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Das Glück und der Tod

2014 veröffentlichten Bernhard Pörksen und Friedemann Schulz von Thun "Kommunikation als Lebenskunst - Philosophie und Praxis des Miteinander-Redens". In "Was ist Kommunikation" habe ich diesen Versuch - zwar nicht wie die akademische Welt ignoriert (ein berechtigter Seitenhieb Bernhard Pörksens auf die Arroganz der staatlich besoldeten Kaffeesatzleser), sondern einer kritischen Würdigung unterzogen. Das letzte Hauptkapitel "Das Glück und der Tod" habe ich seinerzeit ausgespart; man könnte auch sagen, ich habe es mir aufgespart, bis die Zeit reif war. Nun beschäftige ich mich selber ja schon seit mehr als 20 Jahren - auch aus dem akademischen Raum heraus - mit "Alter, Sterben, Tod und Trauer". Gleichwohl brauchte es wieder einmal einen Anstoß.

Der ergibt sich einerseits aus dem Wiederlesen von Roger Willemsens "Wer wir waren" im Zeichen einer deutlichen Zuspitzung der Frage, ob "wir uns notorisch hinterher laufen" oder ob wir vielleicht doch noch irgendwann in der Lage sein werden, "auf die eigene Höhe zu gelangen". Zum zweiten hat mich meine ältere Tochter heute gefragt, was es denn aus meiner Sicht mit Paul Watzlawicks "Anleitung zum Unglücklichsein" auf sich habe. Das zentrale Motiv und die spontane Assoziation ergeben sich für mich aus der "Geschichte mit dem Hammer":

Ein Mann will ein Bild aufhängen, den Nagel dazu hat her - den notwendigen Hammer hingegen nicht. Die Idee sich diesen Hammer vom Nachbarn zu leihen endet in einer spiralförmig sich verselbstständigenden Eskalation von Negativannahmen bzw. -wahrnehmungen, die schlicht mit der Erinnerung beginnen, dass der Nachbar ihn gestern schon nur flüchtig grüßte. Dass der Nachbar etwas gegen ihn haben müsse, steigert sich zu einer Orgie von selbsthypnotischen Unterstellungen, die damit enden, dass er schließlich zu seinem Nachbarn stürmt und ihm an den Kopf knallt, er möge doch seinen verdammten Hammer behalten. Er sei nicht auf ihn angewiesen, und überhaupt reiche es ihm schon lange - seine Überheblichkeit und seine unfreundliche Art.

Auf amüsante Weise zeigt Watzlawick an vielen anschaulichen Beispielen, wie man sein Leben bis hin zum Unerträglichen gestalten kann.

Da fügte es sich doch passend, dass ich mir heute morgen noch einmal besagte "Kommunikation als Lebenskunst" zur Hand nahm. In diesem dialogisch angelegten parforce-Ritt durch die Kommunikationslehre Friedemann Schulz von Thuns geht es kurz vor Schluss unter der Kapitelüberschrift "Das Glück und der Tod" um "das Ende der Kommunikation". Mehr als in allen anderen Kapiteln dieses Buches erfährt der Leser Hinweise, was man möglicherweise unter einem glücklichen Leben verstehen könnte, ohne es mit den Flachheiten einer ausufernden Ratgeberliteratur zu tun zu bekommen. Bernhard Pörksen (BP) spielt den advocatus diaboli und eröffnet mit dem Hinweis:

"Wir alle wissen aber, dass es irgendwann nicht mehr weitergeht. Irgendwann kommen Krankheit, Gebrechen und Tod. Man könnte sagen: Der Tod ist ein Skandal, der die Chance eines Neuanfangs in der Sphäre der Kommunikation brutal zerstört."

Friedemann Schulz von Thun (FSvT) kontert in aller Ruhe und Gelassenheit und betont, es hänge ganz von der jeweiligen Weltsicht ab, ob man den Tod als Skandal empfinde - und natürlich vom jeweiligen existenziellen Selbstverständnis:

"Wenn ich mir vor Augen halte, das mein Leben überaus qualvoll werden kann, kann der Tod eine Erlösung bedeuten - eine Art Lebensversicherung, dass die Qual nicht ewig sein wird. Vielleicht werde ich ihn dann wie einen guten Freund empfangen, mit der Aussicht auf gnädige Sterbehilfe? Und wenn ich mir vor Augen halte, dass ich als Glied einer Kette erfunden worden bin, genau zwischen denen, die vor mir waren und die nach mir kommen, dann macht es Sinn, Platz zu machen."

FSvT ist weit davon entfernt den Tod in irgendeiner Weise idealisieren zu wollen. Es gibt einerseits klare und deutliche Unterschiede in der Argumentation der Dialogpartner - andererseits offenbaren sich Unterschiede in zarten, kaum wahrnehmbaren, leicht zu überhörenden Zwischentönen:

BP: Für mich ist es selbstverständlich, den Tod als Feind zu betrachten. Er ist aus meiner Sicht, allen Tröstungsversuchen von Religion und Philosophie zum Trotz, ein furchtbares Faktum." FSvT nimmt den Gedanken auf - gibt ihm aber eine Wende:

FSvT: Natürlich könnte man mit Arthur Schopenhauer sagen, dass es eine unerträgliche Gemeinheit darstellt, wie unser Dasein konstruiert ist. Zuerst werden wir dazu verführt, uns in das Leben zu verlieben. Und danach, wenn wir uns so richtig mit uns selbst identifiziert und befreundet haben, folgt das Todesurteil, das wir eigentlich immer schon in der Tasche tragen und mit dem wir geboren wurden. Das ist unsere condition humana. Das darf man, wenn man das Leben liebt, gewiss nach Kräften beklagen und bedauern. Und wenn jemand sterben muss, der das Leben noch vor sich hat, kann es einem das Herz zerreißen. FSvT bemüht den Schlaf - gewissermaßen als Analogie: Ist nicht der Schlaf auch skandlös? Wir sind nur für eine kurze Stippvisite auf dieser Welt - und dann verpennen wir auch noch ein ganzes Drittel dieser kostbaren Zeit. Und doch, wenn der Tag anstrengend und reich war, ist es wunderbar, in den Schlaf zu gleiten... Und könnte es nicht sein, ganz analog zu diesem kleinen Tod, dass ein erfülltes und reichhaltiges Leben irgendwann eine lebenssatte Müdigkeit nach sich zieht, die ein sanftes Hinübergleiten als stimmig und richtig erscheinen lässt?

BP: Aber die Gewissheit, dass ich am nächsten Morgen wieder aufwache, macht dieses Hinübergleiten unendlich viel leichter und überhaupt erst wirklich schön.

FSvT räumt ein, dass wir im Sterben eben diese Gewissheit nicht haben. Dieser Unsicherheit verdanke sich vermutlich auch die Religion, die den Menschen ein Leben nach dem Tod verheiße. BP hält radikal dagegen, dass er nicht nur diese Gewissheit nicht habe, sondern dass er ganz entschieden der Auffassung sei, hinter einem solchen Glauben verberge sich letztlich nur der Versuch, sich über eine existenzielle Sinnlosigkeit und Unbehaustheit hinwegzutrösten, die man nicht sehen wolle. Bemerkenswert ist die Antwort FSvTs, weil sie in einem aufgeklärten Zeitalter mäßigend bzw. relativierend wirkt und jegliche Letztbegründbarkeit von welchen Positionen und Annahmen auch immer in Frage stellt.

FSvT: Wenn diese Tröstung gelänge, wäre das eine große Leistung, wir dürfen darüber nicht die aufgeklärte Nase rümpfen.

Er hält weiter dagegen, dass ih die These BPs von "einer grausamen Sinnlosigkeit und Unbehaustheit" nicht wirklich in seinem Lebensgefühl treffe. BP hingegen wendet ein, dass am Schluss nur noch eine Menge Staub bleibe: "Das ist es."

FSvT: Es ist wahr, dass wir unsere Existenz auf dieser Erde nicht verewigen können. Aber indem Sie alles vom Ende her betrachten, laufen Sie Gefahr, den Tod zu dämonisieren und ihm eine Bedeutung zu geben, die das ganze Leben definiert und überschattet. Demgegenüber möchte ich unser Leben als eine Reise begreifen. Diese wird ja nicht dadurch entwertet, dass sie irgendwann zu Ende ist!? Nein, gerade das ist das Wesen der Reise, sonst wäre es ein Auswandern. Und genau das ist das Wesen des menschlichen Lebens, das es einen Anfang und ein Ende hat. Wenn es eine gute Reise war, bleibt am Ende Dankbarkeit und Wehmut. Aber dass wir über Jahre und Jahrzehnte leben dürfen, ist doch ganz erstaunlich und wunderbar.

FSvT äußer sich in der Folge zu BPs Frage, ob es hier aus der Sicht FSvTs um mögliche Perspektiven gehe, die man mehr oder minder frei wähle?

FSvT: Mehr oder minder. Es ist auch eine Entscheidung, ob ich mich von diesem sensationellen und mysteriösen Leben beeindrucken lasse, oder ob mich das Faktum meiner eigenen Endlichkeit ganz und gar gefangen nimmt. Tatsächlich glaube ich, dass es richtig und geboten ist, den Gedanken an das Ende keine übergroße Macht zu geben, um nicht im Extremfall Kindheit, Jugend und Erwachsenenleben unter dem Damoklesschwert des Todes zu verbringen. Das wäre doch ein Jammer. Dennoch kann es richtig sein, sich mit dem Tod irgendwann einmal tief gehend auseinanderzusetzen und sich womöglich dem Grausen zu stellen. Denn sonst bleibt, erstens, das Grausen unbearbeitet und schleicht sich unerkannt woanders ins Seelenleben ein. Und zweitens kann die tief empfundene Bewusstheit von der eigenen Endlichkeit verdeutlichen, was lebenswert und wesentlich ist. Stichwort: der Tod als Lehrmeister für ein stimmiges Leben. Er ist mächtig und bedeutend, aber eines kann er uns immerhin nicht nehmen, nämlich gelebt zu haben und dieses Leben womöglich in seiner wunderbaren Fülle ausgekostet zu haben. In dieser Hinsicht ist er ein machtloser Geselle.

BP räumt ein, FSvTs Denken ziele auf die glückende, individuell stimmige Integration des Verschiedenen.

In der Folge möchte ich gerne nachvollziehen, wie sich FSvT unter dieser Maßgabe abgrenzt von der Sinnlosigkeitsperspektive eines Atheisten, wie ihn hier BP zu erkennen gibt - und für den der Tod radikal existenziell und intellektuell vernichtend ist.

Die Antwort FSvTs ist moderat und differenzierend - manch einer würde vielleicht sagen, ausweichend und abwiegelnd.

FSvT: Tatsächlich bin ich in dieser Frage nicht so empörungsfähig und wütend wie Sie. Ich nehme die Koordinaten meines Daseins als gegeben - beispielsweise muss ich atmen, um zu leben - und 'gottlob' bin ich von Luft umgeben. Das Bewusstsein davon, dass ich einem menschlichen Lebensschicksal preisgegeben bin, dass ich unbefragt entbunden wurde, dass ich ungefragt sterben werde und dass das Schicksal mir in der Zeit dazwischen manches bietet und manches aufzwingt, was ich mir wahrlich nicht zurechnen kann, dieses Bewusstsein, gelebt zu werden, legt eine gewisse Schicksalsdemut als stimmige Lebenshaltung nahe. Das ist aber nur der eine Pol eines existenziellen Wertequadrats, das hier aufscheint. Der andere Pol, die 'Schwestertugend', lebt von dem Bewusstsein, dass mir das Menschliche nicht nur gegeben, sondern auch aufgegeben ist. Es ist auch eine Aufgabe, das aus mir zu machen, was als Möglichkeit und als Verheißung in mir steckt, und so, mehr oder minder, zum eigenverantwortlichen Subjekt und zum Autor meiner Lebensgeschichte zu werden. - Wieder kommt es darauf an, beides zusammenzudenken und zusammenzuleben. Wer nur die Schicksalsdemut kennt, landet in einem resignativen Fatalismus, der für das eigene Leben keine Verantwortung übernimmt. Wer nur díe Selbstbestimmung gelten lässt, versteigt sich in eine Omnipotenz, die nicht nur wahnhaft ist, sondern auch eine schmerzliche Überverantwortlichkeit mit sich bringt, nach dem Motto: Für alles, was mir widerfährt, trage ich, als wahrer Urheber dieses Geschehens, die Verantwortung.

BP spricht an dieser Stelle von "einem heiklen Moment unseres Gesprächs" und stellt die Frage, ob FSvTs Kommunikationspsychologie auch in existenziellen und dramatischen Situationen helfen könne, ohne sich der Gefahr auszusetzen "irgendwelche Fertig-Rezepte der Lebenskunst zu verkünden, die überhaupt nicht zu der ins Offene weisenden Bewegung passen, um die wir uns bemüht haben".

FSvT beginnt mit der schlichten Frage: "Was will ich vom Leben und was will das Leben von mir? In dieser "doppelten Frage" würden Bedürfnis, Pflicht und Berufung miteinander verbunden. Lebenskunst sei eben nicht in einem "Regelbuch" fixierbar, sondern stelle diejenige Lebensführung dar, "die zu mir und der individuellen Beschaffenheit meiner Seele passt", die aber eben auch von der Frage geleitet werden müsse, "was das Leben an mich selbst heranträgt und mir abverlangt".

FSvT geht in der Folge auf das "Riemann-Thomann-Modell" ein. Es lohnt sich den Link zu öffnen. In Anlehnung an Riemann (Grundformen der Angst - FSvT meint, das Buch könnte mit gleichem Recht auch "Grundformen der Sehnsucht" heißen) greift FSvT "die vier Grundstrebungen des Menschen" auf: "Hier finden sich unsere Sehnsucht nach Nähe und Distanz sowie nach Dauer und Wechsel und die Herausforderung ein mögliches Ungleichgewicht in eine Balance zu verwandeln.

"Glücksquellen"

"Für den einen heißt es, dass er sich vielleicht dem Nähe-Pol zuwendet und sich der Frage widmet: 'Wie gelingt es mir ein Leben in Liebe zu führen?' Ihm geht es um das Bindungsglück, das aus der Berührung, der Verbundenheit und Zugehörigkeit entsteht. Der andere wird eher in der Abgrenzung und der Selbstwerdung eine Entwicklungs- und Lebensaufgabe sehen und sich fragen: 'Wie gelingt es mir, zu mir selbst zu stehen und mit mir selbst in guter Gesellschaft zu sein?' Seine gewünschte Entwicklungsrichtung ist also die Erfahrung des Selbstseins, der Selbstbestimmung und der Freiheit, auch wenn es die Harmonie seiner zwischenmenschlichen Beziehungen gefährdet. Er will eine Übereinstimmung zwischen dem herstellen, was ihn ausmacht und dem, wie er lebt und was er von sich gibt - das ist eine zweite Glücksquelle. Ein Dritter mag die Suche nach Ordnung und Dauer als sein ureigenes Lebensthema entdecken und sich fragen: 'Wie finde ich meinen Platz und bringe mein Leben in geordnete Bahnen?' Ihm geht es um eine Art Wurzelglück, das sich aus der Beständigkeit und einer festen Struktur ergibt. Und viertens ist es denkbar, dass sich jemand von der Frage leiten lässt: 'Wie gelingt es mir lebendig zu bleiben oder überhaupt wieder lebendig zu werden und ein Leben  zu führen, das diesen Namen verdient?' Ihm geht es um ein Flügelglück, das sich aus dem Erlebnis des Aufbruchs und Ausbruchs ergeben kann."

Im Bemühen um eine je individuell passende oder gebotene Balance entwickeln BP und FSvT im Diskurs Ideen zu Teufels- und Engelskreisen.

Letzteres - die Engelskreise - sollen mich veranlassen, Paul Watzlawicks Anleitung zum Unglücklichsein abschließend ganz in seinem Sinne zu konterkarieren, indem wir uns alle der Grundbefähigung bewusst werden, aus Teufelskreisen auszusteigen und Engelskreise zu begründen. Dazu die Hinweise FSvTs:

FSvT geht sicherlich zu Recht davon aus, dass wir alle mit sogenannten Teufelskreisen vertraut sind; zum Beispiel der unseligen Spirale von Perfektion und Demoralisierung:

"Ich will perfekt sein, dadurch bleibe ich unter meinen hohen Ansprüchen und bin demoralisiert, dadurch bleibe ich umso mehr unter meinen Möglichkeiten, umso mehr bin ich, nun schon krampfhaft, um Perfektion bemüht, umso mehr setzt mir die Soll-Ist-Diskrepanz zu und so weiter."

Stufenweise propagiert FSvT den sanften Ausstieg aus solchen Teufelskreisen, um irgendwann in der Lage zu sein, Engelskreise zu kreieren:

"Nehmen wir einmal an, ich lasse es mir gut gehen - und zwar um meiner selbst willen und damit mein Herz eine gute Heimat in meiner Seele findet. Wenn dies gelingt, dann bekomme ich Kraft und Lust, einsatzfreudig und dienstbar zu werden für andere und für eine gute Sache. Und je besser mir dies gelingt und ich im Einsatz meiner Kräfte und Talente erfolgreich bin, desto eher stellt eine erfüllte Zufriedenheit ein, die nicht aus der hedonistischen Behaglichkeit stammt, sondern einem inneren Sinnerleben entspringt. Dieses Sinnerleben spendet neue Kraft und gleichzeitig eine Legitimation, es mir gut gehen zu lassen. Dadurch aufgetankt erneuert sich die Bereitschaft zur dienenden Hingabe - und so fort. Ein Engelskreis!

Es wird noch ein Stück weitergehen mit Friedemann Schulz von Thun. Er ist inzwischen alt genug, um mir mit Weisheit zu begegnen. Inzwischen habe ich ja selbst analog zur paradoxen und provozierenden Idee Albert Camus', man müsse sich Sysiphos als einen glücklichen Menschen vorstellen, begriffen, dass ich ein zutiefst glücklicher Mensch bin, der es sich gut gehen lassen kann, und der bereit ist zur dienenden Hingabe. Deshalb gehe ich jetzt gleich zu meiner Schwiegermutter in den Laubenhof und sauge all das auf, was meinem Leben Sinn gibt. Ihr könnt Euch freuen auf die Beantwortung der Frage, wie man mit der Gewissheit der Ungewissheit umgehen kann. Zuvor aber noch eine Bemerkung zu der obligatorischen Fragen BPs, ob es auch Momente gebe, in denen man die Modelle einfach vergessen sollte?

FSvT: Unbedingt. Sie haben ihren Stellenwert im Moment der Reflexion. Aber wer wird sein Leben ständig in der Reflexion verbringen wollen? Mit den Modellen ist es ja so: Der Lehrling lernt sie anzuwenden, dem Gesellen fallen sie im richtigen Moment ein und der Meister hat sie 'vergessen', weil sie in seiner gereiften Intuition aufgehoben sind.

Die Gewissheit der Ungewissheit (S. 204ff.)

BP versucht FSvT ein wenig aus der Reserve zu locken mit einer Idee Wilhelm Schmids - aktueller Vertreter einer philosophisch inspirierten Lebenskunst. Es sei in jedem Fall klug, sich den Tod nur als einen Übergang vorzustellen - so seine Idee; der Glaube an ein Leben nach dem Tod empfehle sich als eine "glücksfördernde Hypothese". Davon hält nun FSvT wenig. Die sei nur dann eine kluge, pfiffige Lösung, wenn dieser Glaube auch "aus den tieferen Etagen der Seele" bestätigt werde. FSvT geht ein wenig anders vor, indem er einen Erkenntnisrelativismus als Bescheidenheitsgenerator annimmt:

"Denn ich bin nur ein Staubkorn dieses mysteriösen Universums, ausgestattet mit einem Erkenntnisapparat, der gerade mal dazu taugt, auf dem Planeten Erde für eine Weile über die Runden zu kommen. Ich bin den Koordinaten meines Daseins verhaftet und habe keinen Zugang zu möglichen weiteren Dimensionen des Seins [...] Ja, diese Welt ist mir von oben bis unten ein großes Mysterium, einschließlich meines Daseins auf Erfden. Zuweilen erfasst mich ein demütiges Staunen - und dies ist für mich existenziell stimmiger, als wenn ich eine Glaubensgewissheit vorgeben würde [...] Mir erscheint die Schöpfungsgeschichte, die uns die Evolutionstherorie, die Astronomie und die Naturwissenschaften insgesamt vorspielen, noch sehr viel Ehrfurcht gebietender als die Schöpfungsgeschichte, die wir den Bibel entnehmen können. Ich soll also aus zwei winzigen Zellen entstanden sein, je einer Mutter und Vater? Und dann soll dieser Minizellklumpen im Bauch eines Nachfahren von Raub- und Säugetieren millionenfach gewachsen sein, nach einem Bauplan, der den beiden Zellen innewohnt? Und wie bitte? Meine Vorfahren lassen sich zurückverfolgen bis in die Anfänge des Lebens auf Erden? Und noch immer ist etwas vom Fisch in mir, jenem Vorfahren, der im Wasser lebte, der fraß und gefressen wurde? Und wie bitte? Alle meine Vorfahren haben sich ohne eine einzige  Ausnahme 'fortgepflanzt', bevor sie gefressen wurden oder sonst wie starben? Was für eine Tradition von Überlebenskünstlern über Hunderte Millionen von Jahren hinweg! Das alles ist doch unglaublich und atemberaubend, oder?

BP (Jahrgang 1969) verweist auf so viele Protagonisten der Humanistischen Psychologie (Maslow, Perls, Assagioli, Rogers, Cohn - die Liste ließe sich um viele große Köpfe aus allen Wissenschaftsbereichen erweitern), die sich in irgendeiner Weise im Alter mit religiösen, spirituellen Fragen befasst hätten. Auch wenn sich FSvT als "spirituell unbegabt" ausweist, räumt er ein, dass sich bei ihm (Jahrgang 1944) "langsam etwas tue":

"In meinem Normalleben bleibt das Bewusstsein vom Mysterium meines Seins ganz im Hintergrund. Die Figur im Vordergrund besteht aus dem realitätsgerechten Pragmatismus der alltäglichen Angelegenheiten, die mich ganz in Beschlag nehmen." Inzwischen bemerke er aber immer häufiger, dass sich Figur und Hintergrund vertauschen - ganz wie in der Analogie aus der Gestaltpsychologie: "Aber dann und wann, und immer häufiger... vertauschen sich Figur und Hintergrund [...] In diesen Momenten tritt dann die kosmische Megasensation, von ich ein letzter Abkömmling bin, aus dem Hintergrund der beiläufigen Selbstverständlichkeit in den Vordergrund des Innewerdens. Und dann kann ein Gefühl der Kostbarkeit aufkommen, von Lebenskostbarkeit, das sich noch verstärkt, wenn ich weiß, dass ich nicht ewig lebe."

Ganz zum Schluss besinnt sich FSvT auf ein Gedicht, das ein Unbekannter aus einem Brief von Rainer Maria Rilke komponiert haben soll:

 

 

Man muss den Dingen

die eigene, stille

ungestörte Entwicklung lassen,

die tief von innen kommt

und durch nichts gedrängt

oder beschleunigt werden kann,

alles ist austragen – und

dann gebären …

Reifen wie der Baum,

der seine Säfte nicht drängt

und getrost in den Stürmen des Frühlings steht,

ohne Angst,

dass dahinter kein Sommer

kommen könnte.

Er kommt doch!

Aber er kommt nur zu den Geduldigen,

die da sind, 

als ob die Ewigkeit

vor ihnen läge,

so sorglos, still und weit …

Man muss Geduld haben

mit dem Ungelösten im Herzen,

und versuchen,

die Fragen selber lieb zu haben,

wie verschlossene Stuben,

und wie Bücher, 

die in einer sehr fremden Sprache

geschrieben sind.

Es handelt sich darum, alles zu leben.

Wenn man die Fragen lebt,

lebt man vielleicht 

allmählich,

ohne es zu merken,

in die Antworten hinein.

(aus: Rainer Maria Rilke, Briefe an einen jungen Dichter

 Die insgesamt zehn Briefe sind als Antworten an Franz Xaver Kappus verfasst. 

Dieser hatte sich hilfesuchend bezüglich seiner ersten literarischen Werke an Rilke gewandt. 

Die Briefe entstanden in den Jahren 1903 bis 1908 an verschiedenen Orten Europas)

 

Ich selber - der für diesen Blog verantwortlich zeichnet - verdanke den Zugang zu diesem Text in den dunkelsten Stunden meines Lebens meiner Cousine Gaby. FSvT offenbart durch seine Bezugnahme, dass wir in einer beschleunigten und globalisierten Welt andere Grundorientierungen und Anker benötigen, als sie uns der Flexible Mensch nahelegt. Ein wenig jünger als FSvT, spielt jene seinerseits angedeutete Gelassenheit mehr und mehr eine tragende Rolle in meinem Leben. Ich wünsche sie auch anderen von Herzen. 

 

 

   

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