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Wolfgang Uchatius und der Zuckerboykott

Der Artikel von Wolfgang Uchatius in der aktuellen ZEIT (Nr. 29 vom 11. Juli 2019) heißt: "Ich habe kein schlechtes Gewissen mehr - Warum es in Ordnung ist, Auto zu fahren, in den Urlaub zu fliegen, Fleisch zu essen - und trotzdem für mehr Klimaschutz einzutreten". Für mich markiert dieser Beitrag eine weitere Sternstunde - neben Maximilian Probsts Beitrag "Umdenken oder Untergehen" anspruchsvollen Journalismus. Unter anderem in der Auseinandersetzung mit den Absonderungen mehr oder weniger renommierter oder reüssierter oder auch unbequemer Newcomer in der Szene der (ZEIT-)Journalisten drifte ich selbst intellektuell durch die Welt und schärfe mein lädiertes Profil. Aber nun zu Wolfgang Uchatius:

Er holt historisch und andekdotisch ungemein weit aus und erklärt uns zunächst, wie es in England zur Abschaffung der Sklaverei kam. Dabei erzählt er uns die anrührende Geschichte von Katherine Plymley (1758-1829), die aus altruistischen Motiven und um gegen das barbarische Geschäft des Menschenhandels vorzugehen, anfing den Zucker aus der Karibik zu boykottieren. Mit ihr taten das mehr und mehr Engländer. Der Zuckerabsatz brach schließlich nachhaltig ein und der Sklavenhandel kam tatsächlich zum Erliegen - "die Schwachen hatten gewonnen" (was Katherine Plymley als Einzelner nicht gelingen konnte, gelang einer Massenbewegung mit ökonomischer Durchschlagskraft; all dies führte schließlich zum  g e s e t z l i c h erzwungenen Verbot des Sklavenhandels). Wofgang Uchatius bedient sich nun einer schichten Analogie. Zunächst stellt er grundsätzlich fest: "Die Schwachen, das sind zum Beispiel Kathrine Plymley und ich." Seine Analogie beginnt mit der Feststellung: "Auch ich esse weiterhin Zucker. Ich bin Teil eines Volkes von Scheinheiligen" - denn Uchatius stellt weiterhin in Bemühung der Analogie fest:

  • 71 Prozent der Deutschen hielten die Sklaverei für das größte Problem der modernen Welt.
  • 55 Prozent fänden es in Ordnung, wenn Schulkinder den Unterricht schwänzen, um gegen die Sklaverei zu protestieren.
  • 20 Prozent der Wähler hätten bei der Eurpopawahl für die Grünen gestimmt, eine Partei, die ihr Hauptziel in der Bekämpfung der Sklaverei sieht.

"Aber fast 100 Prozent essen weiterhin Zucker. Das gilt auch für mich. Ich bin ein Teil eines Volkes von Scheinheiligen." Was nun folgt ist der Analogietransfer: Natürlich sei das große Thema der Gegenwart die Erderwärmung - nicht die Versklavung der Menschen, sondern die Zerstörung der Natur. Uchatius sieht die Parallele darin, dass es in beiden Fällen darum gehe, die Dinge billiger zu machen: "Zu Lebzeiten von Katherine Plymley ist Zucker das, was heute Erdöl ist: die meistgehandelte Ware der Welt [...] Die Ausbeutung der Menschen ist noch existent, aber sie hat stark abgenommen. Was zugenommen hat, ist die Ausbeutung der Erde. So wie damals die Sklaven als billige Arbeitskräfte dienten, dienen heute die Erde und ihre Atmosphäre als billige Rohstoffquelle, als Mülldeponie, als Auffanglager für Treibhausgase. Seit den Lebzeiten von Katherin Plymley ist die globale Durchschnittstemperatur um ein Grad gestiegen."

Uchatius weist darauf hin, dass die Hintergründe der Erderwärmung tausendfach nachvollziehbar beschrieben und erklärt worden seien. Bei der Suche nach den Schuldigen kommt Uchatius zu einem nüchternen Befund: Zwar könne man - wie die britische Umweltorganisation Carbon Disclosure Projekt (CDP) nachweisen, dass von den Millionen von Unternehmen rund um den Globus nur etwa 100 für ca. 70% der weltweiten Treibhausgas- Emissionen verantwortlich sei, aber immer nur um den Preis der Irreführung!

"Denn so wie es damals im 18. Jahrhundert nicht die Sklavenhändler waren, die all den Zucker aßen, so verbrennt heute nicht Saudi Aramco all das Benzin. Gazprom heizt nicht die Häuser. RWE verbraucht nicht den Strom. Wir tun das. Ich."

Uchatius berechnet in der Folge mit Hilfe des "CO²-Rechners" des Umweltbundesamtes seine persönliche Klimabilanz, denn er stellt zunächst einmal fest, dass der Klimawandel ein politisches Problem sein möge, aber er sei vor allem auch ein privates - ergo: "Reden wir also über mich": Was folg beeindruckt und ernüchter zugleich: 

  • Ich besitze kein Auto - leihe mir ab und zu eins - da kommen schon ein paar Kilometer zusammen.
  • Ich bin in den vergangenen Jahren ein Mal in den Urlaub geflogen, nach Island.
  • Ich wohne in einer Etagenwohnung in einem Niedrigenergiehaus.
  • Ich beziehe Öko-Strom.
  • Ich esse etwa einmal in der Woche Fleisch.

Heraus kommt eine Bilanz, die deutlich unterhalb der deutschen Durchschnittwerte (11,6 Tonnen) liegt, aber deutlich mehr als die Zielzahl von einer Tonne, die das Umweltbundesamt als klimaneutral angibt: "Ich liege also gut und schlecht zugleich." Uchatius setzt dem dann Infos entgegen, die sich mit der Person Leonardo DiCaprios verbinden lassen - seines Zeichens Friedensbotschafter der Vereinten Nationen und Klimaaktivist (Gründer einer Umweltstifung) im paradoxen Doppelsinn (2016 bei der Oscar-Verleihung sagt er: "Der Klimawandel ist die größte Bedrohung unseres Planeten, wir müssen kollektiv zusammenarbeiten und aufhören, die Sache auf die lange Bank zu schieben.") . Hier einige High-Lights:

  • DiCaprio fliegt nachweislich innerhalb von sechs Wochen sechs Mal zwischen Los Angeles und New York hin und her - nicht erster Klasse, sondern in einem Privatjet.
  • Mit diesem flog er laut Zeitungsberichten auch von Cannes nach New York, um dort einen Umweltpreis entgegenzunehmen, und dann von dort am nächsten Abend wieder zurück nach Cannes.
  • Er flog nach Australien, um in Sidney auf den Jahreswechsel anzustoßen, und dann schnell wieder zurück nach Amerika, wo der in Las Vegas - dank der Zeitverschiebung - gleich noch einmal Silvester feiern konnte.
  • Er lud etwa 20 Freunde auf die fünftgrößte Jacht der Welt ein (knapp 150 Meter lang), um gemeinsam mit ihnen die Fußball-WM in Brasilien zu verfolgen. Die Jacht - so Uchatius - fuhr nicht mit Solarenergie.

Bei dem Versuch DiCaprios persönliche Klimabilanz abzuklären gibt Uchatius auf. Das Umweltbundesamt biete z.B. bei der Wohnsituation die Rubriken "Mehrfamilienhaus", "Reihenhaus" und "Einfamilienhaus" an. DiCaprio lebe aber sowohl in mehreren großen Einfamilienhäusern, manche davon ausgestattet mit Swimmingpool und Basketballplatz, als auch in ebenfalls sehr großen Apartments in Mehrfamilienhäusern. Uchatius gelangt dann zu der Einsicht, dass dieser "Vergleich"  seine Motivation erheblich senke: "Angenommen ich würde keinen Tropfen Benzin mehr verbrennen, was würde es nützen? gegen DiCaprios Superjacht komme ich nicht an." Und er benennt die Kolateralschäden, die seine Motivation einstecken müsse angesichts folgender Nachrichten:

  • "Neuwagen haben immer mehr PS"
  • "So viele Flüge in Deutschland wie nie"
  • "Fleischkonsum: Pro-Kopf-Verzehr steigt leicht"

