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In memoriam Günter Altner

Günter Altner: „Natur ist nicht nur berechenbares Objekt, Materiebaustein, Müllkippe schonungsloser Ausbeutung …, sondern das Netz, in das sich der Mensch hinein verwoben findet, an dem er selbst fortstrickend mitwirken kann“. Ein wenig verfrüht - gut 3 Wochen vor seinem 82sten Geburtstag am 20. September (Günter Altner ist am 6. Dezember 2011 verstorben), möchte ich an Günter Altner erinnern. Als Professor für Evangelische Theologie gehörte er - wie ich selbst - dem Lehrkörper der Universität Koblenz an (Pensionierung 1999). Ich erinnere mich an einige Vorträge und besonders an einen ruhe- und rastlosen Mann, der ständig, seine ausgebeulte Ledertasche in der Hand, unterwegs zu sein schien - zwischen Koblenz, Heidelberg und Freiburg; mehr als viertausend Vorträge soll er in seinem Leben gehalten haben.

Einige seiner Veröffentlichungen habe ich selbst erworben, so selbstverständlich seine im Uni-Taschenbücher-Verlag erschienene Schrift "Tod, Ewigkeit und Überleben. Todeserfahrung und Todesbewältigung im nachmetaphysischen Zeitalter" (ISBN: 3494021325). Den kompletten Altner habe ich im Nachlass von Ernst Begemann vorgefunden. Warum ich heute an ihn erinnere, werde ich anhand einer seiner Publikationen verdeutlichen, die sich nahtlos in Max Liebermanns Idee einordnen lässt, dass man zuweilen gar nicht so viel fressen kann, wie man kotzen möchte. Im Patmos-Verlag hat Günter Altner 1992 eine kleine Schrift unter dem Titel: über leben von der kraft der furcht (ISBN 3-491-72263-2) veröffentlicht. Kapitel 7 - kurz vor Schluss - ist überschrieben mit:

"Fürchtet euch, fürchtet euch nicht"

26 Jahre ist das nun her. Günter Altner erwähnt, dass er heute (1992) - stärker als früher - gedrängt werde, er solle doch zugeben, es sei doch längst fünf nach zwölf, die Überlebenskrise sei weit fortgeschritten, eine rechtzeitige Lösung nicht in Aussicht, sehr wahrscheinlich schon verpasst. Altner räumt dies ein und fasst die erkennbare und in der Überschrift bewusst gesetzte Dialektik abschließend folgendermaßen zusammen:

"Mit unserer Kapitelüberschrift "Fürchtet euch - fürchtet euch nicht" wird der durch dieses Buch gehende Spannungsbogen noch einmal aufgenommen und fortgeführt. Jetzt geht es um uns, den Autor und die Leser, um unsere Ehrlichkeit in der Überlebenskrise. Wenn es so ist, dass wir im Hinsehen der Furcht das Furchtbare uns klarmachen, sein bedrohliches Nahen aber auch als die Enthüllung einer tieferen Wahrheit auffassen können, dann ist die unverstellte und durch keine Verdrängung verschleierte Krise der Weg zum Leben, sei es dass wir würdig untergehen, sei es, dass uns auf eine neue Weise der Fortgang des Lebens eröffnet wird (S. 164)."

Was würde Günter Altern heute wohl sagen? Er könnte schlicht die Hinweise auf Seite 169 seines Buches in verschärfter Form wiederholen! Geht es denn noch schärfer?

Es geht immer schärfer, zumal wenn man erkennen muss, dass intellektuell halbdebile und ethisch verkommene Schwachmaten wie der NRW-Wirtschaftsminister Pinkwart zur besten Sendezeit absoluten geistigen Dünnschiss und Schwachsinn absondern dürfen - unerträglich in der Entsprechung mit umweltpolitischen Versäumnissen, die Altner schon vor 40 Jahren brandmarkte.

Altner sagt unter dem Stichwort "Erdverantwortung":

"Dabei tut sich eine über die Wahrhaftigkeit hinausführende weitere Perspektive auf: Erdverantwortung. Hier ist nicht das erfolglose Palaver internationaler Politik gemeint, sondern die Fähigkeit (gerade auch des einzelnen), Zusammenhänge sehen und im eigenen Handeln ernst nehmen zu können. Es ist ja nicht nur so, dass uns die Überlebenskrise mit ihren globalen Horizonten ratlos und trostlos macht [...] Wer sich - motiviert von seiner Furcht - mit den Gefahren und Ursachen der Klimakrise auseinandersetzt, entdeckt, dass er als einzelner durchaus Konsequenzen für sein Handeln ziehen kann. Anlässlich der Veröffentlichung des Ersten Berichts der Klima-Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages haben Wissenschaftler eine mahnende Erklärung verfasst, in der es ganz persönlich heißt: 'Wir verpflichten uns deshalb als ersten Schritt zu folgenden fünf Maßnahmen:

1. Wir reduzieren die Benutzung des Autos im nächsten Jahr um mindestens 30% und halten uns ans Tempolimit.

2. Wir wollen in unserem privaten Bereich den Energieumsatz in den nächsten 10 Jahren halbieren.

3. Wir verzichten auf jeglichen Gebrauch von FCKW und Halonen sowei weitegehend auf Chemie im Haushalt.

4. Wir halbieren unseren Fleischverbrauch.

5. Wir boykottieren die Nutzung von Tropenholz.

Wie niedlich ist denn das??? 26 Jahre später herrscht immer noch Pinkwartsche Idiotie, ein amerikanischer Präsident entpuppt sich als infantiler Egomane und fickt nicht nur sich ins Knie. Und in meinem unmittelbaren Umkreis - von den Jedermännern (das ist meine Sportgruppe) bis hin zur engsten Verwandtschaft tun wir alle so, als sei alles in bester Ordnung (siehe unseren familieninternen Diskurs auf dem Höhepunkt dieses Supersommers, wo die Pinwartsche Omma fröhliche Urständ feierte).

Apropos Pinkwartsche OMMA: Günter Altner hat ja beispielweise den Höhepunkt der Easy-Jet-Ideologie (Rayn-Air u.a.) nicht mehr erlebt. Was würde er wohl unter christlichen Gesichtspunkten sagen zu dem Argument, dass de Omma aus Wanne-Eikel-Süd sich eben auch den Traum erfüllen wollen darf zwei- bis dreimal im Jahr auf Malle zu fliegen, um sich den Duft der großen weiten Welt um die Nase wehen zu lassen? Und wennse dann auch noch im Preisausschreiben ne Weltumsegelung mit der AIDA gewinnt - ja, hörma, wer will denn da Spielverderber sein??? Mit 80 um die Welt - ja hörma - watt kost die Welt??? Biste doch selber Schuld, wenn de da dat Kotzen kriegst!!!

Kommen wir noch einmal zurück zu Günter Altners "Fünf-Punkte-Programm":

"Menschen, die so leben, wie es das zitierte Fünf-Punkte-Programm vorsieht, fürchten sich vor dem Einbruch des Klima-Krise, aber sie fürchten sich nicht, aus den Reihen der Konformisten auszuscheren und ein Zeichen zu setzen und mit diesem Zeichen eine Solidarität zu praktizieren, die völkerverbindend und lebensrettend für kommende Generationen ist."

Apropo Fürchten: Warum sollte man sich vor einem Ereignis fürchten, das bereits eingetreten ist? Scheiß doch auf völkerverbindende Solidarität und kommende Generationen. Da lös ich doch lieber noch schnell ein Ticket und jette und cruise noch mal fröhlichl um die Welt. Und wenn ich's wirklich gut machen will, dann mach ich halt dabei nen A b g a n g und lasse das dann noch als besondere Tragik erscheinen.

Mensch, Günter Altner, deine letzte Zuckung? 

"Haben, als hätte man nicht"

"Und schließlich das Letzte und Heikelste: die Furcht, besitzlos zu werden. Wer Bilder der Armut ernsthaft gesehen oder gar selber Armut erlebt hat, der füchtet, besitzlos zu werden. Aber es gilt auch das andere, wer mehr und mehr hat, kommt um so mehr in Besitzstandswahrungsängste hinein. Und unsere Gesellschaft ist zutiefst geprägt von solchen Ängsten, wobei diejenigen, die am meisten haben, sich am stärksten von Armut bedroht fühlen. In diesen Wohlstandszwängen und -schwindeleien unserer Tage nehmen sich die Christen und die Kirchen als äußerst angepasst aus (und T E B A R Z - der teuerste Bischof aller Zeiten - war noch gar nicht auf den Plan getreten, Verf.). Dabei schildert doch Apostel Paulus die christliche Existenz als 'Haben, als hätte man nicht' (Kor 7, 29ff). Angesichts des immensen Wohlstandsgefälles zwischen West und Ost und Nord und Süd müssen wir fürchten, an unserem Besitz zu kleben, den wir nachweislich auf Kosten anderer (der Dritten Welt, der zukünftigen Generationen und der Kreaturwelt) mehren. Das führt in den Abgrund der Überlebenskrise.

Darum: Fürchtet euch nicht, umzuverteilen und abzugeben. Dazu bedarf es einer erfinderischen Furcht, die beispielhaft handelnd Politik anreizen und herausfordern kann. Wie es zur Anhäufung von Kapitalien der List, so bedarf es zu ihrer Umverteilung der Klugheit. Was in der Weltgemeinschaft an den Kapitalstarken immer wieder scheitert, Neuregelung der Besitzverhältnisse, könnten wir im Bereich der persönlichen Umverteilung zum Erfolg führen. Wieviel gemeinnützige Stiftungs- und Unterstützungsprogramme gibt es auf allen Sektoren des Umweltschutzes, der Friedensvorsorge und der Entwicklungspolitik. Es gibt kiloschwere Adressbücher dazu, die überzeugende Beispiele von Einzelpersonen und Gruppen auflisten und zur Nachahmung empfehlen.

Hier kann die Parole nur heißen: Fürchtet euch nicht, entzieht dem Staat eure Steuern, investiert gemeinnützig! Bringt das Leben zum Blühen, fördert Inseln der Mitmenschlichkeit und Mitkreatürlichkeit!"

So grüße ich den Mann mit der Ledertasche - vielleicht bringt er ja den ein oder anderern doch noch zur Besinnung! Denn früh schon hat Günter Altner mit Jörg Zink dafür gesorgt, dass heute niemand mehr sagen kann: Von alledem habe ich nichts gewusst - es sei denn, er wäre derselben Verblödung (ohne Amnesie in Anspruch nehmen zu können)anheim gefallen, wie ein gewisser Herr Pinkwart! 

 

 

 

 

   

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