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Ein Fluggerät stürzt ab

 

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut.

In allen Lüften hallt es wie Geschrei.

Ein Fluggerät stürzt ab und geht entzwei

Und in den Köpfen - spürt man - steigt die Flut.

Und die Gezeiten wechseln Wut-Mut-Wut.

 

Der Sturm ist da,

Die wilden Meere hupfen,

Und die Seele schwillt,

Um Dämme zu zerdrücken.

Die meisten Menschen weinen,

wie beim Schnupfen

Und stehn am Abgrund -

suchen Brücken.

 

25 Jahre ist es nun her, das dieses "Fluggerät" bei Landshut abgestürzt ist - an Bord mein Bruder Willi und drei weitere Männer aus Bad Neuenahr; die ihr Leben verlieren infolge der Egomanie und Fahrlässigkeit des Flugzeugführers. Meine Biologie ist auch 25 Jahre nach diesem Ereignis soweit in Ordnung. Das "gelebte Leben" - der Bios als Grundlage für ein zuträgliches und aktives Leben! Kein Krebs! Keine bedrohliche Herz- Kreislauferkrankung. Die Parametrisierung der letzten Befunde im Zielfeld einer nach allen Erkenntnissen zuträglichen Lebensweise, das heißt die Art und Weise das Leben zu leben und zu lieben scheint im Einklang mit dem, was man sich gleichermaßen zumuten, versagen und zugestehen muss bzw. darf.

Dramatisch im Abgleich mit  u n s e r e m  Kinderfoto hoch oben über dem Apollinaris-Brunnen - von links nach rechts: der Juppi, der Peter-Georg, der Karl-Heinz, der Willi und der Jopa - im Alter zwischen 8 und 12 Jahren. Der einzige Überlebende: der Juppi! Der ist heute 67 Jahre alt und erfreut sich - wie angedeutet - bester Gesundheit. Der Verlust und Mangel an vollkommener Unbefangenheit erklärt sich beim Betrachten diese Fotos aus der Odo Marquardt geschuldeten Einsicht, dass wir alle weit mehr unsere Zufälle als unsere Wahl sind. Ich habe immer den Mythos und die kryptische Bildsprache dieses Fotos betont - vielleicht überstrapaziert! Jopa zeichnet verantwortlich für dieses magische Foto; er hat uns in dieses "zwanglose" Arrangement hinein gezaubert - drapiert - inszeniert; zu Beginn der 60er Jahre mit ein Voigtländer, ausgestattet mit einem "Selbstauslöser"; für uns Jungs vom Lande weder transparent noch nachvollziehbar! Jopa ist es gelungen, diesen Fotoapparat - diese Kamera obscura - ohne Stativ auf einer Erdanhäufung so zu platzieren, dass er sich in aller Seelenruhe zu uns begeben konnte; ein einziger Versuch!!!: Wir fünf schauen offen, zugewandt mit einer coolen, entspannten Mimik - mit einem Lächeln in diese Kamera; keiner von uns verfehlt diesen magischen Moment! Ein Anflug von Skepsis äußert sich in Jopas Blick: "Ob das wohl gelingen mag?" Er war der einzige von uns, der als neun- oder zehnjähriger Junge zu einer solchen Kapriole in der Lage war! Und wie das gelungen ist!

Wir fokussieren gspannt die Kamera. Außer mir, der ich meine Extremitäten seitwärts platziere und dadurch völlig entspannt auf dem linken Ellenbogen aufliege, haben sich die vier anderen rücklings gelagert, die Beine nach vorne ausstreckend. Im "Bildarrangement" fällt im Hintergrund die Umzäungung einer Art Koppel in den Blick, dominiert von drei Zaunpfählen, zwischen denen Stacheldraht aufgespannt ist. Würde man diesem "Gesamtarrangement" eine Art Regieanweisung unterstellen, würde sich unmittelbar die Duplizität einer himmelwärts strebenden Vertikalspannung aufzwingen. Für Jopas und Willis linken Unterschenkel drängt sich eine Parallelverschiebung mit Blick auf die beiden in der Zentralperspektive dominierenden Zaunpfähle auf, während einzig noch Peter-Georg diese Parallelbewegung dem am linken Bildrand aufragenden Zaunpfahl zugestehen mag. Meine und Karl-Heinzens Beine liegen hingegen flach auf dem Boden bzw. verschwimmen im linken Bildrand. Ich "rette" meine Extremitäten, die mich noch heute durch die Welt tragen und bin ganz offenkundig nicht ganz von dieser Welt.

Von alledem "wissen" wir nichts. Ich schreibe heute als einziger Überlebender: Willi ist 1994 mit noch nicht 39 Jahren aus dieser Welt gestürzt; Jopa 1995 mit knapp 41; Peter-Georg ist 2010 im Alter von 59 Jahren an einer heimtückischen Krebserkrankung gestorben und Karl-Heinz - sein Bruder - ist ihm 2017 im Alter von eben 60 Jahren gefolgt. Wir waren im ersten Leben - in der Volksschule - der K9-Club, wiederum eine Erfindung Jopas. Er hat als einziger die Realschule besucht, während ich - erst beginnend mit meinem zweiten Leben - das Are-Gymnasium besucht und sogar erfolgreich abgeschlossen habe.

Aber aufwärts - gewissermaßen himmelwärts, so wie es die Zaunpfähle weisen, sind Willi, Jopa und Peter-Georg als erste und Karl-Heinz vorerst als Letzter - korrekt als Vorletzter entschwunden. Und was hat Odo Marquadt damit zu tun? Willi war mein Bruder, so wie Peter-Georg und Karl-Heinz Brüder waren; einzig Jopa war in diesem fünfblättrigen Kleeblatt ein Solitär - aber eingebunden in eine Blutsbrüderschaft. Das Schicksal dieses Kleeblatts bzw. der einzelnen Blätter mag auf mehr oder weniger dramatische Weise belegen, dass wir alle weit mehr unsere Zufälle als unsere Wahl sind! Der Zufall ist der Geburtshelfer und definiert folgenreich die Zugehörigkeit zu dieser oder jener Familie. Die Ausprägung von Zugehörigkeit und Geborgenheit führt zu der je besonderen Ausprägung von Bindungsqualitäten - nicht der Bindung schlechthin, sondern eben ihrer Qualität und ihrer je besonderen Bedeutung für ein ganzes Leben.

 

   
   
© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund