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Hanno Rauterberg - Die ZEIT ist endlich bei mir angekommen

Kurz vor Schluss - Eine kleine Sozialkunde ist wesentlich von den Beiträgen der ZEIT-RedakteurInnen inspiriert. Vor einiger Zeit war es Maximilian Probst, der uns alten BildungstheoretikerInnen mit "Umdenken oder Untergehen" bereits vor Greta Thunberg eine grundlegende Revision sowohl der Politik als auch unseres Bildungsverständnisses ins Gedächtnis gehämmert hat. Roger Willemsen hatte dies kryptisch-vermächtnistechnisch mit "Wer wir waren" als Fanal markiert. Und nun brandmarkt Hanno Rauterberg "Die Kunst der Scheinheiligkeit"!

"Wohl dem, der immer schon lieber nach Helgoland als nach Bali fuhr. Der lesend die schönsten Exkursionen unternahm, weltläufig im Geiste. Er ist der wahre Avantgardist, ein Meister umweltschonender Trägheit. Während der Rest der Menschheit hektisch nach einem besseren Selbst sucht und inständig hofft, es in unbereister Fremde zu finden, sitzt der Avantgardist emissionsarm auf dem Sofa und erfreut sich seiner Imagination. Alle zirkulieren, Waren, Daten, Leiber. Er hält die Füße still."

Ja, meine Lieben. In der Tat muss ich mich nicht mehr erklären. Dazu hat mir die Festschrift für den ehrenwerten Kollegen Winfried Rösler ein Forum geboten: Darin geht es auch um das von Hanno Rautenberg angedeutete "finstere Dilemma", mit dem die Grand Tour des 19. Jahrhunderts zum obligartorischen Bildungsausflug für die gehobenen Kreise entgleitet, vielfach aber auch - unter dem Signum der Bildungsreise - im massentouristischen Terror endet, wie er als schmerzende Paradoxie im litauischen Pavillon auf der Biennale in Venedig erscheint: Touristen, die auf Touristen starren - Touristen, die bekanntermaßen keine Touristen mögen - und die vor allem auch von vielen leidgeprüften Bewohnern der begehrten Urlaubsziele nicht gemocht werden.

Hanno Rauterberg registriert, dass kaum ein anderes Thema die Künstler gegenwärtig mehr beschäftige als "die Klimakatastrophe". Und er stellt die Frage, ob dies irgendetwas bringe, ob eine Kunst, die das Gute und Richtige propagiere, mehr sein könne als ästhetischer Ablasshandel? Der Jetsetter Peter Sloterdijk spricht von kinetischer Verschwendung, die allein schon deshalb unseren Planeten mitruiniert, weil sie in ihrem exponentiell wachsenden Ausmaß schlicht Wärme erzeugt. Ob nun Hanno Rautenberg richtig liegt, wenn er meint, dass es wohl niemanden mehr gebe, dem man die Schädlichkeit der allgmeinen Reisegeilheit erst erklären müsse, wage ich sehr zu bezweifeln.

So sehr, wie er bezweifelt, dass die Entschiedenheit, mit der die Kulturwelt für Klimaschutz eintritt, etwas zu tun hat mit deren gigantischer Produktion von Treibhausgasen, die dem blinden Fleck in der Selbstreflexion konsequent zu entgehen scheint:

"Wie wirkungslos eine sozial und politisch gepolte Kunst in der Regel ist, zeigt sich bereits daran, dass Künstler-Appelle grundsätzlich nur die anderen meinen. Diese anderen sind es, nicht die Künstler selbst, auch nicht die Museen, Theater oder Filmstudios, die sich ganz dringend ändern sollen."

Kultur und die (Un-)Kultur des Reisens haben sich demokratisiert. Auch Hanno Rauterberg bleibt nur die Feststellung, dass diese Form der Weltneugier ihren Preis habe. "Und den zahlen: erstens die Umwelt und zweitens der ärmere Teil der Menschheit [...] Am meisten wird der Klimawandel ja denen zusetzen, die ohnehin schon arm sind und die in Gegenden wohnen, die hoffnungslos verdorren oder hinweggeschwemmt werden." Und wie warm muss sich wohl Hanno Rauterberg anziehen, wenn er doch tatsächlich als ZEIT-Schreiber einem neuen Provinzialismus das Wort redet:

"Provinziell wäre diese Zukunft, doch man würde es als Lob verstehen. Keine Sicherheitsschleusen mehr, keine drittklassigen Hotels in Singapur oder New York. Und ja, auch keine belehrende Biennale-Kunst mehr. Käme es so, man müsste der Klimakrise dankbar sein."

Zumindest muss sich Hanno Rauterberg - dank der Klimakrise - nicht so sehr warm anziehen. Ob es ihm aber gefällt, im weltläufigen Bekanntenkreis und im bildungsbewussten Kreis der ZEIT-Leser mit heruntergelassenen Hosen dazustehen, das würde mich schon interessieren.

 

 

 

   
   
© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund