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Rezos Messlatte – Intro zu meinem neuen Youtube-Format – jetzt als Video

Es ist ein passender und angemessener Einstieg in mein Vorhaben, zunächst einmal Rezo meinen Respekt und meine Referenz zu erweisen. Er legt die Latte für die politische Agitation mit seinem „Zerstörungsvideo“ extrem hoch, und vor allem hat er mich damit voll am Arsch. Der Spiegel, in den er schauen will und der ihm dann sagt, wie er seinen Job gemacht hat, ist auch meiner; nur mit dem kleinen, aber folgenreichen Unterschied, dass ich sein Großvater sein könnte. Ich gehöre also zu denen, die die Zukunft nicht mehr erleben werden, von der Rezo spricht. Und ich gehöre zu denen, die Verantwortung dafür tragen, dass die Grundlagen für eine lebenswerte Zukunft meiner Kinder und Enkel schwersten Schaden zu nehmen drohen. Aus meinem Spiegel schaut heute schon eine Fratze, die mir sagt, was ich versäumt habe, dass ich politisch zu lange auf einen toten Gaul gesetzt habe:

Das ist im Übrigen der Gaul, dem ich die Treue gehalten habe, weil er in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts einen von der CDU in den Dreck gefahrenen Karren wieder flott gemacht hat und vielen bildungsfern aufwachsenden Kindern meiner Generation den Zugang zur Bildung und damit auch zu gesellschaftlicher Teilhabe eröffnet hat.

Rezo muss mich nicht bitten und schon gar nicht anflehen. Ich werde zwar mit meinen altbackenen Formaten nicht annähernd ein solches Feuerwerk abbrennen, wie er – verdammt gute Performance und hoher Unterhaltungswert bei solider bis excellenter Recherche, Chapeau!

Dafür werde ich allerdings den Rahmen sehr viel weiter stecken und mich nicht auf politische Agitation beschränken. Es gibt von mir – bevor es wirklich losgeht – zunächst einmal eine Prise Philosophisches, versetzt mit ein paar biografischen Splittern, damit eine Ahnung davon entsteht, wo ich herkomme und dass mein Lebenslauf zu einer Zeit beginnt, da sich das Ende des tausendjährigen Reichs noch keine sieben Jahre entfernt hatte.

Ja – apropos Lebensläufe:

„Die Komponenten eines Lebenslaufs bestehen aus Wendepunkten, an denen etwas geschehen ist, was nicht hätte geschehen müssen.“ Mit dieser Beobachtung setzt Niklas Luhmann Lebensläufe grundsätzlich unter einen Kontingenzvorbehalt. Odo Marquardt greift diesen Gedanken auf und meint dazu, wir alle seien weit mehr unsere Zufälle als unsere Wahl. Vor 25 Jahren habe ich mir selbst unter dem Signum der „Wahl“ eine Mahnung ins Stammbuch geschrieben:

Wahl

Im Kosmos der Möglichkeiten bekommt die Welt ihr Gesicht durch das, was sie sein könnte.
Beschreiben wir also die Welt als einen unendlichen Raum von Möglichkeiten, hat unsere Wahl hohes Gewicht.

Insofern fällt es mir schwer nachzuvollziehen, warum sich Demagogen, wie Alexander Gauland und Björn Höcke nicht endlich nachhaltig entblöden und sich vielmehr immer wieder dem Vorwurf aussetzen, die Wegbereiter eines neuen Faschismus zu sein.

Um solche Fragen und Allerweltsfragen wird es in meinem neuen Youtube-Format gehen. Ich erzähle Geschichten und nehme das Wort, um eine Schuld abzutragen. Denn im virtuellen Zeitalter wird sich fortan niemand mehr auf die Position zurückziehen können, von all dem nichts gewusst zu haben - nicht die kerosintrunkenen Vielflieger mit ihrer Neigung zur kinetischen Verschwendung; nicht die Variante der Ich-will-ich-muss-noch-was-von-der-Welt-sehen-Angstblütler, nicht die Malle-um-die Ecke-Vollpfosten, nicht die Fleisch-ist-mein-Gemüse-Fetischisten, nicht die Wir-sind-die-Mitte-Okkupisten, nicht einmal die Vogel-Schiss-gesuhlten Weggefährten von Bernd Möcke und Alex Sauland. Wir können alle schon mal die Hosen runterlassen,  zum Schluss stehen wir sowieso da, wie der Kaiser in seinen neuen Kleidern! Mal sehen, ob wir für uns wenigstens einen Lendenschurz auftreiben können.

Mein Name ist Franz Josef Witsch – unter diesem Namen bin ich 1952 in das Geburtsregister der Stadt Bad Neuenahr eingetragen worden. Ich bin 68 Jahre alt. Mein Vater –  Jahrgang 1922 – war Soldat in der deutschen Wehrmacht,  meine Mutter – Jahrgang 1924 – hat neben mir und meinem Bruder bereits 1942, noch als 17jährige, eine Tochter geboren. Der Vater unserer Schwester ist 1943 in Rußland gefallen, was aber erst um das Jahr 2000 mühsam ans Tageslicht gelangte.

Vielleicht noch so viel: Ich habe die Volksschule besucht – in meiner Familie die Regel und total normal. Herzenswärme und Urvertrauen sind die lebenslangen Depotgaben, die ich aus dieser Familie mit in die Welt genommen habe.

Der von Georg Picht 1964 geprägte Begriff der „Bildungskatastrophe“ und die von der Sozialdemokratie eingeleitete Wende in der Bildungspolitik haben dann in der Folge etwas damit zu tun, dass ich 1974 - wie oben schon angedeutet als erster in meiner Familie überhaupt - Abitur machen durfte. Was sich anschließt, ist eine Mischung aus Zufällen und zupackenden Entscheidungen meinerseits. Es gab da einen akademischen Lehrer - Heino Kaack; allein über seine Förderung und seine Ermunterung zum Diplomabschluss und zur Promotion eröffnete sich später die Chance für eine akademische Laufbahn. 

Meine Frau hat mich gewarnt, nicht ins Schwafeln zu geraten. Ich halte es aber für ein Gebot der Stunde hier auch Persönlichkeiten zu würdigen, die vielleicht heute nimand mehr kennt und deren Namen niemand mehr nennt. Dem seminarsprengenden und –übergreifenden Diskurs mit Alfred Bellebaum beispielsweise ist zu danken, dass die Unterscheidung zwischen Legalität und Legitimität und die zentrale Bedeutung eines  rechtstaatlich verankerten Gewaltmonopols nachhaltigen Eingang in meine Vorstellungen von Demokratie fanden.

Die letzte Bemerkung ist hier von Bedeutung, weil ich heute – an dieser Stelle – mit einer Reihe von Vorträgen und Erzählungen beginne, von denen ich überzeugt bin, dass ich sie mir und unserem Gemeinwesen schulde. Zu den bis heute für mich prägenden Gestalten in der Findephase der Republik gehören Jürgen Habermas und Niklas Luhmann:

Der erste bildet mit seiner „Theorie kommunikativen Handelns“ das analytische Herzstück meiner Dissertation aus dem Jahr 1984. Der heute fast 91jährige Jürgen Habermas hilft mir auch gegenwärtig noch auf den Gaul und reicht mir die Lanze, wenn es darum geht, zur Attacke auf braune Nachgeburten zu blasen.

Der andere - Niklas Luhmann, den zwar zeitgleich mit Habermas schon gelesen, aber nicht annähernd verstanden habe, prägt heute maßgeblich sowohl meine Lebensphilosophie als auch meine wissenschaftliche Grundorientierung.

Vor meiner ersten kurzen Erzählung, mit der ich begründen möchte, warum wir von den Wildschweinen (sus scrofra) lernen können und müssen, steht daher ein Zitat Peter Sloterdijks, das geeignet erscheint jene Haltung der „Selbstdesinteressierung“ zu begründen, die er Niklas Luhmann zuschreibt und die im vergifteten politischen und gesellschaftlichen Klima unserer Republik so überlebensnotwendig erscheint:

Im Denken Luhmanns – so Sloterdijk – gehe es um „nichts Geringeres als das allen Weltbeschreibungen erster Ordnung inhärente Paranoia-Potential und die von ihm gebundene und entbundene Gewalt. (Etwas konkreter gesprochen:) Wo immer Menschen anfangen, ihre Weltbilder distanzlos zu bewohnen und ihre Einstellungen des Seienden im ganzen als eine Arena realer Kämpfe zu erleben, dort sind sie der Versuchung ausgesetzt, für ihre Identitätskonstrukte bis zum bitten Ende zu kämpfen und für ihre Fiktionen zu töten“.

Die RAF in den siebziger Jahren, der NSU und die lange Kette rechtsextremen Terrors – zuletzt in Halle und in Hanau sind Folgen radikal zu Ende gelebter Weltbilder erster Ordnung – ohne jeden Versuch und ohne jede Fähigkeit reflexive und kritische Distanz zum eigenen Tun zu gewinnen:

Ich beginne heute mit der Beantwortung der Frage, ob Alexander Gauland eine Dreckssau ist und schiebe gleich eine zweite Frage hinterher, ob wir nicht gut daran tun uns zu republikanischen Drecksäuen zu entwickeln? Diese Überlegungen stehen hier deshalb am Anfang, weil Gauland, Höcke und andere AfD-Vertreter Verantwortung tragen für eine nicht hinnehmbare Verschiebung des Sag- und Machbaren hinein in die Tabu-Zone, die mit  einem konsequenten „Nie-Wieder“ und Adornos „Erziehung nach Auschwitz“ markiert ist.

Ich werde mir – wie weiter oben schon gesagt – in Maßen ein Beispiel an Rezo nehmen.  Er hat seinerzeit – um jeder Langeweile den Boden zu entziehen – ein „Zerstörungsvideo“ angekündigt. Und das Geilste ist, dass der recht behält, wenn er vor einem knappen Jahr betont, dass er damit keineswegs die CDU zerstören wolle – ja seht her, die besorgt das ganz in eigener Regie; als hätte sie Rezos Video als Blaupause in ihr aktuelles Drehbuch übernommen. Rezo – Chapeau! Unbedingter Respekt. Genau davon träume ich, von einem „Zerstörungsvideo“ – und die AfD besorgt ihren Overkill dann ganz von selbst; oder noch besser: Wir als Souverän besorgen’s der AfD: Keine Stimme der AfD!

So geht es also zunächst ganz sanft und diskret mit der Beantwortung der Frage los, ob Alexander Gauland eine Drecksau ist.

   
   
© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund