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Das Geheimnis eines Lebens II - mit unglaublichen Wendepunkten und Zufällen

Das muss ich heute noch loswerden: Der designierte Nobelpreisträger für Literatur, Patrick Modiano bekennt Iris Radisch gegenüber in einem Interview (ZEIT, 49/2014, S. 55): "Man kann sagen, ich fing an zu schreiben, um ein Geheimnis aufzudecken." Hannes Grassegger deckt im ZEIT-Magazin (49/2014, S. 24-31) auch ein kleines Geheimnis auf und lernt vermutlich an den Zufall zu glauben. Er skizziert aus gegebenem Anlass die authentischen Beigaben zu einer "kontingenzgewärtigen Lebenslauftheorie" im Sinne Niklas Luhmanns, wonach allein schon unserer Geburt ein unwahrscheinlicher Zufall sei.

Hannes Grassegger, der Enkel von Wolfram Grassegger, bezieht sich auf einen "dicken, roten Lederordner mit goldenem Aufdruck: 'Zufall?'" William A. Schmalz und Wolfram Grassegger haben in diesem Ordner aufgeschrieben und dokumentiert, was sie für immer verband. Am 28. April 1945 gehört William A. Schmalz zur Vorhut der 3. US-Armee, die Auftrag hatte bei Plattling die Isar zu überqueren. Wolfram Gassegger hatte als Kompanieführer einer Infanterieeinheit Befehl dies zu verhindern:

"Als wir, über die Brücke kommend, angriffen, gab es intensiven Widerstand mit kleinkalibrigen Waffen, schreibt Bill im roten Ordner. Aber nur kurz. Unterstützt von schweren Waffen und Panzern mit 90mm-Geschützen passieren wir die Brücke mit nur etwa 20 Mann Verlusten."

"Meine Einheit ist nach kurzem Widerstand am Morgen komplett aufgelöst", schreibt Wolfram Grassegger. Er berichtet weiter, dass sich die Reste unter seiner Führung sammeln und sich dann in ein leicht zurückversetztes Häuschen in den Auen, ganz in der Nähe des heutigen Friedhofs, zurückziehen. Er schleicht in den ersten Stock und wagt einen Blick aus dem Fenster. Und dann wörtlich: "Mit einer Maschinenpistole in der Hand schaue ich auf einen kleinen Weiher, an dessen Ufer eine ganze Menge amerikanischer Soldaten liegen, die in eine andere Richtung schauen. Ich war ein wenig höher als sie, also in einer Position, in der sie vollkommen ungeschützt in einer Entfernung von etwa 30 bis 50 Metern lagen."

Der Enkel, Hannes Grassegger hält fest: "In diesem Moment liegt wahrscheinlich Bills Leben in Wolframs Händen. Am Fenster stehend wird meinem Großvater klar: Würde er schießen, wäre das sein Ende. Er würde ein paar Amerikaner am Tümpel töten. Und mit Sicherheit würden andere Amerikaner mit Granaten antworten. Es wäre auch sein sicherer Tod."

Wolfram Grassegger schildert die nächsten Sekunden und Minuten folgendermaßen: "In diesem Moment treffe ich die Entscheidung meines Lebens und entschließe mich, nicht zu feuern und die Leben von ein paar Menschen dort und wahrscheinlich meines und das der paar Männer, die mit mir im Posten waren, viele davon verwundet, zu retten. In dieser Situation wollte ich kein Risiko mehr eingehen und sagte meinen Leuten daher, wir sollten die weiße Flagge raushängen und uns ergeben."

Er schmeißt die Maschinenpistole aus dem Fenster. Die anschließende Gefangennahme war wohl der Moment - resümiert Hannes Grassegger -, "in dem das Leben seines Großvaters in Bills Händen lag, denn wie sich später herausstellen wird, war Bill Schmalz Teil der Truppe, die Wolfram Graßegger (damals noch mit ß)gefangen nahm."

Zufall I - oder ein Wunder! Meint Hannes Grassegger: Diese Wunder ereignete sich 1958 in Tiffin, Ohio. Beide, Bill und Wolfram machen Karriere im Maschinenbau. Wolfram promoviert als Betriebswirtschaftler und geht 1958 zur Vorbereitung auf seine neue Rolle als Direktor der Maschinenfabrik J.G. Kayser in die USA. Er trifft dort wichtige Kunden und sitzt eines Tages dem Präsidenten einer großen amerikanischen Schraubenfabrik gegenüber. Ihm erzählt er, er komme aus Süddeutschland und im Verlauf des Gesprächs finden beide heraus, dass sie sich genau in Plattling bei der Überquerung der Isar in der oben geschilderten Weise begegnet sein müssen: "Es gab ein großes Hallo, und wir haben auf dieses unerwartete Zusammentreffen einige Drinks genommen."

Zufall II - oder auch ein Wunder? William A. Schmalz (Uncle Bill) und Wolfram Grassegger begründen eine Freundschaft, die erst mit dem Tod von Wolfram Grassegger (im Herbst 2010) endet. Bill stirbt 2013 im Alter von 92 Jahren. Nach dem Tod seines Großvaters besucht der Enkel, Hannes, Uncle Bill (William A. Schmalz). Er fragt ihn, warum er und sein Großvater Freunde geworden seien. Bill antwortet:

"Wolf stammte aus einer wohlhabenden Familie. Ich nicht. Aber ich fühlte mich ihm nahe, als er erzählte, wie er sich nach dem Krieg hocharbeiten musste. So wie ich. Wir haben nicht viel über Politik gesprochen. Es gab andere Sachen. Unserer Freundschaft beruhte auf der Kriegszeit."

Ich übernehme jetzt eine längere Passage aus dem mehrseitigen Bericht, um der Bedeutung des politischen und kulturellen Referenzrahmens (Sönke Neitzel/Harald Welzer) auf der Spur zu bleiben. Hannes Grassegger schildert eine bestimmte Szene im Verlauf seines Besuch bei "Uncle Bill":

"Wir gehen nach oben. Bill holt eine Videokassette hervor. Es ist die Aufzeichnung seines letzten Besuches bei seinem Freund Wolf im Jahr 1998. Die beiden, nebeneinander am runden Esstisch meiner Großeltern. Es ist ein langes Gespräch. Bill befragt Wolf zum Krieg. Und mein Opa antwortet auf jede Frage. Er erklärt, wie er von den Wandervögeln zur Hitlerjugend kam. 'Bei uns gab es damals das Civilian Converstion Corps für junge Leute, das war ganz ähnlich', sagt Bill. 'Warum habt ihr euer Treffen gefilmt?', frage ich. Bills Blick bleibt auf das Video gerichtet: 'Es war einfach eine Möglichkeit. Ich hatte die Kamera. Wie viele Menschen haben denn die Möglichkeit sich hinzusetzen und einen', er zögert, 'einen Feind zu interviewen?' Im Video kommen meinem Großvater die Tränen, als er erzählt, wie seine Mutter ihn eines Tages bei der Hitlerjungend abholte und den Slogan sah: Wir sind geboren, um für Deutschland zu sterben. Bill reicht ihm ein Taschentuch. 'Wolf hatte keine Wahl', sagt Bill."

Zufall III - kein Wunder, sondern Schicksal: Im Verlauf des Besuchs kommt es zu folgender Situation: Bill zeigt Hannes sein Anwesen, und der schildert dies folgendermaßen: "Im Wohnzimmer hängen Jagdgewehre an der Wand, Abschlussbilder von der Militärakademie, ein Bild von Bill als jungem Soldaten. Er stand ja auf der Gewinnerseite. An seiner Wohnzimmerwand hängt das Stickbild eines deutschen Schäferhundes. Und eine Flagge: Westpreußen."

Bill: "'William - Wilhelm. Du verstehst? Ich bin ein Deutscher. Zweifelsohne', sagt er und lächelt mich freundlich an. 'Schon mein Vater hatte einen deutschen Namen. Henry - Heinrich. Und meinen Sohn habe ich Robert genannt.' Seine Familie sei aus Deutschland eingewandert. 'Ich hätte im Krieg auch auf der anderen Seite sein können.' Ih erzähle ihm, dass Wolframs Mutter bis kurz vor seiner Geburt 1918 in New York gelebt hatte. Er nickt. Wolf hat es ihm erzählt."

So fügt sich eins zum anderen und der Enkel gewinnt den Eindruck, dass die beiden, Bill und sein Großvater, wirken "wie Spiegelbilder. Oder Zwillinge."

Dass sich Bill, Uncle Bill oder Sam, schließlich am Ende des Gesprächs dem Enkel gegenüber offenbart, dass er auch für die CIA gearbeite habe, gibt dann doch noch zu denken. Er bekennt aber gleichzeitig, dass er es Wolf nie gesagt habe. Harter Tobak und eine Menge Erzählstoff - Illustrierung sozusagen für eine kontingenzgewärtige Lebenslauftheorie, die darum weiß, dass Geheimnisse, Nichtselbstverständlichkeiten, Inkonsistenzen und der Zufall der Stoff sind, aus dem Lebensläufe gestrickt werden.

   
   
© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund