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ZEIT-Geist, U-Kurve, kommunikative Impotenz und rechtsradikale Denkfabriken

Fällt mir, fällt uns nichts mehr ein? Das würde ich so nicht bestätigen. Mit dem Surfen durch drei aktuelle ZEIT-Beiträge (aus 5/21) möchte ich ganz gerne dagegenhalten. Zum einen steht es mir mit fast 69 gut zu Gesicht, die Bedeutung von Generativität zu betonen. Dies werde ich im folgenden zum wiederholten Mal auch tun, eingebettet in den zum Titelthema avancierten Beitrag von Rudi Novotny: Das Beste kommt noch - Die Jugend sucht das Abenteuer. Die Lebensmitte setzt uns unter Druck. Das Alter übertrifft oft unserer Erwartungen. Das macht glücklich (S. 27-29) - Beitrag I.

Im Entdecken (S. 55) - Beitrag II - folge ich Francesco Giammarcos provokativer These von der Kommunikativen Impotenz. Und schließlich danke ich Thomas Assheuer für die Munitionierung in der Auseinandersetzung mit der AfD. Es tut über die Maßen gut, die AfD einmal mehr von einem klugen Kopf vorgeführt zu sehen.

In Das Leben ist der Güter höchstes nicht (S. 44) - Beitrag III - gelingt dies auf besonders überzeugende Weise, weil sich kaum eine gesellschaftliche (Krisen-)Lage geeigneter erweist als die gegenwärtige, den Zynismus, die Menschenverachtung und die offenkundige Blödsinnigkeit rechter und rechtsextremistischer Demagogie zu entlarven und bloßzustellen. Die Aufforderung der AfD gegenüber, sich endlich zu entblöden ist mir inzwischen weniger wichtig als die meinungsbildende Wirkung, die Beiträge wie der Thomas Assheuers eigentlich entfalten müssten. Die Relativierung ergibt sich - wie immer - aus der Erkenntnis, dass diese Wirkung ein Mindestmaß an Bildung voraussetzt. Ich bin mir sicher, dass ein Großteil der potentiellen AfD-Wähler über diese Grundbildung auch verfügt; der Rest bleibt eben Rest - bei gut 82 Millionen Menschen ist es schlechterdings unmöglich die Blödenquote auf  N U L L  zu trimmen, aber sie tendenziell gegen null zu bewegen bleibt ein Hauptziel aller Bildungsbemühungen und aller demokratieverträglichen Politik.

Beitrag I (B1) ist in seiner zentralen Aussage recht schnell zusammenzufassen: Andrew Oswald forschte als junger Ökonom Anfang der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts zum Phänomen der Zufriedenheit. Für die folgende zentrale These, deren Kernaussage er zu Beginn seiner Forschungsbemühungen fast übersehen hätte, findet er seither immer wieder Bestätigungen, so dass sie unterdessen als game-changer im Sinne eines Paradigmenwechsels gelten kann. In Prosa klingt die Botschaft etwa folgendermaßen:

"Das Alter hat sich gewandelt, und auch das Älterwerden. Die Jahre ab 50, vor allem die ab 60 sind für die meisten Menschen besser als je zuvor. Wo früher das Ende seinen Anfang nahm, beginnt heute eine zweite Lebenshälfte, die sogar schöner sein kann als die erste, die doch von Jugend, Gesundheit und Zukunftsträumen druchdrungen ist. Klingt paradox - so paradox, dass Andrew Oswald diese Entdeckung fast übersehen hätte."

Grafisch präsentiert und erhärtet Andrew diese Erkenntnis in Gestalt eines u - in Worten: "Wir präsentieren den Beweis, dass das psychische Wohlergehen im Laufe eines Menschenlebens die Form eines U hat." Danach sind die Jungen immer sehr zufrieden, dann geht es bergab, bis in der Lebensmitte der Tiefpunkt erreicht ist. Danach steigt die Zufriedenheit auf das Niveau der Jugendzeit an. Offenkundig finden ungezählte Vergleichsstudien Belege für diese u-förmige Verlaufsform der Zufriedenheitskurve; Hannes Schwandt (Northwestern University Chicago): "Statistisch gesehen sind die frühen Zwanziger super, das Tief liegt zwischen Mitte vierzig und Mitte fünfzig, die zweite Hochphase beginnt zwischen Ende sechzig und Anfang siebzig. Nur ganz am Ende wird es bitter." Die Beispiele, an denen Rudi Novotny die Befunde illustiert, sind höchst prominent und überzeugen in ihrer Logik und den vermittelten Selbstbeschreibungen: Michael Groß (Schwimmstar), Christiane Nüsslein-Volhard (Nobelpreisträgerin), Hansjörg Sinn (Wissenschaftssenator und Gründer der TU Hamburg) sowie Ildikó und Öcsi Hajtó (seit 60 Jahre miteinander verheiratete Flüchtlinge aus Ungarn mit jeweiligen beeindruckenden Biografien).

Die Protagonisten bestätigen Erkenntnisse, wie sie nicht nur von Ökonomen oder auch Neurowissenschaftlern zusammengetragen werden. Pasqualina Perrig-Chiello (emeritierte Entwicklungspsychologin) erforscht seit Jahrzehnten die zweite Lebenshälfte und resümmiert:

"In den mitteleren Jahren wird man sich zunehmend bewusst, dass Sein wichtiger ist als Haben [...] Man kann die zweite Lebenshälfte nicht nach dem Muster der ersten leben [...] Ein neuer Ferrari und eine neue Freundin helfen nicht."

Dass die (Rück-)Besinnung auf's Wesentliche sich gewandelten Grundeinstellungen verdankt, liegt nahe. Und es mag neben diesen Aspekten der Läuterung auch biologisch überzeugende Erkenntnisse geben: Neurowissenschaftler können heute wohl zeigen, dass es ein "komplexes Wechselspiel gibt zwischen Lebensabschnitt, Lebensumständen und der Konzentration von Botenstoffen im Körper gibt, das dazu führt, dass bei den Jungen besonders viel Dopamin ausgeschüttet wird, bei den Mittelalten mehr Adrealin und bei den Älteren mehr Morphium. Letzteres erscheint dann euphemistisch als Glückseligkeit des Alters. Mich persönlich interessiert sehr viel mehr ein Aspekt, der mit dem Begriff der Generativität umschrieben wird. Damit ist vor allem der Wunsch gemeint, Wissen und Fähigkeiten an die Nachgeborenen weiterzugeben, sich in die Gemeinschaft einzubringen: "Das finale Glück ist das Glück des Vermächtnisses, das schafft tiefe Zufriedenheit", meint Tobias Esch, einer der zitierten Neurowissenschaftler (Universität Witten/Herdecke).

Man könnte sich unter Alten - aber warum nicht auch mit den Jüngeren??? - über diese Hypothesen und die dargelegten Zusammenhänge austauschen, wenn da nicht eine andere These quer käme, mit der sich Francesco Giammarco ans Licht der Öffentlichkeit wagt (B II): "Nie waren Menschen so uninteressant wie in der zweiten Welle der Corona-Krise. Man selbst ist da keine Ausnahme." Mag sein, dass wir alle miteinander ähnliche Erfahrungen sammeln, wie Francesco, der sich durchaus für eine "recht unterhaltsame Person hält". Nur in letzter Zeit lache selbst seine Frau - zumindest nicht mehr regelmäßig - über ihn:

"Ich bin stinklangweilig geworden; ein menschliches Schlaftmittel. Ich bin so interessant wie der Fußball von Hertha BSC Berlin, habe null, nada, wirklich gar nix zu erzählen."

Francesco Giammarco dehnt diese Erfahrung aus auf das unterdessen unentbehrliche Kommunizieren im Netz: "Ich merke das, wenn ich mal wieder videocalle: 'Hey, Mann, wie geht es dir?' - 'Ja, gut ... wie immer halt.' - 'Und was geht, was ist so los?' - 'Ach ... nichts. Pandemie halt.' Spätestens dann wandern die Blicke meines Gegenüber an der Kamera vorbei und richten sich auf etwas Interessanteres als mich [...] Das ist natürlich nicht sehr angenehm, wäre aber im Grund kein Problem - wären nicht alle anderen Leute noch viel langweiliger als ich." Francesco rudert dann sofort zurück und relativiert: "Sie können nichts dafür. Wir alle nicht."

Francesco Giammarco gehört zu den Jungen - vermutlich viel Dopamin und auch ausreichend Adrenalin -, daher auch die Bemerkung, dass man nach der Erfahrung des ersten Shutdown, "wo noch alles neu und frisch war", jetzt - im zeiten lock-down schon zu Mittag Bier trinke, weil das "Wiederholbarkeitsvergnügen" gegen null gehe. Giammarcos Botschaft gleicht einer Klage auf hohem Niveau - immerhin erreicht er zumindest einen Teil der ZEIT-Leserschaft mit seinem Befund:

"Eins kann ich Ihnen sagen: An das Leben als langweiliger Mensch muss man sich erst gewöhnen. Ich habe es  - um ehrlich zu sein - nicht gleich realisiert. Am Anfang glaubte man noch, dass man interessant ist. Man redet und redet und findet es normal, dass einem alle so andächtig zuhören. Aber das ist eine Falle. Würde ich etwas Interessantes sagen, würde mich jemand unterbrechen, um etwas beizutragen. Wenn Ihnen länger als drei Minuten schweigend zugehört wird, ist die Chance groß, dass sie furchtbar langweiliges Zeug erzählen."

Ja, mein lieber Francesco Giammarco, da geht es mir besser. Ich mache mir gar nicht mehr die Mühe zu erzählen. Ich schreibe lieber langweiliges Zeug auf, damit ich auch den nachvollziehbaren Beweis liefere, dass wir alle langweilig geworden sind - allerdings außer Rudi Novotny, Francesco Giammarco und Thomas Assheuer - apropos Thomas Assheuer (BIII): Schade, dass ich den jetzt ganz am Ende verhackstücke, denn der hat doch ziemlich Gewichtiges zu sagen und macht sich einmal mehr verdient die Alternative für Dumme vorzuführen. Ich mach es mal kurz, denn zu viele Worte über die AfD zu verlieren, heißt  l a n g w e i l e n. Assheuer spricht im übrigen von "rechtsradikalen Denkfabriken". Vielleicht geht er da - rein semantisch betrachtet - ein wenig zu weit. Also zieht Euch alle mal richtig warm an - und nun der Reihenfolge nach:

  • Die rechten Denkfabriken - so Thomas Assheuer - werfen dem Liberalismus grundsätzlich vor, das Wesen der Weltgeschichte zu verdrängen: Die Geschichte sei eben nicht liberal, fortschrittlich und menschenfreundlich, sie sei 'wesensmäßig' grausam und tragisch. Kein Wunder also, wenn liberale Politiker angesichts von Großkrisen in Panik gerieten - sie hätten völlig vergessen, dass Opfer und Leid, Tod und Sterben zur Tragik des menschlichen Lebens dazugehörten.
  • Thomas Assheuer nimmt nun Martin Heidegger ein wenig unter seine Fittiche, indem er zunächst einmal klarstellt: "Die eigentliche Quelle für diese Sorte Zeitkritik ist Martin Heidegger. Mit der ihm eigenen Obsession kam der Philosoph (und NS-Parteigänger) immer wieder auf die 'Not der Notlosigkeit' zu sprechen, die 'im Zeitalter des endlosen Bedürfens' und des 'Amerikanismus' um sich greife wie die Pest: 'Unsere Not ist die Not der Notlosigkeit, der Unkraft zur ursprünglichen Erfahrung der Fragwürdigkeit des Daseins'." Die folgende Bemerkung ist substantiell, um die radikale Vereinnahmung Heideggers durch seine gestiefelten Nachfahren zurückzuweisen: Assheuer meint: "Heideggers Sätze sind, jedenfalls in der frühen Version in Sein und Zeit (1927) kein Skandal; sie sind ein Appell, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden, um nicht besinnungslos 'in der Blindheit des Nichtfragenwollens' am Leben vorbeizuleben."
  • Damit wendet sich Assheuer gegen die Radikalisierung der Formel Heideggers von der Not der Notlosigkeit im Kontext der Pandemiebekämpfung, wonach die Hilfsmaßnahmen der Bundesregierung - typisch liberal - darauf abzielten, den Bürgern die Konfrontation mit Wiederbelastung, mit Alltagsnot und dem existentiellen Ernstfall zu ersparen.
  • Thomas Assheuer entlarvt das unerträgliche Gesabber, indem er verdeutlicht, dass der nun eingetretene Ernstfall dazu hergenommen werde, die Wohlstandsgesellschaft in die tragische Normalität der Geschichte zurückzurufen. Der Staat betreibe damit Opfervermeidung. In der rechtsradikalen Zeitschrift Sezession liest sich dies folgendermaßen: "Tag für Tag schafft der Staat neue Stellen, die den Anspruch neu entdeckter Randgruppen (...) geltend zu machen, ihn zu besprechen, auszuhandeln, zu formalisieren und zu erfüllen vorgeben. Unser Staat, der einmal ein schlanker Fechter war, ist zur alles erdrückenden, jeden säugenden Sau geworden."
  • Thomas Assheuer belegt die Übersetzung in Realpolitik am Beispiel Alexander Gaulands, wenn der betont: "Wir müssen abwägen, auch um den Preis, dass Menschen sterben" - unterfüttert mit einem kastrierten Schiller-Zitat: "Das Leben ist der Güter höchstes nicht." Wer glaubt, dass Thomas Assheuer zu weit geht, wenn er im Sinne der AfD schlussfolgert: "Brutal interpretiert hieße das: kein Staat ohne Opfer. Ein übertriebener Schutz der Alten und Schwachen ist ein Dolchstoß für die deutsche Wirtschaft [...] Jeder Versuch, das Tragische durch die 'säugende Sau' des Staates abzuwenden, staut die Tragik bloß auf und hat selbst wiederum schicksalhafte Konsequenzen: Die Opfervermeidung der Politik im Kleinen gefährdet die ökonomische Selbsterhaltung der Nation im Großen - sie gräbt der deutschen Wirtschaft das Wasser ab."
  • Thomas Assheuer entlarvt den rechten Antihumanismus mit seiner Neigung zur Sakralisierung des Todes und seiner Sehnsucht nach Härte und Schwere: "Sterben, so suggeriert die AfD auf ihren 'Wegen aus dem Ausnahmezustand', müssen wir irgendwann alle. 'Das Leben ist der Güter höchstes nicht'."

Es ist fast schon müßig, mit Thomas Assheuer darauf hinzuweisen, dass das von Gauland bemühte Zitat aus Schillers Drama Die Braut von Messina noch weiter geht:

"Der Übel größtes aber ist die Schuld."

Schlimm genug, dass unser Staat es sich (noch) nicht verbieten kann, Alexander Gauland und seine Laufburschen an seiner Brust zu säugen; dass er mit seiner Brut im Verdacht steht, eine Drecksau zu sein, das ist zu beweisen - lest selbst! Und lasst uns Francesco Giammarco den Gefallen tun: Entledigen wir uns unserer kommunikativen Impotenz!!!

 

 

 

 

 

   
   
© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund