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Der Familie entkommt man nicht - ein Interview mit Sandra Konrad (ZEIT 4/21)

Ein guter Freund, der von Zeit zu Zeit meine Blog-Beiträge kommentiert, hat einmal bemerkt, ich sänge ein Loblied auf die Familie. Es stellt sich die Frage, wie gesellschaftliche Veränderungsdynamiken auch das unmittelbare eigene Erleben von Familie tangieren, und inwieweit ich dazu neige, idealisierten Familienbildern anzuhängen? Dazu fällt mir eine Bemerkung ein, mit der ich einen meiner letzten Beiträge eingeleitet habe:

Da inzwischen auch Enkelkinder geboren sind, lässt sich diese Frage ganz unvermittelt aus der alltäglichen Praxis heraus beantworten. Dabei ist heute schon allein der Hinweis, dass wir uns in der Regel allsonntäglich zum Mittagessen treffen - klar, mal fehlt der eine, mal der andere - erklärungs- und legitimationsbedürftig. Die Gesamtbilanz enthält als Mehrwert zum Beispiel, dass man sich nur alle drei Wochen um das sonntägliche Mittagsmahl Gedanken und Mühe machen muss. An zwei von drei Sonntagen setzt man sich an den gedeckten Tisch und - da alle respektable KöchInnen sind - genießt. Auf den Enkelkindern ruhen mehr Augen, mehr Aufmerksamkeit, mehr vielfältige, allseitige Zuwendung. Alle sind spannungs- und konfliktsensibel; manchmal krachts im Vorfeld und man sieht sich vielleicht dann doch einmal lieber nicht. In der Regel gibt es aber konstruktive und wertschätzende Formen der Konfliktbehandlung. In alte(rnde) Männer habe ich für meinen Teil einmal ein Zipfelchen gelüpft, um deutlich  zu machen, dass unsere jeweiligen Herkunfts- und Gegenwartsfamilien keine Idylle zulassen bzw. repräsentieren und zuweilen auch eher dem Chaos verpflichtet sind/waren.

Da kommt mir das Interview mit Sandra Konrad fast schon einem kleinen Geschenk gleich. Greift es doch so viele der von mir aufgenommenen und geschilderten Motive und Zusammenhänge in knappster Form auf. In Anspielung auf die extremen Formen der Kontaktbeschränkungen im Zusammenhang mit der Covid19-ausgelösten Pandemie bemerkt Sandra Konrad schlicht, dass viele aktuelle Konflikte sicherlich der Situation geschuldet sind:

"Die sozialen und beruflichen Einschränkungen und auch Krankheits- und Existenzängste machen vielen zu schaffen, sie sind reizbarer. Wichtig ist, dass alle Familienmitglieder so viel Autonomie wie möglich behalten und dass es gleichzeitig Familienrituale gibt, die Nähe und Leichtigkeit schaffen. Eigentlich eine schöne Übung fürs gesamte Leben und für alle Beziehungen - nur gerade unter erschwerten Bedingungen."

Sandra Konrad ist allerdings primär auf "mehrgenerationale Beratung" spezialisiert. Und schon die Eröffnungsfrage öffnet ein weites Feld, das mit einem Schlag meine Bemühungen um eine innerfamiliäre Wahrnehmung genau dieser mehrgenerationalen Perspektive beleuchtet:

"Gibt es das oft, dass Menschen längst eine eigene Familie haben und doch nicht von ihren Vätern und Müttern loskommen?"

Die Antwort Sandra Konrads lässt keine Zweifel daran aufkommen, wie sehr wie unser Selbst beziehen, schöpfen und im besten Sinne formen und gestalten auf der Grundlage unserer herkunftsbedingten Prägungen:

"Ja, man kann ans andere Ende der Welt ziehen, und trotzdem ist man irgendwie  mit seiner Familie verbunden. Selbst wenn die Eltern gestorben sind, spuken sie noch im Kopf herum. Das können hilfreiche Stimmen sein, die uns Kraft geben. Es können aber auch vergiftete Glaubenssäzte über uns und die Welt sein, die uns runterziehen, zum Beispiel 'Ich bin nicht gut genug' oder 'Die Welt ist schlecht, vertraue niemandem'. Bindungserfahrungen, das Lebensgefühl der Vorfahren und besonders deren Traumata - das alles bleibt in uns und wirkt in uns, sogar bis in die nächste Generation hinein."

Den Fall, um dessen Wiedergabe Sandra Konrad gebeten wird, hänge ich unten an. Grundsätzlich berichtet Sandra Konrad ja nichts Neues. Und es sind gewiss alte Hüte, die sich unter der generellen These versammeln, das Ablösung - der Prozess des Erwachsenwerdens - ganz offenkundig ein lebenslanger ist. Auch die Betroffenheit auslösende Erfahrung, dass es beispielsweise dazu gehört, "dass wir unsere Eltern enttäuschen und dass wir von unseren Eltern enttäuscht werden" erklärt sich hieraus. Natürlich ist dies zuweilen anstrengend und belastend: Will man als erwachsener Mensch in der Spiegel schauen, der Verantwortung für sich selbst übernimmt, dann basiert dies auf einem langwierigen, konfliktträchtigen Prozess, den Helm Stierlin Indiviuation nennt, die immer sich vollziehe sowohl gegen als auch mit den bedeutsamen Anderen.

Worauf es ankomme, damit ein Paar, eine Familie zusammenbleibt - diese Frage ist vermutlich schon allen Therapeuten gestellt worden, wobei es eine eher rhetorische Frage ist, die von Soziologen - wenn sie privatim schreiben -, aber auch von Sandra Konrad immer nur so beantwortet wird/werden kann, dass man Familie eben nicht los wird: "Die Eltern spuken im Kopf herum" - auch wenn Du an das andere Ende der Welt ziehst." Positiv gewendet, lässt sich auch nichts Neues vernehmen, wenn Sandar Konrad meint:

"Es kommt auf Liebe, Respekt und Selbstverantwortung an. Solange ich sage, er oder sie ist schuld an meinem Kummer, kann ich nichts gewinnen, weil ich ihn oder sie nicht ändern kann. Ich kann nur bei mir selbst gucken: Warum habe ich mir diesen Menschen ausgesucht, was finde ich an dem so toll, dass ich auch seine Schwächen akzeptieren kann? Man sollte auch fragen: Was versuche ich mit dieser Person zu bewältigen? Oft agieren wir unbewältigte Kindheitskonflikte mit dem Partner aus."

Fallbeispiel Sandra Konrads für einen Mehrgenerationenkonflikt:

"Ich habe mal mit einem Paar gearbeitet, da hatte der Mann extreme Wutanfälle. Er konnte sich das überhauptnicht erklären. Schließlich stellte sich heraus: Sein Großvater war ein großer blinder Fleck, über den wurde einfach nicht geredet. Der Mann ist zu seiner Großmutter nach Südamerika geflogen, und sie hat ihm erzählt, dass sein Großvater einen bestialischen Mord begangen hatte. Danach hat die Familie jede Form von Aggression unterdrückt. Wenn dieser Mann als kleines Kind wütend wurde, hieß es ganz schnell: Schluss jetzt! Er konnte überhaupt nicht lernen, mit seinen normalen Aggressionen umzugehen. Unbewusst reinszenierte er das Familiengeheimnis. Als ihm das klar wurde, ließen seine Wutanfälle allmählich nach,  und er wurde erwachsener, auch väterlicher zu seinen beiden Söhnen."

Ein spätes Glück für diesen Mann - und vor allem für seine beiden Söhne. Der ist dann einen anderen Weg gegangen als ein Mann, der einmal beiläufig bemerkte, für ihn und seine Kinder, denen er gerne etwas darüber erzählen wollte, wo sie herkommen - Zukunft braucht Herkunft - spiele es keine Rolle, über jemanden ein Wort zu verlieren, den er noch nie gesehen und von dem er noch nie gehört habe. Das hätte so sein können, und dieser Mensch wäre gewiss bedeutungslos geblieben, wäre es nicht sein Großvater gewesen. Und weil es klügere Leute gibt als mich, erinnere ich an dieser Stelle noch einmal an Alexander Kluge - nomen est omen -, der wie kein anderer, den Bürgerkrieg verständlich macht, der in uns herrscht, wenn wir mit unseren Vorfahren keinen Frieden finden.

 

   
   
© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund