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Wolf Biermann - Danke für dieses Buch

Warte nicht auf bessre Zeiten! Wolf Biermann - Die Autobiographie - Berlin 2016

Das autobiographische Gedächtnis - Hans J. Markowitsch und Harald Welzer halten es für das Pänomen, das "den Menschen zum Menschen macht". Das autobiographische Gedächtnis liefere ihm das Vermögen, die persönliche Existenz in einem Raum-Zeit-Kontinuum zu situieren und auf eine Vergangenheit zurückblicken zu können, die der Gegenwart vorausgegangen sei. Dies Vermögen versetze uns in die Lage "mentale Zeitreisen" (Endel Tulving) vornehmen zu können und damit Orientierungen zu generieren für zukünftiges Handeln. Erlerntes und Erfahrenes könnte auf diese Weise für die Gestaltung und Planung von Zukünftigem genutzt werden.

In diesem Blog habe ich diese bemerkenswerte und fundamentale Betrachtungsweise des Gedächtnisses immer schon erweitert um die kontingenzgewärtige Dimension (Niklas Luhmann) nicht nur des Lebens selbst, sondern eben auch seiner Erinnerungsfähigkeit. Wir alle sind weit mehr unsere Zufälle aus unsere Wahl (Odo Marquard)! Gehen wir noch einmal kurz zurück zu Hans J. Markowitsch und Harald Welzer. Sie betonen, dass das autobiographische Gedächtnis in evolutionärer Hinsicht einen enormen Anpassungsvorteil bedeute:

"Es schafft die Möglichkeit, sich bewusst und reflexiv zu dem zu verhalten, was einem widerfahren ist und wie man darauf reagiert hat [...] So betrachtet hat Gedächtnis prinzipiell einen Bezug auf die Entwicklung eines Lebewesens in seiner spezifischen Umwelt [...] Damit zusammenhängend schafft ein reflexives Gedächtnis die Möglichkeit, Gedächtnisinhalte zu externalisieren [...] Menschen können Informationen aufbewahren und kommunizieren; sie können sie mit der Erfindung von Schrift schließlich sogar an Menschen weitergeben, mit denen sie räumlich oder zeitlich überhaupt nichts verbindet, womit sich ein Fundus an gespeichertem Wissen auftut, der die Beschränkungen der direkten Kommunikation radikal überwindet."

Auch hier sei noch einmal darauf verwiesen, dass die Begriffe von "Informationen" und "Wissen" ein naives Verständnis signalisieren, das neu konturiert werden muss im Kontext eines angemessenen Verständnisses dessen, was wir unter Kommunikation (und auch der Rolle, die das Gedächtnis hier einnimmt) verstehen! Nur auf diese Weise wird verständlich, warum ich mich bei Wolf Biermann bedanke für seine über 500 Seiten umfassende Autobiographie. So sehr sie auch einen Roman für sich darstellt, sie erlaubt mir wesentliche Teile meiner eigenen politischen Sozialisation noch einmal neu zu justieren und im Sinne von Markowitsch/Welzer im besten Sinne des Wortes zu reflektieren.

Ich beschränke mich hierfür auf das Wesentliche. Um zu verdeutlichen, dass dies kein leichtes Spiel ist, sei kurz daran erinnert, dass für manch einen meiner Generation (der Anfang der 50er Jahre Geborenen) die Auseinandersetzung mit den ideologischen und verfassungsrechtlichen Grundlagen im Selbstverständnis der Bundesrepublik Deutschland böse geendet hat. Ich erinnere mich an Ulrich Schmücker, der uns die ersten Riffs auf der Gitarre beibrachte und der 1972 in Berlin ein Studium der Ethnologie aufnahm und dort 1974 unter bis heute ungeklärten Umständen als Mitglied der Bewegung 2. Juni ermordet wurde. Dass in dieser wirren Zeit viele von uns haderten mit den politischen, wirtschaftlichen und geistigen Repräsentanten einer ignoranten Wohlstandgesellschaft, die sich der grundlegenden Auseinandersetzung mit ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit entzog, führte auch den ein oder anderen von uns in den unmittelbaren Konflikt mit der Staatsmacht. Auch in Koblenz entzündete sich dieser Konflikt vor allem an unserem Beharren auf den Rechten einer Verfassten Studentenschaft, für die wir selbstverständlich ein politisches Mandat beanspruchten. Wir orientierten uns an den Überlegungen von Ulrich K. Preuß. Für mich bedeutete dies in den 70er Jahren eine Schlüsselerfahrung. Niemand - vor allem keine konservative Hochschulverwaltung - sollte einer Studentenschaft, deren Vertretungsorgane sämtlich demokratisch gewählt und legitimiert waren, untersagen dürfen, zu allen Fragen von politischer und gesellschaftlicher Relevanz Stellung zu beziehen. Dass wir im Zuge der Durchsetzung dieser für uns alternativlosen Rechtsauffassung 1977 vor dem Landgericht Koblenz landeten und des Landfriedensbruches, der Beleidigung und der Nötigung bezichtigt wurden, erklärte sich für uns seinerzeit zweifelsfrei aus dem Wirken einer repressiven Staatsmacht, die in Teilen ihrer geistigen, politischen, juristischen und wirtschaftlichen Eliten immer noch eine personelle Kontinuität im Sinne von Mitläufern und Repräsentanten des Nationalsozialismus aufwiesen.

Dass diese Kontinuität sich in beiden deutschen Staaten offenbarte, wurde uns spätestens 1976 durch die Ausbürgerung Wolf Biermanns aus der DDR schlagartig ins Bewusstsein gehämmert. Wir erlebten das Köln-Konzert (zeitversetzt drei Tage später) wie gebannt vor dem Fernseher. Was Wolf Biermann 2014 bei seinem Auftritt vor dem Deutschen Bundestag einerseits erinnert und betont, das war für mich 1976 eben auch noch eine Ermutigung; sein Lied Ermutigung (2014) war auch unser Seelenbrot - gewiss in einem so sehr anderen Sinn, unter so sehr anderen Umständen als für die im DDR-Knast Einsitzenden. Erst beim intensiven, akribischen Lesen seiner Autobiographie "Warte nicht auf bessre Zeiten!" löst sich so Vieles - vor allem im Rückblick auf eine wilde politische Sozialisation. Dass Wolf Biermann heute - und in seinen Erinnerungen markiert er bereits das Jahr 1983 als entscheidenden Wendepunkt - nicht mehr auf die Karte des Sozialismus setzt (und insofern nicht mehr auf "bessre Zeiten" wartet, hat ihm den Hass der Unbelehrbaren eingetragen, genauso wie den Beifall von fragwürdigen Claqueuren.

Ich habe nicht vor, hier Wolf Biermanns Autobiographie nachzuerzählen. Ich empfehle sie mit Respekt  und mit dem Brustton der tiefsten Überzeugung. Am angemessensten wäre es, jedem Deutschen mit der Volljährigkeit und jedem Migranten in einer Übersetzung in seiner Landessprache ein Exemplar dieser Autobiographie auszuhändigen. Ich empfehle es als Schullektüre und als Anlass für einen erneuten Diskurs über Totalitarismus und die Qualitäten demokratisch, und vor allem rechtsstaatlicher verfasster Gemeinwesen. Zumal Biermann tatsächlich neben der Gabe zur kurzen Form ganz offensichtlich auch eine Begabung für den langen Atem offenbart. Es ist eben auch eine gut erzählte Geschichte. Und wie so häufig beginne ich ganz am Ende:

"Mein Dank - so schreibt Biermann in einem Notat auf Seite 429 - gilt unserer Literaturagentin Elisabeth Ruge und dem Verleger Christian Seeger, der dann auch Lektor unseres Buches wurde. Der unfrisierte Historiker Dr. Ilko-Sascha Kowalczuk kämmte mit furiosem Sachverstand das Manuskript durch auf der Suche nach Fehlern. Rechtsanwalt Winfried Seibert kontrollierte kühl die justiziablen Aussagen und korrigierte meine lose Zunge so, dass die moderaten Formulierungen trotzdem bei der Wahrheit bleiben. Bei der Recherche in der BStU half uns Raphaela Schröder."

Dies ist deshalb ein notwendiges Notat, weil es eben kein leichtes Spiel ist, was Wolf Biermann hier unternommen hat. Will man auch nur annähernd den Versuch machen, Wolf Biermann zu verstehen, dann muss man neben erzählerischen Qualitäten die analytische Dimension dieser Autobiographie herausarbeiten. Niemandes Weg lässt sich ohne den Referenzrahmen begreifen, dem er ausgesetzt ist und war. Dafür macht Biermann einige Angebote. Es gelingt ihm mit wenig Theorie und viel Emphase Zusammenhänge sichtbar zu machen. Er stellt eine außerordentliche Hilfe dar, bei dem Versuch, sich selbst auf die Spur und die Schliche zu kommen. Dass meine Würdigung Wolf Biermanns zuvorderst eine Würdigung seines Lebensweges und seiner Lebensleistung darstellt, hängt damit zusammen, dass ich die Position eines respektablen Renegaten schon lange für alternativlos halte. Viele könnten dabei despektierlich auf die Idee kommen, bei mir sei es nur der Wechsel von einer Suhrkamp-Kultur in eine andere gewesen: von Habermas zu Luhmann! Dies ist zweifellos korrekt! Aber es steckt so viel mehr dahinter. Die Luhmannsche Lektion führt unvermeidbar zu jener Haltung der Selbst-Desinteressierung, zu der ein Wolf Biermann nur bedingt und in seiner Rolle als Person der Zeitgeschehens kaum in der Lage war.

Ich konzentriere mich auf "Am Anfang war der Kuss" und in diesem Kapitel nicht auf die Tatsache, dass Wolf Biermann, der Frauenfresser, nun endlich seine zweite Hälfte findet, sondern vielmehr auf den Umstand, dass er seine ideologischen Kleider ablegt und fortan nackt und wie neugeboren erscheint. Diese Geburt ist schmerzhaft, weil Wolf als genetisch disponierter Kommunist nie eine Wahl hatte: Er war weit mehr sein Zufall als seine Wahl. Und die W a h l  sich zu distanzieren, hatte bei ihm etwas von Amputation - das Abziehen der eigenen Haut bei lebendigem Leibe. Aber der Reihe nach:

Wolf Biermann schildert eine Alltagssituation - eine "Mini-Maulschlacht" mit einem Jung-Nazi in einem Zugabteil auf dem Weg von Hamburg nach Dortmund.

"Wie ein geübter Mime betrachtete ich die Mienen des kleinen Publikums in dieser Mini-Maulschlacht - aber dann musste ich mit meiner Gitarre rausspringen. Die Veranstalter standen  am Bahnsteig und holten mich zum Konzert ab. In der Garderobe vor dem Auftritt dachte ich an meinen aufgeladenen Monolog und merkte etwas Verrücktes: Ich hätte mir diesen Vortrag auch selber halten können. Wer sich heute noch Kommunist nennt, brannte es mir durchs Gehirn, der versteht sich als einen guten, einen richtigen, einen besseren Kommunisten. Er unterliegt aber dem gleichen Irrtum wie ein guter Nazi, der den Massenmord an den Juden für einen Fehler hält, den man beim nächsten Tierversuch an lebendigen Menschen besser vermeiden sollte."

Wolf Biermann schildert auf den folgenden Seiten seine Begegnung mit Manès Sperber, den vielleicht berühmtesten Renegaten, Ex-Kommunist, Romancier und Psychologe. Es gibt nun ein paar Erinnerungssplitter Biermanns, die jenen erwähnten Wechsel ins Lager der Renegaten in seiner Logik verständlich erscheinen lassen. Zunächst einmal ermuntert Sperber Biermann dazu, seine Memoiren zu schreiben und wischt seinen Einwand, das sei doch wohl nicht die angemessene Zeit als noch nicht einmal Fünfzigjähriger, kategorisch mit einem außerordentlich überzeugenden Argument vom Tisch:

"Sie haben so Außerordentliches erlebt als Kommunisten- und Judenkind in der Nazizeit, dann in der DDR die Zeit des Verbots und die Ausbürgerung [...] Seine Memoiren muss man schreiben nicht als letzten Husten, sondern solange man selber noch etwas davon lernen kann!"

Dass Wolf Biermann erst mehr als 30 Jahre später seine Autobiographie vorlegt, ist ein Glücksfall. Auf diese Weise geraten sie zu einem monumentalen Werk der Totalitarismuskritik und weit weniger zu einer Aneinanderreihung von Dönekes. Aber Sperber bohrt tiefer - mit den Worten Biermanns setzt er die große Zange an, "um mir meinen schlimmsten politischen Zahn aus dem Kieferknochen zu reißen". Der Zahn, der nach eigener Einschätzung längst vereitert war:

"Die Entzündung attackierte mir durch den Knochen das Gehirn. Dabei verabreichte mir Sperber, wie ein guter Zahnarzt, erst mal eine Betäubungsspritze. Er lobte meine Lieder, er pries meine Gedichte. Das wirkte wunderbar. Ich spielte ihm vor, er sang manche Strophe mit und lachte. Aber dan sagte er:

'Warum nennen Sie sich eigentlich immer noch einen Kommunisten? Es kann keinen guten, keinen richtigen Kommunismus geben. Mit Ihren besten Liedern sind Sie schon längst zu dieser Erkenntnis gekommen. Sie müssen endlich den Mut haben, mit dem Kommunismus zu brechen! Denken Sie an das Beispiel Arthur Koestler. Bedenken Sie meinen Lebensweg vom Schtetl in die Utopie des Kommunismus und dann den Bruch mit diesem Kinderglauben."

Wolf Biermann kommt wieder ins Offene. Manès Sperber - während der deutschen Besetzung Frankreichs bedroht von Gestapo und Kommintern gleichermaßen - verkörpert die Kraft zur Abwendung von diesem Kinderglauben. Biermann erinnert sich, wie Sperbers Argumente beginnen in ihm jenen Prozess hervorzutreiben, der seit Jahren in ihm gärt:

"Wer wirklich Kommunist geworden ist, muss nach dem blutigen Scheitern dieser eitlen Hoffnung auf die paradiesische Lösung der sozialen Frage, nach den Millionen Morden, endlich brechen mit dem  Kommunismus! Sie sollten den Mut haben, sich auf das Niveau Ihrer eigenen Verse zu wagen, kurz, Sie sollten sich als Renegat bekennen - auch vor sich selbst. Die Korrektur eines Irrweges ist kein schäbiger Verrat. Sie erfordert Tapferkeit! Wenn die Diskrepanz zwischen Ihnen und Ihren Liedern immer größer wird, zwingt Sie das in den Zynismus einer heillosen Hoffnungslosigkeit. Aus dem tapferen Rebellen wird dann ein resignierter Revoluzzer."

Wolf Biermann bekennt, dass er es sich von diesem Alten gesagt sein ließ. Er begann zu glauben, was er in seinem Kopf längst wusste, aber sein Herz nicht wahrhaben wollte:

"Warum nicht? Aus Kinderliebe zu meinem ewig jungen Vater."

Es gibt aber neben diesem Rauschen des Blutes einen rational vollkommen überzeugenden Grund, warum Biermann sich nicht früher - sehr viel früher - vom Kommunismus hätte lossagen können. Jeder, der in den siebziger Jahren die Idee eines Sozialismus mit menschlichem Antlitz strapazierte, kann Wolf Biermanns Argument nachvollziehen:

"Hätte ich mich schon früher vom Kommunismus losgesagt, dann hätte ich meine stärkste Waffe verloren, die immanente Kritik. Der Bruch mit dem Kommunismus kostete mich viel Überwindung, aber ich kam endlich wieder ins Offene, endlich wieder in die gute Melancholie, die ja alles andere ist als eine faule Traurigkeit. Melancholie ist gewiss keine romantische Resignation, sondern die Kraft, den lebendigen Widerspruch zwischen begründeter Verzweiflung und begründeter Hoffnung in der Menschenbrust auszuhalten, ja so auszubalancieren, dass man nicht kippt in die zerstörerische Bequemlichkeit der einen oder anderen Seite."

Wolf Biermann ist unversöhnlich - gewiss. Und die Wiederholung der Ermutigung 2014 vor dem Deutschen Bundestag wird begleitet auch von Verbitterung. Wer aber Warte nicht auf bessre Zeiten aufmerksam und akribisch liest, der wird begreifen, dass Biermann eben nicht über den Dingen steht, sondern mitten in einem Prozess, der ihn mit uns heute mehr denn je verbindet: Im Eintreten für einen demokratischen Verfassungsstaat, der in den Prinzipien der Rechts- und Sozialstaatlichkeit die Würde des Menschen nicht nur als eine allegorische Figur betrachtet, sondern als Grundorientierung allen (politischen) Denkens und Handelns.

Eine Nachbemerkung zum besseren Verständnis des Auftritts von Wolf Biermann vor dem Deutschen Bundestag (25 Jahre Mauerfall) und dem damit verbundenen Eklat:

Auf Seite 476 seiner Autobiographie kommt Wolf Biermann auf den IM 'Willy', Reg.-Nr. XV/2180/78 zu sprechen. Was folgt ist umso delikater, als jener IM 'Willy' (Alter 27 Jahre; Parteizugehörigkeit: SPD) nach Aktenlage für eine Auszeichnung vorgeschlagen ist, verbunden mit dem Erhalt einer Geldprämie in Höhe von 500,- DM/West. In der Begründung heißt es:

"Der IM arbeitet zuverlässig, auf der Basis der politischen Überzeugung, mit dem MfS zusammen. Durch eine hohe Einsatzbereitschaft des IM ist es gelungen, Biermann nach dessen Ausbürgerung im Operationsgebiet zeitweilig gut unter Kontrolle zu bekommen. Der IM erarbeitete wertvolle Informationen zur Person des Biermann, dessen Pläne und Absichten sowie der politischen Wirksamkeit. Durch den Einsatz des IM konnten einige geplante Veranstaltungen feindlicher Kräfte und damit die Ausnutzung Biermanns für deren Zwecke verhindert werden."

Man sollte nun Biermanns darauf folgende Auslassungen aufmerksam zur Kenntnis nehmen, um einerseits zu begreifen, wie paranoid und skrupellos die Stasi agierte, und wie vornehm und zurückhaltend sich andererseits auf diesem Hintergrund der Auftritt Biermanns vor dem Deutschen Bundestag ausnimmt:

"Dass Dieter Dehm (IM 'Willy) bei der Stasi war, kam für mich, als ich die Akte sah, nicht überraschend. Ich wusste es sogar schon ein Jahr vor dem Ende der DDR und zog daraus beim Geschäftsführer der EMI-Electrola Wilfried Jung in Köln, wo Dehm sein Musiklabel hatte, sofort meine Konsequenzen (man muss hier wissen, dass Dehm über die Vermittlung von Günther Wallraff lange Jahre Biermanns 'Konzertmanager' war). Dass Dehm einige Jahre nach dem Fall
der Mauer in die Partei eintrat, in die er aufgrund seiner politischen Überzeugung gehört, nämlich in die Erbengemeinschaft der DDR-Diktatur, für die er gespitzelt hat, ist ein ehrlicher Schritt ins Offene und ein Beitrag zur Aufklärung der Wahrheit. Seit 2005 sitzt er mit Gysi im Bundestag. Das seh ich gern, denn aus meiner Sicht: einer des anderen Strafe. Die Sozialdemokraten können froh sein, dass sie diese dummkluge Canaille los sind. Die Akten können ein Liedchen davon singen. Ich finde, Dehm war als Spitzel genauso ein flotter Stümper wie als ondolierter 'Lerryn, der Sänger mit den besseren Liedern'. Und was er, wie mir scheint, zwanghaft über mich verbreitet, etwa die Legende über eine Liebesaffäre zwischen Biermann und Margot Honecker - all diese pikanten Lügen wirken auf mich wie eine nachgelieferte Zersetzungsmaßnahme des MfS."

Noch eine Nachbemerkung:

Auf den beiden letzten Seiten gibt Wolf Biermann uns einen Hinweis, wie man seinen Wandel - meinetwegen auch sein Renegatentum - einzuordnen hat:

"Der Kern der kommunistischen Idee, wie ich sie verstand, hieß nicht Gleichmacherei, sondern einzig: gleiche Rechte für alle Menschen und Gerechtigkeit. Und diese Idee basierte nicht, wie andere politische Ideolgien, auf Abwertung und Ausgrenzung einzelner Menschengruppen, etwa aufgrund ihrer Herkunft."

Mit Blick auf real existierende Gestaltungsversuche kommunistischer Provinienz erkennt Biermann dies schließlich als Kinderglauben. Aber Wolf Biermann vollzieht die daraus folgende Neuorientierung im Westen verbunden mit einer Einsicht, der ich mich selbst vollkommen anschließen kann. Biermann bekennt, dass er begriffen habe,

"wie hochmütig mein Spott auf die bürgerliche Demokratie war. Sie ist das am wenigsten Unmenschliche, was wir Menschen als Gesellschaftsmodell bisher erfunden und ausprobiert haben. Mich beeindruckt auch diese Tatsache: Es hat so gut wie nie in der Weltgeschichte einen Krieg zwischen Demokratien gegeben. Dabei kann die Demokratie auch unerträglich sein, wie Winston Churchill fand, denn wer gewählt werden will, muss leider immer wieder genügend Stimmen vom dämlichsten Pack ergattern."

Letzteres zeugt von der losen Zunge des Bänkelsängers (mit einer Anleihe bei Siegmar Gabriel). Was wir erreichen müssen, ist schlicht, dass Menschen nicht Merkmale des Packs ausbilden; also Einstellungsprofile wie sie totalitären und autoritären Denkweisen entsprechen. Aus dieser zentralen Zielsetzung bezieht die öffentliche Erziehung (in Schulen) eine ihrer zentralen Aufträge und Legitimationen!

   

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