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Bloß weil einer tot ist? Roger Willemsen und Ulrich Beck!

Ulrich Becks "Metamorphose der Welt" lässt uns erschauern! Hier spricht der Soziologe, der sich in der Tür umdreht, noch etwas sagen will, und sogar noch etwas zu sagen hat. Iris Radisch, die in einem kurzen Essay das letzte Buch von Roger Willemsen - "Wer wir waren. Zukunftsrede" - würdigt, zitiert ihn am Tiefpunkt seines Denkens, voller Resignation, düster - apokryph und apokalyptisch zugleich:

"Wir lebten als der Mensch, der sich in der Tür umdreht, noch etwas sagen will, aber nichts mehr zu sagen hat."

Bloß weil einer tot ist? Man könnte ja auf die Idee kommen, dass dem Wort jemandes, der zu Lebzeiten schon gehört worden ist, nach seinem Ableben eine noch größere Aufmerksamkeit angedeihe!?

Man erinnert sich vielleicht noch an Niklas Luhmann, Odo Marquardt, Ulrich Beck der auch an Henning Mankell. Aber in all diesen Fällen von eggheads oder auch nur guten Erzählern erscheint wohl das eine wie das andere nur als pure Illusion. Iris Radisch meint, in dieser nun posthum veröffentlichten Skizze Roger Willemsens für ein umfassenderes Werk sei Melancholie der basso continuo, und die Sorge um "die verlorenen Seelen seiner Mitmenschen, als deren banger Hüter der Autor in seiner letzten Rolle nun in Erinnerung bleiben werde", bilde das vorwärtstreibende Motiv. Aber so, wie Ulrich Beck aus dem Jenseits noch an unsere besonderste Begabung appelliert, so entdeckt Iris Radisch auch bei Roger Willemsen noch geistesgegenwärtig den Funken, an dem wir unsere Zukunftshoffnungen noch entzünden können:

"Wenn es nur gelänge, schreibt er, wieder im Augenblick zu leben, 'hier zu sein, in dieser Zeit anzukommen', in der praktischen Welt, in der die Frage nach dem Überleben aller gerade gestellt wird', hätte man eine doppelte Rendite. Man könnte die Welt noch retten und die eigene Seele gleich mit ihr."

Gibt es einen Unterschied zwischen Ulrich Beck und Roger Willemsen? Beck ist Soziologe, und wir bedauern mit ihm vielleicht sein Resümee, versehen mit einem kleinem Silberstreif:

Was tun? Das letzte Wort des Soziologen sei die Beschwörung unserer Fähigkeit zur Reflexion. Die Veränderung, in der wir uns befänden, sei revolutionär, aber sie gehe nicht auf eine Revolution zurück. Es gebe keinen Danton oder Lenin, keine ideologische Absicht und weder Zentrum noch Peripherie. Die wahren Veränderungen geschähen so unvermutet wie ungeplant, und sie träfen uns alle unwiderruflich.

Willemsen hingegen wird von Iris Radisch als "Moralist" beschrieben. Roger Willemsen erlangt also allenfalls unser Mitleid, weil Moralisten eben in erster Linie arme, gekränkte Seelen sind: "Es ist eine bestürzende Schlussabrechnung eines offensichtlich schwer enttäuschten Moralisten [...] Seinen letzten öffentlichen Auftritt hatte er im Juli 2015 auf einem Gutshof in Mecklenburg-Vorpommern. Dort hielt er eine Rede, die erste Überlegungen für sein Buch zusammenfasste und die sich jetzt, da er tot ist, liest wie die Rede des toten Willemsen vom Weltgebäude herab oder jedenfalls etwas in der Art. Er selbst nannte sie: Zukunftsrede." Deren bittere, bestürzende Perspektiven klingen in etwa so:

  • Wie ein Seher - ohne sein eigenes Ende wirklich schon sehen zu können - sagte er: "Nachzeitig werde ich schauen, aus der Perspektive dessen, der sich seiner Zukunft berauben will, weil sie ihn schauert, im Vorauslaufen zurückblickend, um sich so besser erkennen zu können, und zwar in den Blicken derer, die man enttäuscht haben wird." Warum nicht umgekehrt? Ist die Lebensbilanz jemandes, der 60 Lebensjahre noch nicht überschritten hat, überwiegend geprägt und gerahmt von Enttäuschungen, die man anderen hat widerfahren lassen?
  • Im Großen und Ganzen wohl ja: Iris Radisch resümiert, dass Roger Willemsen sich wohl in jene hineinversetzten wollte, die nach uns kommen. Sein Blick sei wohl "tief bekümmert auf den Berg an seelischem und ökologischem Müll gerichtet, den wir ihnen hinterlassen haben werden." Für diesen "endzeitlichen Blick" hatte Willemsen - individuell gesehen - nicht einmal eine zureichende Basis: keine Familie, vor allem keine Kinder! Aber seine Blickrichtung - so Iris Radisch - sei wohl nicht persönlich ausgerichtet, sondern eben "endzeitlich".
  • "Dass wir nicht mehr können, erliegen, dass wir unrettbar sind, in der Kapitulation leben, das sagten wir nicht, wir fühlten es bloß." Roger Willemsen bricht die Sprachlosigkeit an einer Stelle, wo wir alle Gefangene unserer Gedanken bleiben, weil wir uns sonst dem Vorwurf der Lamoryanz und des Jammerns aussetzen. Dabei mahnen Willemsen und Beck doch nur unsere Begabung zur "Geistesgegenwart" bzw. zur "Reflexionsfähigkeit" an!
  • "Ich bin der, der verschwindet!" Iris Radisch meint, wer so spreche, habe sich von der Gegenwart schon gelöst - wie ein Astronaut, der - ohne die Chance auf Wiederkehr - aus den Tiefen des Raumes und der Zeit aus dem All auf die Erde zurückblicke: "Aus den Tiefen des Raumes und der Zeit betrachtet, sieht die Jetztzeit so unbegreiflich zerbrechlich und zart aus wie ein Fliegenbein."
  • Iris Radisch erinnert daran, dass Willemsen in seinem vielleicht originellsten Buch Momentum die große Anstrengung habe erkennen lassen, die es bedeute, im Hier und Jetzt zu leben und seine Tage nicht damit zu verschwenden, einer nur vorgestellten Zukunft entgegenzuhetzen.
  • Auch in seiner Zukunftsrede - so Radisch - gebe es wieder die Klage über die in der "Indifferenz" und in der "organisierten Abwesenheit" vertane Existenz: "Viefach zertreut durch 'eine Multiplikation der Aufmerksamkeitsherde', verzettelt in 'Daten-Halden' und entmündigt von zahllosen Elektrogeräten, die das 'Bewusstsein neu formatiert' haben, kümmere der Gegenwartsmensch sich meisten viel ausführlicher um den Erfolg seines Arbeitgebers als um den des eigenen Lebens."

So also kann man das Grundmotiv der Melancholie bei Roger Willemsen begreifen - als Sorge um die verlorenen Seelen seiner Mitmenschen, als deren banger Hüter er in seiner letzten Rolle nun in Erinnerung bleiben werde, wie Iris Radisch meint. Auch Radischs letzte Einschätzung nehmen wir unter dem Vorbehalt eines Spannungsverhältnisses zur Kenntnis, mit dem nach ihrer Einschätzung zumindest ein Hoffnungsschimmer bleibe.

Denn einerseits sei die Diagnose, die Willemsen der Welt stelle, "maximal desaströs: "Die wichtigsten Ressourcen, die das Leben lebenswert machen, seien dramatisch verknappt worden: Stille, Schönheit, große Kunst [...] Andererseits bleibe ein einziger Hoffnungsschimmer:

"Wenn Buße und Umkehr nicht dauerhaft unterbleiben, ist vielleicht doch noch nicht alles verloren. Was wir Zurückgebliebenen in Roger Willemsens Augen benötigen, ist eine Eigenschaft, mit der er selber im Übermaß gesegnet war: Geistesgegenwart."

Und deshalb noch einmal:

"Wenn es nur gelänge, schreibt er, 'hier zu sein, in dieser Zeit anzukommen', in der 'praktischen Welt, in der die Frage nach dem Überleben aller gerade neu gestellt wird', hätte man eine doppelte Rendite. Man könnte die Welt noch retten und die eigene Seele gleich mit."

Wie meint Iris Radisch in ihrem Schlusssatz fast mit ein wenig Pathos: "Eine eindringlichere Predigt für die Adventszeit wird man in diesen Tagen so leicht nicht finden."

Apropos: Auch wenn Roger Willemsen wie kaum ein anderer Ordnungsstreben in seine Zerstreutheit eingezogen hat, er war unruhiger Geist, zwar ungeheuer präsent und geistesgegenwärtig. Er war immer unterwegs an die "Enden der Welt" und hat möglicherweise nie begriffen, dass das Ende der Welt immer da war, wo er selbst war. So fiel ihm nichts Besseres ein, als in den letzten Wochen seines Lebens noch zu reisen - nach Oslo; beeindruckend und kümmerlich zugleich!

 

An den Enden der Welt - Eine Hymne an das Leben


Wenn mein Herz zerfließt

Und alles in mir schreit,

Wenn aller Regen fließt

Und Leben wurzelt breit.

Wenn mein Herz vor lauter Freude weit

Und meine Arme voller Liebe breit,

Wenn alle Unterschiede dann zerfließen

Und Phantasien über alle Ziele schießen.

Wenn ja und aber mich erheitern

Und alle Blicke Horizont erweitern,

Wenn Kleinmut meinen Großmut weckt

Und Liebe unsre Wunden leckt,

Wenn es dann läuft,

Und Sonne meine Seele wärmt,

Und wenn mein Selbst in Liebe sich ersäuft,

Vor lauter Wohlsein nur noch schwärmt,

Wenn letzte Tage winken,

Und Frühjahr sich mit Herbst vermischt,

Wenn Hoffnung und Erfüllung ineinander sinken

Und letzter Unterschied sich dann verwischt,

Dann geh ich weg und komme heim

Und ahne jene Grenzen,

Die jenseits bleiben und geheim

Für alle – vor Gräbern und vor Kränzen.

 

 

 

 

 

   

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