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Im W.W.W. unterwegs - Benutzerprofile

Oder: warum all der Lärm? 

Über das Wagnis – neben dem Schreiben – andere Formen der Selbstaussetzung zu erproben: „Selbstaussetzung“ ist schon immer der angemessene Begriff für das, was ich seit zwanzig Jahren praktiziere (siehe unter vorstehendem Link Der mörderische Beobachter). Und vermutlich hängt damit auch das Ausmaß an Irritation zusammen, das mir zuweilen signalisiert wird. 

Da ich viele meiner Texte im Rahmen eines Blogs veröffentliche, sollte ich mir endlich auch einmal Gedanken machen über mögliche und denkbare Anschlüsse, die damit möglich werden. Bevor ich also auf die Ebene gelange, die in Folge mit der "Dokumentenebene erster Ordnung" markiert wird, ein paar Überlegungen systematischer Art: Eine gewisse Vorsicht/Intuition hat mich bislang davon abgehalten Facebook oder Instagramm zu nutzen. Manche mögen mich für naiv halten. Peter Fuchs bietet mir gleichwohl Möglichkeit und Anlass, über die "spezifische Autopoisis des WorlWideWeb" nachzudenken. Ich beziehe mich auf "Das Maß aller Dinge" (Velbrück 2007, S. 217ff.). Damit unternehme ich den Versuch, mich partiell zu entblöden und gewisse naive Grundzüge wenigstens ein wenig zu relativieren:

  • Peter Fuchs schlägt zunächst einmal vor, nach der Form des Mediums zu fragen und gibt eine erste überraschende Auskunft, dass die ins w.w.w. eingestellten Dokumente (natürlich) nicht die Form von Kommunikation haben: "Sie sind so wenig wie Bücher, lose Blätter, Akten, Notizen, Filme - kommunikative Operationen. Kommunikation wäre die operative Verkettung [...] solcher Dokumente, der Vorgang eines In-Beziehung-Bringens, und zwar so, dass Dokumente etwas besagen für weitere Dokumente in der Form des selektiven Zugriffs auf vorangehende Dokumente, die nur deshalb Dokumente sind (jetzt: Momente der Kommunikation), wenn dieser Zugriff erfolgt, also selektiv angeschlossen wird, und wenn nicht, dann nicht." Dies versteht Peter Fuchs unter Autopoiesis. Und es ist genau das, was mir für die eigene Arbeit neue Optionen eröffnet. Die unterdessen mehr als 200 Beträge in meinem Blog offenbaren ein überaus filigranes (manchmal sicher auch fragwürdiges) Netzwerk an Querverweisungen, die Rückschlüsse zulassen auf meine Argumentations- und Orientierungsversuche/-leistungen.
  • Ich folge einmal Peter Fuchs in seinem Klassifizierungsversuch, wonach Dokumente erster Ordnung zu "netz-externen" Kommunikationszwecken eingesetzt werden können: "Sie sind dann (wie alle Äußerungen, wenn sie durch weitere Äußerungen als Mitteilungen definiert werden) gleichsam vorstrukturierter Lärm, der interessengebunden abgerufen werden kann [...] Die Dokumente können weitere Kommunikationen der verschiedensten Art stimulieren." Die Begriffswahl des vorstrukturierten Lärms - vielen ist der Begriff des Rauschens eher vertraut - entspricht weitgehend meinen Erfahrungen. Die nachstehenden Gedanken können für sich die Qualität vorstrukturierten Lärms beanspruchen. Für das Ingangsetzen von Kommunikation ist allein entscheidend, ob irgendjemand im w.w.w. aus diesem Lärm Sinnsplitter schöpft und sich möglicherweise sogar bequemt irgendwie anzuschließen.

Mit den nachstehenden Ausführungen wechsle ich sozusagen auf die Dokumentenebene erster Ordnung, indem ich ein wenig über mein eigenes Leben erzähle und dabei versuche, wie der in die Sahne gefallene Frosch nicht zu ertrinken, sondern durch ordentliches Strampeln die Sahne steif zu schlagen und so die Nase frei zu halten:

Die Verdichtung meiner Lebensphilosophie läuft auf die Luhmannsche These hinaus, dass die Komponenten eines Lebenslaufs aus Wendepunkten bestehen, an denen etwas geschehen ist, was nicht hätte geschehen müssen. Odo Marquardt hat sie zu der schlichten Formel verdichtet, dass wir alle weit mehr unsere Zufälle als unsere Wahl seien. In „Rezos Messlatte“ gibt es einen Hinweis – einen kleinen Aphorismus –, mit dem ich vor 25 Jahren versucht habe, einen Weg zu finden in dieser vom Zufall bestimmten Welt:

Wahl

Im Kosmos der Möglichkeiten bekommt die Welt ihr Gesicht durch das, was sie sein könnte. Beschreiben wir die Welt als einen Raum von Möglichkeiten, hat unsere Wahl hohes Gewicht.

Diese Phantasie wird eine tragende Rolle einnehmen, in dem, was ich in der Folge gerne vermitteln möchte.

Ganz nebenbei bemerkt halte ich den Entwurf Niklas Luhmanns zu einer Lebenslauftheorie für den vielleicht bedeutsamsten und nachhaltigsten Mosaikstein, den ich Studierenden der Lehrämter in meinen Seminaren anbieten konnte. Wie kein anderer lehrt er früh schon die Einsicht in die Begrenztheit von Planung und damit sicherlich auch die Demut und Zurückhaltung gegenüber (All-)Machbarkeitsphantasien.

Reinhard hat mir zu meinem 68sten Geburtstag Henri J.M. Nouwens Ich hörte auf die Stille – Sieben Monate im Kloster geschenkt. Auf Seite 116 stellt Nouwen sich die Frage: „Habe ich mein Leben wirklich gelebt, oder wurde es für mich gelebt? War wirklich ich es, der die Entscheidungen getroffen hat, die mich schließlich hierher geführt haben, oder wurde ich einfach vom Strom dahingetragen, von traurigen ebenso wie von glücklichen Ereignissen.“

1998 haben mir Reinhart und Rudi einen Zugang ermöglicht zur Internationalen Gesellschaft für Systemische Therapie (IGST) in Heidelberg. Innerhalb von drei Jahren habe ich dort die Ausbildung zum Systemischen Familientherapeuten absolviert, bei Gunthard Weber, Ulrich Clement und Andrea Ebbecke- Nohlen. Nach der massivsten Krise in meinem bis dahin 46 Jahre währenden Leben habe ich dort meine eigene Therapie erfahren und meine Metamorphose erlebt, vielleicht zu der Gestalt und zu der inneren Haltung, die mir (heute) möglich ist. In den Jahren und Jahrzehnten nach Heidelberg habe ich zum Wort gefunden und den mir gegebenen Möglichkeitsraum erkundet.

Meine persönliche, tiefgreifende Krise hat ihren äußeren Marker verbunden mit dem 21. Juni 1994. Abgesehen von Zeugung und Geburt erfüllt kein anderes als das mit diesem Tag verbundene Geschehen die Luhmannsche Vorstellung davon, dass ein Lebenslauf aus Wendepunkten besteht, an denen etwas geschieht, was nicht hätte geschehen müssen.

Der Tatbestand, dass Willi, mein Bruder, am frühen Morgen des 21. Juni 1994 in Bad Neuenahr in eine einmotorige Sportmaschine einsteigt und mit drei Reisegefährten den Weg nach Zell am See in Österreich antritt, ist so absurd wie er Faktum ist. Willi war nicht vorgesehen, ist eingesprungen für jemanden, der unpässlich war. Es ist die Verkettung so vieler unglaublicher Glieder, dass es einem schier den Atem nimmt;

