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"Situationen fordern verantwortliches Teilnehmen"

Bloß weil einer tot ist? Ulrich Beck ist tot und auch Ernst Begemann ist tot. Der eine gilt als weltweit anerkannter Soziologe - der andere (so Rudi Krawitz) als einer der "renommiertesten Repräsentanten der Sonderpädagogik" (zumindest an der Universität Koblenz-Landau). Man kann beiden noch zuhören. Ich nenne es "Ruf aus dem Jenseits" - zumindest im Falle von Ulrich Beck. Bei Ernst Begemann ist es "Wirklichkeit als Dialog" - eine Publikation aus dem Jahre 2001, die gegenwärtig nachhallt.

Aus Kapitel 9 "Pädagogische Perspektiven" erreicht mich heute Unterkapitel 9.3 "Situationen fordern verantwortliches Teilnehmen". Dahinter steckt die grundlegende Frage, warum wir Wirklichkeit immer weniger als Dialog erfahren - zumindest in institutionellen Kontexten? Auf Seite 219 seiner Ausführungen schließt Ernst Begemann an Heinrich Döpp-Vorwald an und meint unter anderem:

"Wenn es zur Handlung kommen soll, dann muss der Impuls gehört werden (können) und gehört werden wollen. Jeder, der einen anderen ansprechen will, kennt dabei die Erfahrung, dass zu seinem Ansprechen schon Voraussetzung ist, dass der Partner ihm Hörwilligkeit und damit Zuwendung und Ernstnehmen signalisiert:" Ernst Begemann geht es in "Wirklichkeit als Dialog" nicht nur um die Beobachtungen von Pädagogen, Psychologen, Philosophen und Physikern". Er entpuppt sich als normativer Denker, der um Anerkennung und Zugehörigkeit ringt. Ich setze das obige Zitat fort, wo Begemann Döpp-Vorwald eindeutig interpretiert und festlegt: "Das (Zuwendung und Ernstnehmen, Verf.) bleibt nicht nur formal, sondern bestimmt auch schon die inhaltlichen Aussagen (des Ansprechens). Hören eines Impulses) setzt also Gemeinschaft voraus und stiftet sie sogleich." Beendet man einen Mail-Kontakt z.B. mit der Phrase:

"Ich bitte solche Aktionen in Zukunft zu unterlassen. Ich möchte auch keine lange Antwort oder Verteidigung oder was auch immer hierzu bekommen! Das ist mir einfach zu anstrengend und zu blöd und hier beende ich mal den Dialog in dieser Sache!" -

dann signalisiert man zweifelsfrei und unmissverstänlich die Verweigerung eines weiteren Dialogs und kündigt Gemeinschaft auf.

Dazu passt vielleicht Axel Hackes kürzlich vorgetragene Klage:

„Wir haben in vieler Hinsicht das Gefühl dafür verloren, was es bedeutet eine Gesellschaft (und erst Recht eine Gemeinschaft, möchte man hinzufügen, Anm. Verf.) zu sein, zusammenzugehören, sich auseinanderzusetzen, wir haben so oft kein Ideal mehr davon, was es bedeutet ein Bürger zu sein, wir sind getrieben von der technischen Entwicklung, von der Nötigung zur ständigen Selbstdarstellung, von diffusen Ängsten, die wir uns einerseits nicht eingestehen oder andererseits total übertreiben. Wir sind hysterisch, wo wir nüchtern sein müssten und unaufmerksam, wo wir wachsam sein sollten“ (Axel Hacke über Anstandslosigkeit in der ZEIT vom 24. August 2017, S. 52, Hervorhebungen, Verf.).

Ernst Begemann stützt sich im Fortgang seiner Argumentation (S. 221) auf Franzisco Varela, indem er meint, er zeige nicht nur "das Ansprechen", sondern verdeutliche auch an Beispielen,

"das Menschen situativ spüren, wie sie sich 'verhalten' sollten und dass sie das dann (meist) auch tun, ohne vorher darüber zu reflektieren [...] Anders gesagt: Verantwortliches Leben und Handeln erfolgt (...) selten oder meist nicht nach 'moralischen Urteilen', sondern in und durch Situationen, in denen man spürt, was zu tun ist, was gut ist, wozu man 'gefordert' ist und 'gedrängt', es zu tun."

Im Beistand dem Freund gegenüber, den das Schicksalszufällige wie einen Blitz trifft und zutiefst erschüttert, lässt sich unbedingt erkennen, wie man sich verhalten soll und was zu tun ist. Hier sind die Anhaltspunkte für ein angemessenes Verhalten alternativlos und unterliegen nicht dem geringsten Zweifel.

Wie aber spürt man und findet heraus, was zu tun ist, wenn ein vermeintlicher Freund einen Freundschaftsdienst  e i n f o r d e r t, von dem ungeschriebene Gesetze sagen, dass man ihn nicht einfordern darf und von dem man spürt, dass er der eignen Eitelkeit dient und dabei gleichzeitig Gemeinschaft zerstört, weil der Freund den Freund zu exkludierenden Maßnahmen mit Blick auf die Scientific Community nötigt? Mit Ernst Begemann und Franzisco Varela kann man davon ausgehen, dass der Freund in "dieser Situation spürt, was zu tun ist, was gut ist, wozu man gefordert ist und gedrängt, es zu tun". Es kommt fast einem Dilemma gleich, bei dessen Auflösung man darauf angewiesen ist, dass einerseits der Freund, dem man sich auch im Schicksalszufälligen verbunden weiß, und andererseits der ehemalige Freund, der sich der Nötigung und üblen Nachrede schuldig macht, noch wissen, was Loyalität ist - wem man sie erweist und wem man sie verweigert.

Aber dazu müssten beide noch nachvollziehen können, was uns Ernst Begemann, Franzisco Varala und Axel Hacke sagen wollen!

Der letzte Link eröffent den Zugang zu drei Beiträgen, die ich als Lehrstück mitnehme aus meinem letzten Semester an der Uni Koblenz-Landau (Campus Koblenz). Schade, dass sich die Hauptbeteiligten dem Dialog versagen. Dies war im Institut bereits im Konflikt um die Organisation des Semesterbetriebs zu Beginn des Sommersemesters der Fall. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung gehört an unserem Insitut schon lange zu den defizitären Feldern. Dies betrifft auch die neue Insitutsleitung. Auch wenn man in der Sache nicht folgen mag, ist es eine Frage des Anstands auf ein Angebot zum Dialog wenigstens zu reagieren. Dies gilt sogar dann - auch wenn es bitter schmeckt -, wenn man einer schlüssigen Argumentation - gerade im Kontext des Wissenschaftsbetriebs - nichts entgegenzusetzen hat.

 

   

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