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Der letzte Wendepunkt - Zum Tod von Elisabeth Rothmund, unserer Mutter, Schwiegermutter, Oma und Uroma

Der letzte Wendepunkt im Leben von Elisabeth Rothmund hat sich am 6. August in der Frühe um 9.00 Uhr vollzogen - in den Armen ihrer Tochter Claudia. Nicht jeder würde angesichts des Todes von einem letzten Wendepunkt sprechen. Unser Freund Gerd Wayand hat seine Todesanzeige selbst gestaltet und hat dabei Wert gelegt auf die Feststellung„Ins nackte Dasein geworfen, gehen wir ins immerwährende Nichts." In der Totenrede auf Gerd habe ich Zweifel geäußert, ob man als noch Lebender dies so wie eine Tatsache in den Raum stellen kann. Sein Gewährsmann - Jean Paul Sartre -  jedenfalls deutet nolens volens darauf hin, dass allem Diesseitigen das Jenseitige ein Rätsel bleiben muss:

"Da das Nichts Nichts des Seins ist, kann es nur durch das Sein selbst ins Sein kommen. Und es kommt zum Sein gewiss nur durch ein besonderes Sein, nämlich die menschliche Wirklichkeit (Jean Paul Sartre)." Was immer das auch heißen mag - wir kommen nicht umhin, alle Fragen, die sich damit befassen, was wohl nach dem Tod  s e i n  mag, offen zu lassen. Wir sterben schlicht ins  O f f e n e ! Oder wie Karl Jaspers betont: "Vorstellungen vom Totsein sind vergeblich. Nicht die geringste Erfahrung, kein Anzeichen kommt von dort."

Solche philosophischen Fragen habe ich mit meiner Schwiegermutter nicht erörtert. In den letzten drei Jahren ihres Lebens im Seniorenzentrum Laubenhof - am südlichen Dorfrand von Güls - hat Sie aus ihrem Leben erzählt und ich habe es aufgeschrieben.

Lisa ist im Übrigen nicht an, aber entscheidend mitbedingt durch Corona gestorben. Wir haben von Anfang an des totalen lock-downs gespürt, wie gewaltig sich der Einschnitt durch die viele Wochen währende totale Kontaktsperre für Sie in ganz besonderer Weise auswirken würde. Wir hatten uns - sie hatte uns nicht mehr!

In den letzten drei Jahren des Laubenhofaufenthalts sind wir uns näher gekommen als jemals zuvor, weil die tägliche Zeit, die wir miteinander hatten - im Freien, in den Gärten des Laubenhofes und immer wieder im Café Laubenhof - nur ihr galt. So sind viele kleine Geschichten entstanden, die in den letzten Monaten den Spiegel bildeten, in dem sie sich immer wiedererkennen und betrachten konnte. Wir haben Briefe geschrieben und immer wieder ein von Leo zusammengestelltes Fotoalbum angesehen. Viele Fotos bildeten die Fenster in ein langes gemeinsames Leben. Lisa  und Leo sind 58 Jahre lang die Wege ihres Lebens gemeinsam gegangen. Viele der Geschichten, die wir aufgeschrieben haben, haben ihre besondere Färbung durch Claudia, Laura und Anne erhalten. Meine eigenen Aufzeichnungen beginnen im Übrigen mit dem bereits 2007 einsetzenden Demenztagebuch, das den langen Weg von Lisa und ihrem Ehemann Leo in ihren letzten Lebensjahren aufzeichnet. Drei Geschichten aus dem Leben Lisas möchte ich hier erzählen:

  • Lisa war das mittlere von sieben Geschwistern - ein wenig zart und schwächlich, noch keine Vorstellung davon zulassend, mit welcher Ausdauer und Zähigkeit sie das Leben meistern sollte. Und wie erfolgreich und anerkannt sie bis in die siebziger Jahre ihren weit über Koblenz hinaus geschätzten Ruf als Schneidermeisterin begründen sollte. Sie war nach eigenem Bekunden in der Kindheit - was das Essen anging - schlauchig und wählerisch. Oft schmeckte ihr nicht, was die Mutter gekocht hatte. Sie erzählte, dass sie oft vor der Türe gesessen habe, wenn der Vater vom Feld kam. Phillipp - der Vater - früh verstorben, noch vor der Hochzeit Lisas mit Leo (am 21. Februar 1952) - sah seine Tochter dann mitleidig an (insgeheim wusste er schon, dass sein Lieselchen den Mittagstisch wieder ausgelassen hatte). Und zur Kirschenzeit im Juni und Juli stellte er ihr die rhetorische Frage: "Na, Liesel, hat es Dir heute Mittag nicht geschmeckt?" Und die kleine Liesel antwortete wahrheitsgemäß und Mitleid erweckend: "Nein, es hat mir nicht geschmeckt!" In dem, was nun folgt - begleitet durch das Leuchten ihrer Augen, auch noch nach weit mehr als 80 Jahren - entsteht das übergroße, leuchtende Bild ihres Papas - Philipp - als das eines überaus gütigen und liebevollen Vaters. Denn der griff dann in die Taschen seiner Feldjacke und reichte seinem Lieselchen zwei Hände voll dunkelroter, süßer Kirschen.
  • Du sollst Vater und Mutter ehren: Erscheint der Vater in seiner Güte und Liebe für seine Generation tatsächlich übergroß, so bewahrte Lisa ihrer eigenen Mutter ein ehrenvolles Andenken, indem sie immer wieder betonte, wie sehr sie ihre Mutter dafür liebte, dass sie ihren Papa Philipp geheiratet habe. Denn der hatte eine missgebildete Schulter, so dass er - vordergründig betrachtet - als Mann einen eher schweren Stand hatte. Lisa hat erzählt, dass sie dies selbst durch geschickten Schnitt und Aufpolstern der Schulter bei seiner feinen Ausgehjacke fast vollständig kaschieren konnte. So gilt - mittelbar - auch in der folgenden Geschichte wieder dem Vater das Hauptaugenmerk: Einmal, Lisa war bereits Schneidermeisterin und verdiente ihr eigenes Geld, war sie mit dem Vater in die Stadt gegangen. Nachdem alle Besorgungen erledigt waren, quälte sich Lisa mit der Idee, mit ihrem Papa in ein Café zu gehen - Kaffee zu trinken und vielleicht ein Stück Kuchen zu essen. Schließlich verwarf sie diesen Gedanken, weil sie befürchtete, ihr Papa habe kein Geld, oder zu wenig Geld dabei. Und einladen konnte sie den Papa nicht, ohne das Gefühl zu haben, ihn zu beschämen: "Wir sind dann mit der Straßenbahn nach Hause gefahren und haben daheim Kaffee getrunken."
  • In ihren letzten Jahren hatte sich Lisas Kurzzeitgedächtnis - hier auch bezogen auf die Tatsachen ihres Ehe- und Familienlebens - weitgehend verabschiedet. Sie lebte in ihrer Welt, in der Claudia, Laura, Anne und ihr Schwiegersohn Josef ihren Platz behielten, in der ihr Ehemann Leo aber zunehmend verblasste. So antwortete sie stets zuverlässig und wie aus der Pistole geschossen, wenn man sie befragte, wo sie denn gewohnt habe: "Triererstraße 282!" Dort stand ihr Elternhaus, das sie schon mit Mitte zwanzig verlassen hatte. Aber sie konnte sich noch erinnern: So zum Beispiel, wenn man ihr einen kleinen Anstoß gab, was denn sie beide - sie und ihren Mann - u.a. auf ganz besondere Weise verbunden hat. Dann kam ein Leuchten in ihre Augen, wenn die Rede auf die vielen Urlaube und Kuren in Abano-Therme kam: Dort gab es nach dem Abendessen des öfteren Tanz, zu dem eine Kapelle aufspielte. Dabei trug sich zu, dass der Leo seine Lisa so elegant und beherzt über das Parkett führte, dass irgendwann alle anderen Tanzpaare an den Rand rückten, einen großen Kreis bildeten und den beiden auf offener Tanzfläche applaudierten. 
  • In den letzten Jahren hat Lisa, die lange Jahre im Metternicher Kirchenchor unter der Leitung des Chorleiters Eltz gesungen hat, im Laubenhof im Chor und im Damenkränzchen immer wieder zum Gesang gefunden. Und auch wir haben gemeinsam gesungen, immer wieder - jenes Lied, das uns allen, insbesondere natürlich Laura und Anne, in Erinnerung bleibt und das uns gegenwärtig bleibt aus den Jahren, als Lisa auf Laura und Anne achtgegeben hat - die Omas sind die Besten: "Kleine Möwe flieg nach Helgoland, bring dem Liebsten, den ich liebe einen Kuss. Ich bin einsam und verlassen, und ich sehne mich nach seinem Kuss."

In den letzten Monaten - vor Corona - und in den letzten Wochen haben wir mit Lisa ihre Geschwisterreihe immer wieder erfolgreich in Erinnerung gerufen. Wir haben uns gemeinsam an ihre Eltern - Philipp und Anna - und an ihren Ehemann Leo erinnert. Wenn ich dann erzählt habe, dass die alle im Himmel beieinander sitzen und immer wieder den lieben Gott fragen, wo denn die Liesel bleibt, und der dann geantwortet hat: "Die muss noch ein bisschen auf der Erde bleiben, und Ihr müsst alle noch ein wenig Geduld haben,  irgendwann kommt auch die Liesel", dann hat sie große Augen gemacht und gelächelt.

Liebe Lisa, nun hast Du die hundert nicht geschafft und auch die 97 knapp verfehlt. Aber Du würdest mir ganz sicher zustimmen, wenn ich hier sage, dass Du ein erfülltes und reiches Leben gehabt hast; sogar Deinen Urenkel Leo hast Du noch in Deinen Armen gehalten.

Und mit Karl Jaspers möchte ich für Dich und uns alle hoffen: "Wir sterben hin zu den geliebten Toten. Sie empfangen uns in ihrem Kreis. Nicht eine Leere des Nichts nimmt uns auf, sondern die Fülle des wahrhaft gelebten Lebens. Wir treten ein in einen von Liebe erfüllten, durch Wahrheit hellen Raum."

So hoffen wir und glauben, dass der letzte Wendepunkt in Deinem Leben Dich in diesen hellen Raum geführt hat.

Die Trauerfeier findet am 11.8.2020 um 10.45 Uhr in der Pfarrkirche St. Servatius in Güls statt - mit anschließender Beisetzung auf dem Gülser Friedhof.

Diejenigen aus dem Verwandten- und Bekanntenkreis, die in Erwägung ziehen

1. an der Trauerfeier teilzunehmen und

2. anschließend im Weingut Lunnebach - dort auch mit dem nötigen Abstand - noch mit uns zusammenzusitzen,

bitte ich um eine kurze Nachricht unter: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Dann kann ich dem Bestatter und Karsten Lunnebach bereits eine vorbereitete Liste zukommen lassen. Die Teilnahme an der Trauerfeier in der Pfarrkirche St. Sevatius und die Teilnahme am Zusammenkommen im Weingut Lunnebach müssen in getrennten Listen dokumentiert werden.

Liebe Grüße Jupp

 

 

   
   
© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund