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Staycation!!!

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 7. August 2016

Ich preise das Glück der freien Presse: Kluge Leute schreiben über kluge Leute. Zuerst ein Beitrag über "Modemoiselle C. - Durch eine Labor-Revolution zur Nobelpreiskandidatin: Was treibt Emmanuelle Charpentier an? Eine Annäherung von Sonja Kastilan" (FAS, S. 61). Ich verstehe zwar wenig, bin aber fasziniert von dem eigensinnigen Weg, der unterdessen 47jährigen Französin, die gegenwärtig als Direktorin am Max-Planck-Insitut für Infektionsbiologie in Berlin - wie sie selbst sagt - die Freiheit hat, ihren Weg weitergehen zu können. Sie gilt mit Jeniffer Doudna als heiße Anwärterin auf den Nobelpreis, "weil sie einen natürlichen Mechanismus zu einer Methode weiterentwickelt haben, die gentechnische Eingriffe erleichtert und inzwischen weltweit Verwendung findet."

Ich schaue weiter und will - wie meist - den Reiseteil überblättern. Im Augenwinkel nehme ich eine Art Postkarte wahr und stoße auf den Begriff "Staycation"; der ist mir unbekannt und ich lese den Untertitel bzw. die Erläuterung:

"Im Urlaub zu Hause bleiben - das machen auch Leute, die sich Reisen problemlos leisten könnten..."

Mehr als meine Neugierde ist geweckt. Ich befinde mich im Urlaub. Dorthin kostete es - wie immer - Überwindung. Und da ich mich als erklärten Reisemuffel bzw. -kritiker verstehe und sich angesichts des Massentourismus starker Widerwille und Abneigung regen, bin ich natürlich sofort affiziert! Ich bemerke allerdings dann, dass mich die erwähnten Phänomene wie "First-Night-Effect" nicht wirklich interessieren. Andererseits formuliert hier jemand (Rainer Erlinger) sprachlich dichte Passagen, die meine Seelenlage recht präzise spiegeln. Rainer Erlinger hilft den Reisepsychologen (für was es nicht alles Psychologien gibt!!!) versiert auf die Sprünge:

Mit Blick auf den "First-Night-Effect" liest man Empfehlungen, wie möglichst immer das gleiche Hotel aufzusuchen oder wenigstens bei der gleichen Kette zu buchen oder auch sich ein eigenes Kissen mitzunehmen.

Aber das "wirklich Naheliegendste, fast schon logisch Zwingende, wird nicht genannt: First Nights, erste Nächte in anderer Umgebung zu vermeiden, mit anderen Worten zu Hause zu bleiben: Zumindest wenn man zu Hause bleiben kann, was beim Urlaub relativ einfach geht. 'Staycation' lautet der Begriff dafür im Amerikanischen, ein für diese Sprache typischer Neologismus, zusammengesetzt aus 'stay' für bleiben und 'vacation' für Urlaub. Was viel besser klingt als 'Urlaub zu Hause'. Ja, irgenwie klingt 'Stycation' sogar ein wenig glamourös, nach etwas Besonderem, Raffiniertem, Klugen, während 'Urlaub zu Hause' den Geruch einer Notlösung verströmt. Nur noch getoppt von 'Urlaub auf Balkonien', in dem die naive Sehnsucht nach der Ferne, gefangen in den Fesseln des noch nicht vollzogenen Wirtschaftswunders, schwingt. In 'Staycation' dagegen dominiert 'Stay', das Bleiben als bewusste Entscheidung gegen das wahnsinnige Rasen, die alles aufzehrende Unruhe unserer Zeit, das Bewusstsein, das der Mensch ein Landsäugetier ist, das den Kontakt mit dem Boden nicht nur braucht, sondern auch liebt. Jedoch ohne die Erdschwere. Dafür sorgt die zweite Worthälfte 'cation' von 'vacation', das vom lateinischen 'vacare' für 'frei sein' abstammt. Eine Freiheit, die dem Bleiben Flügel verleiht.

Bleiben und frei sein, heißt 'Staycation' somit. Im Grunde ist es das Prinzip der Meditation übertragen auf das Leben: Während der Körper ruht, kann der Geist sich befreien. 'Staycation' ist Meditation XXL ohne Lotussitz, schmerzende Knie, Räucherstäbchen und spirituellen Überbau. Der Körper bleibt am gleichen Ort, deshalb kann der Geist wandern oder eben auch ruhen. Er kann tun, was er will, muss nicht den Reiseführer lesen oder ihm hinterherlaufen und gleichzeitig versuchen, die Abfahrtszeitr desa Flughafenshuttles nicht zu vergessen. Und ob ein Körper in Flugzeugsitzen, Taxis und Hotelbetten mit sich verheddernden Decken wirklich freier ist als auf dem eigenen Sofa, darf getrost bezweifelt werden. Orstwechsel allein bedeuten noch lange keine Freiheit, fragen Sie doch einmal ein Wildtier, ob es nicht in einen Zoo reisen möchte."

Ein langes Zitat, das jeden selbstbewussten Weltreisenden zu der Frage veranlassen mag, ob sich hier nicht Rainer Erlinger - und natürlich derjenige, der ihm hier im Rahmen seines Blogs Raum gibt - einer Entblödungsstrategie befleißigen, die auf sie selbt zurückfällt. Gewiss müssen wir ironietechnisch aufrüsten, um die Widersinnigkeiten eines in seinen brutalen Auswirkungen nicht mehr hintergehbaren Massentourismus wenigstens mental ertragen bzw. aushalten zu können. Immerhin schreibe ich dies hier am "Tag der Erdüberlastung" auf, der sich von Jahr zu Jahr - allein dieses Jahr 5 Tage - weiter nach vorne verschiebt. Immerhin bräuchten wir nach den verbrauchsrelevanten Indizees unseres gegenwärtigen Lebensstandards in Deutschland ca. drei Erden, um diesen Lebensstandard langfristig aufrecht erhalten zu können. Was Reisen bzw. Massentourismus damit zu tun hat?

Dass wir alle – unvermeidbar – moderne Massengesellschaft mitkonstituieren, und dass diese in einer permanenten touristischen Laune zu einer kinetischen Verschwendung nie gekannten Ausmaßes neigt (Peter Sloterdijk 2004), ist nicht zu bestreiten. Die von Robert Schäfer vertretene These, dass sich heute nicht derjenige zu erklären hat, der im Urlaub verreist, sondern wer zuhause bleibt (Robert Schäfer, Bielfeld 2015, S.10), gibt zu denken und gehört zu einer der verrücktesten Paradoxien der Gegenwartsgesellschaft. Wie bewegt sich ein gebildeter Bürger in der Auseinandersetzung mit dieser paradoxen Ausgangslage? Ja, es lohnt sich schon eine gründliche Auseinandersetzung im Sinne der Warnung: "Vorsicht, da kommen Touristen!"

Rainer Erlinger ist Realist. Er bestreitet nicht, dass es gute Gründe gibt zu reisen. Nur bei einem Reisegrund - meint er - müsse man Bedenken anmelden: "der Erholung". Ich überspringe nun einige seiner bedenkenswerten Erörterungen - ich bin im Urlaub und möchte heute auch noch etwas erleben - und beschränke mich auf seine Schlussbemerkung, die ich hier wörtlich wiedergebe:

"Das Erholsamste, was man sich vorstellen kann, ist deshalb die Freiheit im Bleiben. Man wacht morgens auf nach einer Nacht, in der man gut geschlafen hat, also im eigenen Bett, und muss nichts entscheiden. Man bleibt liegen oder steht auf, man versäumt draußen nichts, weil man ja schon alles kennt. Wenn man will, kann man sich auf die Suche nach der verlorenen Zeit begeben, lieben, spielen, leben, träumen oder unendlichen Spaß genießen, alles Dinge, zu denen man sonst nicht kommt. Und wenn man sich entscheidet, irgendwann aufzustehen, kann man tun, was man will, oder auch nichts. Das kann man auch im Hotel machen, mögen manche entgegnen, oder sogar besser, weil man den Zimmerservice hat, der alles bringt. Das stimmt, aber den Zimmerservice hat man heute mit wesentlich größerer Auswahl als Lieferservice-App auf seinem Smartphone, und mit einem Bruchteil des Vorbereitungsaufwands für eine Reise lässt sich zu Hause für etliche Tage eine perfekte Mischung aus Paradies, Höhle und Schlaraffenland einrichten. Und im Gegensatz zur Reise ist dieses Ideal mit keiner Rückreise verbunden, und man muss sich danach nicht erst von all den Strapazen erholen."

Gut gebrüllt Erlinger! Und warum bin ich im Urlaub, weit weg von zu Hause - Zimmerservice und dieses Mal Halbpension inbegriffen? Jetzt nur nicht weinerlich werden! Aber wir hätten keine Legitimation gehabt, die Schwiegermutter einmal für knapp 14 Tage in die Kurzzeitpflege zu entlassen - ihr und uns ein wenige Erholung vom Alltag zuzugestehen. Die Welt ist halt bunter und vielfältiger als wir gemeinhin glauben - auch in ihren Widersprüchen und Verrücktheiten. Also alles richtig gemacht - naja, fast!

 

 

   

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