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Sven Kuntze: Altern wie ein Gentleman

Natürlich habe ich mich schon wieder viel zu weit aus dem Fenster gelehnt - ein Glück, dass ich mich nur im Hochparterre bewege. Weiter oben, wo die Luft dünner ist, hauen uns die Großkopferten die nassen Waschlappen um die Ohren - mit eiskaltem Wasser. Mir persönlich kommt das gut zu pass. Vieles traut man sich ja einfach nicht zu sagen, oder man ist unsicher und voller Selbstzweifel - vielleicht inmitten so dynamischer Veränderungsprozesse, dass man eigentlich nicht so recht weiß, wo man überhaupt steht.

Sven Kuntze ist genau eine Woche älter als meine Schwester. Er hat am 29.5.1942 das Licht der Welt erblickt. In Altern wie ein Gentleman (München 2011) zieht er vielfältige Bilanz - schon 2011 mit spitzer Feder und gnadenlos gegenüber seiner/unserer privilegierten Generation - 70 Jahre ohne Krieg, ohne Hunger in Wohlstand und maßlosen Individualisierungsexzessen; viele von uns müssten mit einer dauerschamroten Birne durch unsere zugerichtete Wohlstandswelt laufen. Selbstegeißelung wäre die angemessene Haltung - Ablasshandel war gestern. Die erste von mir hier wiedegegebene Textstelle aus Kuntzes Abrechnung zaubert jedenfalls bei mir - ganz und gar anders als es die ZEIT seinerzeit insinuierte - keineswegs ein "Lächeln auf die Lippen" - es geht um's Ehrenamt:

"Die Ehrenämter sind so zahlreich und vielfältig wie das Leben selbst. In dem unübersehbaren Angebot findet sich für jeden etwas. Wenn die Suche dennoch vergeblich gewesen sein sollte, besteht stets die Möglichkeit, eine eigene Organisation zu gründen. An Bedürftigen ist kein Mangel, und sie werden mehr. Wer trotzdem untätig bleibt, muss gute Gründe haben, denn Untätigkeit wird sich meine Generation in Zukunft nicht mehr leisten dürfen.

Der umtriebige Hennig Scherf, einst Bremens Bürgermeister und eine unüberhörbare Stimme im Chor der fröhlichen Alten, hat behauptet, diese seien die Lösung des Problems der niedrigen Geburtenrate, der steigenden Lebenserwartung und von deren Folgekosten. Das ist nur zum Teil richtig. Wir sind in erster Linie das Problem selbst und können dessen Lösung sein - vorausgesetzt, wir bekennen uns zu den Pflichten, die sich aus unserer Hinterlassenschaft notwendig ergeben. Das Ehrenamt ist ein vorzügliches Mittel, dieser Verantwortung gerecht zu werden. Es entlastet die Kassen der nachfolgenden Generationen und führt dem Sozialsystem kostenlose Arbeitskräfte zu, die es sonst nicht mehr bezahlen könnte. Ohne diesen Dienst aus freien Stücken wird die lange Lebensdauer den alten Menschen in Zukunft für viele zum Fluch werden.

Bislang ist das Ehrenamt sympathischer Wildwuchs, die ihm eigene Unverbindlichkeit im Gegensatz zur Erwerbsarbeit macht gerade seine Attraktivität aus. Jeder tut, was ihm passt. In Zukunft wird man dem Ehrenamt jedoch eine leichtes Korsett anpassen müssen, um die Ehrenämtler vorsichtig zu gesellschaftlich sinnvollen Einsätzen zu führen. Dort können sie gezielt jene Lücken ausfüllen, die sie selbst verursacht und hinterlassen haben. Das Ehrenamt wird dann zu einem gemeinnützigen Wirtschaftsraum von erheblichem Ausmaß werden. Der Markt und seine Gesetze werden dort keine Rolle mehr spielen. Es wird stattdessen die Assoziation freier Produzenten herrschen. Das Geld wird in diesem System seine Funktion verlieren und durch den direkten Warenaustausch ersetzt werden: Handgriffe gegen Dankbarkeit, Nudeln kochen gegen Gesprächsbereitschaft, Vorlesen gegen weisen Rat, Gesellschaft gegen ein tiefes Lächeln.

Am langen Ende ihres Lebens würde meine Generation damit überraschen ein Stück jener Utopie in die Tat umsetzen, für die sie vor einem halben Jahrhundert Demonstrationen organisiert, Flugblätter verteilt und kurzlebige Parteien gegründet hatte."

Gegen Ende der Altersreflexionen findet sich ein Kapitel, das er mit dem Titel "Vom Leid der Leiblichkeit" überschreibt. Inzwischen nähert sich Sven Kuntze seinem 80sten Geburtstag, also dem sogenannten vierten Alter –statistisch heute das 80. Bis 85. Lebensjahr umfassend. Laut der Zusammenstellungen Eckart Hammers – ist das tendenziell „die Zeit der beginnenden Gebrechlichkeit und Hilfsbedürftigkeit“. Die mit dem sogeannten dritten Alter - ein historisch neuer Lebensabschnitt - verbundene Freiheit neigt sich seinem unwiederbringlichen Ende zu, die Zeit der Freistellung - 10 bis 15 Jahre bei guter Gesundheit, hoher kognitiver Kompetenz und ausreichend materieller Absicherung! Es mag vielleicht verwundern, aber für viele auch hartes tägliches Brot sein, was Sven Kuntze bereits 2011 zu den vermeintlichen Freiheiten zu sagen hatte. Vom Leid der Leiblichkeit wird mit der tröstlichen Erkenntnis keiner geringeren als Simone de Beauvoirs eingeleitet: "Das Beste am Alter ist die Befreiung von sexueller Begierde." Auf Seite 215 schreibt Sven Kuntze:

"Im Alter trennen sich häufig die sexuellen Biografien von Mann und Frau und, wenn es die Platzverhältnisse erlauben, auch die Schlafzimmer. Der Partner ist nachts unruhig, heißt es dann, ist fremd und anstößig geworden und erinnert an die eigene Vergänglichkeit. Die erloschene Begierde ihm gegenüber verursacht Unbehagen. Was einst Sehnsuchtsort gewesen war, ist trostlose Wüste geworden, die man unter allen Umständen meiden möchte. Es ist der Beginn einer 'erbarmungslosen Entsolidarisierung' der Männer von ihren gleichaltrigen Frauen, die freilich in alter Ehe ihre betagten Partner häufig auch nicht mehr begehrenswert finden. 'Es ist der Blick', versuchte eine alte Freundin, die in langer, oft ruppiger Ehe lebt, mir die Veränderung zu erklären. 'Mein Mann nimmt mich zwar als Gegenstand wahr, damit er nicht über mich stolpert wie über einen Putzeimer, aber sein Blick ist erloschen. Er ist nicht ohne Wärme, aber er gleitet an mir ab wie Tropfen an der Fensterscheibe. Das war mal anders. Damals hat er mich angeschaut, und in seinem Kopf übernahm die Fantasie mit aller Konsequenz die Macht. Jetzt bewirke ich nichts mehr in ihm. Ich bin ihm in dieser Hinsicht abhanden gekommen. Wir wissen allerdings, dass wir uns in schweren Zeiten aufeinander verlassen können. Das ist zwar nicht aufregend, aber nützlich und beruhigend. Über die Gründe seiner körperlosen Anhänglichkeit', fügte sie hinzu, 'will ich mir besser keine Gedanken machen.' Ob ihm jener Blick aus grauen Vorzeiten denn gänzlich abhanden gekommen sei? 'Nein, er hat ihn noch, und zwar bei jüngeren Frauen. Eigentlich tut er mir in diesen Momenten leid, denn die schenken ihm den gleichen Blick, wie er mir. Aber das bemerkt er nicht. Männer eben!'"

Sven Kuntze ist halt ein aufmerksamer Beobachter. Seine Würde und die seines jeweiligen Gegenübers hat vermutlich etwas zu tun mit der heilsamen und ganz und gar nicht selbstverständlichen Gabe der Diskretion - also der Haltung, die weiß und verinnerlicht hat, was sie nicht bemerkt haben soll. Wir altern ja - wenn wir ein Alter haben - gemeinsam. Auch mir entgehen die methusalemhaften Zärtlichkeitsgesten und -bekundungen nicht, die sich in gespitzten Lippen manifestieren, die sich im Augenblick der Berührung auch schon wieder zurückziehen wie Schneckenfühler. Aber, lieber Sven Kuntze, diese Gespreiztheit findest Du schon bei ganz jungen Verliebten - und das schon immer, es handelt sich nicht um coronabedingte Kollateralschäden!

Nein, wenn wir eines von Sven Kuntze lernen können, dann, dass sich all die idiosynkratisch motivierten Abrenzungsunflätigkeiten nicht für jemanden gebühren, der versteht zu altern wie ein Gentleman.

 

 

   
   
© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund