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Amos Oz - Von einem, der die Welt zwingen wollte und weise wurde - Interview aus dem Frühjahr 2015

Dazu musste Amos Oz zuerste einmal Halbweise werden - auch im Sinne von halb weise. Iris Radisch enthüllt in ihrer kurzen Einleitung jenes Geheimnis, das Amos Oz fast sein Leben lang mit sich herumgetragen hat und erst in seiner Autobiographie Eine Geschichte von Liebe und Finsternis offenbart: Der kleine Amos verliert seine Mutter, die in den Tod geht, und er beginnt die Revolte gegen alles, was die Traditionen einer berühmten osteuropäischen Gelehrtenfamilie ausmacht: "Er legte den Namen seines Vaters ab und nannte sich Oz, was Kraft bedeutet." Er trat in ein Kibbuz ein, lebte dort vierzig Jahre, heiratete und sah seine Kinder groß werden.

"Doch am Ende seines Lebens stellte er fest, dass man seiner Herkunft niemals entkommt und die Eltern in seinem Inneren nicht zum Schweigen bringt."

Dienstag, 15 November 2016 07:56

Erfüllte Wünsche sind ein Unglück

Ilse Aichinger: "Erfüllte Wünsche sind ein Unglück"

Den Abdruck des Fotos auf Seite 31 in Iris Radischs "Lebensendgesprächen" muss Ilse Aichinger auatorisiert haben. Sie schaut wie ein Eimer saure Milch - es gibt im Übrigen andere Fotos von ihr. Vermutlich ist es ein zeitnahes Foto aus den 90er Jahren. Das Interview fand am 24. Oktober 1996 statt. Am 11.11.2016, vor wenigen Tagen, ist Ilse Aichinger gestorben. Und dennoch kommt einem das Interview 20 Jahre zuvor wie ein "Lebensendgespräch" vor. Und es wird von Iris Radisch auch so geführt bzw. Ilse Aichinger lässt ihr gar keine Alternativen. In der Einleitung vermerkt Iris Radisch, dass Günter Eich bereits ein Vierteljahrhundert tot ist - solange ist Ilse Aichinger Witwe. Ihre "Nabelschnur" zur Welt pulsiert über einen jungen Mann, Richard Reichensperger, der - wie Radisch betont - ihre Werke herausgegeben hat und darüber seit vielen Jahren zum wichtigsten Mann in ihrem Leben geworden sei.

Imre Kertész: "Ich habe alle meine Augenblicke schon erlebt. Es ist fertig, und ich bin noch da."

Iris Radisch trifft Imre Kertész zum ersten Mal 1997 und zum zweiten Mal 2013. Von seinem Lebensbuch "Roman eines Schicksallosen" sei eine moralische und literarische Revolution ausgegangen. Es sei kein "weiterer edler Tropfen im Strom der Neuerscheinungen, sondern ein Staudamm, an dem man nicht vorbeikommt." Sie stellt einen Vergleich an, indem sie davon ausgeht der "Roman eines Schicksallosen" bedeute für die europäische Literatur, was die "Blechtrommel" für die deutsche Literatur bedeutet: "Den Autoren beider Bücher war klar, dass man an die Vor-Auschwitz-Sprache nicht mehr anknüpfen konnte. Und beide fanden eine neue Sprache, um in die Abgründe der Vergangenheit hinabzusteigen. Eine satte, körperwarme Sprache der eine, eine ausgenüchterte, atonale Sprache der andere." Bei Imre Kertész beeindruckt - man könnte auch sagen schockiert, ähnlich wie bei Ruth Klüger, das nüchterne, kontingenzgewärtige Resümee eines unwahrscheinlichen Lebens:

Donnerstag, 10 November 2016 11:15

"Im Tod fängt etwas Großartiges an"

Péter Nádas: Im Tod fängt etwas Großartiges an

Iris Radisch berichtet Péter Nádas schon oft begegnet zu sein. Das abgedruckte Interview findet im Jahr 2002 statt. Péter Nádas ist eben 60 Jahre alt und insofern - wie Iris Radisch bemerkt - noch viel zu jung für ein Gespräch am Ende des Lebens. Und sein Monumentalwerk "Parallelgeschichten" wird erst zehn Jahre nach diesem Gespräch erscheinen. Aber was er "anzubieten" hat, macht ihn mit Blick auf Lebensendgeschichten vielleicht dann doch zu einem besonderen - ungemein faszinierenden Gesprächspartner.

Mittwoch, 09 November 2016 15:13

Der Sinn des Lebens ist das Leben

Ruth Klüger: "Der Sinn des Lebens ist das Leben"

Iris Radisch trifft Ruth Klüger im Mai 2015 in ihrer Göttinger Zweitwohnung. Wollte man Niklas Luhmanns Idee, dass der Lebenslauf die Form für die unaufhebbare Kontingenz des Lebens ist, exemplarisch illustrieren, dann findet man in Ruth Klüger ein ungemein passendes Exempel. Seit 1988 besitzt sie in Göttingen diese Wohnung, die sie 2015 im Begriff ist aufzulösen: "Dabei hätten die deutschen Leser die Germanistikprofessorin aus Irvine (USA) nie kennengelernt, wäre Ruth Klüger nicht Ende der achtziger Jahre wegen einer Gastprofessur nach Göttingen gekommen, wo sie von einem Fahrradfahrer umgefahren wurde und auf den Kopf fiel. Der Unfall war für sie buchstäblich ein Anstoß, endlich ihre Lebensgeschichte aufzuschreiben: ihre jüdische Kindheit in Wien, die Deportation nach Theresienstadt und nach Auschwitz, die Ausreise nach Amerika."

Dienstag, 08 November 2016 12:38

Julien Green - "Altern ist Sünde"

Julien Green - "Altern ist Sünde"

Entree: Iris Radisch führt in die Inteviews teils mit sehr persönlichen Bemerkungen ein. Julien Green trifft sie im Herbst 1990. Sie hat eben erst die 30 überschritten, und sie bekennt nervös zu sein: "Dann sind wir allein: nur einen knappen Meter im Raum und über sechzig Jahre in der Zeit voneinander getrennt". Julien Green gibt sich redselig - gibt Antworten auf Fragen, die Irisch Radisch gar nicht gestellt hat. Auch mit seinen 90 Jahren - er wird 1998 im Alter von nahezu 98 Jahren sterben - bemerkt er dies sehrwohl und bemerkt während des Gesprächs:

Freitag, 02 Dezember 2016 16:38

Demenztagebuch vom 04.05.2008 -

Demenztagebuch vom 04.05.2008 -

Aktuelle Einlassung vom 02.12.2016

Seht einmal, wie die Zeit vergeht, wie sie fliegt. Eintragungen bzw. die Übertragungen in den Demenzblog habe ich lange vernachlässigt. Ich bewege mich ziemlich genau 2 Jahre vor Leos Tod. Wie ihr sehen könnt ist das in der Chronologie des Demenztagebuches der April/Mai 2008. Wir hier in der Aktualität, also in der unmittelbaren Gegenwart, nähern uns dem 11.12.2016. An diesem Tag würde nicht nur mein Vater 94. Es ist der Tag, an dem Rudi Krawitz 73 wird, und es ist der Tag, an dem sich der Oberschenkelhalsbruch meiner Schwiegermutter zum ersten Mal jährt. Seit 12. Februar 2016 lebt sie mit uns gemeinsam in unserem Haus. Der Demenzblog wird ja - wie ihr rückblickend seht - immer wieder durch aktuelle Einlassungen durchschossen, weil wir nunmehr, konfrontiert mit einer ganz normalen Altersvergesslichkeit - zuweilen auch -starrsinnigkeit oder -blödigkeit - eine zweite intensive Runde der Pflege und der Fürsorge leben.

 

Demenztagebuch vom 04.05.2008

Sonntag - Sonnentag, Blauer Himmel, ca. 20° im Schatten, die Natur explodiert. 10.39 Uhr - die Kirchenglocken läuten zum Hochamt (gibt es das noch?). Ich sitze auf dem Riesenbalkon des Heyerbergs mit Blick auf die Gülser Kirche mit ihren hohen, spitzen Streichholztürmen. Leo liegt nebenan im Schlafzimmer, schon fürs Mittagessen angezogen. Er liegt flach auf dem Rücken, er atmet noch - wie lange noch? Tage, Wochen, Monate, Jahre, wach und extrem eingeschränkt, reduziert in seinen Kontaktmöglichkeiten; das ist also der Rest seines Lebens, der inzwischen schon fast zwei Jahre in dieser extremen Reduktion andauert, auf fremde Hilfe angewiesen - ohne diese unmittelbar zum Tode verurteilt. Er wäre nicht in der Lage auch nur noch einen Monat - vielleicht eine Woche menschenwürdig zu (über-)leben.

Ich habe mich jetzt bewusst hierher gesetzt, habe ihn liegen lassen, damit er wenigstens nachher die Mittagszeit, die Zeit des gemeinsamen Essens übersteht. Lisa duscht, widmet sich ihrer Sonntagstoilette, eine bisschen Zeit für sich allein. Ich kann Leo durch die Scheibe des Schlafzimmerfensters sehen. Ich sehe, wie sich sein Oberkörper hebt und senkt, regelmäßig im Rhythmus seiner Atemzüge. Es wäre mir gerade recht - möglicherweise ihm auch -, wenn er in den nächsten Sekunden oder Minuten seinen letzten Atemzug tun würde. Mag sein, dass dies den Eindruck von Kaltherzigkeit oder Abstumpfung erweckt. Wer mich in den letzten Monaten erlebt hat, der weiß, dass es im Großen und Ganzen nicht so ist - aber zuweilen eben doch!

Gestern Vormittag war ich in Ahrweiler und für zwei Stunden mit Barbara auch in Bonn, in der Uniklinik bei Michael. Dort liegt er jetzt auf der Intensivstation, genau seit sechs Wochen im künstlichen Koma. Es ist unterdessen durch den Aufenthalt dort un die Konzentration auf die Infektion eine Besserung, möglicherweise eine Wende eingetreten. Die Medikatierung ist inzwischen so umgestellt - "eingeschränkt", dass sich die ersten Reflexe wieder eigenständig, das heißt unwillkürlich einstellen; das erste Gähnen, der "Hustenanfall" lässt gleichermaßen aufhorchen wie erschrecken. "Aufhorchen" passt nicht, es gibt nichts zu hören, es ist ein Würgen, auch ganz sicher gegen diesen unsäglichen Beatmungsschlauch. Es sind im Übrigen die Geschichten hinter den Geschichten, die wirklich aufhorchen lassen. Vor allem die Geschichte, die sich nach anfänglichem Zögern und Ablehnung ergeben hat, nachdem eine Ärztin, die in der Nachbarschaft von Barbara und Michael lebt, und die eine "Schamanenausbildung" gemacht hat, "Kontakt" zu Michael aufgenommen hat. Michael und offenkundig auch Barbara haben mit einem spirituellen Zugang oder Zugangsweise (des Lebens) nichts im Sinn. Was sich an Bildern aus dieser "Kontaktaufnahme" ergeben hat, gibt (mir) außerordentlich hohen Sinn.

Was wir geahnt haben und was Barbara wusste, findet hier eine tiefe Bestätigung! Michael hat wohl seit Jahren in ein totales Burnout hineingelebt, zuletzt mit einem nachhaltigen Verlust der Sinnperspektive seiner beruflichen Tätigkeit. Die "Schamanin" hat die Bilder so gedeutet, dass Michael nicht den Mut gefunden hat zu einer Kehrtwende, sondern dass er sich für diesen Weg aus dem Beruf "entschieden" habe. Es ist zu spüren, dass Barbara damit eine Menge anfangen kann, und dass sich für eine Rückkehr, die die "Schamanin" ankündigt, eine völlig neue Perspektive erarbeitet werden kann/muss. Es wird kein "weiter so" geben!

Und hier in Güls? Hier gibt dies vielleicht noch viel mehr Sinn, weil wir die "Not-Wenden" und die Not-Wendigkeit" von Veränderungen in den letzten 10 Jahren begriffen und kultiviert haben. So lässt sich bei aller Veränderung der Kern und der Lebenssinn bewahren. Für uns hier in Güls waren gerade die letzten Monate diesbezüglich eine Offenbarung!

Sonntag, 05 Februar 2017 11:31

Sollen Lehrer bloggen?

Sollen Lehrer bloggen?

In der aktuellen Ausgabe der Pädagogik (2/17, S. 48f.) gehen Lisa Rosa und Jochen Schnack unter der Rubrick "Kontrovers" der Frage nach, ob Lehrer bloggen sollten. Jochen Schnack, Redaktionsmitglied der Pädagogik, weist zu Beginn seiner Ausführungen darauf hin, dass es - trotz intensiver Suche - nicht gelungen sei, einen Autor zu finden, der bereit war einen Beitrag gegen das Bloggen zu verfassen. So fasst Schnack gewissermaßen stellvertretend Argumente zusammen, die immerhin bei der Recherche mit möglichen Autorinnen und Autoren zu hören waren.

Ich konzentriere mich auf Lisa Rosas Begründung fürs Bloggen "in sieben Schritten":

Wenn die Seele Hilfe braucht

Es gibt Schieflagen der Seele, aus denen sich ein Mensch allein nicht befreien kann. Zuweilen braucht er dann die Unterstützung eines Therapeuten. In der aktuellen DOCTOR-Beilage der ZEIT (November 2016 Nr. 5 zur ZEIT 46/16) gehen Redakteure u.a. der Frage nach, was Psychotherapie bringt, wem welches Verfahren helfen könnte, was mit uns dabei geschieht und welche neuen Erkenntnisse über die "sprechende Medizin" vorliegen.

Ich selber bekenne freimütig, dass mir in meiner tiefsten Lebenskrise - in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts - meine intensiven Kontake zur IGST in Heidelberg eine vollkommen neue Lebensperspektive eröffnet haben. Und ich mag nicht wirklich darüber spekulieren, wo ich heute ohne diese drei Jahre der therapeutischen Begleitung und des intensiven (Selbst-)Lernens wäre.

Seit Ende der neunziger Jahre fließen diese Erfahrungen auch in mein Arbeit an der Uni ein; der Schwerpunkt "Lehrergesundheit" und die "Grenzsituationen" bilden seither das Zentrum meiner Arbeit.

Sollen Lehrer bloggen? Eine kurze, anwendungsorientierte Replik

In der Ausgabe der Pädagogik (2/16, S. 48f.) gehen Lisa Rosa und Jochen Schnack unter der Rubrick "Kontrovers" der Frage nach, ob Lehrer bloggen sollten. Jochen Schnack, Redaktionsmitglied der Pädagogik, weist zu Beginn seiner Ausführungen darauf hin, dass es - trotz intensiver Suche - nicht gelungen sei, einen Autor zu finden, der bereit war einen Beitrag gegen das Bloggen zu verfassen. So fasst Schnack gewissermaßen stellvertretend Argumente zusammen, die immerhin bei der Recherche mit möglichen Autorinnen und Autoren zu hören waren.

Ich konzentriere mich auf Lisa Rosas Begründung fürs Bloggen "in sieben Schritten":

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