Um nun nicht ins totale Motivationsloch abzustürzen, bedient sich Uchatius simpler Einsichten und Erfahrungen nach dem Motto: Wer nicht hören will, muss fühlen! Sein Referenzbeispiel ist eine englische Kuhweide; eine graslose Weide, die nicht einem einzelnen Bauern gehörte, sondern eine Weide, die von sehr vielen Bauern genutzt wurde, die kein eigenes Land besaßen. Da sie Bauern waren - so Uchatius - wussten sie, dass eine Wiese nur eine begrenzte Anzahl von Kühen aushalten kann, denn das Gras braucht Zeit, um nachzuwachsen. Selbstbeschränkung war also unerlässlich. Selbstverständlich richtete es keinen Schaden an, wenn einer der Bauern anfing, statt der vereinbarten 10 Kühe pro Hof, elf oder zwölf Kühe am Tag auf die Weide zu treiben. Das Gras wuchs trotzdem. Allerdings kamen natürlich andere Bauern bald auf dieselbe Idee. Es standen schnell 18, 19, 20 Kühe pro Hof auf der Weide - und schon zeigten sich die ersten braunen Stellen. Die wechselseitige Selbstregulation bzw. -bescheidung lief aus dem Ruder, bis alles Gras verschwunden war. Jeder Einzelne erwies sich als zu schwach, um die Wiese zu retten. Uchatius berichtet von Ökonomie-Professor der Universität Oxford, der dieses Dilemma kollektiven Handels bzw. Fehlhandelns im Jahra 1833 zum ersten Mal analysierte.

Die größte denkbare Kuhweide

Es geriet in Vergessenheit, bis der amerikanische Philosoph und Ökologe Garrett Hardin 1968 in der renommierten Zeitschrift Science einen Essay mit dem Titel The Tragedy of the Commons veröffentlichte: "Hardin verglich die zertrampelten Weiden der Vergangenheit unter anderem mit dem überfischten Meer der Gegenwart. Er schrieb, der freie, uneingeschränkte Zugang zum Allgemeingut führe zum Ruin aller. Von der mit Treibhausgasen angereicherten Atmosphäre schrieb er nichts. Ende der Sechzigerjahre dachten viele noch, die Erdatmosphäre lasse sich von Menschenhand nicht beeinflussen. In Wahrheit ist sie die größte denkbare Kuhweide."

Das Problem sind die anderen

Es hört sich simpel an: "Wenn im Deutschland des 21. Jahrhunderts ein einzelner Mensch auf Autofahrten, Urlaubsflüge und Cheesbürger verzichtet, bekommt dieser Verzicht zunächst einmal nur er selbst zu spüren. Auf den weltweiten, von 7,6 Milliarden Menschen verursachten CO²-Ausstoß hätte sein Verzicht nur dann einen Effekt, wenn sich viele Millionen Menschen genauso verhielten. Da diese aber frei sind, sich anders zu entscheiden, und alles darauf hindeutet, dass sie von dieser Freiheit auch Gebrauch machen, entsteht am Ende schnell ein Gefühl von nutzloser Einschränkung. Verzicht ohne Sinn. Dann doch lieber nach Australien oder Südafrika fliegen."

Was tun bzw. was hilft?

Auch die Antwort hierauf erscheint simpel: Am Beispiel der Helmpflicht für Eishockeyspieler erläutert Uchatius, warum nicht der Todesfall Bill Mastersons 1968 allein zur Konsequenz hatte, die Helmpflicht einzuführen. Es dauerte bis 1979 - nach weiteren folgenreichen Ereignissen - nicht mehr den einzelnen Spielern die Entscheidung für oder gegen den Heim zu überlassen. Die Verantwortlichen der Einshockey-Liga in den Staaten erließen eine neue Regel: die Helmpflicht. Seitdem ist das Problem - auf nationaler wie auf internationaler Ebene - gelöst. Uchatius liebt Analogien und stellt fest, dass in Deutschland die Entscheidung, welches Auto man fährt, dem einzelnen Autofahrer überlassen ist. Denjenigen, die dort, wo der homo sapiens normaler Ausprägung über einen Verstand verfügen und nicht ein Lenkrad, einen überdimensionierten Stern oder vier ineinander verschachtelte Ringe etc. ect. wird die folgende Argumentation des Wolfgang Uchatius absurd und freiheitsbedrohend erscheinen: Uchatius wähl willkürlich als Referenzdatum das Jahr 1990 - er war eben 20 jahre alt. Hätte die Bundregierung bzw. das Parlament just in diesem Jahr ein Gesetz erlassen, das die Leistung der Motoren auf dem damaligen Niveau festgeschrieben hätte, dann hätte niemand weniger Autofahren müssen, und Deutschland wäre der notwendigen Emissionsreduktion ein großes Stück näher gekommen: "Ich - Wolfgfang Uchatius - war 1990 zwanzig Jahre alt. Ich kann mich nicht erinnern, dass die Deutschen damals sonderlich unzufrieden mit der Motorleistung ihrer Autos waren, aber trotzdem: Ja, ein solches Gesetz wäre ein Verbot gewesen." Und dann: "Ich glaube, man sollte noch sehr viel mehr verbieten - oder zumindest verteuern:

  • Geschwindigkeiten über 130 km/h auf der Autobahn;
  • Autos in den Innenstädten;
  • Massentierhaltung;
  • Kohlekraftwerke;
  • Inlandsflüge!

Und Wolfgang Uchatius stellt die sattsam bekannten Fragen:

  • "Warum ist ein Flug von Deutschland nach Spanien oder Griechenland mitunter für 20 Euro zu haben?"
  • "Warum kostet ein Kilo Fleisch oft weniger als ein Kilo Kirschen?"
  • "Warum muss man nicht den echten viel höheren Preis bezahlen?"

Er weist darauf hin, dass die Idee seit hundert Jahren im Raum steht. Er zitiert den englischen Ökonomen Arthur Cecil Pigou. Sein Gedanke: "Die Zerstörung und Verschmutzung der Natur verursacht einen Schaden, für den bisher die Allgemeinheit aufkommen muss. Stattdessen sollte der Verursacher die Kosten tragen [...] Pigou ist lange tot, seine Idee stammt aus dem Jahr 1920. Es ist im Prinzip das Konzept einer CO²-Steuer, einer Abgabe auch jede Tonne Treibhausgas, die beim Verbrennen von Kohle, Öl oder Gas oder bei der Produktion von Fleisch entsteht.""

Wolfgang Uchatius schlägt zum Schluss den Bogen zu den Schülerdemos, die mit Greta Thunberg im August 2018 ihren Anfang genommen haben. Er plädiert für den kalkulierten Regelverstoß des Schuleschwänzens: "Sie haben eine Debatte in Gang gesetzt. Sie haben dafür gesorgt, dass plötzlich fast alle Parteien über neue, echte Klimagesetze reden. Ich glaube, die Stärke der Schwachen gibt es wirklich, aber sie zeigt sich nicht im Verzicht, sondern auf der Straße, die Straßen müssen nur voll genug sein. Und manchmal zeigt sich auch darin, dass man bereit ist, sich etwas verbieten zu lassen."

Es ist an der Zeit, dass die Alten den Jungen folgen. Die Jungen gehen auf die Straße, weil wir Alten es verkackt haben. Weder die Innovationskraft der Politik noch der Druck der Straße haben den Schaden abwenden können, den die Jungen perspektivisch auf sich zurollen sehen. Wir Alten können es auch sehen. Und wir sollten es mit dem angemessenen schlechten Gewissen sehen, was wir versäumt haben und was wir nun gezwungen sind im Schweinsgalopp nachzuholen. Es ist erschreckend zu sehen, wie auch in der gegenwärtigen Debatte die simplen binären Codes unterschiedlicher Systemlogiken die Wahrnehmung und die Handlungsperspektiven der Akteure beeinflussen. Hart aber Fair zeigte gestern Abend, wie der Politikbetrieb Funktions- und Mandatsträger biespielsweise an die Spitze von Ministerien spült, die mit den aktuellen Herausforderungen und einer angemessenen politischen Perspektive maßlos überfordert sind. Es könnte sogar sein, dass schlichte Geister vom Zuschnitt Julia Klöckners mit ihrer weichgespülten Strategie einer rein marktorientierten Antwort auf die klimapolitischen Herausforderungen die Schüsse noch nicht gehört haben, die selbst aus der Richtung ihrer Stammwähler abgegeben werden. Mit Schlichtheit des Geistes lassen sich allerdings klimapolitische Versäumnisse nicht entschuldigen. Die von Wolfgang Uchatius gestellte Frage, warum es allein in Deutschland immer noch erlaubt sei auf Autobahnen schneller als 130 km/h zu fahren deutet eher auf das Marionettentheater hin, in dem Flachpfosten à la Dobrindt und Scheuer die Hauptrolle geben und die Automobillobby die Strippen zieht.

Wie steht's mit uns? Wir renovieren, wir sanieren - in unzureichendem Maß. Wir packen unsere Häuser in Styropur und heizen nach wie vor mit fossilen Brennstoffen. Wir bringen Photovoltaik auf unsere Dächer auf - und fühlen uns von der Politik verarscht! 

   
   
© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund