debekabanner.svgcafe hahn bannerreuffel banner

<<Zurück

 
 
 
 

Ich habe Fehler gemacht - Eine Entschuldigung

Ich habe einen Fehler gemacht. Fehler taugen im besten Falle dazu die (Auf-)klärung von Klärungsbedürftigem zu befördern. Eine Entschuldigung für die von mir gemachten Fehler liegt hauptsächlich in dem Umstand begründet, dass ich in den ersten Tagen nach dem 14. Juli nicht in der Lage war, meine Aussagen sine ira et studio – ohne Zorn und Leidenschaft – und viel eher mit Abstand und Gelassenheit in die Welt zu tragen. Es waren eher beiläufige, unbedachte Äußerungen im sozialen Umfeld, die eine Dynamik und Eskalation zur Folge hatten, die so sicherlich niemand beabsichtigt hat(te).

In den ersten Tagen nach der Flutwelle im Ahrtal organisierten sich die Menschen – so auch in der Kreuzstraße in Bad Neuenahr, wo das Elternhaus meines Vaters und das Elternhaus meiner Mutter – heute von meiner Cousine bewohnt – Hausbacke an Hausbacke stehen, flankiert vom Mietshaus der 90jährigen Nachbarin zur Linken, als Notgemeinschaft. Notgemeinschaften werden von Menschen gebildet, die sich in einer gemeinsamen Notlage befinden. Was Menschen in einer Notlage wirksam hilft, ist Unterstützung von außen – Unterstützung von Verwandten, von Freunden, die aber angesichts des Ausmaßes der Zerstörungen überfordert waren. Die Welle von Hilfe und Helfern aus der Region und aus ganz Deutschland sorgte in einer beeindruckenden Unmittelbarkeit für Entlastung in vielerlei Hinsicht. Von den Höhen kamen Suppenküchen und versorgten uns jeden Tag mit warmem Essen und Kaffee. Organisierte Einsatztrupps halfen – und helfen bis heute – beim Entschlammen, beim Entrümpeln und beim Rückbau der geschädigten Bausubstanz. In der akuten Not rechnet man natürlich zuvorderst mit der Hilfe und Unterstützung von Freunden. Diese Hilfe speist sich aus einem weiten Feld der Unterstützung in Wort und Tat. Ein Beispiel möchte ich hier erwähnen, weil es von der Anteilnahme eines seit vielen Jahren gesundheitlich schwer belasteten Freundes zeugt, der uns aus seiner Betroffenheit heraus Kraft, Zuversicht und Durchhaltewillen für die nächsten Wochen und Monate wünschte.

Kommt, reden wir zusammen, kommt essen wir zusammen, kommt handeln wir zusammen – wer redet ist nicht tot, es züngeln doch die Flammen schon sehr um unsere Not.

Was irritierte und auch zornig machte, waren belehrende und akademisch anmutende Wortklaubereien, die uns weis machen wollten, was sich hier im Zuge und infolge der Flut in den Überschwemmungsgebieten zugetragen hatte, das sei zwar ein veritable Katastrophe, aber nicht vergleichbar mit einer Hölle, wie sie sich in Syrien, Nordkorea oder im Yemen ereignete. Ich hatte einem Freund gegenüber naiv und unbedacht geäußert, es sei eine regelrechte Hölle, die sich hier auftue. Wir haben das mit zunehmenden Abstand von Tagen und Wochen geklärt und der Freund hat eingeräumt, vorschnell geurteilt und das Ausmaß der Katastrophe nicht angemessen eingeschätzt zu haben. Die anfänglichen Irritationen sind ausgeräumt.

Nach der realen Flut setzte die mediale Bilderflut ein. Anzahl und Details der Berichte von Betroffenen veranschaulichten das Ausmaß der Schäden und das Elend der existentiell getroffenen Menschen, von denen viele nicht nur den Verlust von Hab und Gut, sondern auch den Verlust von Angehörigen und Freunden zu beklagen hatten.

Für Dünnhäutigkeit gab es eigentlich gar keinen Raum, denn es gab ja Tag für Tag mehr als genug zu tun. So fiel anfänglich auch gar nicht auf, dass in der tatkräftigen und moralischen Unterstützung so vieler auch vertraute Stimmen fehlten oder sich im Nachgang auf merkwürdige Weise vernehmen ließen. Ein langjähriger Freund steht für den Unterschied, der daraus resultiert, „nah oder weniger nah dran zu sein“. Dass er mir ins Chaos hinein telefonisch einen angenehmen und sonnigen guten Tag wünscht, lässt sich schnell klären, und wir verschieben unseren small talk auf irgendwann. Bei der Gelegenheit irgendwann ergibt sich dann, dass sich auch für ihn ein mittelbarer Bezug zu den Geschehnissen an der Ahr aus der Tatsache ergibt, dass man die Schwiegermutter seines Bruders in Ahrweiler in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli vom Dach ihres Hauses gerettet hat.

Bei alledem unverständlich bleiben mir bis heute die unverbindlichen Verlautbarungen eines guten langjährigen Freundes. Wir haben viele Höhen und vor allem die Tiefen des Lebens miteinander geteilt – über die Dauer von mehr als zwanzig Jahren. Mit ihm habe nicht nur praktisch, sondern auch theoretisch Möglichkeiten und Grenzen von Freundschaft erörtert: Ihm sind die Kriterien und Eckpfeiler bekannt, die Arnold Retzer im Vermessen der Freundschaft vorgeschlagen hat – wir haben sie eingehend diskutiert:

Das heißt es:

„Das gewöhnliche Tun des Engagements ist die persönliche Bereitwilligkeit, das entsprechend Erforderliche zu tun und sich die dazu erforderliche Zeit für gemeinsames Tun zu nehmen und den erforderlichen Raum der Gemeinsamkeit des Ortes zu schaffen. Bei all dem das Recht zu haben, Freundschaft dem Anderen gegenüber einfordern und beanspruchen zu können (auch unharmonisch im Konflikt), ohne deshalb in der Lage zu sein, Freundschaft gegen den Willen des Anderen erzwingen zu können.“

Und zuvor weist Arnold Retzer weist darauf hin, dass Freundschaft auch schwierig werden könne - es könne zu Streit kommen. Allerdings bestehe der freundschaftliche Streit ja gerade darin, dass er tatsächlich ausgetragen werde: "Man ist bereit, sich auseinanderzusetzen... Ein ausgetragener Streit bewirkt meist eine Bekräftigung der Freundschaft." Er könne dazu taugen, den Kern einer Freundschaft auszuloten und vor allem:

„Indem die Freunde etwas zur Sprache bringen, entbinden sie sich vom bis dahin unsagbaren 'Eigenen' und machen es zu etwas Teilbarem und (in den Grenzen der Freundschaft) Öffentlichem. Wenn nun das (Miteinander-)Sprechen das spezifisch Menschliche ist, vermenschlichen wir, indem wir sprechen, sowohl das, was in der Welt ist, als auch das, was in uns ist. Wir bringen die Welt zu uns und uns in die Welt. Die Freundschaft ist ein geeigneter Ort, beides zu ermöglichen. Indem Freunde sich im Gespräch mitteilen, eignen sie sich ihre eigene Lebensgeschichte selbstreflexiv an und machen sich Tatsachen ihres Lebens, u.a. auch ihre Freundschaft, sinnhaft zu Eigen. Freundschaftliches Mitteilen ist die Bereitschaft, sich selbst verständlich machen zu wollen.“

Das ist schiefgegangen, und für meinen Anteil daran möchte ich mich entschuldigen. Es hat meinerseits inzwischen ein Lernprozess eingesetzt, der mir nun auch gestattet auf Augenhöhe zu gelangen zu den Eigentümlichkeiten einer Freundschaft, die in den letzten Jahren einfach schwierig geworden war. Auch der begrenzte Kreis einer Öffentlichkeit, die ich über meine Blog-Aktivitäten seit sieben Jahren herstelle und zu der Freunde und Bekannte Zugang haben, so sie es denn wollen, war dem Status unserer Freundschaft schon lange nicht mehr angemessen. Ich habe den entsprechenden Beitrag in meinem Blog gelöscht. Allein schon weil ich verstehen und realisieren will und muss, dass all die Kriterien, die ich mit Arnold Retzer für eine aktive Freundschaft auf Augenhöhe rekonstruiert habe, keine Grundlage mehr besitzen. Ich mag mich nicht mehr streiten. Grenzsituationen markieren die Bedingungen und Möglichkeiten dafür, wie Freunde sich zueinander verhalten.

Die mithilfe sozialer Netzwerke inszenierten privaten Details tragen das Ihrige dazu bei, Irritationen zu verstärken. Die Grundlagen für eine Freundschaft verflüchtigen sich in dem Maß, wie die Notlagen und Bedrängnisse den Horizont des Gegenübers nicht mehr erreichen. Wenn Spuren einer Bereitschaft nicht mehr zu erkennen sind, wenn es an Initiative mangelt, sich handelnd in eine Öffentlichkeit zu begeben, die durch eine Notgemeinschaft konstituiert wird – und hier wenigstens anteilnehmend zu unterstützen, dann muss man über Freundschaft nicht mehr nachdenken.

Werfen wir zuletzt mit Hannah Arendt (Vita Activa 1992, S. 57f.) noch einen Blick auf den Begriff des Öffentlichen und des Privaten. Ich schäme mich für den Versuch meiner inneren Stimme und auch meiner inneren Not öffentlich Raum gegeben zu haben. Es war sozusagen im Entstehen bereits obsolet, weil die Protagonisten keine gemeinsame freundschaftlich begründete Öffentlichkeit mehr teilen.

Wenn Menschen ein Privatleben führen, andere daran aber über soziale Netzwerke teilhaben lassen, dann gewähren sie Einblicke in das, was ihnen offenkundig wichtig und bedeutsam erscheint. Es entsteht eine Wirklichkeit, die dann vielleicht in erster Linie dazu taugt zu begreifen, dass dies für den ein oder anderen Beobachter keine geteilte Wirklichkeit mehr ist. Man wird als Adresse obsolet, so wie der andere als Adresse keine Resonanz mehr zulässt. Daraus ergeben sich schmerzhafte, aber gleichermaßen unabwendbare Erkenntnisse.

Mit dem Begriff öffentlich bezeichnet Hannah Arendt zwei verwandte Phänomene: „Es bedeutet erstens, dass alles, was vor der Allgemeinheit erscheint, für jedermann sichtbar und hörbar ist, wodurch ihm die größtmögliche Öffentlichkeit zukommt (S. 49).“ Das trifft auf den von mir erwähnten Blog nicht zu. Dennoch entschuldige ich mich für den Begriff des Fliegenschisses, mit dem ich die Reichweite meiner Absonderungen relativieren wollte. Es erweckt den Eindruck, als wolle ich mich Menschen gemein machen, denen ich in der Tat den Status von Arschlöchern zubillige, und die ich als schäbige Demagogen bezeichne. Aussagen, die öffentlich und somit für alle wahrnehmbar sind (und sei die Reichweite auch noch so begrenzt), kommt zugleich Wirklichkeit zu. Im Gegensatz dazu steht für Hannah Arendt das Verborgene, „die Leidenschaften des Herzens, die Gedanken des Geistes, die Lust der Sinne“. Sie führen im Vergleich mit der öffentlich wahrnehmbaren Realität ein Schattendasein. Hier bin ich für meinen Teil zu weit gegangen. Das Eingeständnis und die dadurch ausgelöste Scham kommen in der Tat zu spät; aber nicht zu spät, um zu bedauern, dass dies zwischen alten Freunden stattfinden konnte. Auch wenn ich nun sine ira et studio schreibe, bin ich mir vollkommen bewusst, dass man auch aus diesen Aussagen Rückschlüsse ziehen kann, dass innere Motive und Beweggründe sichtbar werden und dass dies in einem öffentlichen Raum geschieht. Der so entstehende öffentliche Raum hat die Kraft zu verbinden und er hat die Kraft  zu trennen.

Hiermit entschuldige ich mich noch einmal ausdrücklich für meine Grenzüberschreitungen. Die Bitte um Nachsicht steht genauso im Raum wie meine Betroffenheit.

Den Anstoß für diese Entschuldigung und das Löschen des strittigen Beitrages Kommt verdanke ich Marisa, Peter und Claudia. Ich hoffe sie sehen mir nach, dass ich sie hier namentlich nenne. In der Diskussion stellte sich die Frage, was denn mein öffentlicher Blog für einen Sinne mache. Ich habe darauf insistiert und betone auch hier, dass der seit sieben Jahren von mir intensiv gepflegte Blog ein nachvollziehbares Dokument meines Denkens darstellt; er lässt tiefe Einblicke zu in meine Weltsicht und in meine individuelle Entwicklung in dieser Welt. Er belegt, welche Diskurse mich interessieren und prägen und er ist ein Zeugnis für meine Positionierung in dieser Welt. Nicht erst die Ereignisse der letzten vier Wochen im Ahrtal bekräftigen dieses Unterfangen. Ich werde nicht müde zu betonen, dass wir uns - auch wenn wir diesen wunderschönen Planeten selbst nicht mehr vital beglücken und das Wort nicht mehr unmittelbar nehmen können - vor unseren Kindern und Kindeskindern zu rechtfertigen haben. Auch für uns junge Alte ist es noch nicht zu spät Konsequenzen zu ziehen aus einem vollkommen unverantwortlichen Umgang mit den natürlichen Ressourcen dieser begrenzten und endlichen Welt. Um dies auch in Form von konsequenten Diskursen zu dokumentieren, bedarf es der Öffentlichkeit. Ob in Hannah Arendts Vita Activa oder im gewagten Öffentlichkeitsbegriff in Arnold Retzers Vorstellungen von Freundschaft - es ist an der Zeit nicht nur eine Meinung zu haben, sondern für diese - hoffentlich begründete Meinung - auch öffentlich einztreten. Die Zeit der Bedenkenträgerei ist vorbei.

Ein Beispiel liegt mir dabei am Herzen, weil es mich schon seit Jahrzehnten irritiert, wie der Massentourismus diesen Planeten verwüstet und die Lebensbedingungen für die Eingeborenen untergräbt. Meine Haltung dazu polarisiert - auch wenn ich betone, dass es mir nicht um eine Inkrimierung ambitionierter individualtouristischer Aktivitäten geht. Darf man die Frage stellen, ob eine Reise - zum Beispiel mit der AIDAnova - zeitgemäß ist und wie viele Bäume man pflanzen müsste, um den damit individuell zu verantwortenden CO2-Ausstoß zu kompensieren? Nein man muss (sich selbst) diese Frage stellen und auch beantworten.

 

   
   
© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund