbedarften, aber immerhin des Lesens mächtigen Publikums schleichen, wie es von Peer Leithold repräsentiert wird und denen Löschke nach eigenem Bekennen aus dem Herzen spricht!" Es ist halt nie gut dem Herzen die Regie alleine zu überlassen. Bei Fragen, wie sie hier zu diskutieren sind, geht es halt nicht ohne Verstand!

 

 

   
   
© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund