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Phase V: Fürsorgliches Finale - Komplementäre Vertrautheit und dyadische Dämmerung in einer funktional differenzierten Gesellschaft

- das ist die eine Seite der Geschichte. Die andere Seite erzählt von den Apfelbäumchen, die wir gepflanzt haben und die wir noch pflanzen wollen!

Kontext:

Nachdem ich in den letzten Wochen viele neue Baustellen innerhalb meiner BLOG-Landschaft eröffnet habe, kam mir heute die Idee, endlich wieder einmal an meinem Demenztagebuch weiterzuarbeiten - allein, um meinen 2010 verstorbenen Schwiegervater nicht ganz aus den Augen zu verlieren. Ihren Mann aus den Augen verloren hat meine Schwiegermutter. Seit Februar 2016 lebt sie - nach einem Oberschenkelhalsbruch - gemeinsam mit uns in unserem Haus. Sie vollendet in gut einem Monat ihr 93stes Lebensjahr. Das (auch nach oben offene) Mehrgenerationenhaus Rothmund gewährt uns seither - weit mehr und sehr viel intensiver - Einblicke in die Dynamik des Alter(n)s. Und mit Blick auf ein "Fürsorgliches Finale" ergeben sich nun die unterschiedlichsten Perspektiven. Vor allem ist die Frage zu klären:

"Fürsorgliches Finale" - für wen?

Herbert Gudjons spricht unter Zuhilfenahme soziologischer Beschreibungen vom "Verlust des Todes in der modernen Gesellschaft". In einer unstrittig funktional differenzierten Gesellschaft sind wir es inzwischen gewohnt, dass die Generationen sich separieren und in räumlicher Distanz zueinander leben. Paare leben im besten Fall ein - nicht alle halten es für den besten Fall - langes gemeinsames Leben miteinander - manchmal auch verbunden mit der Chance auf ein fürsorgliches Finale.

Die ganz Alten leben in der Dynamik einer zunehmenden Instititutionalisierung unterdessen in Altenheimen, euphemistisch gewendet (und durchaus mit Blick auf sehr unterschiedlich gestaltete und ausgestattete Komfortzonen) in sogenannten Seniorenresidenzen. Und so wie sich heute derjenige, der nicht oder nur spärlich reist, gegenüber touristischen Launen und einer maßlosen kinetischen Verschwendungsneigung rechtfertigen muss, so löst auch die häusliche Betreuung und Pflege der alten Eltern heute Legitimationszwänge aus: "Hast Du Dir das auch gut überlegt, und bist Du Dir im Klaren über die damit einhergehenden Einschränkungen?" Möglicherweise ist man noch nicht wirklich in der Moderne angekommen und reibt sich an unausweichlichen Individualisierungsschüben - der flexible Mensch à la Richard Sennett drängt sich ins Spiegelbild. Im Rückspiegel erscheinen unterdessen aber auch die Bilder, die unserer Elternpaare in uns wachrufen:

Das Finale meiner Schwiegereltern jedenfalls endete in seiner ersten Phase in vertrauter häuslicher Umgegung, aber in der völligen Dunkelheit meines Schwiegervaters, Leo (1924-2010). Sein Vergessen vollzog sich schrittweise bis hinein ins totale Vergessen seiner selbst und der ihm nahen Menschen - bis zuletzt aufgehoben in der liebevollen Fürsorge seiner Nächsten - Katacyina, Stascha und Marlena nicht zu vergessen. Emrah, ein Student türkischer Herkunft verstärkte in mir das Motiv, die Toten über Geschichten weiterleben zu lassen! Auch diesem Vorhaben bietet dieser Blog Raum - unendlichen Raum.

Die letzte Phase in diesem Prozess, Ihr Vergessen - das Vergessen meiner Schwiegermutter Lisa (1923-) - gewinnt unterdessen, gut sechs Jahre nach dem Tod ihres Mannes, die Oberhand: Der gemeinsame Ort, die letzten 43 Jahre im gemeinsamen Haus - sinken ab ins Dunkel, während ihre Kindheit und Jugend, insbesondere repräsentiert durch ihren Vater - schon 1952 verstorben -, in immer denselben wenigen und spärlichen Geschichten aufleben. Immerhin sind wir - die Tochter, die Enkelinnen und der Schwiegersohn - ihr noch ein Gegenüber; aber eine Paargeschichte gibt es nicht mehr!

"Mit dem abnehmenden Leben steht die endgültige Trennung bevor, schließt sich unvermeidbar die Beziehungsgestalt. Ein Paar hat dann durchgehalten, bis die große Uhr abgelaufen ist. Am Ende des Lebens steht man dort, wo man gemeinsam hingekommen ist, dann ist nichts mehr revidierbar (Detlef Klöckner, 234)."

Für meine Schwiegereltern ist dies schon lange so gekommen. Und ich frage mich, was ist ihr Vermächtnis, welche Lebenserfahrungen und welche Werte haben sie uns vermittelt. Mit Blick auf meine eigenen Eltern, meine Mutter 1924-2003) und meinen Vater (1922-1988) habe ich mir diese Fragen schon lange beantwortet, auch wenn in den letzten Jahren und Jahrzehnten noch einmal Bewegung in meine Herkunftsfamilie gekommen ist. Ein vielschichtiges, komplexes Entwicklungsgeschehen entfaltet offenkundig über Jahrzehnte und die Generationen übergreifend seine Wirkungen.

Die nachstehenden Überlegungen im Kontext von Detlef Klöckners Ausführungen über Phase V - das fürsorgliche Finale sollen verdeutlichen, dass wir - meine Frau und ich - uns mittendrin - im fürsorglichen Finale bewegen. Und ich bin mir sicher, dass es einen Unterschied macht, genau darum auch zu wissen: So mancher Krise, die wir durchlebt haben, begegnet man im Rückblick eher im Sinne der Chancen, die sich damit eröffnet haben. Darüber muss man nicht schweigen, sondern man begreift die Kultur, die man gemeinsam begründet hat, sehr viel differenzierter und wertschätzender, indem man ihr auch Sprache gibt.

So viele Entscheidungen, z.B. die, den Schwiegervater zu Hause bis zu seinem Tod zu pflegen oder auch nunmehr der Versuch, der Schwiegermutter einen vertrauten Ort anzubieten, gewinnen in diesem Spiegel durchaus Sinn und Überzeugungskraft. Und natürlich eröffnet die nachstehend von Detlef Klöckner mit Blick auf ein fürsorgliches Finale definierte Zeitspanne ein äußerst breites Spektrum an unterschiedlichsten Befindlichkeiten und Zugängen. Zwischen dem fünfzigsten und dem fünfundsiebzigsten Lebensjahr ergeben sich Galaxien von Unterschieden hinsichtlich der physischen und psychischen Kraft, der Motivation und der Perspektiven, mit denen man das Leben betrachtet und gestaltet.

Detlef Klöckners "Phasen der Leidenschaft - Emotionale Entwicklungen in Paarbeziehungen", Stuttgart 2007 (Klett-Cotta - ISBN: 978-3-608-94432-7) begleitet micht seit 2007.

Phase V bedeutet nach Detlef Klöckner einen "Spagat des abnehmenden Lebens". Das Paar stehe vor der Bilanz seiner zurückliegenden Aktivitäten. Es brauche selbst Stütze und habe die Aufgabe, seine Lebenserfahrung und Werte an Nachfolgende zu vermitteln:

"Die leidenschaftlichen Wendungen der Altersbeziehung gehen über das Individuelle hinaus. Es ist eine Suche nach Versöhnung, Weitergabe und spirituellem Halt. Hoffentlich mit beiden Beinen am Boden, materiell und weise vorbereitet, stellen sich dem Paar im Alter existentielle Herausforderungen, die das Vorausgegangene weit übersteigen. Aber was ist heute überhaupt das Alter jenseits der biologischen Chronologie? Welche Möglichkeiten bieten sich der Altersbeziehung (233)?"

Detlef Klöckner spricht von einem eigenen Lebensabschnitt zwischen fünfzig und fünfundsiebzig, "einem zweiten Aufbruch nach dem ersten Erwachsenendurchlauf, danach erst kommt so recht das Alter, der letzte Abschnitt. Es ist eine Frage der Gesundheit, der verbliebenen Energie und der Neugierde auf das Leben (Horx 2004). Dann beginnt die letzte Etappe zum ultimativen Ausgang aus dem diesseitigen Leben (ebd.)."

Von der ersten Marke bin ich selbst gut 14 Jahre entfernt. Die zweite Marke steht mir vor Augen. Ich würde sie in gut 10 Jahren erreichen. Als Paar bewegen wir uns in unserem siebenunddreißigsten gemeinsamen Jahr - mitten in der komplementären Vertrautheit und der dyadischen Dämmerung. Die Dankbarkeit, dies heute so aufschreiben zu können, ist außerordentlich und kommt einem Lobgesang auf die Chance jener zitierten "komplementären Vertrautheit" gleich.

Um dies verdeutlichen zu können, benötige ich einen zweiten Kronzeugen, der - gleichen Jahrgangs - demselben morphogenetischen Feld einer schulischen Sozialisation unter dem Motto des "sum ut fiam" ausgesetzt war (Are-Gymnasium Bad Neuenahr), und der vor allem mit seinem "Lob der Vernunftehe" (Arnold Retzers Ausführungen in dieser von Plasberg moderierten Gesprächsrunde beginnen bei Minute 22.18) eine überzeugende Pespektive für Dinopaare eröffnet hat (der Link: "Dinopaare" öffnet gleichzeitig einen Zugang zu Karl Otto Hondrichs "Liebe in Zeiten der Weltgesellschaft"). Ich hole weit aus und zitiere umfänglich aus: Arnold Retzer, Miese Stimmung - Eine Streitschrift gegen positives Denken, Frankfurt am Main 2012 (S. Fischer Verlag - ISBN: 978-3-10-064205-9) mit der Empfehlung - neben Detlef Klöckner - auch Arnold Retzers Streitschrift nicht nur zur eigenen Erbauung, sondern auch als Mahnung - gewissermaßen als Einstimmung ins Unabwendbare - zu lesen (alle folgenden Hervorhebungen, FJWR):

Wir werden alle sterben

"Fest steht: Wir alle werden sterben. Die statistische Todeserwartung liegt in Deutschland für Männer etwa beim 77. Lebensjahr und für Frauen etwas beim 82. Lebensjahr. Das Sterben wird mit einer etwas 50%igen Wahrscheinlichkeit im Krankenhaus stattfinden. Bezeichnenderweise taucht der Begriff Todeserwartung in den Statistiken nicht auf, sondern der der Lebenserwartung. Haben wir die Hoffnung, der Tod werde vielleicht schlussendlich doch vermeidbar sein? [...] Bis zum Alter von 25 Jahren besteht für viele das gute Leben im Lernen und täglich neuen und überraschenden Eindrücken. Die 35jährigen verstehen darunter Geldverdienen, Erfolg und Karriere und/oder Familiengründung. Vieles scheint für viele noch möglich. Manche müssen dann aber spätestens ab 50 begreifen, dass man sterben muss und dass man - gemessen daran, worauf man seine Hoffnungen setzte - irgendwie vielleicht doch gescheitert ist. Man ist in der Lebensphase der Herzinfarkte, der gescheiterten Ehen, der Hormonsubstitutionen, des Karriereknicks, der hoffnungslosen Liebe zu dreiundzwanzigjährigen Frauen und der Schlaflosigkeit im Morgengrauen. Manche ziehen eine Lebensbilanz: Es geht zwar irgendwie immer weiter, aber eben nicht mehr schnurstracks in die gute alte Zukunft von morgen und übermorgen. Die Perspektive wechselt. Plötzlich, so scheint es manchem, hat die Biologie die Macht übernommen: biochemische Prozesse, die auch mit noch so viel gutem Olivenöl, Anti-Aging-Therapien, Vitaminpräparaten, Fatburnern, Testosteronsalben oder Entschlackungskuren in Südtirol oder Vorpommern nicht auzuhalten sind.

Wir sind durch unsere enorm gestiegene Lebenserwartung und durch die geringe Kindersterblichkeit verwöhnt oder vielleicht besser: erfahrungsbehindert. Wir können inzwischen lange Zeit ohne den Tod leben, vielleicht sogar mit der Hoffnung, nicht zu sterben. Die Folge: Wir werden immer ängstlicher. Je weniger Erfahrungen wir mit dem Tod machen, umso größer kann die Todesangst werden. Diese Todesangst wiederum kann zur Lebensangst bzw. Lebensverzagtheit führen. Das Leben wird nicht mehr im Angesicht des Todes geführt und genossen. Stattdessen muss man den Tod ständig fernhalten, wodurch der Todesangst aber immer noch mehr stärkende Nahrung zugeführt wird. Ohne den Tod lässt sich einfach nicht gut leben!

Trotzdem ist man hoffnungsvoll versucht, jenen Erschöpfungszustand aufzuhalten, der trotz regelmäßiger Darmspiegelung, Yoga, Fitnesstraining und gesunder Ernährung irgendwann vom Tode beendet werden wird. Erschwerdend zum individuellen Überlebenskampf kommt hinzu, dass der Tod selbst zu einem Problem geworden ist. Den Tod als natürlich, profan und irreversibel zu begreifen ist zwar eine selbstverständliche Erkenntnis der Aufklärung und der Vernunft, aber er steht in scharfem Widerspruch zu den Prinzipien derselben Rationalität: der Verheißung unbegrenzten Fortschritts und der Überzeugung, die Natur in jeder Form beherrschen zu können. Der Tod wird zum  - vielleicht sogar dem - Skandal. Er taucht bei aller aufgeklärten Rationalität wieder auf als der beängstigende Dämon, der durch eine fortwährende Sabotage bewirkt, dass die schöne, gutgetunte Körpermaschine kaputtgeht.

Nach wie vor finden deshalb die unterschiedlichsten Versuche statt, das Paradoxon aufzulösen bzw. des Todes Herr zu werden. Der Kampf ist das verbreiteste Mittel. [...] Der Körper ist aber weiterhin der natürliche und der einzige ernst zu nehmende Feind des Überlebens. In der Tat ein Paradox: In dem Kampf, der das Überleben des Körpers bezweckt, trifft der Einzelne auf eben denselben Körper als seinen Erzfeind. Der Traum vom Überleben macht den Körper zum wichtigsten Angriffsziel. Die persönliche Ungewissheit stärkt die Tatkraft und spornt zum Handeln an. Die Hoffnung ist dabei der wichtigste Energielieferant. Die praktische Betätigung im Kampf mit dem Lebensbedrohenden kann dann vielleicht sogar die Beschäftigung mit dem Tod als dem unausweichlichen Ende vergessen machen. Und es gibt viel zu tun: Sport treiben, vernünftig essen, ausreichend Ballaststoffe zuführen, weniger Fett aufnehmen, Rauch und Raucher meiden, Verunreinigung von Wasser, Erde und Luft bekämpfen. Mit all diesen Praktiken wird das nicht lösbare Problem Tod lösungsorientiert und voller Hoffnung in eine Reihe handlicher Probleme aufgelöst. Altern wird zu einer handhabbaren Angelegenheit. Der unausweichliche Ausgang und Skandal der Anit-Aging-Medizin sieht dagegen anders aus: Jahrelang bereitet man viele kleine optimal zusammengesetzte Mahlzeiten zu, isst zu festgelegten Zeiten, schläft lange in optimal gestalteten Räumen auf optimalen Schlafstätten, walkt nordisch, strecht vorschriftsmäßig und entspannt verbissen. Man schluckt wechselnde Hormone, formt entsprechend den Restkörper, lässt planmäßig alle Vorsorgedaten erheben. Man raucht schon lange nicht mehr, trinkt wenig Alkohol, sorgt aber für eine immer ausreichende Flüssigkeitszufuhr - und stirbt dann eines Tages trotzdem, aber gesund!

Viele Menschen scheinen sich selbst und vor allem ihren Körper in erster Linie als ein Mangelwesen zu empfinden, dessen man sich schämen muss. Nachdem man zunächst geboren wurde, läuft man, je älter man wird, Gefahr, irgendwie geworden zu sein, statt - wie es sich doch überall sonst geziemt - sich regelkonform hergestellt zu haben. Wird dann diese Scham in energisches Handeln verwandelt, wird uns der eigene Körper, wie er uns durch die Geburt, das Leben und die Laune der Natur zugemutet wurde, zur Zumutung, zu einem Zustand, den wir umgestaltend angehen müssen. Schämte man sich in früheren Zeiten, zum Beispiel nach dem Sündenfall, noch seiner Nacktheit, so ist der nackte Körper heute wahrlich kein Problem mehr. Ein Problem ist aber der unbearbeitete oder unzureichend bearbeitete Körper, gleichgültig ob unbekleidet oder bekleidet. Wobei natürlich die Nacktheit die Versäumnisse meist deutlicher hervortreten lässt. Ein Mensch, der sich nach heutigen Vorstellungen korrekt verhält, ist eine Person, die durch hoffnungsvolles Handeln auf sich selbst und ihre Umwelt einwirkt und sich selbst und ihre Umwelt gestaltet. Der Tod bedeutet das endgültieg Ende dieses Gestaltens und daher die radikalste Infragestellung des persönlichen Selbstbildes als handelndes Subjekt. Das gilt nicht nur für die eigene Person, sondern manchmal sogar noch radikaler im Angesicht des Todes anderer. Auch hier erlebt sich der Hinterbliebene als ein Subjekt, dessen Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten radikal in Frage stehen. Der Tod wird dann zu einem Problem der Hinterbliebenen, weil sie in ihren Vorstellungen von Machbarkeit und damit in ihren Hoffnungen radikal enttäuscht worden sind (a.a.O., S. 41-45)."

Die zitierte Passage ist weitgehend identisch mit der Einleitung von Arnolds Beitrag: Tod und töten in der Familie, veröffentlicht in: Familiendynamik, Heft 1/2005, S. 23-43. Die Anfang der fünfziger Jahre Geborenen treibt die hier zentral aufgenommene Thematik zu Recht um. Nicht nur weil es im fortgeschrittenen Alter an der Zeit ist, sich Gedanken zu machen, sondern weil wir an der Reihe sind. Henning Mankell  oder Roger Willemsen mahnen dazu mit ihren Vermächtnissen!

Detlef Klöckner verweist in diesem Sinne darauf, dass mit abnehmendem Leben bei Paaren auch die endgültige Trennung bevorsteht:

"Den Lebenspartner zu verlassen oder durch das Sterben verlassen zu werden, bringt uns mit Verlustleidenschaften in ungeahnter Größenordnung in Kontakt; denn der Tod löst eine irdische Beziehung auf, aber nicht die Bindungsgefühle des Hinterbliebenen [...] Wie mit Einschränkungen und Verlusten umgegangen wird, zeigt in der Essenz noch einmal die zentralen Charakterzüge des Paares und der Personen, die mit dem Ende der Beziehung sozial re-singularisiert werden. (234f.)."

Fürsorgliches Finale im Generationen übergreifenden Zusammenhang

Die Re-Singularisierung meiner Schwiegermutter könnte man als Erfolgsgeschichte erzählen. Die Luhmannsche Idee des Gedächtnisses als selektives Vergessen und selektives Erinnern lässt einen Blick zu auf die Neukonfiguration der Paardimension als konstituierendes Phänomen eines langen, langen gemeinsamen Lebens. Bei meinen Schwiegereltern, bei denen es mit meiner Schwiegermutter ja nun (immer noch) eine Überlebende gibt, unterliegt dieser (Rück-)Blick einer Besonderheit. Beide haben den Bund der Ehe am 21. Februar 1952 geschlossen; am Tag meiner Geburt. Selbstverständlich hat die Vorsehung mich seinerzeit also schon auserwählt als ihren künftigen Schwiegersohn - und zweifellos war ich, zumindest phasenweise - ein besserer Schwiegersohn als Ehemann. So werde ich ja auch hier und andernorts zu einem Chronisten auch ihrer Geschichte. Und der Schmerz über die unterdessen fortschreitende Marginalisierung meines Schwiegervaters - zumindest in seiner Rolle als Ehegatte über mehr als 58 Jahre ist der Schmerz der Beobachter, ganz gewiss der Tochter, des Schwiegersohnes und partiell auch der Enkeltöchter.

Dies veranlasst mich die folgende These Detlef Klöckners zu hinterfragen:

"Wie mit Einschränkungen und Verlusten umgegangen wird, zeigt in Essenz noch einmal die zentralen Charakterzüge des Paares und der Personen, die mit dem Ende der Beziehung sozial re-singularisiert werden (235)."

In der Tat verspüre ich manchmal die Neigung, die Souveränität meiner Schwiegermutter im Hinblick auf ihre soziale Re-Singularisierung Charakterzügen zuzuschreiben, die eine starke ego-zentrische Verankerung im Sinne einer erfolgreichen Einkrümmung in sich selbst vermuten lassen.

[Gestern (28.7.16) war der Hausarzt zu Besuch, um ihren Gesundheitszustand mit Blick auf eine geplante 10tägige Kurzzeitpflege festzustellen. Ihre Frage an ihn knüpfte an ein Bonmot ihres bisherigen Hausarztes an, der ihr aufgrund ihrer stabilen Gesundheit immer den 100sten Geburtstag in Aussicht gestellt hat. Sie meinte: "Glauben Sie auch, dass ich 100 Jahre alt werden könnte?" Die Bejahung des jungen Arztes nahm sie erfreut zur Kenntnis und meinte zu uns - zu Tochter und Schwiegersohn: "Da könnt Ihr Euch ja freuen, da habt Ihr ja noch lange Freude an mir!"]

Der andere Erklärungsansatz für die Marginalisierung des Schwiegervaters geht eher von der Vermutung aus, dass neben der unbestreitbaren körperlichen auch die mentale Degeneration zur Milde mahnt:

"Wenn die körperliche und mentale Degeneration das Regiment übernimmt, wankt das Gleichheitsprinzip der Partnerschaft. Es geraten Fürsorgeaspekte in den Mittelpunkt und Probleme der praktischen Aufteilung von Erfordernissen und Verantwortlichkeiten für das, was man noch verantworten kann."

Da ist Lisa, die Schwiegermutter Zeit ihres Lebens auf der sicheren Seite gewesen. Nach einer ersten, harten Phase der gemeinsamen Arbeit hat ihr Ehemann Leo für sie gesorgt, und nun sorgt ihre Tochter für sie. Und das Vergessen deckt den milden Schleier der Inkonsistenzbereinigung über alles, was jemals strittig oder irritierend gewesen wäre in ihrer langen, langen Ehe. So richtet sich das letzte Zitat Detlef Klöckners bereits an mich und meine Frau, und wir können schon sehen:

"Einschränkungen wandeln die rechtliche und leidenschaftliche Symmetrie der Beziehung in eine praktische Komplementarität. Von beiden Seiten ist Nachsicht und Güte verlangt und die Reaktivierung der ursprünglichen Liebe, die nicht in Rechnung stellt und gegen Widrigkeiten zueinander steht. Jetzt zeigt sich ein letztes Mal, was die Verbindung verankert, wie man zueinander hält (237)."

Dazu gehört es genaus so gut, die (Schwieger-)Mutter partiell als Widrigkeit anzuerkennen, wie die eigene(n) Leidenschaft(en) nicht untergehen und versiegen zu lassen. Dazu taugen Taten und Geschichten gleichermaßen. Mit meinem Physiotherapeuten habe ich mich heute darüber ausgetauscht, wie wir "Verliebtheit als mentalen Ausnahmezustand" erlebt haben - ich auf ganz besondere Weise!!!

Das hält nicht nur die Erinnerungen frisch. Und wir packen im fürsorglichen Finale die Welt noch einmal an und pflanzen ein Apfelbäumchen!

Die Jüngeren müssen auf die Alten achten

Solange allerdings das Staffelholz noch nicht endgültig auf uns junge Alte übergegangen ist, bleiben sowohl die Illusion als auch die praktische Verpflichtung richtungsweisend, mit der Detlef Klöckner beiläufig bemerkt: "Die Jüngeren müssen auf die Alten achten." Ja, wir Jungen haben immer noch unsere Alte; die Alte vom Heyer(Berge). Die (Schwieger-)Mutter vermittelt uns genau jene Dimension der Verantwortung, mit der wir uns sagen müssen/dürfen: "Noch sind wir nicht ins letzte Glied vorgerückt - noch sind wir die Jüngeren und müssen auf die Alte(n) achten." Aber all das ist ja nicht wirklich selbstverständlich: Wer lebt heute noch in einem räumlich und verwandtschaftlich so engen und überschaubaren Netzwerk, dass die Jüngeren auf die Alten achten können? Wer hat (noch) Eltern - und vor allem: Wer hat noch Kinder, die jeweils Familie eher als Chance denn als Belastung begreifen?

Das von Detlef Klöckner zitierte Beispiel aus der Filmliteratur umgeht diese Frage und wendet sich eher dem Phänomen der dyadischen Dämmerung zu:

"Der Film Am goldenen See (1981) greift diese Thematik auf. Ein pensionierter, sichtlich dementer Professor (Henry Fonda) verbringt mit seiner Frau (Kathrin Hepburn) wie seit Jahrzehnten üblich den Sommer in ihrem Ferienhaus. Man beobachtet, wie der Pensionär auf eine soziale Position pocht, die er energetisch und psychisch nicht mehr ausfüllen kann, und sieht, wie sie seine kleinen und größeren Fehlleistungen geschickt ausgleicht. Sie kann noch gut und hat in Wahrheit die Fäden in der Hand. In einer Szene schickt sie ihn in den Wald, Erdbeeren für den Nachtisch zu sammeln. Nach einer Weile kommt er völlig aufgelöst zurück, ohne eine einzige Frucht mitzubringen. Irgendetwas muss passiert sein und er gesteht ihr, dass er in Panik geraten war, weil er, plötzlich seiner Gebrechlichkeit und Orientierungslosigkeit gewahr, Angst bekam, er würde vielleicht nicht mehr zurückfinden, und noch schlimmer, er würde sterben, ohne sie noch einmal gesehen zu haben. Es ist eine Vision der nahen Zukunft und eine dramatische Liebeserklärung an seine Frau, die er nicht immer gut behandelt hat (238)."

Ich bin immer noch - auch im Alter von 64 - das Kind meiner Eltern und das Schwiegerkind meiner Schwiegereltern. Mit meiner Schwiegermutter lebe ich seit Anfang Februar unter (m)einem Dach. Möglicherweise begünstigt dies eine milde - wenn auch aussichtslose - Abwehr des Alter(n)s, weil ich/wir noch eine Aufgabe haben. Und die Frage, "wie sich ein Paar mit dem näher rückenden Ende abfindet, wie man das weniger werdende Leben mit seinem Partner teilt", wird in doppelter Weise als Kunst und als Neuland betrachtet, weil man sowohl die beobachtet, die noch da ist/sind als auch sich selbst: Man findet Antworten im Leben der  bedeutsamen Anderen, insbesondere der Eltern und man sucht die eigenen Antworten in der Auseinandersetzung mit genau diesen Vorbildern:

  • Man sieht und beobachtet, wie degenerative Verlangsamung, psychische und körperliche Verluste sich vor die letzten Fragen schieben und vielleicht die letzten Möglichkeiten, die Essenzen und Erfahrungen eines langen Lebens einzubringen und die restliche Zeit zu genießen.
  • Die Frage - meint Detlef Klöckner - stelle sich deutlicher, wie man mit dem Verbleibenden umgeht und auch, wie man geht bzw. gehen wolle/könne.
  • Detlef Klöckner deutet an, es sei "kein Werden mehr am Schluss", die Zukunft vergehe rasant: "Wie will man den Partner verlassen und wie kann man den Verlust selbst verarbeiten", wenn man zurückbleibt?
  • "Wie soll bewältigt werden, dass sich auflöst, was man gemeinsam erschaffen hat?"
  • Detlef Klöckner spricht das Unaussprechliche deutlich und gelassen an: "Bevor der Erste geht, ist es gut, wenn der Zweite darauf vorbereitet ist, so gut es eben geht." Der letzte Abschied sei kein Feld für Spontaneität. Es gebe keine zweite Chance im Hier und Jetzt. Danach erhalte man keine Antworten mehr auf offene Fragen, könne nicht mehr gut machen, was schiefgelaufen sei, nichts mehr teilen, was geteilt werden wolle: "Dann war es nur so gut, wie es bis dahin war (vgl. zu diesen Punkten Klöckner, a.a.O., S. 238)."

Wie gesagt, nicht mit Blick auf das Unausweichliche macht meine Auseinandersetzung Sinn. Einen Sinn ergibt dies alles nur dann, wenn die Versäumnisse meiner (Schwieger-)Eltern uns dazu veranlassen, ein wenig (selbst-)bewusster mit all dem Unausweichlichen umzugehen. Wir unternehmen den Versuch, dem Ozean der Kulturlosigkeit und des Vergessen wieder ein Stückchen Land abzutrotzen. Dabei stehe ich selbst in einer guten Tradition: Meine Großeltern sind allesamt zu Hause gestorben - im Kreise der Familie. Die Begleitung meiner Eltern im Alter und im Tod beruhte auf einer intuitiven Selbstverständlichkeit. Aus dieser Tradition, aus Dankbarkeit und Verpflichtung ergaben sich ganz folgerichtig die nächsten Schritte: die häusliche Pflege des Schwiegervaters über viele Jahre und die Integration der Schwiegermutter in die eigene Gegenwartsfamilie. Für mich persönlich waren und sind die Anforderungen und Privilegien der Moderne - Individualisierung, Flexibilität, Disloziertheit, Erfolg und Leistung - relative Werte, die ich zurückweise, wo sie zur Zumutung entarten. Den modernen Tourismus - als Fetisch der Individualisierung - halte ich ebenso für ein Krebsgeschwür der Moderne wie die von Richard Sennett beschriebenen Flexibilitätserwartungen und -zwänge. Jetzt, wo ich selbst alt bin - ein Jahr vor meiner Versetzung in der Ruhestand - erscheinen auf diese Weise die Kernpunkte einer neuen Lebenshaltung.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

   

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