  • dass ein alter Hase im Fluggeschäft nicht checkt, dass die Maschine abends zuvor noch einmal bewegt worden ist,
  • dass damit seine angemessene Kalkulation für eine Zwischenlandung und das Auftanken den Flugplatz in Landshut vorzusehen, hinfällig ist,
  • dass er, der – aus dem aktiven Dienst bei der Bundeswehr ausgeschieden – eine Lizenz als Fluglehrer beantragt hat, um jeden Preis versucht, regulär den Flugplatz auch zu erreichen;
  • er, der bemerkt, dass seiner Maschine wenige Kilometer vor dem rettenden Flugplatz der Sprit ausgeht,
  • er, der am sonnendurchfluteten einundzwanzigsten Junitag die abgeernteten Felder unter sich sieht,
  • er, der viele Jahre in der Flugbereitschaft die Großkopferten der Politik um die Welt geflogen hat - er muss innerhalb von Sekunden entscheiden, ob er eine problemlose Notlandung auf den flachen, abgeernteten Feldern einleitet, oder ob er es schaffen kann hin zu einer regulären Landung in Landshut.
  • Dann nämlich würde niemals jemand dahinterkommen, dass er das Logbuch frühmorgens nicht gecheckt hat, dass er versäumt hat das Fluggerät aufzutanken,
  • dann, ja nur dann, würde er seine Lizenz als Fluglehrer erhalten und seinem weiteren Leben die gewünschte Perspektive offenhalten.
  • Entschlösse er sich hingegen zur problemlosen Notlandung auf abgeernteten Getreidefeldern, würde ihm das Bundesluftfahrtamt, das jede irreguläre (Not-)Landung untersucht, jene Fahrlässigkeit nachweisen, die ihn seine Lizenz kosten würde.
  • Der Pilot hat zu hoch gepokert: Um 10.04 Uhr am 21. Juni 1994 sind alle vier Männer – unter ihnen mein Bruder Wilfried – tot; die Maschine hat nach ihrem Absturz nicht gebrannt. In ihrem Tank war kein Tropfen Sprit mehr.

Wir kennen alle Rosamunde-Pilcher- oder Katie-Fforde-Filme, schöne und tragische Bilderfolgen, meist mit versöhnlichem Ende. Ich habe schon angedeutet, dass von da an die Uhr tickte, die meine ganz persönliche Krisenbombe 1997 zur Explosion brachte, und dass ich drei weitere Jahre für meine ganz persönliche Metamorphose benötigt habe; die übergroße Zahl von Euch wird je eigene Erinnerungen an diese Zeit und mein Driften in dieser Zeit haben. Heidelberg hat dafür gesorgt, dass ich alle meine Leichen aus dem Keller ans Tageslicht holen und eine Auseinandersetzung einleiten konnte, die wiederum mich ganz persönlich vom Kopf auf die Füße und auf höchst geerdetes Terrain befördert hat. Seither schreibe ich und habe mein eigenes Leben Schritt für Schritt in andere Bahnen gelenkt:

                Ich bin schon da

Das Reisen gibt mit keinen Sinn, ich komme an, wo immer ich schon bin. Ich ahne keinen Ort, der wirklich führt mich fort. So oft der Horizont sich auch verschiebt, der Kreis bleibt in sich selbst verliebt.

Es war 2016 die Festschrift für meinen alten Freund Winfried, der mir die Gelegenheit bot, mit dem Wahnsinn des Massentourismus abzurechnen: Wenn einer eine Reise tutoder: Es könnte so authentisch sein. Aber diese Menschen da vorne! Es war dann ein junger ZEIT-Redakteur – Maximilian Probst, der uns (mit uns meine ich natürlich auch die Profis unter uns, die Klafkis Bildungsbegriff verbundenen LehrerausbilderInnen) vor Jahren gezeigt hat, wie man einen zeitgemäßen Bildungsbegriff (re-)formuliert.

Aus naheliegenden Gründen habe ich mich weitgehend auf die Familie zurückgezogen, ohne den Freundeskreis zu vernachlässigen. Aber die Sterbebegleitung meiner Mutter und die Pflege und Betreuung für meine Schwiegereltern haben – neben der Begleitung der Kinder – mein Leben zentriert und vor allem mein kinetisches Driften im Raum auf Bierdeckelradius begrenzt. Warum erzähle ich das hier?

Mit Reinhard habe ich einen Büchertausch vorgenommen: Den erwähnten Henri J.M Nouwen gegen Roger Willemsens: Wer Wir Waren. Mein heutiger Brief an meine Freundinnen und Freunde wurde unter anderem durch den aktuellen Mail-Kontakt mit Reinhard ausgelöst. Er ist besorgt um mich und fragt:

„Dann der Paukenschlag. Deine Entscheidung Dich auf youtube ‚auszutoben‘ hat mich, gerade nach dem eindeutigen Text von Willemsen sehr irritiert. Besteht nicht die Gefahr, dass Du in dem weltweiten Meer der Bilder gar nicht mehr ‚gesehen‘ wirst??? Kannst Du da noch bei dir bleiben?“

Roger Willemsens kleine Schrift hat für mich die Bedeutung eines Vermächtnisses, das uns alle mahnt und zum Paradigmenwechsel anregt. Ich habe Reinhard u.a. geantwortet, dass ich mich in so Vielem, was Roger Willemsen schreibt wiederfinde; dass meine Orientierung an seiner Botschaft aber da eine Grenze findet, wo gerade Willemsen einen Lebensstil kreiert hat, der postmoderne Individualisierungs- und Selbstoptimierungsstrategien im Sinne einer unfassbaren kinetischen Verschwendungssucht auf die Spitze getrieben hat. Selbst angesichts des Todes fällt ihm nichts Besseres ein, als nach Oslo zu fliegen. Vielleicht – so schreibe ich nicht nur an Reinhard, sondern an alle, die den Austausch mit mir suchen – versteht Ihr, dass ich das nicht verstehe. Ich habe für mich die Orte – auch die Enden der Welt – immer in meinem unmittelbaren Umfeld gefunden, wie schon erwähnt in der Sterbebegleitung meiner Mutter, in der langen Begleitung meiner Schwiegereltern. Das verstehe ich für mich unter wohlverstandener Individualität, die Kontinuitätsspuren erkennen lässt, sicher auch die Fähigkeit, bei sich selbst zu bleiben, folgerichtig zu sein, konsequent, wie Roger Willemsen meint.

Und die „Heimsuchung“ von der Thomas Assheuer in der ZEIT schreibt – ja die empfinde ich als Menetekel. Aber ihre Erscheinen, ihre Wucht und der Druck uns zu verändern steht mir seit Jahren vorAugen. Ich habe noch einmal Vieles wiedergelesen, den verehrten Kollegen Günter Altner aus Koblenzer Zeiten (Mitbegründer des Freiburger Öko-Instituts), die Mahnschrift des Club of Rome, Karl-Friedrich von Weizsäcker, Franz Alt, Hoimar von Ditfurth, Ian McEwans Solar, wo alles schon drinsteht, was wir jetzt erleben. Ja und – wie gesagt – das Vermächtnis Roger Willemsens:

Roger Willemsen hat all den hellsichtigen Mahnern kurz vor seinem Tod die Ehre gegeben und kommt zu dem traurigen Resümee:

"Wir waren die, die verschwanden. Wir lebten als der Mensch, der sich in der Tür umdreht, noch etwas sagen will, aber nichts mehr zu sagen hat."

Ich fühle mich immer wieder aufs Neue tief bewegt, wenn ich gegen Schluss lese, dass die Weltraumfahrer - dabei kommt sofort Alex Geers aus dem ISS (Raumstation) gesandter Appell an seine Enkel in Erinnerung – ihre Erfahrungen mit dem Begriff der "Ehrfurcht" verbinden. Roger Willemsen schreibt:

"Sie haben im Angesicht der unendlich empfindlichen Hülle der Biosphäre von 'Respekt' und 'Achtung' und von der 'persönlichen Beziehung' zum 'Heimtatplaneten' gesprochen, haben aus diesem Erleben ein Gefühl der Verantwortung abgeleitet und sich in einer tieferen Bedeutung als 'Erdenbürger' erkannt [...] Am äußersten Ende der Exkursion zu den Grenzen des Erreichbaren, die technologische Rationalität mit einer Meisterleistung krönend, entdeckten sie das Kreatürliche, das Spirituelle und das Moralische und kehrten zurück zum Anfang, zum Kind, zum Säugling, der da liegt wie der zusammengekauerte Todesschläfer, der letzte komplette Mensch. Seine Zukunft muss ihm unvorstellbar gewesen sein. Sie ist es noch (S. 53ff.)."

Ich komme an dieser Stelle zurück zu meinem Ausgangsanliegen und frage mich mit Reinhard, ob ich noch bei mir bleiben kann? Meine Antwort an ihn: „Der Beitrag 'covid 19' war und ist mir ein Herzensanliegen. Wir - die Privilegierten, die wir ein Leben in Wohlstand und Frieden führen durften - wir ducken uns weg. Alle sind irritiert - insbesondere auch der alte Weggefährte Rudi. Aber die Irritation und die Sorge muss doch etwas anderem gelten. Warum nehmen wir nicht das Wort? Wir, als ein Teil der Bildungselite, die wir 25, 30, 40 Jahre Lehrerinnen und Lehrer ausgebildet haben. Hat nicht Roger Willemsen so unfassbar und auf so traurige Weise die richtigen Worte für uns gefunden: ‚Wir waren es, die verschwanden. Wir lebten als der Mensch, der sich in der Tür umdreht, noch etwas sagen will, aber nichts mehr zu sagen hat‘. Ich bin irritiert - zutiefst irritiert, und ich frage mich und uns alle in der Tat mit Henri J.M. Nouwen: ‚Habe ich mein Leben wirklich gelebt, oder wurde es für mich gelebt?‘ Lieber Reinhard, Du kennst die Textstelle. Wenn ich das Wort nehme, dann vielleicht auch, weil ich das große Glück habe, jetzt seit 11 Monaten unseren Enkelsohn heranwachsen zu sehen. Bei aller Irritation sage ich mir dann: ‚Ihm, dem Leo und dir selbst bist du es schuldig, das Wort zu nehmen, aber ein Wort, das durch die Tat auch Gestalt annimmt.‘ Oder um es in Anlehnung an Roger Willemsen noch einmal zu sagen: Ich möchte nicht verschwinden, mich in der Türe umdrehen und feststellen, dass ich noch etwas sagen will, aber nichts mehr zu sagen habe."

Zuletzt noch einmal – weil ich schon mehrfach gefragt worden bin – ein Erklärung, warum ich immer wieder auch die eigene Familiengeschichte thematisiere? Ich antworte einmal mit Stefan Slupetzky, der in „Der letzte große Trost“ die eigene Familiengeschichte zu einem Schlüsselroman verarbeitet und den Vater seines Hauptprotagonisten Daniel in ihrem letzten Gespräch sagen lässt:

"Wer weiß? Ich lebe seit fast vierzig Jahren in Frieden, du seit über zwanzig. Welche Bestien - oder Engel - in uns schlummern, hat sich nie gezeigt. Wir sind im besten Fall Chronisten, die behaupten, aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt zu haben. Aber sind wir wirklich bessere Menschen, nur weil uns die Zeit, in der wir leben, besser aussehen lässt?"

Ja, lieber Reinhard, auch meine Familiengeschichte steht – wie so viele – für die Banalität der Wechselwirkungen, mit denen welt- und zeitgeschichtlicher Kontext hineinwirkt in die Einzelschicksale bis in ihre feinsten Verästelungen, eingedenk des Kontingenzvorbehalts, der darüber entscheidet, ob der eine in Rußland fällt, die andere in einem Entbindungsheim der Nationalsozialistischen Volksfürsorge auf dem Westerwald in Flammersfeld eine Tochter zur Welt bringt und sich nach jahrelangem Werben doch noch entschließt jenen Mann zu heiraten, der mein und Willis Vater werden sollte – und der meiner Schwester – wie sie selbst auf seinem letzten Geburtstag, dem 65sten, betont hat - der beste (Stief-)vater war, den man sich vorstellen kann.

Nein, ich will mir die Deutungsmacht über unsere Geschichte nicht von Leuten wie Alexander Gauland oder Björn Höcke nehmen lassen – genauso wenig, wie ich tatenlos zusehen möchte, wie dieser wunderbare Planet von egomanischen Individualisten postmodernen Zuschnitts und neoliberalen Marktfetischisten zugrunde gerichtet wird. Irritation ist aller Orten, und stolpernd - wie Du anmerkst, lieber Reinhard - gehen wir unsere Wege. Und gerne nehme ich Deinen Verweis auf Glasersfeld auf, wenn er - wie Du meinst - "sagen würde, wir tun das, was wir tun und schaffen so unsere jeweilige Passung und das ist gut so!!!"

Euer Jupp

   
   
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